sagen, daß das Kind mir gehört; denn nicht ich bin schuld an der Lösung
unserer Ehe. So bitte ich Dich herzlich, dahin zu wirken, daß alles in
Güte abgetan wird. Ich kann auf mein Kind in keinem Fall verzichten,
und ich würde alle Mittel anwenden, es wieder in meinen Besitz zu
bringen, falls es mir verweigert wird.
In alter Freundschaft
Dein Lamondt.“
Als Savade diesen Brief fertig gelesen hatte, blieb er lange sinnend
sitzen. Er hatte ein unbehagliches Gefühl. Unwillkürlich ließ er jenen
Tag in Utrecht, an dem er sich mit Helene verlobt hatte, an seinem
Geist vorüberziehen. Mit peinlicher Genauigkeit suchte er sich jedes
einzelne Moment wieder ins Leben zu rufen. Schließlich schüttelte er
energisch den Kopf wie einer, der etwas von sich abschütteln will und
begab sich in das Zimmer seiner Frau.
„Soeben ist ein Brief von Lamondt angekommen“ begann er.
„Was schreibt er denn?“ fragte Helene lebhaft. Sie erwartete als
selbstverständlich, daß ihr Mann ihr den Brief zum Lesen geben würde.
Aber er las ihr nur den Abschnitt vor, der sich auf das Kind bezog.
Helene antwortete, als er fertig war, keinen Ton, sondern sah Savade
nur mit ihren klaren Augen an. Er fühlte, sie wartete auf den Brief.
Er fühlte, was auf dem Spiel stand. Aber der Pfeil, den Lamondt
abgeschossen, war haften geblieben. Sein Herz war nicht rein genug, um
seinem Weibe sagen zu können: „Hier ist der Brief. Ich glaube an Dich.“
Etwas zögernd begann er:
„Wie denkst Du darüber?“
Sie antwortete immer noch nicht.
„Ich denke, daß Lamondt in seiner Einsamkeit einiges Anrecht auf das
Kind hat“ fuhr er unsicher fort.
„Meinst Du? Nun, so sage ich Dir, daß das Kind meine Zukunft ist; daß
an ihm mein Alles hängt. Das Kind bin ich. Das Kind hingeben, ist eben
so gut, als mich selber wieder Lamondt hingeben.“
Sie hatte in völliger Ruhe begonnen. Beim Sprechen wurde sie lebhafter.
„Lamondt hat aus freiem Willen, nach reiflicher Überlegung mir das
Kind zusprechen lassen. Weshalb? -- Weil er einsah, daß ein Kind näher
zur Mutter gehört als zum Vater. Nur Mütter, die sich etwas haben zu
schulden kommen lassen, müssen ihre Kinder fahren lassen. Aber Lamondt
wußte, daß ich makellos gelebt habe und makellos leben werde. Darum
ließ er mir das Kind. Ist er jetzt anderer Ansicht geworden, so muß ich
mich dagegen wehren.“
Es lag etwas wie Erhabenheit über ihr, als sie dieses sprach. Savade
fühlte sich beschämt. Wieder drängte es ihn, den Brief zu geben, aber
er hatte die Kraft nicht.
„So werden wir einen Prozeß haben“, sagte er.
„Nun gut, so werden wir einen Prozeß haben. Es gibt schlimmere Dinge
als einen Prozeß.“
„So werde ich Lamondt in diesem Sinne antworten.“
Einen Augenblick noch standen sie sich stumm gegenüber, dann wandte
sich Savade langsam und ging in sein Arbeitszimmer zurück. Traurig
blickte ihm Helene nach. Jene bewußte Glückseligkeit ihrer Ehe hatte
mit diesem Tag ihr Ende erreicht.
* * * * *
Der Prozeß zog sich fast ein Jahr hin. Es war eine böse Zeit für
die beiden. Helene reiste oft nach Utrecht, um ihre Sache mit dem
Rechtsanwalt persönlich zu besprechen. Oft blieb sie tagelang dort, und
Savade hauste allein. Das Ergebnis war schließlich dieses, daß das Kind
Lamondt zugesprochen wurde.
Savade erwartete sein Weib in Verzweiflung zu sehen. Aber nichts von
dem. Sie schien völlig gefaßt. „Ich bin von der Gerechtigkeit meiner
Sache so ganz überzeugt, daß ich weiß, ich muß Recht behalten.“ Sie
war entschlossen, weiter zu prozessieren. Dem Kinde widmete sie sich
nach wie vor mit aller denkbaren Liebe und Sorgfalt. Sie wußte, daß
Lamondt, der telegraphisch von seinem Rechtsanwalt benachrichtigt war,
sofort eine Vertrauensperson abgeschickt hatte, die das Kind abholen
sollte. Die Zeit des Eintreffens derselben war bis auf wenige Tage
herangerückt, da begann Helene eines Abends beim Schlafengehen:
„Möchtest Du wohl Deinen Papa in Java wieder besuchen, mein Liebling?“
Stürmisch warf sich das Kind der Mutter an die Brust. „Wirklich, Mama,
darf ich?“
„Ja, mein Kind. Übermorgen wird jemand kommen, der Dich hinbringt.“
„O nein, Mama, Du mußt mitkommen; ach bitte, bitte, gute Mama!“
Sie begann zu schmeicheln mit jener Herzlichkeit, die Frau Savade so
lange vermißt hatte und deren Duft sie jetzt einsog wie der Durstende
die Luft, aus der er das Wasser in der Ferne wittert.
„Ich kann nicht, mein Kind,“ sagte sie leise.
„Aber warum denn nicht, Mama? Es war doch so schön in Java.“
Sie hängte sich der Mutter schmeichelnd um den Hals. Die sah vor sich
nieder. Wieder kam wie etwas Kaltes, Unheimliches diese Frage: „Gehe
ich den richtigen Weg?“ Ja, sie ertappte sich sogar bei dem Gedanken:
„Wie bequem und ruhig hätte ich mein Leben an Lamondts Seite führen
können.“ Aber mit einem Schlag wurde dieser Gedanke verjagt wie der
Hund, der aus der Kammer des Nachbarn ein Stück Fleisch holen will.
Sie bettete das Kind und erzählte noch lange mit ihm von Java, den
schönen Bäumen, den süßen Früchten, den bunten Vögeln.
„Weißt Du, Mama, ich bin so neugierig, was Papchen macht. Ob Papa ihm
wohl alle Tage ‚Dora‘ vorgesprochen hat?“
„Ich weiß nicht, mein Kind.“
„O, ich glaube sicher, Papa hat es getan. Papa ist ja so gut.“
„Aber jetzt schlaf’ nur, mein Kind. Es ist Zeit.“
Der Tag des Abschieds kam. Helene hatte es sich nicht nehmen lassen,
das Kind bis nach Antwerpen zu begleiten, um es selber auf dem
Schiffe unterbringen zu können. Auf der Fahrt gab sie der alten
Dame, die Lamondt geschickt hatte, noch eine Menge Ratschläge und
Anweisungen bezüglich der Lebensart der Kleinen. Man merkte ihr eine
außergewöhnliche Erregung nicht an.
Jetzt kamen die letzten Stunden. Die Kleine zerfloß in Tränen.
Immer wieder warf sie sich ihrer Mutter um den Hals. Immer wieder
schmeichelte sie: „Komm’ doch mit, Mama!“ Ihr Kinderherz ahnte schon
das Trennungsweh.
Auch Helene weinte still. Aber ihr Gesicht war durch die Tränen
hindurch wie von einer inneren Heiterkeit verklärt. Ihr war wie einer,
die auf dunkler, sturmumtoster Klippe steht und fern in ein Tal voll
Friede und Abendsonne blickt. -- Ihr Kind! Ihr war bei dem Namen, als
ob sie einen großen Glanz vor sich sähe, von dem nach allen Seiten
leuchtende Strahlen ausgingen. Das war doch der Kern ihrer Welt. Hier
lag die Lösung ihres Lebensproblems. Jetzt gab sie ihr Kleinod dahin,
aber einst sollte der Tag kommen, an dem das Kind sich freiwillig
entscheiden würde, bei ihr, der Mutter, zu bleiben.
* * * * *
Mit Doras Abreise schien auch Helenens Ruhe dahin zu sein. Sie
war beständig in gereizter oder gedrückter Stimmung. Und das
steigerte sich, je weiter dieser zweite Prozeß vorrückte, der sich
vor der obersten Instanz des Landes abspielte. Jene wunderbare
Seelengemeinschaft, in der sie mit ihrem Manne in den ersten Wochen
ihrer Ehe gelebt hatte, war ganz dahin. Jenes Hochsteigen aus dem Dunst
der Alltäglichkeit, jenes Weilen hoch oben in erhabenen Regionen, jene
unvergleichliche Wonne des gemeinsamen Genießens solcher erhabenen
Augenblicke -- das alles war dahin, sei es, daß Lamondt’s Brief immer
noch wirkte, sei es, daß die Wirken des Prozesses alles geistige Leben
zerstörten.
Hinzu kam, daß bei diesem Prozeß eine Hauptrolle die Frage spielte, ob
Helene durch die Bekanntschaft mit Savade bewogen worden sei, ihre Ehe
mit Lamondt zu lösen. Es war ihr fürchterlich, sich hierüber Fremden
gegenüber äußern zu müssen. Sogar ihr Briefwechsel mit Savade wurde
einer Durchsicht unterzogen. Helene unterwarf sich allem aus Liebe zu
dem Kinde und im Bewußtsein ihrer Unschuld. Aber jene hohen, idealen
Gedanken erschienen ihr dadurch beschmutzt, von den Fingern anderer
Leute begriffen. So vermied sie es jetzt, sich mit ihrem Manne auf
solche Gegenstände einzulassen. Sie war wie jene noblen Tiere, die zu
ihrer Beute nicht mehr zurückkehren, wenn sie merken, daß niederes Wild
daran genagt hat.
Nun ist keine Qual der Welt ganz groß, so lange der Mensch schlafen
kann. Aber dieser höchste Trost eines gequälten Herzens ging Helenen
jetzt auch verloren. Nächte lang wälzte sie sich ruhelos auf ihrem
Lager und entschlummerte sie endlich, so warteten gleich Wegelagerern
schwere Träume auf sie, um sie zu ängstigen.
Eines Nachts träumte sie, daß sie in ihrem Haus in Batavia wäre.
Lamondt, als Blindekuh verkleidet, tappte auf dem Rasen umher. Sie
selber und Savade standen sich umschlungen haltend vor ihm, lachten
über ihn und küßten sich. „Das ist nicht wahr!“ schrie sie laut im
Schlaf, so laut, daß sie selber davon erwachte. Sie hörte noch das
„wahr“, wie von einer fremden Stimme ihr zugeschrien.
Auch ihr Mann erwachte davon.
„Was ist denn, Helene?“ fragte er erschrocken.
„O, ich habe nur geträumt.“
„Mit Deinen Träumen, das ist ja förmlich krankhaft geworden.“ Er hatte
einen anstrengenden Tag gehabt und sich nicht ganz wohl zu Bett gelegt.
Bei dem Schrei seiner Frau war er mit einem Nervenschreck aufgewacht.
Etwas ungeduldig fuhr er fort:
„Ich verstehe nicht, wie Du so wenig geistige Hilfsquellen in Dir
selber findest, daß Du in allen diesen Situationen nicht besser Herr
Deiner selbst bleibst.“
„O, ein wundervoller Trost!“ Ein Weilchen lag sie regungslos, dann
richtete sie sich im Bett auf, daß ihr die Haare ins Gesicht flogen.
„Mein Gott im Himmel, was für ein Leben! Wer erbarmt sich! Ist denn
dieses Leben überhaupt noch einen Tag zu ertragen!“ Sie griff sich mit
der Faust in die Haare und begann leise zu stöhnen. In der Dunkelheit
konnte man sie für eine Schwerkranke halten.
Savade wartete ein Weilchen, dann begann er wieder:
„Helene, mein Ton mag vielleicht nicht der richtige gewesen sein, aber
ich frage Dich noch mal: Was haben Leute wie wir, die ihr Leben mit
Bewußtsein zu leben versuchen, für Trost? Die anderen helfen sich mit
Selbsttäuschungen von Tag zu Tag hin. Was bleibt uns aber anderes, als
die Dinge mit ruhigem Mut anzuschauen und in verständigem Sichfügen
Trost zu finden?“
„O gewiß, gewiß! Das sind schöne Worte, aber sie gelten nur bis zu
einer gewissen Grenze des Unglücks. Wird diese überschritten, so ist
nichts mehr mit Denken einzuhemmen. Ich wenigstens kann es nicht.
Denn es kommt alles darauf an, wie das Leiden aufgefangen wird.“ Sie
benutzte dieselben Worte, mit denen er sie am Hochzeitstage getröstet
hatte. „Wenn Du wüßtest, wie mein Herz jeden leisesten Stich auffängt.
O, ich bin wie -- nun gut! nun gut! Da giebt es freilich andere Leute,
Leute wie diesern Herrn Lamondt. Die essen gut und schlafen gut und
lassen Gott einen guten Mann sein. Außerdem sind sie noch tadellose
Familienväter und vollkommene Ehrenmänner; freilich so lange alles
gut geht. Wenn aber die Zeiten der Trübsal kommen, was tut dieser
wackere Lamondt? -- Er schießt mit vergifteten Pfeilen wie die Wilden
in Sumatra. Er fragt sich nicht: ‚Ist es gerecht, so zu handeln?
Sind meine Anklagen wahr?‘ Nein! Wie ein Barbar vergiftet er ein
Familienglück, weil er es nicht mit genießen kann. Ach, hättest Du
doch den Brief gegeben. Alles ist dahin, zerknickt, zertreten, seit
diesem Brief. Sechs Wochen nur sind wir Mann und Weib gewesen. Ach,
als Du damals aus meinem Zimmer gingst -- mein Herz blutet seit diesem
Tage. Freilich Lamondt ist und bleibt ein Ehrenmann, aber Schmach und
Schande auf sein Weib. O, es ist eine wunderbare Gerechtigkeit in der
Welt.“ Jetzt freilich macht jeder ein ernsthaftes Gesicht: „Bedenken
Sie, daß Sie vor Gott dem Allmächtigen und Allwissenden reden. Hat die
Bekanntschaft mit Herrn Savade nicht doch auf die Scheidung von Herrn
Lamondt einen Einfluß geübt?“ Sie äffte den Richterton nach. „Als ich
aber damals mit Lamondt vor den Altar trat, da sagte niemand zu mir:
‚Bedenke, daß Du vor Gott dem Allmächtigen stehst. Bist Du dir klar
darüber, daß dieser Lamondt der rechte für Dich ist?‘ Und wenn man
mich gefragt hätte, ich hätte sagen müssen: ‚Ich weiß es nicht.‘ Denn
ich war ja ein Kind. Und als ich verständig wurde, und mein Verstand
seine Forderungen stellte, da gab mir Lamondt Steine statt Brot. Um dem
geistigen Hungertode zu entgehen, ging ich davon.“
Sie schwieg erschöpft. Die letzten Sätze hatte sie vor übermäßiger
Erregung fast schreiend hinausgestoßen.
„Helene,“ begann jetzt ihr Mann und griff sacht mit seiner Hand nach
ihrem Bett hinüber, um ihre Hand zu suchen, „hör’ mich jetzt an. Ich
bin schuldig, ich weiß es und bin bereit, meine Schuld gut zu machen.“
Hastig fiel sie ein: „O, laß jetzt nur, laß nur! Jetzt hat nur eines
für mich Wert: Wie ich vor meinem Kinde bestehen werde.“
Verletzt schwieg Savade still. So verdarb sich Helene abermals ihr
Lebensglück.
* * * * *
Einige Zeit nach diesem Vorfall besuchte eine berühmte deutsche Kapelle
auf ihrem Wege nach Ostende auch Utrecht und gab hier ein Konzert. Die
beiden waren in Sachen des Prozesses gerade in der Stadt und besuchten
das Konzert. Helene hatte seit ihrer Übersiedelung nach Java fast keine
Musik mehr gehört und vorher nicht sehr viel. Die ersten Nummern des
Programmes ließen sie kalt. Die letzte Nummer des ersten Teiles war
Beethovens ~Es-dur~-Konzert.
Sie erwachte wie aus einem Schlaf bei den gewaltigen Schlägen, mit
denen dieses kolossalste aller Konzerte einsetzt. Weit geöffneten Auges
starrte sie auf Orchester und Solisten. Ihr Staunen wuchs, als jetzt
das Thema einsetzte, ganz Mark, ganz unwiderstehlicher Entschluß. Sie
hatte das Gefühl, als ob hier etwas Übermenschliches an den Pfeilern
der Welt rüttelte, seine ungeheure Kraft bis zum Äußersten anspannte
in diesem vergeblichen Kampf. Sie wurde mitgerissen wie in einem
Wirbelwind. Ihre Augen glänzten. Sie atmete stürmisch. Bei jenen
gewaltsamen, lang anhaltenden Fortes spannte sie unwillkürlich die
Muskeln. Das waren die Höhepunkte dieses Titanenkampfes. Sie atmete
erleichtert auf, wenn sie aus dem Tosen des Unwetters in eine jener
Windstillen geriet, die mit ihrer bezaubernden Lieblichkeit das Herz
des Hörers gefangen nehmen. Sie war fast ermattet, als der erste Satz
beendet war, als dieses gewaltige „Ich will“ in mächtigen, geordneten
Schlußakkorden sich gleichsam freiwillig zur Ruhe begeben hatte.
Und jetzt dieses himmlische Adagio. Als ob die Engel aus der Höhe das
Heilig! Heilig! riefen. Sie schloß die Augen. Sie merkte gar nicht die
Tränen, die langsam über ihre Wangen rollten. Ihr war, als ob sie ihre
Körperlichkeit nicht mehr fühlte. Von einer inneren Seligkeit wurde
sie überwältigt, gleichsam hochgehoben. „Wie kann Musik nur so rein
sein“ dachte sie. „Muß hier nicht jeder Wunsch ersterben. Können solche
göttliche Harmonien nicht nur einem solchen entquellen, der selber
wunschlos ist, der entsagt hat?“ Plötzlich durchzuckte es sie wie ein
Licht. „Ist Entsagen nicht vielleicht das Höchste?“
Jetzt setzte resolut der dritte Satz ein, um sich schnell zu jener
Anmut und Heiterkeit aufzuschwingen, die nicht von dieser Welt sind.
„So mag wohl einer jauchzen,“ dachte Helene, „der allem Wünschen
entsagt hat.“ Wieder war ihr, als ob sie sich gleichsam aus ihrer
Körperlichkeit hochhebe. Sie verharrte in einem Zustand von Verzückung,
bis sie mit den letzten Schlägen des Orchesters schwer aus ihrer
Sonnenhöhe herabstürzte. Armer Ikarus oder glücklicher Ikarus?
Hastig erhob sie sich. „Wir wollen gehen,“ sagte sie zu ihrem Mann.
„Es ist ja erst der erste Teil zu Ende.“
„Ich muß gehen.“
Der hatte die Tränen im Auge seines Weibes gesehen. Er verstand.
Zu Hause angelangt, sagte er plötzlich:
„Fast hätte ich es wieder vergessen. Ich wollte es Dir vor dem
Konzert schon geben. Ich habe heute ein Buch bekommen, das Dich auch
interessieren wird. Es geht freilich nach einer ganz anderen Richtung
als der, die wir bisher verfolgt haben. Aber ich kann mir wohl denken,
daß es imstande ist, manche Leere zu füllen und manch unruhiges Herz
ruhig zu machen. Es lehrt die Seligkeit im Entsagen finden.“
Helene hatte anfangs gleichgültig zugehört. Bei dem Wort „Entsagen“
merkte sie auf. Nie in ihrem Leben hatte dieses Wort, dieser Gedanke
als etwas sie Betreffendes ihren Weg gekreuzt und heute stellte er
sich ihr zweimal entgegen. Wie eigentümlich! Neugierig blickte sie auf
das Büchelchen, das ihr Mann ihr hinhielt. „Der Buddhismus“ las sie. Es
kam ihr vor wie eine geheimnisvolle Botschaft von einer ihr unbekannten
Seite her. „Hier heißt es umdenken,“ fuhr Savade fort. „Von all den
Idealen, in denen wir bisher gelebt haben, bleibt hier auch nicht ein
Stein auf dem andern. Alles stürzt hier. Aber es ist mein Weg nicht.“
Damit gab er seiner Frau das Buch in die Hand. Sie nahm es an sich,
fest entschlossen, es durchzuarbeiten, sobald die geeignete Zeit sich
dazu böte.
* * * * *
Der Prozeß hatte jetzt schon weit ins zweite Jahr hinein gedauert.
Endlich erfolgte das Urteil. Der oberste Gerichtshof stieß die in
erster Instanz erzielte Entscheidung um, und Helene kam endgültig in
den Besitz ihres Töchterchens. In der Nacht nach diesem Tage hatte sie
zum ersten Mal seit vielen Monaten einen sanften Schlaf.
Savade hatte jetzt aufs neue Gelegenheit, sich über sein Weib zu
wundern. Sie selber wollte nach Java gehen und ihr Kind holen. Aber
sie schien sich gar nicht übereilen zu wollen. Sie müsse erst ihre
Reisevorbereitungen treffen, meinte sie. So gingen volle zwei Monate
darüber hin, ehe sie sich in Antwerpen einschiffte. Vor ihrer Abreise
teilte sie ihrem Mann ihren Entschluß mit, das Kind nicht mit Gewalt
von Lamondt fortzureißen, sondern ihr den freien Willen zu lassen,
ob sie mit ihrer Mutter gehen wolle oder nicht. „Wie brav, Helene,
wie brav!“ rief Savade und umarmte sie mit jugendlicher Zärtlichkeit.
„Will’s Gott, Helene, so haben wir ein frohes Wiedersehen und alles
wird gut.“
„Ja, will’s Gott!“
Unbegreiflicherweise hatte sich ihrer die feste Idee bemächtigt, ihr
Kind würde, reifer geworden, freiwillig die Seite der Mutter wählen.
Die Fahrt um die spanische Küste und im Mittelmeer war stürmisch. Sie
hatte viel unter Seekrankheit zu leiden. Es war im Januar, als sie
diese Reise antrat. Mit dem Eintritt ins Rote Meer aber begann eine
köstliche Zeit. Die Milde der Luft, die Pracht der Sonnenauf- und
-untergänge entzückten immer wieder aufs neue. Sie befand sich damals
in einem Zustand innerer Ruhe, über den sie sich selber wunderte.
Oft fragte sie sich: „Wie ist es nur möglich, daß ich alle diese
Schönheiten genießen kann?“
In der Äquinoktial-Zone saß sie meist die halben Nächte allein auf
dem Vorderteil des Schiffes, ließ sich von diesem lauen, starken Wind
durchwehen und sah still auf die Wunder unter sich und über sich, das
immer wechselnde Meeresleuchten und die stille Pracht des gestirnten
Himmels. Völlig majestätisch waren diese Nächte, wenn jene mächtigen,
am Horizont lagernden Gewitterballen sich schweigend ihre Grüße herüber
und hinüber sandten.
Was Helene damals gedacht hat, wußte sie wohl selber nicht.
Wahrscheinlich genoß sie nur die Seligkeit der Ruhe.
Um diese Zeit war es auch, daß ihr jenes Buch wieder einfiel, das ihr
Mann ihr an jenem Abend nach der Musik gegeben hatte. Sie fing jetzt
an, darin zu studieren und zwar in jener glücklichen Gemütsverfassung,
die es ihr ermöglichte, den neuen Gedankenreihen vorurteilslos zu
folgen.
So begann sie denn, sich in jene erhabene Lehre vom Leiden der Welt
zu versenken. Ihr war, als ob bei jenem ehernen Satz „Alles Leben ist
Leiden“ eine Saite in der tiefsten Tiefe ihres Herzens mitschwinge.
Ihr Verstand erlaubte es ihr wohl, jener tiefen Lehre vom „Werden“ zu
folgen, die alles, auch die eigene Körperlichkeit zu einem Wechselnden,
ewig Entstehenden, ewig Vergehenden macht, zu einem Ding gleich der
flackernden Flamme. Ja sie war imstande, ohne Empörung jene vom
Buddha gelehrte Radikal-Kur zu prüfen und über das Ungeheuerliche
derselben nachzudenken. „Alles aufgeben, allem entsagen ist freilich
fürchterlich“ dachte sie. „Der Satz ‚Wer nichts Liebes hat, der hat
auch nichts Leides‘ mag wohl dem Neuling empörend klingen. Aber heißt
das schließlich nicht den Menschen menschlich nehmen, als Mensch
dem Menschen menschlich raten? Könnte es nicht sein, daß lediglich
im Meiden, im bedingungslosen Entsagen Sicherheit für den Menschen
liegt?“ Sie dachte an jenen Musikabend. War ihr damals nicht das
Entsagen als etwas Erhabenes, Königliches erschienen? Sie erkannte
wohl, daß die Größe und Noblesse der buddhistischen Lehre darin ruhe,
daß man auf Grund von Vernunftschlüssen allem, selbst seinem eigenen
„Ich“ zu entsage wage, um jener gesicherten, ewigen Ruhe willen, wie
sie notgedrungen folgen muß, wenn alles Wünschen und Wollen für immer
ausgelöscht sind. Sie erkannte klar, daß dem eigenen „Ich“ nur entsagt
werden könne, wenn nichts Ewiges, Göttliches anerkannt werde, wenn
alles im Joche der Notwendigkeit liefe ohne Anfang, ohne Ende, ohne
Fortschritt. War das aber richtig, wo hinaus ging es dann mit jenen
Idealen, deren Dienst sie ihr bisheriges Leben gewidmet hatte? Waren
sie nicht gerade das Unwandelbare, das Ewige in der Flucht der Dinge;
das was sich mit fortschreitender Entwickelung der Menschheit immer
klarer, immer schöner zeigte? Mit einem Wort: Waren sie nicht der
Ausfluß des Göttlichen?
Ruhig, ohne Gedankenqual wog sie beide Möglichkeiten auf ihre innere
Wahrscheinlichkeit hin ab. Was für Beweise gab es eigentlich für die
Existenz jener Menschheits-Ideale? Waren sie nicht schließlich auch nur
bedingt, Produkte unseres Gehirns und als solche hin- und herschwankend
mit der Tätigkeit dieses Gehirns, gleich Schatten, die mit der
Beleuchtung schwanken. Wie anders hatte sie vor Jahren auf diese
Ideale geblickt, als jetzt. Wie war das aber möglich, wenn es sich um
etwas wahrhaft Göttliches handelte? Sie hielt innerlich Umschau. Sie
sah nirgends einen Halt, nirgends eine Sicherheit. Der wahre Glaube
war nie in ihr gewesen. „So wäre ich vielleicht Irrlichtern gefolgt,
Phantomen, und das Wahrhafte, die Sicherheit läge allein im Entsagen?
Wie sicher muß derjenige leben, der allem entsagt hat!“ Es überkam sie
plötzlich wie Klarheit, daß eine Frau, die aus dem Schutz ihrer Familie
heraustritt, nur den Weg der Sicherheit, das heißt des Entsagens gehen
dürfe. Ihr war, als ob sie den Grund für die Wirrnisse ihres Lebens
erkenne, weil sie vorwärts gegangen wäre, zugegriffen hätte. „Ich bin
schon weit auf dieser Bahn vorgegangen,“ dachte sie. „Wie wäre denn
jetzt noch Abhilfe zu schaffen? -- Dadurch, daß ich allem entsage, auch
meinem Kinde; daß ich stehenden Fußes zurückkehre, von wo ich gekommen
bin und ein Leben der Wunschlosigkeit beginne.“ Sie nickte still. „Das
wäre wohl für alle das Beste, auch für Savade. Wie einfach sich alles
gibt, wenn man den Mut hat zu entsagen. Ja, wenn --.“
In Batavia angekommen mietete sie sich in einem jener Hotels in der
Nähe des Königsplatzes ein. Sie hatte von ihrem Zimmer die gewaltige
Aussicht auf die Bergriesen der Preanger Landschaft. Auch von ihrem
Zimmer in Lamondts Haus hatte sie diese Aussicht gehabt.
Sie saß den ganzen Tag in einer Art Unentschlossenheit. Zum Abend
endlich nahm sie einen Wagen und fuhr hinaus zu ihrem früheren Hause.
Sie ließ in weitem Bogen um dasselbe herumfahren, aber sie konnte doch
gut Lamondt erkennen, der Arm in Arm mit Dora im Garten spazieren ging.
Sie fühlte einen wehen Schmerz am Herzen, aber sie konnte sich nicht
enthalten, wieder und wieder hinzusehen. Sie staunte, wie sehr Dora
sich in diesen zwei Jahren entwickelt hatte. Sie sah aus der Ferne fast
wie eine Dame aus.
In ihr Hotel zurückgekehrt, setzte sie sich an den Schreibtisch. Sie
schien immer noch unentschlossen. Endlich brachte sie folgenden Brief
zu Papier:
„Mein Herr!