Jene Frage, die sich ihr beim Abschied so grell aufgedrängt hatte:

Gehe ich den richtigen Weg? -- kehrte immer häufiger wieder, immer

drohender, beschäftigte sie tags und quälte sie nachts. Sie geriet

schließlich in einen Zustand äußerer und innerer Verlassenheit, so

daß sie sich niemanden auf der Welt unglücklicher denken konnte als

sich selber. Ihr war als ob sie ständig unter einer schwarzen Wolke

wandelte, das Sonnenlicht vor und hinter sich, aber sie selber von

jedem erhellenden und wärmenden Strahl ausgeschlossen.

Dazu kam eine andere Sache, die ihre Traurigkeit vermehrte. Sie hatte

während dieser ganzen Jahre in regelmäßigen Zwischenräumen Savades

Briefe erhalten. In Java waren dieselben ihre höchste Freude gewesen,

hier wären sie ihr höchster Trost gewesen. Aber dieselben blieben aus.

Gleich nach ihrem Eintreffen in der Heimat hatte sie ihm (er war in

einem Städtchen an der Küste stationiert) folgenden Brief geschrieben:

„Ich halte mich für verpflichtet, allen meinen Freunden das

mitzuteilen, was ich eben im Begriff bin Ihnen mitzuteilen, weil ich

Sie auch unter meine Freunde rechne. Ich habe mich von Herrn Lamondt

trennen lassen und wohne wieder im Hause meiner Mutter“.

In ihren Briefen an Savade hatte sie nie auch nur eine Andeutung von

ihrem Vorhaben fallen lassen. Und so wäre es nicht unwahrscheinlich,

daß es sich bei ihrem Entschluß um etwas Plötzliches gehandelt habe, um

eine jener uns Menschen so gefährlichen Klarheiten und Fernsichten, die

meist für den Verstand nichts anderes sind als die Fata Morgana für das

Auge.

Es war wohl ein Jahr her, daß sie diesen Brief geschrieben hatte. Eine

Antwort war bis jetzt nicht erfolgt. Sie dachte bitter: „Wer nicht hat,

dem wird auch genommen das was er hat.“ Sie bedachte nicht, daß sie ja

ihr Kind behalten habe.

Eines Mittags wurde ihr auf ihr Zimmer, wo sie sich meist allein oder

zusammen mit der Kleinen aufhielt, eine Visitenkarte überbracht. Sie

laß: Louis Savade.

Nie hat Frau Lamondt später diesen merkwürdigen Augenblick vergessen.

Ihr war, als ob plötzlich der Schleier, der uns umgibt, zerrisse und

sie durch den Riß in die Zukunft blicke. Der Gedanke, auf den ihr

geistiges Auge hier traf, jagte ihr erst das Blut ins Gesicht und trieb

es dann jäh zum Herzen zurück, so daß sie vor zitternder Schwäche sich

auf einen Stuhl niederlassen mußte. Noch einige Mal wechselten schnell

jähe Röte und tiefe Blässe. Endlich war die Blutwelle so weit beruhigt,

daß sie es wagen konnte, in den Salon hinunter zu gehen.

Beim Verlassen ihres Zimmers trat sie unwillkürlich vor den Spiegel.

Aber mit schnellem Ruck wandte sie sich um, ohne hineingesehen zu haben.

Savade trat ihr, wie auch damals in Java, mit jener vorsichtigen

Höflichkeit entgegen, die er jedem zeigte. Sie mußte sich zwingen, ihn

wenigstens für einen Augenblick frei anzusehen, aber sofort senkte sich

ihr Blick wieder, und nach der ersten Begrüßung entstand eine Pause.

Es war der jungen Frau unmöglich, jetzt solche banalen Fragen zu tun

wie: „Aber wie kommen Sie denn hierher?“ oder: „Sind Sie in Geschäften

hier?“ usw. Oben hatte sie mit blitzähnlicher Klarheit den Zweck seines

Kommens erkannt. Als er ihr jetzt aber mit dieser formellen Höflichkeit

entgegen trat, da war ihr, als ob alles verloren sei und ihr Leben für

ewig in um so tiefere Nacht und Dunkel tauche.

Endlich begann Savade, um dem Schweigen ein Ende zu machen:

„Was ist alles geschehen, seit wir uns nicht gesehen haben.“

„O Gott, ja“, erwiderte sie traurig.

Er sah sie prüfend an. Auch jemand, der weniger Menschenkenner war als

er, mußte die Last von Leiden sehen, die auf diesem blassen Gesicht

lagerte. Da ihre Augen durch die Lider verdeckt wurden, so war ihr

Gesicht ganz stilles Dulden.

Ihm wurde das Herz warm. Er begann wieder:

„Sie taten mir die Ehre an, mich Ihren Freund zu nennen. Ich fuße

hierauf, um eine Frage zu tun, die zu unterdrücken mir unmöglich ist.

Weshalb ist das alles geschehen?“

„Weil es geschehen mußte.“ Sie ließ den Blick gesenkt.

„Und weshalb mußte das geschehen?“

„Weil ich wahr sein wollte, den richtigen Weg gehen wollte,

+meinen+ Weg.“

Sie sah entschlossen zu ihm hoch.

Nachdenklich erwiderte er:

„Sie gehen jetzt diesen Weg. Glauben Sie immer noch, daß es der

richtige ist?“

Fast argwöhnisch sah sie ihn an: „Sind Sie auch gekommen, um mich zu

quälen wie die anderen?“

Er wollte sie unterbrechen. Sie kam ihm zuvor.

„Ach, verzeihen Sie mir Armen, Überreizten! Ich weiß ja, daß Sie der

einzige sind, der Verständnis für mein Tun hat. O, sicher, Sie werden

nicht nach der Schablone urteilen. Sie werden die nicht ungehört

verdammen, die der Ansicht ist, daß die Frau nicht die Verpflichtung

habe, in der Ehe nicht allein ihren Körper, sondern auch ihren Geist,

ihre Seele, ihr Höchstes hinzuopfern. Die Ehe mag ein geheiligtes

Institut sein, aber das Göttliche in uns ist heiliger. Es ist eine

Sünde wider den heiligen Geist, es durch die Ehe zertreten zu lassen.“

Sie sah ihn an, als ob sie eine Antwort erwarte. Da er aber sinnend vor

sich hinblickte, so fuhr sie fort:

„So will ich Ihnen denn auf Ihre Frage wahrheitsgemäß antworten: Ich

kann nicht leugnen, daß ich zur Zeit in einer Periode geistigen Elends

mich befinde. Alles was ich die Jahre vorher klar und bestimmt sah, das

ist jetzt dunkel, konfuse, zweideutig geworden. Aber ich weiß auch so

bestimmt als ich hier vor Ihnen stehe, daß alle diese dunklen Wolken

sich zerstreuen werden, so bald die innere Ruhe, die Ruhe des Denkens

wieder in mich zurückgekehrt sein wird. Klar wie der Tag sehe ich die

Zeit vor mir, in der meine Ideale wieder in ihrem alten Glanz leuchten

und wärmen werden.“

„So sind Sie entschlossen, diesen Ihren Weg weiter fort zu gehen?“

Es lag über seinem Sprechen wie ein Schleier, der einen bestimmten

Affekt nicht durchblicken ließ.

Ohne Überlegung erwiderte sie: „Ja, ich will es.“

Ihre Augen leuchteten. Ihr Atem ging schnell. Kerzengrade stand sie vor

ihm, so daß sie größer aussah, als sie in Wirklichkeit war.

Voll unverhohlener Bewunderung blickte er sie an. „Wie bewundere ich

Sie! Sie sind Männern ein Vorbild.“

Es war, als ob er noch etwas sagen wollte, aber der Faden schien

abgerissen. Einen Moment schwiegen beide. In der Leere dieses

Schweigens saugten sich beider Herzen aneinander. Aber das vermittelnde

Wort versagte, der seelische Kontakt zerfiel.

„Ich bin nur für wenige Stunden in Utrecht. Es wird Zeit, daß ich mich

empfehle.“

Er erhob sich, um Abschied zu nehmen. Die junge Frau überkam es in

diesem Augenblick wie eine unbeschreibliche Angst. Ihr war es, als ob

sie etwas für ewig und unwiderbringlich verlöre, wenn sie ihn jetzt so

gehen ließe. Sie wußte kaum, was sie tat. Fast flehend trat sie vor

ihn:

„O, bleiben Sie doch noch, nur ein paar Minuten! Diese Zeit, in der

ich jetzt mit ihnen geredet habe, ist die einzige frohe Viertelstunde,

die ich genoß, seit ich die Schwelle dieses Hauses überschritten habe.

O, wenn Sie wüßten, was das heißt, als eine Verfehmte leben. Wenn Sie

wüßten, was das heißt, wenn man das Tageslicht meiden muß, weil man in

aller Augen immer nur die Anklage liest. Aber das ist die Brutalität

unserer Nächsten. Über ein schwaches Weib fällt alles erbarmungslos

her. Sie ist ja dazu geboren, in der Deichsel zusammen zu brechen, und

wehe ihr, wenn sie eigenmächtig an ihrem Schicksal modelt. Wenn der

Mann, höheren Idealen folgend, sein Weib verläßt, so wird er bewundert

und womöglich der Löwe der Gesellschaft. Ein armseliges Weib, das

nichts will, als in Ruhe leben, wird nach Indianer-Manier langsam zu

Tode gequält. O, mein Gott, mein Gott! Was habe ich in dieser Zeit

gelitten!“ Ihre Lippen zuckten, und sie schlug die Hände vor’s Gesicht,

um die Tränen zu verbergen, die langsam ihre Augen füllten.

Savade stand wortlos. Er fühlte unendliches Mitleid und unendliche

Liebe. Ihm war, als ob dieses Menschenwesen vor ihm geschaffen sei,

ihm, gerade ihm die Noblesse ihrer Gedanken, die Eigenart ihres

Empfindens zu enthüllen. Ihm war, als ob er, nur er allein der Strahl

sei, dem diese Blume sich öffnen könne.

Er näherte sein Gesicht dicht dem ihrigen. „O, weinen Sie nicht,“ bat

er leise und zärtlich. „O bitte, weinen Sie nicht. Es zerreißt das

Herz, jemanden leiden zu sehen, den man so liebt, wie ich Sie liebe. Es

würde mir Seligkeit sein, Sie zu schützen, Sie mit aller der Sorgfalt

zu umgeben, die Ihre Natur erfordert. Haben Sie genug Vertrauen zu

mir, um sich meiner Führung für Ihr künftiges Leben anzuvertrauen? --

Geliebte!“

Er versuchte sanft, ihre Hände vom Gesicht herabzuziehen. Da lag sie

an seiner Brust, leise weinend wie ein geängstigtes Kind am Halse der

Mutter. Er streichelte ihr das Haar und flüsterte zärtliche Koseworte.

Was war nur aus der eigenwilligen Frau Lamondt geworden.

Plötzlich bog sie sich zurück und sah ihn an. „Denkst Du auch an

Lamondt?“

„Ja, ich denke an ihn, Helene. Unsere Ehe baut sich auf den Trümmern

seines Glückes auf. So wollen wir jetzt den heiligen Schwur tun, unsere

Ehe und unser Leben so zu führen, daß wir in Zeiten der Trübsal und in

Zeiten der Freude ruhigen Gewissens an Lamondt und sein vom Schicksal

zerstörtes Glück denken können.“

Stolz, selig blickte sie zu ihm hoch. „O, wie viel Glück doch in einem

Augenblicke leben kann,“ sagte sie leise.

„Und wie viel Unglück. Wir, Helene, dürfen selbst an einem Tage wie dem

heutigen das nicht vergessen.“

Sie nickte.

„Aber jetzt meine Mutter.“ Hastig schritt sie zur Klingel, dem auf das

Geläute hin erscheinenden Mädchen trug sie auf, Frau van Hoeven in den

Salon zu bitten.

Schon nach wenigen Minuten erschien die alte Dame.

Helene warf sich stürmisch an ihre Brust.

„Aber Helene, was ist denn?“ fragte die Mutter. Sie war keine Freundin

übertriebener Gefühlsäußerungen. In ihr war noch das javanische Blut

lebendig, und die erste Vorschrift javanischer Etikette ist strenge

Förmlichkeit.

„O Mutter, von heut ab beginnt mein wahres Lebensglück. Wir bitten um

Deinen Segen.“

Die Alte stand ratlos. Da trat Savade vor und begann:

„Gnädige Frau, ich habe um die Hand Ihrer Tochter angehalten und soeben

das Ja-Wort bekommen. Helene und ich bitten um Ihren Segen.“

„Mein Herr,“ begann Frau van Hoeven, „ich bin zu überrascht, um etwas

Schickliches vorbringen zu können. Die bisherige Handlungsweise meiner

Tochter kann ich nicht billigen; die augenblickliche verstehe ich noch

nicht recht. Aber ich weiß, daß sie das Beste will und ich sehe, daß

Sie ein Ehrenmann sind. So gebe ich denn Euch beiden so viel Segen, wie

eine Mutter nur geben kann.“

Sie küßte Helene zärtlich. Savade trat hinzu und küßte ehrfurchtsvoll

ihre Hand.

In diesem Moment trat die kleine Dora ein. Scheu blieb sie an der Tür

stehen.

„Komm, Dora, komm mein Kind,“ rief ihr die Mutter zu. „Ich will Dir

etwas erzählen.“ Sie küßte die Kleine heftig und führte sie zu Savade.

„Dieses ist Herr Savade. Gib ihm einen Kuß, mein Kind.“

„Weshalb denn, Mama?“

„Weil ich Dich darum bitte, mein Kind.“

Die Kleine zögerte immer noch. Da beugte sich die Mutter tief über sie,

daß ihr das Blut in die Wangen stieg, und flüsterte ihr etwas in’s Ohr.

Trotzig wandte sich das Kind ab. „Ich habe meinen Papa. Ich will keinen

anderen Papa.“

„Aber Dora!“ rief Frau Lamondt etwas heftig.

„Laß das Kind, Helene,“ fiel Savade ein. „Wir werden später gute

Freunde werden.“

Am Abend reiste er ab. In schmerzhafter Seligkeit hing Helene an seinem

Hals.

„Wie dunkel wird es jetzt wieder werden.“

„Aber Helene, mein braver Philosoph.“

„Du hast Recht. Wir haben Licht in uns. Überdies leuchtet ja jetzt ein

Licht vor mir heller wie die Sonne.“

Er drückte sie zärtlich an sich. Helene fühlte eine Seligkeit, von

deren Existenz sie bisher nichts geahnt hatte.

* * * * *

Schon nach wenigen Tagen schrieb Savade folgenden Brief an Lamondt:

„Mein guter Lamondt, liebster Freund!

Es hat sich etwas ereignet, von dem ich wohl möchte, daß Du es von

niemand anderem eher hörst als von mir. Nachdem ich so angefangen

habe, ist es mir unmöglich, weitere Vorreden und Umschweife zu machen.

Ich muß es Dir direkt sagen: Am ~X~ten dieses Monats habe ich mich

mit Helene verlobt, und wenn Du diese Zeilen erhältst, so sind wir

vielleicht schon Mann und Weib.

Wir sind übereingekommen, jene geistigen Ziele, die doch das Höchste

sind, dem der Mensch hienieden leben kann, gemeinschaftlich zu

verfolgen.

Ein Gedanke ist mir fürchterlich. Mir ist, als ob ich unsere

Freundschaft beschmutze, wenn ich darüber rede. Mir ist aber auch,

als ob ich unsere Freundschaft beschmutze, wenn ich darüber schweige.

Lamondt, Du glaubst doch nicht, daß die Scheidung Deiner Frau von Dir

etwas mit diesem Ereignis zu tun hat! O Gott, ich drücke mich so plump

aus, aber wie soll ich anders reden, um deutlich zu sein.

Ich hatte das ganze Jahr nichts von Helene gehört. Unsere Verlobung kam

ganz überraschend. Das heißt, ich will ganz ehrlich sein. Schon lange

war ich von den widerstreitendsten Empfindungen gepeinigt worden. Ich

fuhr nach Utrecht, ich wußte selber nicht, warum. Es hätte wohl sein

können, daß ich statt des Ja-Wortes mit einem neuen Schlips oder einem

Satz Hemdknöpfe nach Hause zurückgekehrt wäre. So völlig unentschlossen

war ich.

Aber fällt mir eben ein, hier mußt Du fragen: ‚Mein lieber Savade,

weshalb bist Du denn überhaupt auf den Gedanken gekommen, nach Utrecht

zu reisen? Schlipse und Hemdenknöpfe konntest Du auch in Deinem

Krähwinkel kaufen.‘ -- Weil ich in widerstreitenden Empfindungen lebte.

-- ‚Und weshalb lebtest Du in widerstreitenden Empfindungen?‘ Usw.

rückwärts. -- Lamondt, so wahr ich dereinst hoffe, ein ruhiges Sterben

zu haben, diesen Gedanken verfolge ich mit solcher Gründlichkeit heute

zum ersten Mal. Und jetzt erst, in diesem Augenblick erkenne ich, daß

der Grund meiner Liebe zu Helenen vielleicht schon an jenem Tage gelegt

ist, an dem ich Euch in Batavia besuchte. Ich sage ‚vielleicht‘; denn

ich kann es Dir mit heiligstem Eide beschwören: Ich weiß es selber

nicht. Ich weiß nur, daß ich furchtbar erschrocken war, als ich von

Helene die Nachricht ihrer Scheidung von Dir erhielt.

Aber man muß gerecht sein, auch gegen sich selbst und nicht nur

Gefühle, sondern auch Tatsachen erzählen. So kann ich Dir sagen, daß in

dem Briefwechsel jener Jahre nicht ein Wort, nicht eine Wendung sich

befindet, die nicht vor der strengsten Kritik standhalten würde. Aber

geht mir selber auch jene Gedanken-Unschuld ab, so kann ich, Gott sei

Dank, für Helene garantieren. Noch als ich sie sprach, war sie fest

entschlossen, ihren Weg allein zu wandern. Die Entscheidung kam, als

ich schon sozusagen die Tür in der Hand hatte. Es war der reine Zufall,

Lamondt, für mich ein unerhörter Glückszufall.

Das wollte ich Dir mitteilen. Lieber, guter, treuer Lamondt, was ist

das Leben doch für ein elendes Ding. Nicht einmal drei Leute, die alle

drei das Beste wollen, können in reinem Glück zusammen leben. Was mich

am meisten schmerzt, ist, daß ich Dich nicht einmal trösten kann. Aber

glaube mir, Lamondt, auch in der Hochflut meiner Seligkeit vergesse ich

nicht, daß das Glück rollt.

Dein treuer Savade.“

Nach etwa neun Wochen empfing Savade hierauf eine Antwort, die an ihrem

Ort Platz finden wird.

Helenes und Savades Verlobungszeit war nur kurz. Schon etwa vier Wochen

nach der Verlobung fand die Hochzeit statt. Alles ward aufs einfachste

und in der Stille hergerichtet.

Die Trauung war auf die Mittagszeit festgesetzt.

Es waren nur noch wenige Stunden bis dahin. Plötzlich sagte Helene zu

Savade, mit dem zusammen sie eben etwas anordnete:

„Ich habe Dora so lange nicht gesehen. Wo mag sie nur stecken?“

Die eben eintretende Mutter hatte gleichfalls nichts gesehen. Schnell

sprang Helene hinauf in das Schlafzimmer. Das Kind war auch dort nicht.

Hut und Mäntelchen fehlten. Erst wurde das ganze Haus und der Garten

durchsucht. Dann ging es auf die Straße. Von dem Kinde nirgends eine

Spur.

Alles war sprachlos vor Schreck. Die Kleine hatte noch nie allein das

Haus verlassen. Savade allein behielt so viel Besinnung, daß er die

Anordnungen treffen konnte, wie sie in solchem Fall zu treffen nötig

sind.

Wie ein gehetztes Wild jagte Helene in den Straßen hin und her. Nach

etwa einer Stunde kam sie matt zum Umsinken nach Hause. Vom Kinde

nichts gefunden. Der Prediger wartete bereits. Dem Wahnsinn nahe

stürmte sie wieder hinaus. In einer Straße kreuzte sie das Bahngeleise.

Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke. Sie nahm einen Wagen und fuhr

zum Bahnhof. Sie brauchte nicht lange zu suchen. Außen am Gebäude, in

einer Ecke stand ihr Kind, weinend vor Angst; denn einige Straßenjungen

standen vor ihr und versuchten Späße mit ihr zu treiben.

Sobald sie ihre Mutter erblickte, lief sie jubelnd auf dieselbe zu. „O

Mama! Da ist meine Mama!“

Helene erwiderte keinen Ton. Fest ergriff sie die Hand des Kindes und

stieg mit ihr in den Wagen. Auch hier sprach sie kein Wort, sondern

starrte nur gerade vor sich hin. Das Kind kauerte ängstlich in einer

Ecke.

Zu Hause angelangt, begab sie sich mit der Kleinen in ihr Schlafzimmer.

Erst nachdem sie ihr und sich selber die Sachen abgenommen hatte,

begann sie in möglichst ruhigem und sanftem Ton:

„Mein Kind, was wolltest Du da am Bahnhof?“

Einen Augenblick zögerte die Kleine, dann sagte sie trotzig:

„Ich wollte zu Papa fahren.“

„Dora, hast Du mich denn gar nicht mehr lieb? Weißt Du denn nicht, wie

lieb Dich Deine Mutter hat? Willst Du Deine Mutter töten vor Kummer?“

Das Kind begann zu weinen. „Du hast auch gesagt, daß wir Großmama

besuchen und dann zu Papa zurückfahren. Das ist aber nicht wahr.“

Ein andermal wäre Helene von diesem Vorwurf des Kindes vielleicht

getroffen worden. Heute genügte dieser Tropfen, um den Becher zum

Überlaufen zu bringen. Heftig schlug sie das Kind auf den Mund.

„So bestraft man Kinder, die einen ungezogenen Mund haben.“

Die Kleine stand wie erstarrt. Es war der erste Schlag, den sie in

ihrem Leben erhalten hatte. Sie wollte schreien, aber die Stimme blieb

ihr in der Kehle stecken. Die Augen erweiterten sich unnatürlich. Die

Finger begannen zu zucken, und plötzlich lag sie auf dem Boden in den

schrecklichsten Krämpfen.

Helene kreischte laut auf. Savade, der soeben auch von der Suche

zurückgekehrt war, und Frau van Hoeven stürzten herein. Savade jagte

sofort zum Arzt. Der kam. „Kinderkrämpfe“ meinte er. „Sie wird sich den

Magen überladen haben. Vielleicht zu viel Kuchen?“

Man gab ihm die nötigen Anhaltspunkte. „So, so! So liegt es.“ Sein

Gesicht wurde ernster. Er ließ das Nötige aus der Apotheke holen.

„Ich muß Sie freilich darauf aufmerksam machen, daß jeder derartige

Krampfanfall eine Lebensgefahr an sich ist, ganz abgesehen davon, daß

Gehirnentzündung nachfolgen kann.“

Geisterbleich starrte Helene den Sprecher an. Savade hätte ihn am

liebsten für seine trostreichen Worte geohrfeigt. „Die Hallunken!“

dachte er. „Nur um sich sicher zu stellen und um ihr Verdienst um so

höher zu heben, lassen sie die Angehörigen den Tod ihrer Lieben dreimal

kosten.“

Bald nach Anwendung der Mittel trat Ruhe ein, so daß der Arzt sich

entfernen konnte. Aber wohl eine Stunde noch kniete Helene am Bettchen

des Kindes unbekümmert um die Hochzeit und den wartenden Prediger.

Da endlich trat ruhiger Schlaf ein. Sie ging hinunter, um sich festlich

anzukleiden. Savade raunte ihr zu:

„Ist es nicht besser, bis morgen zu verschieben? Gäste sind ja nicht

da.“

„Nein!“ erwiderte sie rauh. „Das ist mein Hochzeitstag.“

„Unser Hochzeitstag, Helene.“

Sie fiel ihm weinend um den Hals.

Er fuhr fort: „Wie sollen wir rein werden, wenn wir nicht geläutert

werden. Jedes Ding, mag es noch so böse sein, können wir doch immer so

auffangen, daß es zum Vorteil für uns ausschlägt. Auf das Auffangen

kommt es an, Helene, auf das Auffangen. Ich fürchte, Du hast den

Streich nicht mit geradem Denken aufgefangen.“

Sein Ton war fast scherzhaft geworden. Durch Tränen lächelnd sah sie

hoch. Der innere Friede war wieder hergestellt.

* * * * *

Unmittelbar nach der Hochzeit begab sich die junge Familie nach ihrem

neuen Wohnort K., jenem Küstenstädtchen, in welchem Savade stationiert

war.

Hier begann nun für Helene eine Zeit jener bewußten Glückseligkeit,

deren Wert nur der bemessen kann, der selber um sie geworben hat. Denn

diese Art der Glückseligkeit muß durch Denken erworben werden.

Das einzige, was einen Schatten auf die Sonne ihres Glückes warf, war

das Verhältnis zu ihrem Töchterchen. Seit jenem Tage war das Kind

ein anderes geworden. Zu ihrem namenlosen Schmerz merkte Helene, daß

sie jenes rückhaltlose Vertrauen ihres Kindes, jenes Vertrauen, ohne

welches vollkommene Liebe nicht denkbar ist, verloren habe. Dieses

Bewußtsein erfüllte sie immer wieder mit brennender Qual. Das verlorene

Terrain mußte wiedergewonnen werden. Sie begann um die Liebe ihres

Kindes zu buhlen. Sie machte dasselbe dadurch freilich nur trotziger

und unzugänglicher. Aber sie ertrug alle Rücksichtslosigkeiten mit

Engelsgeduld. Ihr Mann sagte öfter: „Du wirst das Kind ganz verziehen.“

Aber sie lächelte nur.

Etwa sechs Wochen nach ihrer Hochzeit traf Lamondts Antwort an Savade

ein. Dieselbe lautete:

„Mein lieber Freund!

Ich will nur gleich vorausschicken, daß die Heirat an unserer

Freundschaft sicherlich nichts ändern soll, soweit es an mir liegt. Du

hast das Recht, Dir Deine Frau nach Belieben zu suchen. Daß Du gerade

die gefaßt hast, die sich von mir hat scheiden lassen, dafür können wir

beide nichts. So viel davon.

Savade, wenn Du mir geschrieben hättest, daß in Holland der Himmel

eingestürzt sei, und die heruntergefallenen Engel liefen in den Straßen

umher und bettelten um Brot, so würde ich nicht so erstaunt gewesen

sein als über die Heirat dieser Frau. Also das waren die hohen Ideale,

die sie von meiner Seite und aus meiner Häuslichkeit trieben. Darum

mußte mein kleines Paradies zertreten werden. Einen anderen Mann wollte

sie haben. Freilich, jetzt verstehe ich, warum es durchaus ohne mich

sein mußte. Mir ist als ob all meine Gutmütigkeit, meine Geduld, meine

Menschenliebe für immer dahin sind. Ich erschrecke vor mir selber und

hasse die Frau, die das in mir zustande gebracht hat. Ich weiß, ich

speie Gift auf Dich, wenn ich Gift auf diese Frau speie. Aber soll ich

ewig als der gutmütige Schwächling dahinschleichen, der sich geehrt

fühlt, wenn andere über seinen Rücken hinschreiten! Nein! Wie ich ist

noch kein Mann beleidigt worden. Savade! wenn einer Liebe geübt hat,

ich war’s. O Gott im Himmel! mein Herzblut hätt’ ich jederzeit für

diese Frau hingegeben und hätte nichts Großes daraus gemacht. Und das

alles wird leichtsinniger, nein ruchloser Weise mit Füßen getreten.

Und ich Narr lasse mich von ihren hochtrabenden Phrasen betören. Aber

es ist ja alles so klar und einfach: Sie ging von mir weg, weil sie

Dich wollte. Sie kam nach Holland, um Jagd auf Dich zu machen. Hier

spannte sie ihr Netz auf und wartete Monat für Monat, bis Du Dich darin

fangen würdest. Du schreibst: ‚Für H. kann ich garantieren. Noch als

ich mit ihr sprach, war sie fest entschlossen, ihren Weg allein zu

gehen.‘ Guter Savade, es kommt mir plötzlich vor, als ob ich der Alte,

Gewiegte bin und Du der verliebte Jüngling. Als Du ins Haus tratest,

war Dein Schicksal schon besiegelt. Glaub’ mir, sie war entschlossen,

Dich nur als Bräutigam wieder hinauszulassen.

Savade, daß diese Frau meine Einfalt beherrschte, das verstehe ich,

aber daß sie meine natürlichen Instinkte, meine Vaterliebe so ganz

betäuben konnte, das verstehe ich heute nicht mehr. Ich verstehe nicht

mehr, wie es möglich war, daß ich mich dazu entschließen konnte, dieser

Frau in rechtskräftiger Form mein Kind für immer zu überlassen. Das

kommt mir heute vor wie das Machwerk schwarzer Zauberei. Ach, wenn Du

die Tränen kenntest, die ich zwischen meinen toten Wänden verweint

habe! Und ich sagte mir immer: Es ist mein Schicksal. Ich soll ein

einsamer Mann sein. -- Aber weshalb denn? Weshalb denn, frag’ ich! Wenn

mein Weib sich einen anderen Mann nimmt, weshalb soll ich denn auch

noch die Zeche bezahlen?

Verzeih mir, daß ich so rede. Ich hätte noch warten müssen, ehe ich

antworte. Aber das konnte ich nicht wegen des Kindes, und zur Zeit ist

es mir unmöglich, anders zu schreiben.

Aus dem Reiche des Buddha: Sieben Erzählungen · 第 8 / 11 段