Sie wissen, daß der oberste Gerichtshof mir endgültig das Recht auf

unsere Tochter zugesprochen hat. Ich bin heute hier angelangt, um

meine Rechte, wenigstens in gewissem Sinne, geltend zu machen. Denn da

ich meine Tochter wahrhaft liebe und ihr Glück höher stelle als das

meinige, so bin ich entschlossen, ihr die freie Wahl zu lassen, ob sie

es vorzieht, mit ihrer Mutter zu gehen, oder bei Ihnen zu bleiben. Ich

bitte Sie, zu diesem Zweck das Kind morgen nachmittag gegen 4 Uhr in

dieses Hotel zu schicken, damit ich sie fragen kann. Denn deswegen bin

ich selber von Holland hergekommen und das ist das Einzige, was ich mir

ausbedinge. Ich hoffe, daß Sie mit ebenso ehrlichen Waffen kämpfen, als

ich es zu tun entschlossen bin.

Helene Savade.“

Noch nie in ihrem Leben war Helene so sehr in Verlegenheit gewesen,

womit sie ihre Zeit hinbringen solle, als am folgenden Tage. Nach der

Reistafel, die um 1 Uhr gehalten wird, legte sie sich etwas nieder.

Gegen 3 Uhr hielt es sie nicht länger. Sie kleidete sich an und machte

trotz der ungewöhnlichen Zeit einen Spaziergang. Vielleicht traf sie

bei ihrer Rückkehr ihr Kind schon bei sich an.

Als sie wieder am Hotel ankam, sah sie tatsächlich einen Wagen im Hof

stehen, der ihr der Lamondts zu sein schien. Klopfenden Herzens schritt

sie schnell ihrem Zimmer zu. Sie fühlte, in der Ruhe hätte sie dieses

alles gar nicht aushalten können. Das energische Sichbewegen gab ihr

Kraft.

Im Vorzimmer saß die Dienerin, die mit ihrer Tochter gekommen war.

Helene schritt schnell vorbei ohne abzulegen. Sie öffnete die Tür

zum Schlafzimmer und flog ihrem Kinde entgegen. Aber ihr geschärfter

Instinkt ließ sie schon aus der Umarmung Doras eine Unsicherheit

herausfühlen. Schon in diesem Moment witterte ihr ahnendes Mutterherz,

welche Antwort sie auf ihre große Frage erhalten würde. Aber sie konnte

dieses nicht gleich mit dem Verstande erfassen, sich klar machen. Es

stand wie etwas Ungeheures, Unbestimmtes vor ihr, an dem sie nicht hoch

blicken konnte, das sie noch nichts anging.

So begann sie, nachdem die Liebkosungen und die einleitenden Fragen

abgetan waren, in völliger Ruhe:

„Dora, mein Liebling, Dein Vater hat Dir gesagt, weshalb Du hast

hierher kommen müssen.“

„Ja, Mama.“

Helene hatte den Arm um die Taille ihres Kindes geschlungen und sah

liebreich in das zarte Gesicht mit den dunklen Augen. Es waren Lamondts

Augen. Sie fühlte, daß in diesem jugendlichen Herzen kein Zug zu ihr,

der Mutter hin bestand. Sie fühlte das Steife, Unnachgiebige der jungen

Glieder. Sie fuhr fort:

„Hast Du schon Deinen Entschluß gefaßt, mein Kind? Willst Du lieber mit

Deiner Mutter gehen, oder lieber bei Deinem Vater bleiben?“

Weinend erwiderte Dora:

„Ach, Mama, wenn wir doch alle drei zusammen bleiben könnten.“

„Du weißt ja, mein Kind,“ sagte Helene sanft, „daß das nicht möglich

ist. Geliebtes Kind,“ fuhr sie nach kurzem Schweigen mit etwas

zitternder Stimme fort, „ich will Dich nicht quälen. Ich weiß. Ich

sehe. Aber um eines bitte ich Dich herzlich, mein Kind: Sag mir,

weshalb Du Dich entschlossen hast, Deine Mutter zu verlassen?“

Und in der vollen, unbarmherzigen Aufrichtigkeit des Kindes erwiderte

Dora:

„Weil Du Dir einen neuen Papa genommen hast. Papa hat sich keine neue

Mama genommen.“

Wie in sich zusammengesunken stand Helene regungslos. Einen Augenblick

schien es, als ob sie den Mund öffnen, auf die Worte ihres Kindes

reagieren wollte. Dann drehte sie sich langsam um und verließ lautlos,

wie in Gedanken das Zimmer.

Geängstigt blickte ihr Dora nach, aber sie rief nicht, sondern ließ

ihre Mutter gehen. Sie wußte nicht, wohin dieselbe wollte, und wartete

daher auf ihre Rückkehr, um Abschied zu nehmen. So saß sie wohl an

zwei Stunden. Die javanische Dienerin im Vorzimmer schlief längst den

Schlaf des Gerechten. Jetzt ging die Sonne unter. Es wurde dunkel. In

ihrer Angst begann Dora zu weinen. Sie wußte nicht, was sie tun sollte.

Denn daß sie ihre Mutter nie wiedersehen würde, wenn sie sie jetzt

nicht noch einmal sähe, war ihr klar. Plötzlich ertönten laute Schritte

draußen und Lamondt riß heftig die Tür auf. Mit einem „O, mein Kind!“

schloß er seine Tochter fest in die Arme. Es lag in diesen Worten

die ganze Welt von Angst und Qual, die er in diesen Stunden um sein

verloren geglaubtes Kleinod ausgestanden hatte.

Während dessen war Frau Savade aus den Pforten des Hotels

hinausgewandert. Es lag wie ein Nebel auf der Welt, auf ihr, auf

ihrem Denken. Nur durch diesen Nebel hindurch fühlte sie gleichsam

wellenweise das ungeheure Weh, das sie soeben betroffen hatte.

Nachdem sie einige Zeit planlos das Europäer-Viertel durchwandert

hatte, geriet sie in die javanische Vorstadt, wo diese zierlichen,

sauberen Bambushäuschen aus Kokos, Areka und Bananen hervorlugen,

Bilder des Friedens und der Anspruchslosigkeit.

Vor einer dieser Hütten blieb Frau Savade wie in Gedanken stehen.

Die Türen des kleinen Hauses standen weit offen. Niemand war darin,

auch niemand in der Nähe zu sehen, nur ein kleines Ding, das noch auf

allen Vieren herumkroch, saß im Garten dicht am Rande des denselben

durchfließenden Kanales.

Helene konstatierte dieses alles, als ob sie selber dabei interessiert

wäre. Sie wunderte sich nicht einmal, daß sie jetzt in ihrem Schmerz

Interesse für derartiges habe. Sie wurde immer nachdenklicher. „Auch

dieses kleine Wurm,“ dachte sie, „hat eine Mutter. Auch diese Mutter

wird ihr Kind lieben, wie eben Mütter ihre Kinder lieben, und doch

macht ihr der Gedanke an das einsame Kind und den Kanal, in dem

es jeden Augenblick ertrinken kann, sicher keine unruhige Minute.

Mich aber würden diese Gedanken Tag und Nacht jagen und mich keinen

Augenblick zur Ruhe kommen lassen. Mein Gott, sind denn alle diese

Erlebnisse, diese Quälereien, diese Freuden nicht schließlich erst

durch uns selbst geschaffen? Schließlich geht doch der Lebensfaden von

uns allen nur geradehin von Geburt zum Tode. Und was alles machen wir

daraus! -- So will ich denn alles fahren lassen und mich in mich selber

zurückziehen. Wenn ich mein Kind in Wahrheit liebe, was macht’s dann

aus, ob es an der Seite des Vaters oder der Mutter gedeiht.“

Bei diesem Gedanken schien ihr Geist wieder in die Wirklichkeit

zurückzuschnellen. „O!“ stöhnte sie leise. Jetzt erst fühlte sie klar

und ungemildert die Größe des Schmerzes, den sie vorhin erlebt hatte.

Den Kopf tief zur Erde gesenkt schritt sie vorwärts.

Mit der inneren Klarheit kam aber auch die Frage: Was nun tun? -- Zu

ihrem Manne zurückkehren? In seiner Liebe, seinem Vertrauen Ersatz für

die verlorene Kindesliebe suchen? -- Sie lächelte bitter. Sie dachte

an Lamondts Brief. -- Warten und nach einigen Jahren an ihr Kind noch

mal die gleiche Frage richten? -- Sie lächelte wieder. Diesmal hatte

sie eine klare Antwort bekommen. Wenn dann auch die Erwachsene aus

Pflichtgefühl mit ihr ging, vielleicht auch aus Mitleid, was hatte sie

davon. Sie wollte Sicherheit, Wahrheit. Einen Augenblick durchzuckte

sie auch der Gedanke: „Weshalb habe ich mein Kind damals hingegeben.

Ich konnte nicht hoffen, es je wieder zu bekommen. Ich hätte bis zum

letzten Atemzug wie eine Löwin darum kämpfen sollen.“ Aber gleich

dachte sie: „Was sollte mir das Halbe. Ich wollte ja das Ganze. Ich

wollte ein Kind, das mich in Wahrheit liebt. Ich wollte sicher sein,

daß sie mich in Wahrheit liebt. Und jetzt! Und jetzt! Was ist jetzt

sicher? Was ist jetzt wahr?“

Wie suchend ließ sie ihre Augen umherschweifen. Eine entsetzliche

Angst überkam sie. Unwillkürlich schlug sie die Hände ineinander und

weinerlich, fast wie ein Kind, begann sie:

„O Gott im Himmel! Ich weiß ja nicht, ob ich richtig bete, aber ich

muß jetzt zu dir beten, ich muß ja! O hab’ doch Erbarmen mit mir

Armseligen. Ich kann nicht mehr. Ich bin so müde. Gib mir doch nur

ein wenig Ruhe.“ Sie legte den Kopf an einen Baumstamm und begann

bitterlich zu weinen.

Als sie das Gesicht hob, traf ihr Auge gerade den nackten Sonnenball,

der wie eine blutrote Kugel, von lodernden Wolkenfetzen umgeben auf

der Erde stand. Er erschien ihr wie etwas Tröstendes und zugleich

Drohendes. Starr blickte sie hinein. Plötzlich sagte sie: „In der

Nähe von Utrecht liegt das Kloster zum Heiligen Herz. Die Ordnung ist

streng, die Lage entzückend. Dort wird Ruhe sein.“

Sie ging schnell vorwärts, wie einer, der durch einen Entschluß

gefaßter geworden ist.

In diesen Gegenden folgt die Dunkelheit fast unmittelbar dem

versinkenden Sonnenball. Ehe sie zurück in das europäische Viertel

kam, war es bereits ganz Nacht. Eben ging sie an einem javanischen

Bambushäuschen vorbei. Gleich einem Kasten war es rings verschlossen.

Nur durch einen Spalt in der Tür fiel ein Lichtschein. Aus dem Inneren

aber tönten die Klänge des Gamelang, melancholisch, geheimnisvoll. Kein

anderer Laut regte sich innen. Es war, als ob die ganze Hütte zu Musik

geworden, ins Tönen geraten sei.

Helene blieb lauschend stehen. Sie hatte den Gamelang immer so gern

gehört. Seine monotone Musik hatte etwas Beruhigendes. „Da sitzen sie

jetzt,“ dachte sie, „und lauschen regungslos diesen Klängen. O, sie

sind wie die Könige. Ein wunschloses Herz ist ein großes Ding.“ Lange

stand sie in Gedanken. Endlich sagte sie leise: „Es ist so! Ich bin

falsch gegangen.“

Auf der Brücke, die über den großen Kanal führt, blieb sie wieder

stehen. Ihr Auge traf drüben eine Villa, in deren hell erleuchteten

Räumen Leute sich bewegten. In diesem Moment fiel wieder ein Gedanke

an Lamondts Villa und an ihr Kind in ihr Herz wie der Sonnenstrahl in

das unbedeckte Auge. Sie zuckte körperlich zusammen. Ein Gefühl jener

großen Öde überkam sie, die ein Mensch nicht ertragen kann. Heimlich,

kühl kroch der Gedanke hoch: „Ich kann ja gar nicht mehr leben.“ Sie

lehnte sich mit beiden Ellenbogen auf das Geländer, wie einer, der

in Ruhe über etwas nachdenken will. Nach einiger Zeit bemerkte sie,

daß sie das Wasser unter sich fixiere, das in der Dunkelheit als

gleichmäßig schwarze Fläche dalag. Matt bis ins innerste Herz hinein

dachte sie: „Der Weg bis zum Kloster zum Heiligen Herz ist weit. Sollte

nicht da unten auch schon Sicherheit sein für mich? Aber was dann mit

meiner Tochter? Wird sie nicht denken, sobald sie anfängt zu denken,

daß ich in Verzweiflung fortgegangen bin? Wird sie nicht grübeln? Wird

sie nicht über mein Schicksal jammern? Wird Lamondt dieses Grübeln

nicht fühlen? Wird mein Tod nicht abermals ein Glück zerstören?“ Heftig

schlug sie sich auf den Mund: „Schäm’ dich, Heuchlerin!“

Das verlöschende Feuer ihrer Energie flackerte noch einmal hoch auf.

Es überkam sie wie eine machtvolle Sucht, vor sich selber die Probe

auf die Wahrheit ihrer Gefühle abzulegen. Mit kräftigem Ruck schwang

sie sich auf die breite Brüstung. Oben kam ihr der Gedanke: „Werde

ich nicht sofort wieder hochtauchen?“ Das Wasser war ihr Element. Sie

lächelte fast. „Die Probe aufs Exempel!“ sagte sie leise. Ihre Augen

glänzten. Sie war ganz Leben. Mit der rechten Hand raffte sie fest die

Kleider zusammen, so daß sie sich eng um die Füße schnürten. Mit der

Linken fuhr sie tief in den Busen. So stürzte sie kopfüber hinab. Es

war nicht jener schwere, plumpe Fall, sondern man meinte zu hören, wie

der Körper den Wasserspiegel durchschnitt.

Als am nächsten Morgen die Leiche unterhalb antrieb, hielt die rechte

Hand noch krampfhaft die Kleider umklammert. Die Nägel der Linken aber

hatten sich so tief in die rechte Brust gegraben, daß sie nur mit Mühe

zu lösen waren.

So starb Helene van Hoeven, weil sie die Wahrheit falsch gesucht hatte.

Denn wer die Wahrheit im Bejahen, im Verlangen, im Zugreifen sucht, der

sucht sie falsch. Wer sie aber so sucht, der gleicht dem Menschen, der

das Messer bei der Schneide faßt: er verletzt nur sich selber.

[Illustration]

Valmikas Hängen.

Diese Geschichte heißt auch „das Stundenglas“. Denn wie dieses mit

der Breite einsetzt und die Spitze in der Mitte hat, so pflegten die

Alten, wenn sie der Jugend diese Geschichte erzählten, mit der Breite

einzusetzen und zum Anfang zuzuspitzen; und zwar so:

„So war nun die junge Königstochter des blinden alten Rishi Valmika

Frau und lebte mit ihm in seiner Klause.“

Wenn dann die Jungen fragten: „Wie kam denn das?“ so antworteten sie:

„Weil sonst der alte Rishi die ganze Familie mit seinem Fluch getroffen

hätte, zu Asche verbrannt.“

„Und wie kam das?“

„Weil die junge Prinzessin ihm die Augen ausgestochen hatte.“

„Und wie kam das?“

„Weil sie sie für glänzende Kiesel gehalten hatte.“

„Und wie kam das?“

„Weil sie so tief im Ameisenhaufen steckten.“

„Und wie kam das?“

„Weil die Ameisen einen Haufen über Valmika erbaut hatten.“

„Und wie kam das?“

„Weil er so lange regungslos in Selbstversenkung gesessen hatte.“

„Und wie kam das?“

„Weil er ein gewaltig großer Rishi war, ein mächtiger Rishi.“

Und wenn die Alten nun so bei der Spitze angekommen waren und die

Jungen noch staunten, wie jemand ein so mächtiger Rishi werden könne,

daß er mühelos ein ganzes Königshaus verfluchen könne, fuhren jene dann

weiter fort:

Die Prinzessin lebte nun mit dem alten blinden Rishi Valmika mitten

in einem großen Walde in einer Hütte; die unter einem gewaltigen

Feigenbaume stand und bei der eine kleine, krystallklare Quelle

vorbeifloß. Ging man aber mit dieser Quelle ein Stück mit, so wurde sie

größer und größer und schließlich zu einem Wasserfall, unter dem der

blinde Alte und sein junges Weib täglich badeten.

Frühmorgens, noch ehe die Sonne aufgegangen war, lernte die

Königstochter vom Alten die Mantras dann ging sie in den Wald, um

Wurzeln und Kräuter zu suchen, dann besorgte sie alle Arbeit im Hause

und abends ging sie mit ihm zum Bade.

Eines Tages nun, als sie ihm die dürren, welken Glieder wusch, regte

sich inniges Mitleid in ihr, und sie dachte:

„Ich will Indra bitten, daß er ihm die Jugend der Glieder und das Licht

der Augen wiedergibt.“

Weil aber da, wo sich wirkliches Mitleid regt, Götter die Bitten

erfüllen, so erfüllte Indra ihre Bitte und überall, wo sie ihn mit

ihren Händen wusch, da wurde der Alte jung und voll und als sie ihm

zuletzt die Augen wusch, da wurde er wieder sehend und beide standen

und sahen einander an. Weil er aber ein großer Rishi war, so dachte er:

„Es ist ein Weib; ich will mich nicht betören lassen“ und wendete sich

ab.

Nun war aber die Königstochter gewohnt, gleich nach dem Alten zu baden.

So stieg sie auch heute, nach ihrer Glaubenstat, in schicklicher Weise

ins Bad.

Als Valmika aber hörte, daß sein Weib im Bade war, da überkam ihn die

Neugierde. Verstohlen blickte er hin und sah die jungen Glieder und

verfiel auf der Stelle in Liebe. Denn auch ein Rishi, wahrt er seine

Sinne nicht, kann wohl in Liebe fallen.

Da er nun jung, sehend und verliebt geworden war, so ließ Valmika

durch seine alte Rishi-Kraft die kleine Hütte aus Baumrinde, in der er

bisher mit seinem Weibe gelebt hatte, verschwinden und an deren Stelle

einen schönen Palast entstehen, in dem es von Dienern und Dienerinnen

wimmelte und in dem Tag und Nacht Geigen und Flöten und zahllose andere

Wohllaute tönten.

Hierbei aber hatte er jenen mächtigen alten Feigenbaum, unter welchem

die kleine Hütte stand, gleichfalls vom Erdboden weggezaubert.

Als nun die Gottheit dieses Baumes, ihrer Behausung beraubt, nackt

und hungrig, jammernd und wehklagend im Walde umherirrte, fragten die

anderen Gottheiten nach dem Grunde ihres Schmerzes.

Als sie nun erzählt hatte, daß der Rishi Valmika, weil er sich in

sein Weib, die junge Königstochter verliebt hätte, sie heimlos

gemacht habe, da empfanden zwei Dämoninnen Mitleid mit der Gottheit

dieses Feigenbaums und sagten: „Wir wollen Dir helfen, daß die ganze

Herrlichkeit wieder dahinschwindet, so schnell wie sie gekommen ist.“

Von dem Tage ab lauerten sie auf Valmikas Weib, ob sie etwas an ihr

fänden. Denn sie war vollkommen keusch und züchtig, weswegen es eben

geschehen konnte, daß sie wahres Mitleid empfand; weswegen es eben

geschehen konnte, daß Indra das Gebet für ihren Gemahl erhörte.

Als sie nun eines Tages ihr Bild im Wasser sah, dachte sie:

„Wie schön muß ich sein, daß ein so großer Rishi wie Valmika, alles

vergißt und in Liebe an mir hängt.“

Sofort freilich kam ihr die Reue und die Furcht vor diesem schlechten

Gedanken und sie versuchte, ihn schleunigst zu verneinen. Aber eine der

beiden Dämoninnen, welche der Gottheit jenes Feigenbaumes ihre Hilfe

versprochen hatte, hatte bereits die Rauhigkeit, welche sich mit diesem

schlechten Gedanken am Herzen der jungen Königstochter gebildet hatte,

benutzt, um ihre Krallen einzuschlagen. So kam es, daß sie, anstatt

diesen schlechten Gedanken zu verneinen, ihn noch einmal bejahte. Und

sofort krallte sich die andere Dämonin gleichfalls ein.

Weil sie nun damit Macht über sie bekommen hatten, gesellten sie

sich zu ihr in Gestalt ihrer beiden Kammerfrauen, stiegen mit ihr

ins Bad und kamen beide genau in der gleichen Gestalt wie die junge

Königstochter heraus.

Als nun Valmika wie immer sein Weib nach dem Bade erwartete, trat sie

ihm dreifach entgegen und jede der drei herzte und küßte ihn ebenso

feurig, ebenso innig, ebenso ehrlich wie die beiden anderen.

Da merkte Valmika, daß er von Dämoninnen überlistet war und wollte sie

durch seinen Zauberspruch zu Asche brennen, um so wieder zu seiner

geliebten Gemahlin zu gelangen.

Als er aber seinen Spruch sprach, dem sonst nichts auf Erden

widerstand, blieb alles unversehrt, ja die drei machten es nur noch

ärger, indem jede von ihnen ihn unter den zärtlichsten Liebkosungen

aufs inständigste bat, nur sie allein als sein echtes Weib anzusehen.

Als nun Valmika sah, daß er seine Rishi-Macht verloren habe und durch

die Verdreifachung seines Glückes um all sein Glück gekommen sei,

begann er bitterlich zu weinen und betete in seiner Not zu Indra, ihm

zu helfen.

Da man nun zu jemandem, dem man einmal eine Wohltat erwiesen hat, immer

Zuneigung hat, so war Indra wohl bereit, ihm beizustehen. „Aber,“

sagte er, „es gibt hier nur eine Hilfe: Daß Du mit Deinem Spruch jene

beiden zu Asche brennst, das kannst Du nur, wenn Du Deine Rishi-Kraft

wiederbekommst. Da Du sie aber durch die Liebe verloren hast, so kann

ich sie Dir nicht wiedergeben; denn die Liebe steht auch über mir,

dem Gott. So gibt es nur eine Hilfe für Dich: daß Du Deiner Liebe

völlig entsagst. Dann wirst Du Deine alte Kraft wieder bekommen und

jene beiden Dämoninnen durch Deinen Spruch zu Asche brennen. Daß Du

aber Deiner Liebe völlig und für immer entsagt hast, dafür gibt es nur

+ein+ Zeichen: nämlich daß Dein Spruch wieder wirkt.“

Als Gott Indra ihm diesen Bescheid gegeben, wurde Valmika wohlgemut. Er

dachte: „Hab’ ich nur erst jene beiden Unholdinnen verascht, die Liebe

zu meinem Weib soll dann schon wiederkommen.“

So ging er in eine leere Klause, setzte sich kreuzbeinig zur Erde,

schlug das Auge nach innen, die Hände ineinander und versuchte, alle

Liebesgedanken für sein Weib, die in seinem Herzen lebten, im Denken

auszutreiben.

So saß er Stunde für Stunde, Tag für Tag, ohne daß ein Erfolg sich

zeigte.

In seiner Not betete er wieder zu Indra.

Der ließ sich noch einmal erbitten, und da Götter die gleiche Kraft

haben wie gute Menschen -- denn sie sind ja vor Zeiten gute Menschen

gewesen --: die Kraft, in den Herzen anderer die Gedanken zu lesen, so

sprach er zu dem betrübten Valmika:

„Freund, Dein Entsagen ist ja gar kein Entsagen. Du entsagst, um danach

mehr zu gewinnen. Soll Deine alte Kraft wiederkommen, so mußt Du

wirklich ehrlich, für immer entsagen.“

Da meinte Valmika traurig:

„Erhabener, was soll mir dann noch meine Rishi-Kraft?“

Indra aber erwiderte lachend:

„Freund, ich weiß es nicht. Da mußt Du einen anderen fragen.“

Und verschwand.

Da dachte Valmika:

„Kann ich mein Weib befreien, so kann ich sie nicht mehr lieben.

Kann ich sie nicht befreien, so kann ich sie auch nicht lieben; denn

ich kenne sie ja nicht. So wäre es am besten, ich risse diese Liebe

ernsthaft aus meinem Herzen um meinetwillen.“

So ging er wieder mit Macht ans Meditieren. Aber immer, wenn er nahe am

Ziel war, zerstörte ihm der Gedanke „Hab’ ich erst meinen Spruch und

sind jene beiden verascht, wie will ich mein Weib umarmen!“ alles.

So saß er Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat in einem

beständigen Hängen zwischen Lieben und Entsagen. Und weil er so

unbeweglich saß, so begannen die Ameisen wieder über ihm zu bauen. Und

heute sitzt Valmika wieder in seinem Ameisenhaufen so tief wie damals,

als die Prinzessin ihm die Augen ausstach, weil sie sie in der Tiefe

für glänzende Kiesel hielt.

Wenn die Alten so weit erzählt haben und die Jungen voll Neugierde

fragen:

„Wird er denn immer so hängen?“ so antworten die Alten:

„Entsagt er wirklich, dann nicht; entsagt er nicht wirklich, dann ja.“

Sind aber die Frager schon verständiger, so fügen die Alten wohl etwas

über das Buddha-Wort hinzu:

„Ist dieses, wird jenes; ist dieses nicht, wird jenes nicht.“

„Oder aber sie fügen etwas hinzu über das Unbefriedigende aller Lust

und über den Segen des Entsagens. Aber, fügen sie meist hinzu, Entsagen

ist hier eben Entsagen. Einem Weib entsagen, um es zu gewinnen, das ist

kein Entsagen, und der Welt entsagen, um ewiges Leben zu gewinnen, das

ist kein Entsagen. Darum übt Euch im Entsagen, dieser Welt wie jener

Welt. Denkt wohl an das Wort des großen Lehrers: ‚Elend ist Sterben bei

dem, in dem Verlangen ist.‘“

Das ist die Geschichte von Valmikas Hängen.

[Illustration]

Der heilige Kreis.

In Benares, nicht fern vom Gangesufer, saß eine Schar junger Brahmanen

mit den Vorbereitungen zu einem großen Opfer beschäftigt. Zu diesem

Zwecke hatten sie einen Kreis von Kuhdung um sich gezogen, den nichts

Fremdes überschreiten durfte, sollte das ganze Opfer nicht vergeblich

sein.

Als nun alles, nach langen Mühen, nach langem Warten der Vollendung

sich näherte, als die ersten Zeichen sich einstellten, da geschah es

eines Tages, daß nicht gar fern von ihnen der Diener eines weißen

Sahib, eines Christen, mit einem Ball spielte. Und von ungefähr

geschah es, daß der Ball in den heiligen Kreis jener jungen Brahmanen

hineinflog, just als sie meinten, zur „Einigung“ zu kommen. Denn das

ist es ja, warum überall geopfert wird: Um zu einer Einigung mit dem

Göttlichen zu kommen.

Als jene nun durch diesen Zufall um ihre Sehnsucht und ihre Hoffnungen

betrogen waren, stürzten sie wild auf den Diener jenes weißen Sahib,

des Christen, los und würden ihn auf der Stelle getötet haben, wenn

nicht auf sein Geschrei der Sahib selber herbeigeeilt wäre.

Als der nun jene jungen Brahmanen fragte, warum sie seinen Diener so

übel behandelten, antworteten sie:

„Wir waren nach langen Opfermühen gerade im Begriff, zur Einigung mit

der höchsten Weltseele zu kommen, da flog der Ball Deines Dieners in

unseren heiligen Kreis und hat uns alles verdorben. Darum wollen wir

diesen Menschen töten, eben wegen seiner Missetat.“

Da sagte der Sahib:

„Wißt Ihr denn, ob er es böswillig getan hat?“

„Das wissen wir freilich nicht. Trotzdem aber soll er sterben; denn er

hat unsere Seelen geschädigt, und was soll es da für eine andere Strafe

geben als den Tod?“

„Wißt Ihr nicht, daß das erste Gebot jeder Religion Mitleid ist?“

„Das erste Gebot jeder Religion ist Wahrheit gegen sich selber. Und die

üben wir, wenn wir jenen töten. Im übrigen, wie kannst Du von Mitleid

reden? Denn hat nicht Deine Religion mitleidlos verbrannt, was sich ihr

widersetzte?“

„Wo es uns selber betrifft, da üben wir Mitleid. Wo aber Gott beleidigt

wird, da strafen wir erbarmungslos.“

„Ebenso üben wir Mitleid, wo es uns selber betrifft. Wo aber unsere

Seelen geschädigt werden, da strafen wir erbarmungslos.“

Indem jener weiße Sahib und jene jungen Brahmanen so miteinander

stritten, kam ein buddhistischer Mönch des Wegs daher. Den beschlossen

sie als Schiedsrichter zu wählen.

Als nun jede der beiden Parteien ihn den Streitfall vorgetragen hatte,

sagte er zu den jungen Brahmanen:

„Kennt Ihr denn jene Weltseele, um derenwillen Ihr andere Wesen

schädigen wollt?“

„Nein, wir selber kennen sie nicht, aber die Rishis lehren es und sie

wissen mehr als wir.“

Darauf wandte sich der Mönch an den weißen Sahib, den Christen:

„Kennst Du jenen Gott, um dessenwillen Ihr andere Wesen schädigt?“

„Nein, ich selber kenne ihn nicht, aber es gibt Gott-erleuchtete

Männer, die von ihm reden und schreiben.“

Auf diese Antworten hin verharrte der Mönch ein Weilchen schweigend.

Dann zu den Brahmanen:

„Solange Ihr das nicht kennt, an dem Ihr geschädigt zu sein vermeint,

habt Ihr kein Recht, diesen Menschen zu töten.“

Und zu dem Sahib:

„Solange Du den Gott, dessen Hoheit Ihr Christen durch Scheiterhaufen

retten wollt, nicht kennst, hast Du kein Recht, Deinen Diener zu

schützen. Denn diese Brahmanen tun nichts als was Ihr Christen stets

getan habt und stets tun würdet, falls Ihr die Macht dazu hättet.“

Und zu beiden:

Aus dem Reiche des Buddha: Sieben Erzählungen · 第 10 / 11 段