Es wurde abgemacht, daß Savade einen Punkt, der wegen der vorgerückten

Stunde nicht mehr erörtert werden konnte, in einem Brief an Frau

Lamondt auseinandersetzen sollte.

Lamondt meinte: „Daran tust Du recht, daß Du meiner Frau schreiben

willst. Sie lebt so wie so zu einsam und kann mit der Gesellschaft hier

nicht recht fertig werden.“

„Das glaube ich“ antwortete Savade.

Frau Lamondt hörte den eigenen Nachdruck, der auf den Worten lag. Sie

errötete vor Freude und Stolz. „Er versteht mich“ dachte sie. „Endlich

einer.“

Man verabschiedete sich mit vieler Herzlichkeit, und Savade schritt

schnell dem Garten-Ausgang zu, welcher auf der der Veranda gegenüber

liegenden Seite des Hauses sich befand.

Er war kaum ein Weilchen fort, als er plötzlich vor der Veranda wieder

auftauchte. Lebhaft rief er hinauf:

„Ich habe ja ganz vergessen, Euch zu sagen, daß Ihr, wenn Ihr nach

Europa fahrt, ja nicht vergeßt, mich in meinem Winkel zu besuchen.“

Auf der ganzen Nachhause-Fahrt hatte er ein eigenartiges Bild vor

Augen. In dem Moment, als er vor die Veranda getreten war, hatten beide

Lamondt’s schweigend dagesessen, die Frau mit ihren Fingern das Glas

umspannend, in dem seine simplen Blumen standen. Dabei hatte sie das

Gesicht etwas tief darüber gebeugt gehalten, gleichsam, als ob sie

daran röche.

* * * * *

Frau Lamondt war sehr ungeduldig auf den versprochenen Brief von

Savade. Sie sagte ihrem Manne aber nichts davon. Er schien sowohl den

versprochenen Brief als auch den Besuch selber vergessen zu haben.

Endlich, nach etwa zwei Monaten kam ein Brief aus Surinam datiert.

Es war Frau Lamondt, als ob sie einen volleren Genuß von der Lektüre

haben würde, wenn sie vorher ihrem Manne mitgeteilt hätte, daß sie

einen Brief von Savade erhalten habe. So ging sie hinaus in den Garten,

wo Lamondt gerade mit seinem Töchterchen Blindekuh spielte. Er hatte

die Augen mit dem Taschentuch verbunden und tappte auf dem Rasen umher.

„Du bist gewiß wieder vom Rasenplatz runtergegangen, Dora, ich finde

Dich ja nirgends.“

Er hörte ein leises Sprechen und stürzte darauf los. Beim Zufassen

erwischte er einen Kleiderzipfel. „Endlich!“ rief er aus.

„Das ist ja Mama!“ rief die Kleine hinter ihm und lachte ausgelassen.

„Ja, laß nur los. Ich bin’s,“ sagte Frau Lamondt. „Ich wollte Dir

gerade sagen, daß ich einen Brief von Savade bekommen habe, aber Du

bist ja zu beschäftigt.“

„Du! von Savade?“ sagte Lamondt verwundert. „Was will er denn von Dir?“

„Mein Gott, wie vergeßlich Du bist. Weißt Du denn nicht mehr, daß er

versprochen hatte, mir zu schreiben?“

„Ach ja, über eure Sachen. Entschuldige, Tutti, das hatte ich total

vergessen.“

Er hatte noch das Tuch vor Augen und sah in diesem Moment nicht gerade

sehr bedeutend aus, der gute Lamondt. Aber seiner Frau fiel das nicht

auf. Es war ihr recht, daß sie ihm nicht in die Augen zu sehen brauchte.

„Papa, Du suchst ja gar nicht“ rief jetzt die Kleine mahnend.

„Ich komme schon, mein Kind.“

Etwas hastig ging er einige Schritte vorwärts und stolperte dabei gegen

einen Baum. Die Kleine kreischte vor Vergnügen.

„Nicht so wild, Dora!“ mahnte die Mutter und verschwand dann wieder im

Haus. Hier setzte sie sich in einen bequemen Stuhl und begann zu lesen.

Savade hatte versprochen, ihr über den Gottbegriff des Spinoza zu

schreiben. Spinoza war ihr bisher fremd geblieben. Aber die kahle

Erhabenheit dieser Gedanken regte sie jetzt mächtig an. Savade hatte

einen klaren, geistreichen Stil, und sie glaubte alles mit einem Schlag

zu verstehen. Nichtsdestoweniger las sie den Brief mehrere Mal.

Noch am selben Tage bestellte sie bei dem Buchhändler das Original.

Beim Abendessen begann Lamondt plötzlich:

„Eh’ ich’s wieder vergesse -- was schreibt denn eigentlich Savade?“

„Nur über philosophische Sachen.“

Lamondt lächelte. „Einen ganzen Brief voll Philosophie.“

„Er schreibt über Spinoza.“

„Spinoza -- Spinoza -- war das nicht der, der mit Vorliebe den Fliegen

die Beine ausriß?“

„Was redest Du da! Man erzählt, daß er, wenn er sein geistiges Tagewerk

vollendet, zu seiner Erheiterung Fliegen in Spinngewebe warf und dem

Kampf der Fliege mit der Spinne zusah.“

„Also jedenfalls Tierquälerei. Ich würde gegen solche Leute immer etwas

voreingenommen sein.“

„Solche Geister darf man nicht mit dem vulgären Maßstab messen. Spinoza

hat einen der erhabensten, reinsten Gottbegriffe geschaffen.“

„Was hat er gemacht?“ fragte Lamondt voll ungeheuchelten Staunens.

„Ich denke, der liebe Gott ist ein einiger, mit dem wir weiter nichts

machen können als einfältig an ihn glauben. Wie kann ein Mensch einen

Gottbegriff schaffen? Eben so gut könnte er ja auch eine neue Welt

schaffen.“

„Was Du da sagst, paßt für die Gläubigen im kirchlichen Sinn. Die

philosophisch Denkenden schaffen sich selber ihren Gottbegriff, in dem

sie Genüge und Ruhe finden.“

„Woher wissen sie denn aber, daß das, was sie da in ihrem Gehirn

zurecht gebraut haben, das richtige ist?“

„Woher weißt Du, daß der Gott, an den Du glaubst, der richtige ist?“

Lamondt sah seine Frau einen Augenblick ratlos an, dann sagte er fast

trotzig:

„Ich will ja gar nichts wissen. Ich glaube eben an ihn.“

„So gehörst Du zu den Glücklichen, die glauben können. Aber bedenke die

unzähligen Unglücklichen, die nicht glauben können und doch zu innerer

Ruhe kommen wollen. Bedenke ihr Suchen, ihre Kämpfe.“

Lamondt warf einen fast scheuen Blick auf sein Weib. Sie kam ihm so

fremd vor. Ihm wurde unbehaglich. Er versuchte umzuschwenken. Mit etwas

erzwungener Lustigkeit sagte er:

„Also Du bist auch dabei, Dir selber Deinen Gottbegriff zu machen.

Tutti, Tutti, wenns man glückt.“

„Das habe ich nicht gesagt. Im übrigen ist der Gegenstand schlecht

geeignet zum Scherzen,“ erwiderte sie kühl.

„Du hast recht, sehr schlecht geeignet.“ Seine Stimme klang so

bestimmt, daß jetzt die Reihe des Sichverwunderns an Frau Lamondt war.

Die Sache war damit eigentlich erledigt, aber sie mußte noch etwas

vorbringen, was sie durchaus heute noch vom Herzen haben wollte. Es

entstand eine Pause. Sie fühlte, ihr Vorhaben würde um so schwerer

auszuführen sein, je länger sie die Pause werden ließe. So faßte sie

sich ein Herz und sprang in die gähnende Lücke.

„Ich wollte Dir noch sagen,“ begann sie, und ihre Stimme klang infolge

der innerlichen Anstrengung etwas gereizt, „daß ich Savades Brief

natürlich beantworten muß. Er wird wahrscheinlich darauf wieder

antworten. Dadurch könnte ein Briefwechsel zustande kommen. Hättest Du

etwas dagegen einzuwenden?“

Lamondt sah sie wieder ganz erstaunt an. Dann begann er lustig zu

lachen.

„Heute Abend,“ rief er, „verstehe ich Dich aber auch gar nicht. Was

soll ich dagegen haben, wenn Du mit Freund Savade im Briefwechsel

stehst. Habe ich überhaupt jemals etwas gegen das einzuwenden gehabt,

was Du vorhattest?“ Er umfaßte sie liebkosend und streichelte ihr die

Backen. „Ich bin ja von jeher Dein gehorsamer Haussklave gewesen.“

Sie konnte nicht anders als ihn anlächeln. In der Tat, ein Widerspruch

ihres Mannes wäre etwas völlig unerhörtes gewesen. Sie ärgerte sich

jetzt über sich selber, daß sie diese offizielle Anfrage gestellt

hatte. Es kam ihr ganz lächerlich vor. Wie unnötig wichtig hatte sie

diese ganze Sache dadurch gemacht.

Lamondt fuhr fort: „Werde nur nicht zu gelehrt, Tutti. Ich will ja gar

keine gelehrte Frau. Im übrigen ist er der beste Kerl von der ganzen

Welt. Ich kenne keinen besseren. Vergiß nur nie, ihn zu grüßen, wenn Du

an ihn schreibst.“

Um etwas zu erwidern, sagte Frau Lamondt: „Sein Brief ist aus Surinam

datiert.“

„O weh! Das ist ein böses Nest; etwa so wie Batavia vor 50 Jahren. Daß

er sich da nur kein Fieber holt. Schreib’ ihm nur, wenn es mal irgend

wie hapert, so ist ein Gläschen Genèvre immer das beste.“ Auf das

Zigarren-Schränkchen zuschreitend und sich eine Zigarre anzündend fuhr

er fort:

„Die Hauptsache ist nur, daß es beizeiten genommen wird.“ Und nachdem

er es sich im Langstuhl bequem gemacht und einige Dampfwolken mit

Aufmerksamkeit von sich geblasen hatte, begann er eine Geschichte zu

erzählen von einem Bekannten, welchem nach seiner und aller anderen

Ansicht ein Gläschen Genèvre zur rechten Zeit genommen das Leben

gerettet hatte.

* * * * *

Zwischen Savade und Frau Lamondt entwickelte sich ein nicht häufiger

aber sehr regelmäßiger Briefwechsel. Der Gegenstand desselben waren nur

philosophische Themata. Alle Bemerkungen über persönliche Verhältnisse

wurden beiderseits so völlig vermieden, daß der Unbefangene fast etwas

Absichtliches darin hätte finden können.

In Frau Lamondts Briefen trat immer ein und dasselbe Thema zutage:

Die Hingabe an die Menschheit und an ihre Ideale, das Arbeiten an der

Hebung der Menschheit zu immer stolzerer, sonnenhafterer Höhe. Das

erschien ihr als die einzige aller Aufgaben dieser Welt, bei der schon

im Streben allein der Erfolg liegt, Erfolg mit all seiner beglückenden

Macht.

Sie liebkoste dieses Thema und ging dabei mit einem ihr selber

vielleicht unbewußten Raffinement zu Werke. Um Überdruß zu vermeiden,

ließ sie es bald in schweren gesammelten Baßschlägen auftreten, bald

in eleganten Diskant-Figuren, die in graziöser Weise sich auflösten

und wieder zur Form vereinigten. Eine solche Meisterin war sie in

Darstellung ihres Gedankens, daß Savade immer wieder erstaunte, wenn

er ihre scheinbaren Abschweifungen plötzlich wie durch einen Coup

zum Thema verdichtet vor sich stehen sah. Er selber gehörte zu jenen

glücklichen Naturen, die instinktiv das Maßhalten, das Wandeln auf der

richtigen Mitte als das der menschlichen Natur notwendigste erkennen.

Er stimmte in seinen Ansichten mit denen Frau Lamondt’s überein. Ihre

Ideale waren auch die seinigen. Aber er fühlte das Zuviel auf Frau

Lamondt’s Seite und versuchte unwillkürlich dieses Plus auf ihrer Seite

durch ein entsprechendes Minus auf seiner Seite auszugleichen.

Bald derber, bald zarter deutete er an, daß trotz aller idealen

Pflichten, die uns an die Menschheit ketten, doch unsere erste

und Hauptpflicht die ist, für unsere eigene Besserung, für unser

eigenes Heil, für unsere eigene Ruhe zu sorgen. Leise gab er ihr zu

bedenken, ob dieses Vergafftsein in die Menschheits-Ideale nicht oft

ein Vergafftsein in sich selber sein könnte, nichts als eine Form

der Eigenliebe in besonders bauschiger und eleganter Enveloppe, eine

Eigenliebe in Balltoilette. „Wenn einer,“ schrieb er, „der selber

schmutzig ist, einen anderen schmücken will, so wird er bösen Erfolg

haben. Wer das will, der muß im Groben, Gemeinen bleiben, wie die

Scheuerfrauen, für die es nichts ausmacht, wenn sie ihre Arbeit in

schmutzigem Habit verrichten. Aber sie gehören auch nur in die Küche

und auf die Treppen. Der Anständige, der in sein bestes Zimmer treten

will, legt vorher schmutzige Stiefel und Kleider ab; andernfalls

macht er sein Staatszimmer zum Vorraum. Ich glaube nicht, daß es

eine herrlichere Behausung gibt als jenen Tempel, den die großen

Geister aller Zeiten errichtet haben. Sollten wir nicht rein sein bis

ins Innerste, ehe wir in diesen Tempel einzutreten wagen, um ihn zu

schmücken und auszubauen?“

Als Frau Lamondt in einem ihrer Briefe über die Schwierigkeit und

Hoffnungslosigkeit der Arbeit am eigenen „Ich“ klagte, antwortete er

folgendes:

„Freilich ist das eigene ‚Ich‘ jenes wunderliche Ding, mit dem sich

abzugeben der eine überhaupt nicht für der Mühe wert hält, und mit

dem der andere nie fertig wird. Von dem ersteren sagen wir mit Dante:

~Guarda e passa!~ ‚Schau und geh’ vorüber überall!‘ Für den

letzteren kommt alles auf die Art des Vorgehens an. Wer das ‚Ich‘

täppisch greifen will, dem entgleitet es wie einem, der Wasser in

der hohlen Hand zusammenpressen will. Das ‚Ich‘ kann nicht begriffen

werden, es kann nur angeschaut werden. Aber auch das Schauen muß

verstanden werden.“

Und weiter hieß es: „Es ist freilich wahr, das ‚Ich‘ ist das Rätsel

aller Rätsel, das Wunder aller Wunder, und hier einen Zweifel lösen,

heißt hier nur, ihn in zwei neue zerspalten. Aber was sollen wir

hieraus für Lehren ziehen? -- Erstens, daß wir keinen Augenblick

säumen dürfen und uns vor allem an die Beschäftigung mit diesem Ich

machen müssen, eben wegen der Schwierigkeit der Sache einerseits und

ihrer einzigen Wichtigkeit anderseits. Wir dürfen hier nie sagen: ‚Was

hat diese Arbeit für Zweck? Das mühsam Errungene wird in neuen Zweifeln

verloren gehen.‘ Hier ist ja auch der Verlust Fortschritt. Wird jemand

sagen: ‚Was hat es für Zweck, mich jetzt zu sättigen? Zum Abend werde

ich doch hungrig sein.‘ Das Hungrig-Werden ist ja hier Fortschritt, ist

Gelingen. Diese Einsicht sollte uns hindern, uns zu früh über unser

eigenes ‚Ich‘ hinwegsehen zu lassen auf das ‚Ich‘ des Nebenmenschen

hin. Wir wollen auch nicht vergessen, daß wir, um zu anderen zu

kommen, die Straße passieren müssen, und daß es wohl sein könnte, daß

wir bestaubt und beschmutzt von unseren Liebeswerken zu uns selbst

zurückkehren.“

„Zweitens aber sollen wir daraus die Lehre ziehen, uns nicht so tief

in unserem eigenen Ich zu verlieren, daß wir garnichts anderes mehr

neben diesem ‚Ich‘ sehen, oder daß es uns schließlich gar den Verstand

verwirrt. Wenn irgend wo, so heißt es hier, der gefühlten Unendlichkeit

gegenüber: Maßhalten. Wir wollen uns doch gewöhnen, die Tatsache des

Ewigen, des Göttlichen, Unfaßbaren in uns mit Maß zu tragen, wie es

eben eines so kostbaren Inhaltes würdig ist. Wir wollen doch endlich

aufhören, in törichter und barbarischer Weise zu versuchen, dieses

Ewige, Göttliche, Unfaßbare in uns ans Tageslicht zu zerren, wie einer,

der seine eigenen Eingeweide herauszerren will. Er mordet nur sich

selbst.“

„So wollen wir es dem Lebens-Rätsel, dem Ich-Rätsel gegenüber machen,

nicht wie der Schüler, der, an der Bewältigung seiner Aufgabe

verzweifelnd, das Buch in die Ecke wirft, sondern wir wollen es machen

wie der Verständige, der das seinen Kräften entsprechende Teil gelesen

hat und nun ruhig das Buch schließt und sich sagt: ‚Es ist genug für

heute.‘ Denn das ist auch ein Ende, zu wissen, daß man nicht am Ende

ist und doch gefaßt und zufrieden bleiben. Und ich fürchte sogar,

dieses ist das letzte Ende, das uns beschieden ist.“ So spricht der

Verständige, Denkende, solange er nicht vom Buddha belehrt worden ist

oder sich von ihm hat belehren lassen.

Aber dieses Gegenarbeiten Savades gegen Frau Lamondts

Überschwenglichkeit war für beide nur wie jene künstlichen Dissonanzen,

die nur dazu da sind, die Schönheit der Harmonie um so süßer zu machen

und um so stärker hervortreten zu lassen. Beiden war ihr Briefwechsel

ein unbeschreiblicher und erhabener Genuß geworden. Denn kein Genuß

dieser Welt gleicht der Wonne, die wir empfinden, wenn die Gedanken

unseres Herzens in einem anderen Herzen wiederklingen. Das ist der

höchste Genuß, denn es ist der reinste. Das ist der reinste Genuß, denn

er verlangt keine Berührung.

* * * * *

Ob in den nächsten Jahren sich allmähliche Änderungen im Denken der

jungen Frau vollzogen -- ob das, wovon jetzt gesprochen werden soll,

das Resultat eines plötzlichen Entschlusses war -- ob Savades Briefe

irgend einen (natürlich unbeabsichtigten) Einfluß auf diesen Entschluß

hatten, wird sich mit Bestimmtheit wohl nie feststellen lassen.

Tatsache ist, daß Frau Lamondt eines Morgens, etwa drei Jahre nach der

oben geschilderten Zeit jenes Besuchs zu ihrem Gatten sagte: „Ich muß

Dich in einer ernsthaften Angelegenheit sprechen.“

Lamondt hatte an jenem Tage wenig Zeit, aber er war doch zu erstaunt

über die Worte und den Ton seiner Frau, als daß er nicht alles andere

vergessen hätte.

„Was gibt es denn, Tutti?“ fragte er teilnehmend.

„Lamondt, was ich Dir jetzt sage, wird Dich sehr überraschen und sehr

betrüben. Aber so wahr ich hier stehe, ich kann nicht anders handeln,

als ich handeln will. Ich bin es dem, was in meiner Seele keimt und zum

Licht drängt, schuldig. Lamondt, die Qual wird durch Umgehen nur größer

für uns beide. So sage ich es Dir denn direkt heraus: Ich kann nicht

länger Dein Weib sein. Ich muß meinen Weg allein gehen. Versteh’ mich

recht: Ich will mich von Dir scheiden lassen. Die Ehe ist nicht das

richtige für mich.“

Totenbleich starrte Lamondt sein Weib an. Die Worte erstarben ihm. Er

brachte nichts heraus als „Helene!“ Er kannte den Charakter seines

Weibes. Er wußte, daß es kein Mittel gäbe, sie von einem einmal

gefaßten Entschluß wieder abzubringen.

Frau Lamondt fuhr fort:

„Ich muß Dir alles sagen. Ich kann nicht allein gehen. Das Kind muß bei

mir bleiben.“

Lamondt schien kaum hierauf zu hören. Totenblaß saß er immer noch da.

Es trat ein bleiernes Schweigen ein. Die junge Frau stand da, den Blick

zu Boden gesenkt, die Lippen fest aufeinander gepreßt, wie einer, der

auf den Angriff wartet und den Rückschlag gibt, noch ehe er den Schlag

erhalten hat.

Endlich begann Lamondt:

„Aber muß denn das sein?“

Heftig erwiderte sie: „Frage nicht. Es muß sein. Ich kann nicht

anders. Versuche nicht mich von meinem Entschluß abzubringen. Es wäre

vergebliche Mühe.“ In sanfterem, fast bittenden Tone fuhr sie fort:

„Wollen wir nicht alles im Guten ordnen. Es erleichtert uns beiden das

Ganze so sehr. Du mußt ja selber einsehen, daß jetzt, wo einmal das

entscheidende Wort gesprochen ist, jeder Tag des Zusammenlebens zur

Qual wird.“

Wie in stiller Verzweiflung fuhr sich Lamondt an den Kopf. „Mein Gott,

mein Gott, was soll das nur geben.“ Der kalte Schweiß rann ihm über die

Stirn. Mechanisch wischte er mit der Hand darüber hin.

„Lamondt, denkst Du, meine Qualen sind geringer wie Deine? Was

geschieht, geschieht für mich so unabänderlich wie für Dich. Auch ich

muß mich fügen und im ruhigen Hinschauen auf die Unabänderlichkeit des

Schicksals Trost suchen.“ Dann plötzlich abbrechend begann sie:

„Du fährst jetzt in die Stadt?“

Lamondt nickte stumm.

„So fahre ich mit Dir. Ich will sofort zum Rechtsanwalt und dort das

Nötige einleiten.“

Lamondt war wie im Traum. Schweigend saßen sie nebeneinander im Wagen.

Vor dem Hause des Rechtsanwalt Kraye setzte er seine Frau ab und begab

sich ins Kontor.

Nach einigen Stunden kam ein Bote, der ihn zu eben diesem Rechtsanwalt

hinbat. Willenlos folgte er. Es wurden einige Schriftstücke aufgesetzt,

die beide unterschreiben mußten, und der Rechtsanwalt stellte in

Aussicht, daß schon in wenigen Tagen die Angelegenheit soweit erledigt

sein könnte, daß Frau Lamondts Anwesenheit nicht mehr erforderlich

sein würde. „Die Einstimmigkeit auf beiden Seiten, besonders auch

hinsichtlich des Kindes erleichtert alles sehr“ schloß er seinen

Vortrag.

Tatsächlich wickelte sich alles so glatt ab, daß Frau Lamondt schon für

den nächsten nach Europa abgehenden Dampfer einen Platz belegen konnte.

Endlich war der Tag der Abreise da, der diesem qualvollen Leben zu

Hause ein Ende machte. Frau Lamondt hatte ihren Mann gebeten, dem

Kinde, das jetzt etwa sieben Jahr alt war, nichts von der Wahrheit

zu sagen, um nicht die Trennung zu erschweren. Der Gutmütige hatte

auch hierin eingewilligt. Es war der Kleinen gesagt worden, daß sie

verreisten, um die Großmama in Holland zu besuchen. Die Freude darüber

war groß, und Lamondt mußte blutenden Herzens manche neugierige Frage

beantworten.

Auf dem Schiffe standen die drei im äußersten Winkel, um nicht den

Blicken etwaiger Bekannter ausgesetzt zu sein. Beide Eltern waren

stumm, außer wenn sie auf die Fragen des Kindes antworten mußten.

Plötzlich begann die Kleine: „Papa, hörst Du, vergiß mir ja nicht

Papchen.“ Sie meinte den grauen Papagei. „Das Futter gibt ihm die alte

Sarah. Aber den Zucker, weißt Du, den mußt Du ihm geben und dabei mußt

Du ihm immer das Wort „Dora“ vorsprechen; aber so wie ich, Papa. Hör’

mal!“ Dabei stellte sie sich wichtig vor Lamondt auf und rief mit

Kinderstimme zweimal „Dora!“ „Siehst Du so. Es ist ganz leicht. Mach’

es auch mal, Papa, damit ich sehe, daß Du es recht machst. Schnell

doch, Papa!“

Da brach dem gequälten Manne das Herz. Heftig schloß er sein Kind in

die Arme und brach in haltloses Schluchzen aus. Dabei streichelte und

küßte er das zarte Gesichtchen unaufhörlich, so daß das Kind ganz

verdutzt zum Vater hoch sah.

„Mein süßer Liebling, mein wonniges Kind“ begann er endlich. „O Gott

und Vater! Muß denn das alles gelitten werden!“

Das Kind wurde unruhig. „Papa, wein’ doch nicht so,“ sagte sie

liebkosend. „Ich schreibe Dir alle Tage einen Brief.“ Als der Vater

aber immer weiter weinte, wandte sie das Köpfchen zur Mutter hin:

„Mama, weshalb weint Papa denn so?“

Frau Lamondt aber stand, die Hand fest auf das Geländer gelegt, die

Zähne in die Unterlippe grabend und erwiderte kein Wort. In diesem

Moment zum ersten Mal tauchte der furchtbare Gedanke in ihr auf: „Gehe

ich auch den rechten Weg? Weh’ mir, wenn ich falsch gehe.“

Als das Kind auch von der Mutter keine Antwort bekam, begann es leise

zu weinen. Einmal noch preßte Lamondt sein Kleinod an sich, als ob er

ihr den Atem auspressen wollte, dann drehte er sich schnell um und ohne

sein Weib zu berühren, ja ohne sie nur zu sehen, verließ er das Schiff

und verschwand in der Menge der Zuschauer am Quai. Nicht einen Blick

mehr warf er zum Schiff zurück.

* * * * *

Je näher Frau Lamondt Hollands Küsten kam, um so schwerer wurde

ihr Herz. Sie wußte, daß sie daheim, ihrer Mutter gegenüber, einen

schweren Stand haben würde; denn sie kannte nur zu gut die Hochachtung

und Liebe, die letztere für Lamondt hegte. In Neapel hatte sie einen

während der Überfahrt geschriebenen ausführlichen Brief zur Post

gegeben, der mehrere Tage vor ihr zu Hause ankommen mußte und der

ihren Standpunkt in möglichst schlichter Weise klar legte.

Auf dem Bahnhof in Utrecht wurde sie von niemand erwartet. Zu Hause

angelangt empfing ihre Mutter sie mit den Worten:

„O Du unglückliches Kind! Was hast Du getan?“

„Mutter,“ erwiderte Helene, „ist es denn solch ein großes Verbrechen,

wenn ein Mensch dem Höheren in sich folgt?“

„Das höchste für eine Mutter liegt innerhalb ihrer Familie“ antwortete

die alte Dame streng.

Helene hatte sich unterwegs wohl hundertmal auf’s bestimmteste

vorgenommen, allen Äußerungen ihrer Mutter die höchste Sanftmut und

Geduld entgegen zu setzen, aber gleich diese erste Probe mißlang. Ihr

Charakter war zu ungebändigt. Sie erwiderte trotzig:

„Das weiß ich nicht, Mutter.“

„So wirst Du es wohl noch lernen müssen, mein Kind.“

„Mutter, wenn da etwas ist, was ich noch lernen muß, so bin ich bereit

dazu.“

Trotzig wie immer, dachte die Mutter und wandte sich liebkosend der

Kleinen zu, die sofort ein eifriges Gespräch begann.

Beide Frauen waren sich im Charakter gleich. Das Beharren auf einer

vorgefaßten Meinung, das sich Hineinbohren in seine eigene Meinung

war der Mutter wie der Tochter eigentümlich. Frau van Hoeven sah mit

Empörung auf die Tat ihrer Tochter, und die letztere hatte nicht die

Fähigkeit, durch Nachgeben und Sanftmut ihre Mutter milder zu stimmen

und schließlich auf ihre Seite zu ziehen. So begann ein trauriges

Nebeneinanderleben, eine Fortsetzung der letzten Zeit in Batavia. Auch

jede Ablenkung in Form äußerer Geselligkeit fehlte. Alle Bekannte und

Verwandte in Utrecht ergriffen Lamondts Partei, der ihnen als Ehrenmann

und als Muster eines Ehemanns bekannt war. So mied man es, mit der

jungen Frau zusammen zu treffen, und wenn es doch geschah, so ging

es nie ohne absichtliche oder unabsichtliche Stiche ab. Ja, es kam

schließlich so weit, daß es Helenen unangenehm wurde, bei Tage in die

Stadt zu gehen. Sie zog es vor, abends zu promenieren. Mit Recht konnte

sie bald von sich sagen: „Ich bin hier die Verfehmte.“

Natürlich suchte sie immer wieder Trost in ihren Idealen. Aber es war,

als ob die Gedanken, in denen sie in Java ganz naturgemäß wie in ihrem

Element gelebt hatte, plötzlich vertauscht wären. Ihr war, als ob sie

aus reeller Münze plötzlich zu wertlosen Schaugroschen geworden wären.

Alle diese schönen Begriffe, die sie damals entzückt und ihr Denken

genährt hatten, waren jetzt leere Namen geworden ohne Saft und Kraft.

Nur eine Art von Pietät hielt sie zurück, diese Schemen für immer bei

Seite zu werfen.

Aus dem Reiche des Buddha: Sieben Erzählungen · 第 7 / 11 段