trat ich, es war in München, in eine Buchhandlung. Unter den dort
ausliegenden Neuheiten fiel mir zufällig ein Buch über den Buddhismus
in die Hände. Er hatte als Leitspruch den Satz:
„Über alle Gabe siegt der Wahrheit Gabe.“
Das zog mich an. Ich kaufte und begann zu lesen.
Irgend ein deutscher Gelehrter sagt von sich, er sähe es als eine Gnade
des Schicksals an, daß sein Vater ihm schon als reiferen Knaben Kant’s
„Prolegomena“ in die Hand gegeben habe. Ich muß offen gestehen, daß
ich diese Gnade nicht recht zu würdigen weiß. Aber ebenso würde wohl
jener Gelehrte es nicht verstehen, wenn ich hier sage, daß ich es für
eine Gnade des Schicksals ansehe, daß er mir gerade in dieser Zeit
dieses Buch in die Hände gab. Ich lernte begreifen, langsam, langsam,
in jahrelangem geduldigem Nachdenken, aber ich lernte schließlich, und
ich lernte vergeben -- mir selber vergeben. Ich begriff, warum ich mir
selber vergeben durfte.
Die Dankbarkeit für diese Liebesgabe des Buddha trieb mich, die Spuren
dieses Einzigen zu verfolgen. So schiffte ich mich bald darauf nach
Indien ein, habe mit eigenen Augen und in stiller Ehrfurcht alles
betrachtet, was diesen größten aller Menschen, diesen reinsten,
wirklichsten Menschen angeht und bin nun hier in Lanauli geendet.
Hier fahre ich bisweilen zu den Felsentempeln von Karli, um die
stolze Säulenhalle zu bewundern. Bisweilen fahre ich auch zum
gegenüberliegenden Gebirgszug, um die Felsenhöhlen von Bhaja und
Bedsa zu besuchen, aus deren kahlen Wänden noch die jugendliche Kraft
rücksichtslosen Entsagens spricht, wie sie den ersten Zeiten des
Buddhismus eigen war. Meist aber sitze ich unter einem dieser mächtigen
alten Bäume, die einzeln in dieser merkwürdigen Landschaft stehen. Und
wenn der Monsunwind in den Zweigen rauscht und die Sonne hinter den
Bergen im Westen sinkt, dann genieße ich immer wieder das köstlichste
aller Gefühle: Dieses gesicherte Ruhegefühl, hervorgegangen aus dem
bewußten Loslassen von der Welt und ihren Gütern.
Und das ist die Liebesgabe des Buddha. Mögen viele davon kosten. Denn
irgend eine Schuld, die im Begreifen nicht sich selber verzehrte, die
gibt es nicht.
[Illustration]
[Illustration]
Helene van Hoeven.
Frau Lamondt hieß vor ihrer Verheiratung Helene van Hoeven. Sie war in
Holland in der Stadt Utrecht geboren. Ihre Großmutter mütterlicherseits
aber war eine echte Javanin gewesen, und auch bei Fräulein van Hoeven
zeigten sich noch Spuren malayischer Abstammung. Ihre Hautfarbe hatte
einen leichten Stich ins Gelbliche und der Oberkiefer war etwas stark
entwickelt, was aber nur beim Lachen hervortrat. Im übrigen hatte sie
ein angenehmes Gesicht, an dem aber durchaus nichts auffallendes war,
ausgenommen etwa die grauen Augen mit ihrem festen, klaren Blick. Aber
selbst diese fielen nicht jedem auf, sondern nur solchen, welche fähig
waren zu sehen. Und ich bin fest überzeugt, daß die meisten Menschen
Fräulein van Hoeven nicht zu denjenigen Personen rechneten, von denen
sich erwarten ließ, daß sie später mal eine Lebensgeschichte haben
würden.
Als Helene heiratete, war sie noch sehr jung, kaum 18 Jahr. Aber
niemand dachte, daß das in diesem Falle viel schaden könnte. Denn
sie heiratete jemanden, mit dem sie von Kindheit auf gespielt hatte
und mit dem sie auch jetzt fast den ganzen Tag zusammen zubrachte:
nämlich den jungen Lamondt. Daß sie sich heirateten, war von jeher
selbstverständlich gewesen, also dachte man, käme es auf ein paar Jahre
früher oder später nicht an.
Der junge Lamondt war ein seltner Mensch, ansehnlich, klug in seinem
Geschäft, bescheiden und von einer ungewöhnlichen Gutherzigkeit.
Da die Familie viele Beziehungen nach Java hatte, so siedelten die
beiden gleich nach ihrer Verheiratung nach Batavia über, um dort jenes
äußerliche Glück zu suchen, welches die Ergänzung zu ihrem innerlichen
Glück bilden sollte.
Ob freilich Frau Lamondt so ganz glücklich war, wie es junge Frauen
stets sein sollten, das wußte sie wohl selber nicht. Sie war noch zu
jung, und was das schlimmste war, ihr Mann war nur wenig älter wie
sie. Sie wußten wohl beide nicht recht, was sie aneinander hatten.
Zum vollen, dauernden Glück gehört aber das Bewußtsein vom Wert des
Gegenstandes, dem wir unser Glück verdanken. So könnte es wohl sein,
daß sie trotz aller gegenseitigen Liebe doch jenes einzige, wahre Glück
der Liebe, jene vergeistigte Liebe nicht kennen gelernt hatten.
In Batavia bewohnten sie ein geräumiges Haus außerhalb der Stadt und
hatten mehrere Diener, wie alle dortigen Europäer. Verkehr mit der
Gesellschaft hatten sie wenig. Lamondt brachte fast den ganzen Tag in
seinem Kontor in der Stadt zu, und so lebte die junge Frau in völliger
Einsamkeit sich selbst überlassen.
Das wäre in Europa nicht so schlimm gewesen, weil hier die Arbeiten
in der Häuslichkeit den Einfluß der Einsamkeit aufheben oder doch
schwächen. In Indien aber fällt dieser Faktor fort. Die Dienerschaft
macht hier alles, und die Hausfrau widmet den Tag der Hauptsache nach
dem Nichtstun; denn das Bewegen des Schaukelstuhls kann man kaum eine
Tätigkeit nennen.
Nun war es freilich der jungen Frau Lamondt nicht gegeben, in dieser,
gerade in Holländisch-Indien so beliebten Weise ihre Tage zuzubringen.
Sie begann nach Beschäftigung zu suchen, und da das Haus nichts bot,
so stieß sie auf diejenige Beschäftigung, auf die sie auch in Europa,
nur etwas später, gestoßen wäre, weil ihre Natur es forderte: die
Beschäftigung mit sich selbst, das Nachdenken über sich selbst. Mit
einem Wort: Sie begann zu philosophieren.
Es ist aber ein großer Unterschied, ob jemand mit 18 oder mit 25
oder gar mit 40 Jahren anfängt zu philosophieren. Die Anlage zur
Nachdenklichkeit war Frau Lamondt angeboren. Diese Anlage wäre überall
zum Durchbruch gekommen, aber in Europa wahrscheinlich erst auf Grund
der Lebens-Erfahrungen, das heißt der Püffe und Enttäuschungen, die
wir hienieden zu kosten bekommen. Jetzt, in Indien in dieser Einsamkeit
wurde diese glücklich-unglückselige Anlage gleichsam künstlich, wie
in einem Treibhause zur Reife gebracht. Es fehlte hier der reale
Hintergrund, der den Resultaten ihres Philosophierens als natürlicher
Maßstab dienen konnte.
Außerdem wollte es der Zufall, daß sie den Philosophien in die
Hände fiel, die eine fortschreitende Hebung, Vervollkommnung des
Menschengeschlechtes lehren und die Verpflichtung jedes Einzelnen, an
dieser Hebung mitzuarbeiten.
Diese Theorie wirkt auf gewisse Gemüter wie der Weingeist auf das
Gehirn. Auch Frau Lamondt wurde berauscht und in diesem schillernden
Gespinst klangvoller Hypothesen und hochgeistiger Argumente gefangen
genommen. Sie hatte irgendwo Beethovens stolze Worte gelesen: „Höheres
gibt es nichts, als der Gottheit sich mehr als andere Menschen nähern
und von hier aus die Strahlen der Gottheit unter das Menschengeschlecht
verbreiten.“ Das tönte ihr im Ohr wie der Klang einer silbernen Glocke.
Eines Tags begann sie, ihrem Manne gegenüber diese Gedanken zu
entwickeln. Der lachte sie gutmütig aus. „Laß Du die Welt nur, wie sie
ist. Man beißt sich bei so was nur die Zähne aus, und es bleibt doch
alles beim Alten.“
Sie erwiderte hitzig: „Wenn jeder so denken wollte wie Du, so würde
die Welt wohl in einem kläglichen Zustand sein.“
„Das weiß ich nicht, Tutti. Mir gefällt sie so ganz gut wie sie ist,
und für die Zeit, in der wir drauf sind, reicht’s schon aus.“
Er küßte die junge Frau herzlich. Es war Zeit, ins Kontor zu gehen. Im
Hinausgehen rief er ihr scherzend zurück: „Ich will vor allem mal die
Lamondt’sche Welt verbessern. Wie die große dabei fährt, das kümmert
uns gar nichts. Hörst Du, Tutti, gar nichts!“ wiederholte er übermütig.
Er warf ihr eine Kußhand zu und stieg in sein Wägelchen.
Frau Lamondt versuchte es noch öfter, ihren Mann für diese Fragen
zu interessieren, aber stets mit dem gleichen Erfolg. So fing sie
an, bei solchen Gelegenheiten sich ernsthaft über ihn zu ärgern. Sie
übersah ganz oder wußte es wohl nicht, daß er tatsächlich seine Pflicht
erfüllte und nach allen Seiten hin gutes tat, so weit es an seinem
Platz nur möglich war. Sie übersah, daß auch das idealste Streben in
keinem Fall mehr tun kann. Sie begann auf ihren Mann herab zu sehen
seiner prosaischen Ansichten wegen.
Auch unter den wenigen, mit denen sie hier verkehrte, war niemand,
der Verständnis für ihren Gedankengang gehabt hätte. Sie begann bei
diesem und jenem zu fühlen. Denn erhabene Gedanken, die noch nicht
zur Tat umgesetzt sind, drängen zur Mitteilung durch das Wort. Sie
verlieren hierdurch zwar an Kraft, gewinnen aber an Verdaulichkeit.
Was sie an Nähreinheiten einbüßen, wird aufgewogen durch die größere
Assimilierbarkeit des Restes, eine Eigenheit, von der nicht nur der
Beschenkte, sondern auch der Geber profitiert.
Aber überall fand Frau Lamondt Abweisung. Als sie endlich einsah, daß
es besser sei, gar nicht über solche Dinge zu sprechen oder doch nur
notgedrungen, war sie bereits der Gesellschaft ein wenig zum Gespött
geworden. Sie merkte es und zog sich von da an nur noch mehr in sich
zurück und in ihre Phantasie-Welt, die dadurch immer mehr Macht über
sie gewann.
Lamondt selber war zu harmlos, als daß er dieser Geistesrichtung seiner
Frau irgend welche Bedeutung beigemessen hätte. Der Gedanke, daß eine
Entfremdung zwischen ihnen eintreten könne, wäre ihm etwas unfaßbares
gewesen. Seinem Gefühl nach gehörten sie beide zusammen von jeher und
für immer.
Nach zweijähriger Ehe beschenkte Frau Lamondt ihren Mann mit einem
Töchterchen. Lamondt’s Glück war grenzenlos. Dieses Ereignis brachte
eine tiefe Änderung in den Verhältnissen zustande. Beide liebten ihr
Kind abgöttisch und sich gegenseitig in dem Kinde mit jener stillen,
sanften Liebe, die dem gleichmäßig-milden Licht der Planeten zu
vergleichen ist, während jene erste Liebe dem scharfen Funkeln der
Fixsterne gleicht.
Die nachfolgenden Jahre waren die sonnigsten im Leben der Frau
Lamondt. Denn ein nachdenklicher Mensch hat nicht viel Sonne, weil
er fast ständig unter der Wolke seines eigenen Denkens wandelt. Ihre
hochragenden philosophischen Ideen hatten sich gewissermaßen auf das
Kind niedergeschlagen und dort Form angenommen. All ihr Können, all ihr
Wissen, all ihre Sorgfalt wollte sie auf das Kind konzentrieren und
dasselbe in geistiger wie leiblicher Beziehung zur denkbar höchsten
Entwickelung bringen. Manchmal verirrten sich ihre Gedanken so weit
in die Zukunft, daß sie sich mit ihrer Tochter vereint wirken sah zum
Besten der Menschheit, zu ihrer Veredelung, Hebung.
So mochten vier Jahre vergangen sein, da bekam Herr Lamondt eines Tags
Besuch von einem Freunde aus Holland. Es war ein Herr Savade, ein
Marine-Offizier, dessen Schiff für einen Tag Batavia anlief.
Er suchte Lamondt in seinem Kontor in der Stadt auf. Der freute sich
kindisch. Aber nachdem er ihn umarmt und geküßt und das nötigste
gefragt hatte, sagte er:
„Weißt Du, heute ist Posttag. Dieses hier (er zeigte auf einen Stoß
Briefe) muß fort. So kann ich hier nichts mit Dir anfangen. Geh’ zu
meiner Frau raus und vertreib der die Zeit. Sie wird sich freuen. Und
ein Mädel haben wir auch.“ Sein Auge glänzte. „Nun, ich sage nichts
weiter. Du wirft ja sehen.“
Savade lächelte. Lamondt umarmte ihn noch einmal. „So bald ich irgend
kann, komm’ ich auch: In einer Stunde ist Postschluß“ rief er dem
Davonfahrenden nach.
Savade kannte Frau Lamondt nicht. Er hatte Lamondt während dessen
Lehrjahren in Rotterdam kennen gelernt. Lamondt hatte aber viel von
seiner Zukünftigen gesprochen und ihm ihr Bild gezeigt; denn sie waren
wahre Freunde geworden, trotzdem Savade wohl an zehn Jahre älter war
als Lamondt.
In der Villa Lamondt’s angekommen, mußte Savade einige Zeit im
Empfangszimmer warten. Es war noch etwas früh am Vormittag. Aus langer
Weile musterte er die kleine Bibliothek, die in einem Schränkchen
in der Ecke stand. Zu seinem Erstaunen fand er hier eine Reihe
philosophischer Bücher. „Potz tausend“, dachte er, „hat sich Lamondt
in Java das Philosophieren angewöhnt! Er hatte doch in Rotterdam,
weiß Gott! keine philosophische Ader.“ Er lachte leise. „Oder sollte
vielleicht die Frau -- das wäre ja ganz etwas seltenes.“ Erwartungsvoll
blickte er nach der Tür, in der Frau Lamondt vermutlich erscheinen
mußte.
Gerade in diesem Moment trat sie ein. Sie trug ein langes, faltiges
Musselin-Kleid von weißer Farbe, das mit einem gelben Seidengürtel
zusammen gehalten wurde. Die Füße waren einheimischer Sitte gemäß mit
Sandalen bekleidet. Der javanische Sarong, den viele holländische Damen
bis zum Mittag tragen, sagte ihrem Geschmack nicht zu.
Frau Lamondt kannte Savade ebenso, wie er sie kannte, das heißt aus den
Erzählungen Lamondts.
Als die gegenseitige Begrüßung vorüber war, begann Savade direkt:
„Ich sehe mit Erstaunen diese Kollektion philosophischer Autoren --“.
Er hielt erwartungsvoll einen Augenblick inne.
„Es sind meine Bücher.“
„O!“
Er konnte das Erstaunen nicht ganz verbergen. Sie sah noch so kindlich
aus.
„So schwere Lektüre“, meinte er.
Sie glaubt ein wenig Spott aus diesen Worten zu hören. Etwas abweisend
erwiderte sie:
„Der Mensch ist nicht dazu da, um sich das Leben möglichst leicht zu
machen.“
Er sah sie aufmerksam an. Einlenkend begann er wieder:
„Verstehen Sie mich nicht falsch, gnädige Frau. Ich verehre die
Philosophie als das Höchste auf der Welt und schätze jeden hoch, der
sie hochschätzt.“
Freudig blickte sie zu ihm auf. „Wirklich, lieben Sie die Philosophie?“
„Ich liebe sie, so lange ich denken kann. Ich könnte nicht leben ohne
Philosophie. Philosophie repräsentiert mir den menschlichen Verstand in
seiner edelsten, reinsten und dabei naturgemäßesten Form, naturgemäß,
weil es Funktion des Verstandes ist, von außen nach innen, das heißt
auf sich selbst zu, in sich selbst hinein zu gehen. Und das nennt man
eben Philosophieren.“
„O, wie selten man diese Liebe findet!“
„Ja, wirklich, wie selten! Ich habe mit Lamondt oft darüber disputiert,
aber er wollte nie etwas von Philosophie wissen.“
Die junge Frau seufzte etwas.
„Aber,“ fuhr Savade heiter fort, „vielleicht ist Philosophie für einen
Ehemann just nicht so notwendig. Ich dächte, wirklich zur Leibes
Nahrung und Notdurft gehört sie nur bei solchen, die entschlossen sind,
allein durch’s Leben zu gehen. Ihnen muß sie jene Stütze ersetzen,
die in der Ehe einer dem andern liefert. Sie muß der Einsamkeit ihren
Stachel nehmen und muß lehren, den Gedanken an einsames Sterben nicht
zu fürchten.“
„Meinen Sie nicht, daß sie noch höhere Zwecke zu erfüllen hat?“
„O, das ist nur die uns zugewandte, beschränkte Seite. Aber da ist noch
jene andere, uns abgewandte, auf die ganze Menschheit zugewandte Seite.“
Er brach ab und trat wieder zu dem Bücherschränkchen. Er nahm einzelne
Bände heraus und betrachtete sie fast zärtlich.
„Kant, Fichte, Schelling. Gerade meine Lieblinge. Und hier sogar der
göttliche Plato.“
„Haben Sie den auch gelesen?“ fragte Frau Lamondt eifrig.
„Ich habe die Morgenstunden eines ganzen Jahres auf diese Lektüre
verwandt. Es war eine erhebende Zeit.“
„Segelten Sie auch auf der hohen See des Schönen?“
Er nickte ihr freundlich, fast vertraulich zu, ohne zu antworten. Diese
Stelle aus dem „Gastmahl“ hatte ihm auch stets besonders gefallen.
„Ich sehe mit Vergnügen, daß der Pessimismus hier nicht vertreten ist.“
„Nein,“ antwortete sie schnell, „der Pessimismus hat hier keinen Platz.
Ich glaube an die Menschheit und an ihre Ideale als an mein Evangelium.
Ich kenne kein höheres Evangelium.“
„Ja, was wäre das Leben ohne diese höchsten Ziele, ohne diese Ideale.
Sie sind das menschlichem Verstand faßbar gewordene Göttliche in uns,
wenn wir die Höhe dieser Ideale fühlen.“
Ein merkwürdiges Leben begann in den Augen der Frau ihm gegenüber
aufzuleuchten. Er sah es und dachte: „Sie ist der Philosophie wahrhaft
ergeben. Wie selten!“ Er wußte, daß die meisten, Männer wie Frauen, mit
der Philosophie nur kokettieren.
In dem trat Lamondt ein.
Er war nie schlechter Laune, aber heute war er offenbar besonders
heiter. Er drückte dem Freunde noch mal die Hand. „Willkommen in meinem
neuen Heim,“ sagte er treuherzig. „Wenn Du wüßtest, wie viel Glück
unter diesem Dach wohnt.“ Es schien ihn etwas wie Rührung übermannen
zu wollen und schnell in einen burschikosen Ton überschnellend rief er
aus:
„Savade, alter Junggeselle! Warum heiratest Du nicht!“ Damit trat er
auf sein Weib zu und küßte sie. Plötzlich sah er sie genauer an!
„Na nu, Tutti, Du hast ja heute mal ordentlich Farbe. Woher kommt denn
das?“
Wie geärgert wandte sie sich etwas zur Seite.
Savade antwortete statt ihrer: „Wir haben uns über Philosophie
unterhalten, etwas lebhaft.“
Lamondt lachte lustig. „O, nun wird mir alles klar! Also immer noch das
alte Steckenpferd.“
„Lamondt,“ fiel Savade mit künstlicher Ernsthaftigkeit ein, „versündige
Dich nicht an der heiligen Philosophie.“
„O, ich weiß! Du gehörst ja auch mit zur Gilde. Nun, schon gut, alter
Freund. Im übrigen sehe ich, ist das Essen fertig. Aber,“ unterbrach er
sich schnell, „hast Du denn schon unser Mädchen gesehen?“
Savade verneinte.
Lamondt sah lachend seine Frau an: „Vor Philosophieren keine Zeit
gehabt.“
Er klatschte in die Hände, und nach einem Weilchen trat die Wärterin
ein, das Kind an der Hand führend. Lamondt nahm die Kleine in die Arme
und herzte sie, als ob er einen langen Durst stillen müßte. Jubelnd
schwenkte er sie hin und her und hielt sie dem Gast dicht vor’s
Gesicht. „Da, sieh’ mal Du! Ist das noch nichts?!“
Savade versuchte zu schäkern, aber das Kind wandte sich ab. „Sie ist
etwas scheu“ sagte Frau Lamondt entschuldigend.
Nachdem man sich zu Tisch gesetzt hatte, begann Lamondt:
„Wundere Dich nicht über unseren einfachen Tisch. Es geschieht auf
Wunsch meiner Frau. Und ich füge mich, wie immer.“ Er klopfte ihr
kosend auf die Hand, „Du mußt wissen, sie hieß schon als Mädchen unter
ihren Gespielinnen der spartanische Jüngling.“
„Ich freue mich schon auf die schwarze Suppe,“ rief Savade lustig.
„Nun, so schlimm kommt es nicht. Aber Du wirst ja sehen.“
„Was können Sie zu Ihrer Verteidigung vorbringen, gnädige Frau?“
Frau Lamondt erwiderte lächelnd:
„Zweierlei kann ich vorbringen. Erstens liebe ich diese holländische
Manier nicht, bei einer Mahlzeit, die man mit dem harmlosen Wort
‚Reistafel‘ bezeichnet, Eier-, Fleisch- und Fisch-Speisen schwersten
Kalibers auf einander zu häufen, so daß man schließlich nicht mehr von
‚Reistafel‘, sondern nur noch von ‚Fleischtafel‘ reden kann. Zweitens
halte ich Essen für ein notwendiges Übel, für eine Last. Und welcher
verständige Mensch sucht nicht das Vergnügen. Ich denke aber, am
leichtesten ist das Vergnügen zu vermehren durch Verminderung unser
Lasten und Unannehmlichkeiten.“
„Sie wären der Freundschaft Epikurs wert, gnädige Frau.“
„Und Sie, mein Herr, fürchte ich, wären ihrer nicht wert, weil Sie
schmeicheln.“
„Nicht doch, gnädige Frau! Was schmeichelhaft ist, muß nicht immer
Schmeichelei sein. Ihre Worte enthalten tatsächlich die Quintessenz
der epikuräischen Philosophie. Dieser seltene Mann machte es sich zur
Lebensaufgabe, der Lust nachzustreben, aber dadurch, daß er sich von
der Last aller unnötigen Bedürfnisse befreite. Der Lust wegen lebte er
von Brot und Wasser. Und wenn er etwas Käse dazu tat, so nannte er das
„Ein sich gütlich tun.“ Aber das war jene Lust, die mit der unsrigen
nur im Namen zusammenfällt.“
„Um Gottes willen, Savade, sei still!“ fiel Lamondt mit komischem
Entsetzen ein. „Wenn ich von jetzt ab Brot und Wasser bekomme und nur
an Sonn- und Feiertagen etwas Käse dazu, so weißt Du, wer schuld ist.“
Alle lachten.
„Wie schmeckt Dir das?“ fragte Lamondt, auf die gebratenen Eierpflanzen
zeigend, die so appetitlich aussahen und so prächtig dufteten.
„Vorzüglich! Es könnte den Appetit auf Fleisch benehmen.“
„Nicht wahr!“ fiel Frau Lamondt eifrig ein. „Das ist gerade das, was
ich immer sage, und Lamondt glaubt es nicht.“
„Liebste Tutti, was habe ich davon, wenn es riecht wie Fleisch, aber
kein Fleisch ist. Hast Du schon je von einem gehört, der sich vom
Bratenduft genährt hat? Aber Du brauchst nicht zu denken, Freund, daß
ich mich über unsere Küche beklage. Sie ist tatsächlich bekömmlich, und
wir finden jederzeit Leute, die fähig sind, ihr vorzustehen.“
Nach den Eierpflanzen kam der Reis, locker und weiß, in hochgehäufter
Schüssel. Dazu der Brotfrucht-Kurry. Den Nachtisch machten die Früchte:
Bananen, Mangos und Mangustinen, jene köstlichste Tropenfrucht, die das
Auge und den Gaumen in gleicher Weise entzückt.
„Das schmeckt wie parfümierter Schnee“, meinte Savade, während er
sorgsam die schneeweiße Frucht aus ihrer purpurnen Schale nahm.
„Ja, es ist eine herrliche Frucht. Und doch geht mir ein ganz feiner
Mango über die Mangostine.“
„Java ist ein gesegnetes Land,“ fiel Frau Lamondt ein. „Es ist das
Paradies der Vegetarier. Es ist so leicht hier, naturgemäß zu leben.“
„Ja, für einen, der kein Kaffee-Geschäft hat,“ meinte Lamondt und
begann von seinen Sorgen und Lasten zu erzählen.
Nach beendeter Reistafel empfahl sich Savade, um am Abend zum Diner
wieder zu erscheinen. Am nächsten Morgen früh lief sein Schiff weiter
nach Samarang, Surabaya und dann in die Molukken-See. Batavia wurde
nicht wieder angelaufen. So galt es, die kurze Zeit des Beisammenseins
auszunutzen.
Er fuhr mit der Bahn zurück zum Tandjong Priok, um auf seinem Schiff
Toilette für den Abend zu machen. Nach Batavia zurückgekehrt hielt
er nach einer Gärtnerei Umschau, um den üblichen Blumenstrauß für die
Dame des Hauses zu erwerben. Das war aber in Batavia leichter gesagt
als getan, weil hier jeder seinen Privat-Garten besitzt. Endlich wies
man ihn in die Chinesenstadt. Sein Riksha-Kuli wußte hier Bescheid. Er
setzte ihn in einer Straße ab, in der einige Chinesen-Weiber dürftige
Sträußchen feil hielten. Für ein Paar Cent erstand er eines, froh
überhaupt etwas bekommen zu haben.
Als er gerade mit dem Handel beschäftigt war, bat ihn ein grauhaariger
Chinese, ein Krüppel, um eine Gabe, indem er sich schweigend in
ehrfurchtsvoller Weise verneigte. Savade aber sah über ihn hinweg,
nur in seinen Kauf interessiert. Es war sonst nicht seine Art, einen
Bettler vergeblich bitten zu lassen. Erst als er schon wieder ein
Weilchen in seiner Riksha saß, kam ihm plötzlich dieser bescheidene
Alte wieder vor Augen. Er erschrak innerlich. „So habe ich für
diesen stillen Bettler nicht eine Kupfermünze übrig gehabt“ sagte er
mißbilligend zu sich selber. Er behielt ein unbehagliches Gefühl, bis
er an Lamondt’s Villa anlangte.
Nach dem Diner, als sie draußen in den bequemen indischen Langstühlen
saßen, kam das Gespräch wie von selber wieder auf die Philosophie. Denn
Philosophie, entgegen anderen Wissenschaften, faßt den ganzen Menschen,
und jede Regung ist bei einem solchen nichts als eine Anregung zum
Philosophieren. Wahre Philosophie ist wie die Natur. Sie erlaubt von
jedem Punkt aus den Eintritt.
So standen Frau Lamondt und ihr Gast bald mitten in diesem Thema, ohne
zu wissen, wie sie hineingeraten waren. Man merkte, diese beiden waren
sich gegenseitig wie Stahl und Feuerstein. Einer schlug Funken aus dem
andern.
Der jungen Frau war, als ob eine geistige Spannkraft, die seit Jahren
in ihr angehäuft lag, sich nun wie in Blitzschlägen entlüde. Sie hatte
vielleicht nie im Leben ein Gefühl so völliger Befriedigung gehabt. Sie
hatte die Empfindung einer wunderbaren Erhabenheit, von der sie nicht
wußte, ob sie in ihr ruhte, oder als etwas von außen kommendes sie
umwehte. Sie erschrak förmlich, als Savade sagte: „Es ist aber schon so
spät. Wir müssen abbrechen.“
Lamondt, der inzwischen verschiedene Zigarren geraucht und sich meist
schweigend verhalten hatte, meinte:
„Ich glaube auch, es ist Zeit, daß Ihr in dieser Tonart aufhört. Im
übrigen ist es schändlich, daß Du nicht mal eine Nacht in meinem Hause
bleiben kannst.“
„Es geht nicht, Lamondt. Unser Schiff dampft um 4 Uhr früh ab. Wie soll
ich da zum Hafen hinunter kommen.“