fort. Er bekannte sich als eifrigen Verehrer der Neu-Platoniker,
insonderheit des Plotin. Dessen Satz „~ta panta hen~“ war für den
Alten Weltanschauung und Religion in einem. Mit Geist und Gelehrsamkeit
entwickelte er die Fäden, die sich in diesem Pantheismus von Indien
her zu uns hinüberziehen. Er ging sogar soweit, diesen Gedanken als
den eigentlichen, tiefsten Jesus-Gedanken zu erklären, wohingegen das,
was wir jetzt als Christentum haben, vielmehr Paulinisches Machwerk
sei. „Es ist mir ganz gleichgültig,“ meinte er im Lauf des Gesprächs,
„ob Jesus bei indischen Weisen in die Schule gegangen ist. Tatsache
ist, daß sein Denken zum Pantheismus hinneigt, wie ja schließlich
jeder Feinfühlende von der intellektuellen Rohheit des Monotheismus
sich abgestoßen fühlen muß. Sicherlich hat das Christentum einen bösen
Tausch damit gemacht, daß in der christlichen Theologie nicht mehr
Christus, sondern Paulus der Führende war -- statt eines natürlichen
Gefühlsmenschen ein finsterer Fanatiker, dessen Temperament nicht vom
Herzen, sondern vom Kopf ausgeht. In seinen widersinnigen Deduktionen
steckt schon die Wurzel jener späteren Scholastik, zu welcher die
ursprüngliche Jesus-Lehre nie die Möglichkeit gegeben hätte.“
Ich sah bei diesen scharfen Worten zur Tochter hinüber, um mich über
den Eindruck, den diese Äußerung auf sie machte, zu vergewissern.
Der Alte bemerkte es. Lächelnd sagte er:
„Sie dürfen nicht denken, daß meine Tochter über solche Reden
erschrickt. Sie gehört zu den weiblichen Wesen, welche denken. Und
sobald man anfängt zu denken, hat der persönliche Gott ausgespielt.“
Wieder blickte ich erwartungsvoll zu unserer Gefährtin hinüber.
Die schien die letzten Worte des Alten nicht zu hören. Sinnend sah
sie über den See hin; die kräftigen Lippen schienen einander kaum zu
berühren und glichen den sich öffnenden Kelchblättern einer Blume. Es
war, als ob sie auf etwas aus der Unendlichkeit her lausche. Ich hatte
nie ein reineres, schöneres Mädchengesicht gesehen.
Langsam, wie bei jedem Worte überlegend, sagte sie mit einer merkwürdig
klaren, wohllautenden Stimme, die etwas gesangartiges hatte:
„Ich denke immer, wenn es einen Gott gäbe, so müßte auch jedes Wesen es
wissen, aus sich selber wissen, und es könnte ein Zweifel überhaupt gar
nicht möglich sein. Diese Möglichkeit, an Gott zu zweifeln, ist eine
Tatsache, die mich immer wieder stutzig macht, über die ich gar nicht
hinwegkommen kann.“
„Wie tief Sie gedacht haben!“ sagte ich mit ehrlichem Staunen.
„Ich weiß nicht, was Sie ‚tief denken‘ nennen. Meinem Gefühl nach ist
es einer jener Gedanken, die so auf der Oberfläche liegen, daß allein
dieses der Grund sein kann, warum alles darüber hinweggeht.“
Nicht gewöhnt, meine Gefühle zu verstecken, sah ich ihr mit so
unverhohlener Bewunderung in die Augen, daß sie leicht errötete.
Mit diesem Moment schien es wie ein eisiger Reif auf unsere
Unterhaltung gefallen zu sein. Das Mädchen saß verstummt da; der Alte
sah plötzlich frostig und unnahbar aus. Hätte ich nicht vorher schon,
im Laufe des Gespräches erfahren, daß beide gleichfalls in Mailand
wohnten -- sie hatten einen der kleinen, mir wohlbekannten Vororte
genannt -- so würde ich jetzt wohl nichts mehr erfahren haben.
Ich merkte, daß es Zeit war, mich zu verabschieden. Ich war betroffen
über diesen plötzlichen Wechsel, den ich mir gar nicht erklären konnte.
Denn schließlich war es doch keine Beleidigung, wenn ein Mensch in
meiner Lebensstellung einem jungen Mädchen in Gegenwart ihres Vaters
zeigte, daß er sie bewundere.
Als ich um die Erlaubnis bat, ihnen in Mailand meine Aufwartung
machen zu dürfen, sagte das Mädchen nichts und der Alte gab seine
Zustimmung mit jener kühlen Reserve, die mich, hätte es sich um eine
rein konventionelle Höflichkeit gehandelt, sicher nicht bestimmt haben
würde, von der Erlaubnis Gebrauch zu machen. Da ich aber, gerade
herausgesagt, verliebt war wie noch nie in meinem Leben, so ließ ich
mich nicht beirren und ging mit dem festen Entschluß, beide in ihrem
Heim aufzusuchen.
Ich wußte nicht, wann sie abreisen wollten. Am nächsten Morgen spähte
ich deshalb überall umher, ohne etwas entdecken zu können. Sie mußten
schon in aller Frühe Sirmione verlassen haben.
* * * * *
Schon am Tage nach meiner Rückkehr nach Mailand -- länger ließ mir
meine Ungeduld keine Ruhe -- machte ich meine Aufwartung.
Sie wohnten draußen, in einer mir wohlbekannten Vorstadt. Das Haus,
nur klein, lag tief im Garten und war gegen die Straße durch eine hohe
weiße Mauer abgeschlossen. Das Ganze machte einen merkwürdig stillen
zurückhaltenden Eindruck, trotzdem es, im Grunde genommen, sich kaum
von den Nachbarhäusern unterschied. Aber wie es Persönlichkeiten
gibt, die, trotzdem sie den gleichen Rock tragen, wie andere,
doch zugeknöpfter aussehen als andere, so geht es auch mit den
Baulichkeiten; und die Fensterscheiben kommen mir allen Ernstes
manchmal vor wie Augen, die dem Hause einen gewissen Charakter geben.
Der Alte empfing mich freundlicher als ich erwartet hatte.
Er nahm mich gleich nach der ersten Begrüßung mit in seinen Arbeitsraum.
Hier sah es aus wie bei einem mittelalterlichen Alchymisten. Tigel,
Retorten, allerhand verschiedenfarbige Pulver und Flüssigkeiten standen
umher. Die eine Längswand nahm die Bibliothek, die andere eine Art
zoologischen Museums ein.
Im Laufe des Gespräches stellte sich heraus, daß es die Liebhaberei
des Alten sei, allerhand fremde Gifte herzustellen. Er nutzte alle
seine Beziehungen aufs eifrigste aus, um sich mit den nötigen Drogen
oder Tieren versehen zu lassen. Nicht ohne einen gewissen Stolz deckte
er einen Kasten in der Ecke des Zimmers ab, in welchem eine ziemlich
kleine, aber häßlich dickköpfige Schlange träge dahingestreckt lag --
eine javanische Giftschlange, deren Biß unrettbar und in kürzester Zeit
töte. Der Name klang mir so fremd, daß ich ihn völlig wieder vergessen
habe.
Der Alte war selbst früher Arzt gewesen, hatte aber die Praxis seit
vielen Jahren aufgegeben, war lange im Orient gewesen und lebte jetzt
nur seinen Privatstudien. Nach dem ganzen Eindruck, den ich von dem
Hause empfing, mußte er begütert sein.
So interessant alles dieses sonst für mich gewesen wäre, heute hörte
ich nur mit halbem Ohr. Von derjenigen, deretwegen ich gekommen war,
ließ sich nichts weder sehen noch hören, und der Alte schien gar nicht
zu wissen, daß er eine Tochter habe.
So heuchelte ich Interesse, um die Zeit hinzuziehen, auch jenen toten
Punkt in der Unterhaltung zu vermeiden, der mich genötigt haben würde,
mich zu verabschieden.
Endlich ertönte die Hausglocke. Der Alte horchte auf und sagte:
„Sicherlich meine Tochter. Sie wird sich freuen, Sie wiederzusehen.“
Damit ging er mir voraus in den Salon, ein ziemlich großes Zimmer, aber
mit jener altmodischen Eleganz eingerichtet, die nur in bestimmter
Umgebung sympathisch wirkt.
Nach einem Weilchen trat Vera -- das war ihr Name -- ein. Trotz der
feinen Zurückhaltung, mit der sie mich begrüßte, fühlte ich, daß ich
angenehm sei.
Die nun folgende Zeit ist, nach weltlichem Maßstab gemessen, fraglos
die schönste meines Lebens. Denn so lange der Mensch nicht richtig
denken gelernt hat, ist er ja gewohnt, „Schönstes“ nur das durch die
Liebe verschönte zu nennen.
Meine Besuche wiederholten sich, wurden immer häufiger und entgegen
meiner ursprünglichen Erwartung, hatte ich gar keine Schwierigkeiten
Vera zu treffen, ja selbst mit ihr allein zu sein. Manchmal kam es
mir vor, als ob der Alte sich absichtlich zurückzöge. Es kam mir dann
freilich auch vor, als ob Vera hiernach für eine ganze Weile noch
ernster wäre, als sie es für gewöhnlich schon war.
Trotz Wahrung strengster Sitte in jedem Wort, in jedem Blick, waren
wir doch bald in einen Zustand von Vertraulichkeit geraten, in
dem keiner dem anderen aus seiner Liebe ein Hehl machte. Und doch
fühlte ich zu meinem Befremden immer wieder, daß Vera jedem direkten
Annäherungsversuch auswich.
Da ich annahm, daß es eine natürliche, unüberwindliche Schüchternheit
ihrerseits sei, die ich freilich bei einer geistig so hochstehenden
Persönlichkeit nicht begreifen konnte, so entschloß ich mich
schließlich, beim Vater um sie anzuhalten.
Zufällig war es der Charfreitags-Tag, als ich zu meinen Freunden
hinausfuhr. Da ich wußte, daß beide nie zur Kirche gingen, so war ich
sicher, sie gerade heute zu Hause zu treffen.
Während ich sprach, war es, als ob der Alte noch gerader und größer
wurde. Jede Muskel seines verwitterten Gesichtes schien zu erstarren.
Ohne mich anzusehen, den Blick fest auf die gegenüberliegende Wand
gerichtet, hörte er zu und als ich schwieg, sagte er mit einer Art
maschinenmäßiger Ruhe:
„Mein junger Freund, es ist das bei uns nicht so, wie es sonst zwischen
Vater und Tochter ist, ich meine so, daß der Vater einfach die Hand der
Tochter vergeben könnte. Da müssen Sie meine Tochter selber fragen.“
Damit brach er so plötzlich ab, daß ich nichts erwidern konnte als:
„Gut, so will ich das tun.“
Als ich gleich darauf Vera gegenüberstand und ihr sagte, worum es sich
handele, wurde sie totenblaß. Fast weinerlich sagte sie:
„Mein Gott, mein Gott, was soll das nur geben? Ich habe es ja kommen
sehen, aber jetzt -- was soll das nur geben!“
Trotz ihrer Aufregung mußte sie mein Befremden fühlen. Plötzlich sagte
sie:
„Setzen Sie sich. Ich muß Ihnen das alles erzählen.“
Sie nahm mir gegenüber Platz und blickte mit eng zusammengezogenen
Brauen starr vor sich auf den Boden. Nach einem Weilchen begann sie:
„Ich bin nicht die rechte Tochter. Mein Vater heiratete schon als
älterer Mann meine Mutter sozusagen von der Straße weg -- wegen ihrer
Schönheit.
Gleich nach der Verheiratung merkte er aber, daß sie bereits ein Kind
unter dem Herzen trug. Er wollte sie im ersten Zorn sofort verstoßen,
ließ sich dann aber durch die inständigen Bitten meiner Mutter bewegen,
sie bis nach ihrer Entbindung bei sich zu behalten. Dann wollte er
selber in den Orient gehen, wo er schon vorher lange Jahre gelebt
hatte, meine Mutter aber sollte in ihre Heimat zurückkehren.
Mein Vater hielt sich während dieser ganzen Zeit völlig fern von meiner
Mutter. Nach der Entbindung aber mochte wohl das natürliche Mitgefühl
ihn übermannt haben. Am Morgen war ich geboren. Gegen Abend, so
erzählte mir später meine Mutter, trat er in das Krankenzimmer, blieb
nachdenklich neben dem Bettchen stehen, in dem ich gerade lag, und
spielte mit meinen zur Faust zusammengekniffenen Fingerchen.
Dabei geschah es, daß ich seine Finger umklammerte und nicht wieder los
ließ.
Die Wärterin lachte laut auf vor Vergnügen und rief zur Mutter hinüber:
„Seht doch, seht doch, sie hält den Herrn fest!“
Meine Mutter lachte mit und auch mein Vater soll dabei zum ersten Mal,
seit ihn der schwere Schlag mit meiner Mutter getroffen hatte, wieder
gelächelt haben.
Seit dem kam er alle Tage und spielte mit mir. Vom Wegschicken meiner
Mutter war keine Rede mehr. Aber nachdem ich entwöhnt war, ließ er sie
einst zu sich in sein Zimmer rufen und eröffnete ihr, daß es jetzt an
der Zeit für sie sei, das Haus zu verlassen, daß er aber gern mich an
Kindesstatt annehmen möchte. Träte sie mich ihm bedingungslos ab, so
wolle er ihr eine Summe anweisen, durch welche sie für ihr ganzes Leben
sicher gestellt sein würde; außerdem solle sie die Erlaubnis haben,
mich hin und wieder zu besuchen.
Da beging meine Mutter das, was mir lange Zeit hindurch ganz
unbegreiflich erschienen ist: Sie gab alle ihre Mutterrechte dahin und
ich wurde die Tochter meines Vaters.
Freilich muß ich zur Entschuldigung meiner Mutter sagen, daß ich
gleichfalls sie leicht hingegeben habe. Von der ersten Zeit an, wo ich
anfing zu denken, gehörte ich schon ganz meinem Vater. In einem Alter,
in dem andere Mädchen vielleicht noch mit Puppen spielen, fing ich
schon an, eigenes Interesse für seine geistigen Interessen zu haben. So
entspann sich eine Seelengemeinschaft zwischen uns, wie sie zwischen
Mann und Weib nicht größer sein kann. Tatsächlich fühlte ich auch schon
sehr früh, daß ich hier meine Mutter ersetzen sollte und mußte. So bin
ich freilich nie Kind gewesen, aber mir ist auch, als ob ich nie alt
werden könnte.“
Schon im Aussprechen dieser letzten Worte schien ihr der Doppelsinn
derselben zu Bewußtsein zu kommen und mich mit einem halben Lächeln
ansehend, sagte sie:
„Ich meine nicht so, als ob ich früh sterben müßte, wiewohl -- doch das
sind Phrasen -- ich will damit nur sagen: Meine stets wachen, geistigen
Interessen werden mich vor dem Altwerden schützen.“
Aber plötzlich kam dieser jammervolle Zug wieder in ihr Gesicht. Mit
demselben halb weinerlichen Ton begann sie:
„Was nun aber! Mein Gott, was nun! Ich bin ja mit meinem Vater
verbunden enger als durch die Fessel einer Ehe. Er wird verbluten, wenn
ich mich von ihm reiße.“
Ich war grausam genug, hinzuzufügen:
„Und ich fürchte, Sie selber auch.“
Sie sah mich an mit einem Blick wie ein verwundetes Reh. Erschüttert
stürzte ich vor ihr auf die Kniee nieder und ergriff ihre Hand, die sie
mir willenlos überließ. Als ich aber, überwältigt von Leidenschaft, sie
umarmen wollte, wich sie entschlossen zurück und sagte in einem Ton,
der keinen Widerspruch ertrug:
„Gehen Sie jetzt! Ich kann Ihnen nicht das Recht geben, mich zu
berühren.“
So ging ich denn.
In der hierauf folgenden Zeit wurde ich von den widerstreitendsten
Empfindungen hin- und hergezerrt. Mir war klar, daß ich derjenige von
den Dreien war, von dem allein die Lösung des unerträglichen Zustandes
ausgehen konnte. Ich fühlte wohl, wie verwerflich es war, an einem so
zarten, innigen Bande zu zerren, wie es diese beiden Menschen verband.
Die natürlichen Gefühle, welche die Jugend zur Jugend ziehen, verbanden
mich mit Vera. Aber ich hatte zu viel erlebt, zu viel gedacht, um
selbst im Stadium höchster Verliebtheit mir nicht darüber klar zu
sein, daß diese Gefühle wohl einen Ersatz in ihrem Gegenstande erlaubt
hätten von meiner wie von Veras Seite, daß aber die Verbindung, wie sie
zwischen ihr und dem Alten bestand, unersetzbarer Natur war. Hundertmal
stand ich auf dem Punkte, den Verkehr mit den beiden abzubrechen, aus
ihrem Leben zu verschwinden, ebenso unmotiviert, wie ich hineingeraten
war, aber ich konnte nicht.
Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß bei diesem allem am meisten der
Gedanke mich quälte, ich könnte bei meinem nächsten Besuch überhaupt
nicht mehr angenommen werden.
Dieser Gedanke wurde mir schließlich ganz unerträglich. Ich wollte
noch einmal hingehen, mich sozusagen als Herr der Situation zeigen,
wenigstens vor mir selber, und dann, vielleicht mit besserem Erfolge,
wieder den Kampf gegen meine Liebe, oder besser, gegen meine
Sinnlichkeit aufnehmen.
Etwa eine Woche, nachdem obiges sich ereignet hatte, fuhr ich wieder
zur Villa der beiden hinaus, aber als ich in die Nähe des Hauses kam,
wurde ich bei dem Gedanken, vielleicht an der Tür abgewiesen zu werden,
so aufgeregt und unsicher, daß ich, ohne einen Versuch gemacht zu
haben, wieder nach Hause fuhr.
Schon hieraus hätte ich mir sagen müssen, daß es mehr Eigenliebe als
wirkliche Liebe war, die mich peinigte. Aber diese ganze Zeit mit ihrem
Hangen und Bangen diente nur dazu, um mich in eine Art von Ingrimm
gegen den Alten hineinzuleben. Es kam mir unnatürlich, unerhört vor,
daß dieser alte Stamm sich dieses junge Reis aufgepfropft hatte und
aus diesem Ingrimm heraus fand ich schließlich den Mut, eines Sonntags
wieder an der Tür des Landhauses draußen anzuklopfen.
Zu meinem stillen Erstaunen empfing mich die Dienerin wie immer.
Nachdem ich ein kurzes Weilchen im Salon gewartet hatte, trat Vera ein.
Sie sah so rührend schön aus, daß ich am liebsten vor ihr niedergekniet
wäre. Heute weiß ich, daß es die durchsichtige Blässe und Magerkeit
ihres Gesichts war, die diesen anbetungswürdigen Eindruck machten. Sie
mußte viel gelitten haben in diesen Wochen. Sie begann sofort:
„Wie gut ist es, daß Sie endlich kommen. Ich muß sie durchaus sprechen,
mochte Ihnen aber nicht schreiben. Sehen Sie,“ fuhr sie mit einer Art
verhaltener Heftigkeit fort, „es ist ja nun einmal so die Sitte, daß
der Mann dem Weib die Liebe gesteht. Aber weshalb soll ein Weib, das
sich reif dazu fühlt, nicht auch einmal dem Manne die Liebe gestehen!
Ich fühle mich reif dazu. Sie wissen ja auch, daß ich Sie liebe. So
gestehe ich denn frei: Ich liebe Sie, so daß ich, vorläufig wenigstens,
nicht sehe, wie ich ohne Sie leben soll. Aber was das merkwürdige ist:
Das Band zu meinem Vater ist dadurch nicht im mindesten gelockert. Ich
weiß nicht, wie es möglich ist; ich kann nur sagen: Es ist so. Sie
sagen: ‚So wollen wir alle drei zusammenleben.‘ Ich weiß nicht, warum
nicht. Ich weiß auch hier nur, es geht nicht. Ein Ganzes läßt sich eben
nicht teilen.“
Sie schwieg ein Weilchen und hielt die Lippen fest aufeinander gepreßt.
Dann fuhr sie leise fort, während ihre Finger fast gewaltsam die Quaste
des Sessels bearbeiteten:
„Sie sagen: ‚Wir sind jung, mein Vater ist alt.‘ Dieser unselige
Gedanke ist mir auch gekommen und seitdem bin ich mein eigener Herr
nicht mehr. Seit dieser Gedanke in mir geboren wurde, weiß ich, alles
ist verloren, für immer verloren. Jeder Genuß, auch der reinste wäre
mir vergiftet durch den Gedanken: ‚Du hast auf seinen Tod gewartet, um
der Lust folgen zu können.‘ Liebster Freund, so ist es! Es gibt eben
Verhältnisse, die mächtiger sind wie wir. Sie werfen uns die Schlinge
über den Kopf, und wo wir entfliehen wollen, da schnüren wir uns nur
ärger ein. Warum sie da sind? -- Ich weiß es nicht und Sie gewiß auch
nicht. Genug: sie sind eben da und wir müssen uns fügen. Ich habe mich
völlig gefügt. Mein Vater weiß, daß ich ihm verloren bin, und ich weiß,
daß ich mir selber verloren bin. Sie glauben nicht, wie müde der Mensch
werden kann in kurzer Zeit, wenn das Gehirn Tag und Nacht mahlt wie ein
Paar Mühlsteine und nichts zu verarbeiten bekommt als nur Steine und
wieder Steine.“
Wie ich dieses alles mit anhören konnte, ohne ihr brennenden Herzens
zu Füßen zu stürzen, ihr zu sagen: „Ich will freiwillig zurücktreten,
ich kann es!“ das ist mir heute unbegreiflich. Ich schaudere bei dem
Gedanken, daß vielleicht lediglich die Eigensucht es gewesen sein
könnte, die mich davon abgehalten hat. Wie ein verstockter Sünder blieb
ich schweigend sitzen und ließ dieses edle Herz sich ausbluten bis zum
letzten Tropfen.
Ich verabschiedete mich nach kurzer Zeit mit dem unbehaglichen Gefühl,
die unglücklichste Rolle meines Lebens gespielt zu haben. Es ist, als
ob manchmal alles wahre Gefühl, alle Herzlichkeit im Menschen unter
Schloß und Riegel gelegt wäre.
Den Alten sah ich an diesem Tage gar nicht.
Die nächsten Tage verlebte ich in einer Art innerer Verdrossenheit, ob
aus Unzufriedenheit mit mir selber -- ich weiß es nicht.
Nach vier oder fünf Tagen erhielt ich mit der Frühpost einen Brief von
Vera. Ich öffnete ihn, zu meiner Schande muß ich gestehen, ahnungslos
und las folgendes:
„Lieber Freund! Geliebter! Daß ich entschlossen war, dieses Leben zu
verlassen, sagte ich Ihnen indirekt schon bei Ihrem letzten Besuche.
Ihre gedrückte Stimmung bewies mir, daß Sie mich verstanden hatten.
Erst heute Abend hatte ich Gelegenheit, das Fläschchen, dessen ich dazu
bedarf, aus dem Laboratorium meines Vaters zu entwenden. Ich werde es
heute beim Schlafengehen nehmen. Deswegen schreibe ich jetzt. Morgen
früh wird man mich tot im Bett finden. Ich bitte Sie also, sofort nach
Empfang meines Schreibens zu uns zu eilen, um die nötigen Formalitäten
vorzunehmen. Ich bitte Sie herzlich um Verzeihung, daß ich Ihnen dieses
Opfer abverlange. Aber die Rücksicht auf meinen Vater zwingt mich. Ein
fremder Arzt könnte Schwierigkeiten bereiten, vor denen ich für meinen
Vater schaudere.
„Lieber Freund, betrüben Sie sich nicht zu sehr. Bemessen Sie auch
Ihre Schuld nicht zu hoch. Wie ich Ihnen meine Liebe gestanden habe,
so gestehe ich Ihnen auch offen: Es ist nicht diese Liebe, die mich
aus dem Leben treibt, es ist das rettungslos und für immer zerstörte
Verhältnis zu meinem Vater. Ich +kann+ es nicht mehr ertragen. Ich
weiß, er würde von Herzen gerne gehen, mir zu Liebe. Aber er wagt es
nicht, mir zu Liebe. So tue ich es ihm zu Liebe. Es ist der einzige
Weg, mich ihm wiederzugeben und für mich so leicht, so beschämend
leicht nach allen diesen schrecklichen Lebenstagen. Ich sehe hier
niemanden, der eine Schuld hat, niemanden, der ein Verbrechen begangen
hat. Das einzige Verbrechen bleibt schließlich -- Mensch zu sein.
Leben Sie wohl und erfüllen Sie meine Bitte, wenn Sie je geliebt haben.
Ihre Vera P.“
Von dem Moment, wo ich diesen Brief las, bis zu dem Moment, wo ich
vor dem Bette Veras stand, ist alles meinem Gedächtnis entschwunden.
Wahrscheinlich ist es auch überhaupt nie darin gewesen. Ich muß wie
sinnlos davon gestürzt sein.
Vor dem Bett kniete der Alte.
Bei meinem Eintritt erhob er sich schwerfällig. -- Gott und Vater!
Alles erdulden, alle Qualen der Hölle leiden, nur nicht noch einmal in
die trocknen Höhlen dieses Greises sehen! Wie kann nur ein Mensch dem
andern so schrecklich werden!
Mechanisch nahm ich die Formalitäten vor, die mein ärztlicher Beruf
in diesem Falle vorschrieb. Der Tod war offenbar schon am Abend
eingetreten.
Nachdem ich die haltlos weinende Dienerin mit den nötigen Anweisungen
aus dem Hause geschickt hatte, verließ ich das Sterbezimmer in der
Meinung, daß der Alte mir folgen und mir einige Angaben machen würde.
Bisher war er völlig lautlos geblieben. Aber statt mir zu folgen, ließ
er sich schwer wieder am Bette der Toten nieder und ich stand allein im
Nebenzimmer.
Mir war, als müßte ich etwas zu dem Alten reden, irgend etwas über die
Tote. Aber ich fühlte auch, daß es mir jetzt, wo ich meine Pflicht als
Arzt erledigt hatte, ganz unmöglich gewesen wäre, noch einmal auch nur
die Tür des Sterbezimmers zu öffnen.
Wenn Schuld überhaupt gebüßt werden kann, so muß ich durch die Qualen
dieser totenstillen Stunde, die verfloß bis zur Rückkehr der Dienerin,
viel gebüßt haben. Hätte ich dieses alles länger aushalten müssen, ich
glaube, ich wäre im Wahnwitz in das Sterbezimmer gedrungen und hätte
den Alten gewaltsam von der Leiche gezerrt. Dieses schweigende Stück
Leben hinter der geschlossenen Tür! Diese blicklosen Höhlen, die mich
anstarrten, wohin ich mich wenden mochte! Schrecklich, schrecklich!
Meinen Beruf habe ich seitdem nicht wieder aufgenommen. Ich habe
überhaupt gar nicht an die Möglichkeit gedacht. Sofort nachdem ich zu
Hause angekommen war, packte ich das notdürftigste in eine Handtasche
zusammen und reiste sofort ab. Ich ging in die Alpen.
Es war damals eine einzige Idee, die mich beständig quälte und mich
fast zum Wahnsinn brachte, die Idee: „Es muß doch einen Zweck haben,
wenn der Mensch derartiges leidet.“
Manchmal war mir, als ob ich jemanden auf der Straße anhalten, ihn
fragen müßte: „Weißt du, warum du leidest, warum du dich freust? Weißt
du überhaupt, warum du da bist?“
Denn hat es einen Zweck, daß man derartiges leidet, so muß es doch auch
einen Zweck haben, daß man da ist.
Hat es aber einen Zweck, daß man da ist, so muß man doch von einem
Gott auf seinen Platz gestellt sein. Ist man von Gott auf seinen Platz
gestellt, so müßte man doch auch in ihm stets einen letzten Rückhalt
haben.
Aber ich nehme meinen Fall. Ich stelle mir vor, ein Gott sagte: „Dir
ist diese deine Sünde vergeben“ oder: „Hinab mit dir in die unterste
Hölle! Das edelste Wesen hast du gemordet durch deine Selbstsucht --
sei verdammt für immer!“ Das eine wäre so nichtssagend für mich wie das
andere. Deswegen bliebe doch alles wie es ist. Im allerletzten Grunde
bin ich ja doch mir selber verantwortlich.
Ist aber der Gott gerade da, wo es darauf ankommt, nutzlos, weshalb
sich dann mit diesem transzendenten Ballast schleppen? Weshalb
schleppen andere sich mit ihm? Weshalb schleppt im Grunde genommen
alles sich mit ihm? Denn der Philosoph, der über ein Transzendentes
spekuliert, glaubt ja genau so, wie der Kirchengläubige, mag er sein
Transzendentes auch mit den geistreichsten und unverfänglichsten Namen
benennen.