An Ort und Stelle machte sich der Alte sofort mit den beiden ans Werk.

Es schien ihm nicht daran gelegen zu sein, den Schwiegersohn jetzt bei

sich zu haben.

„Nimm die Gegend in Augenschein, derweil ich mit den Leuten rede,“

sagte er.

Das war dem schon recht. Er schlenderte gemütlich um den weiten

See. Große Strecken waren entsumpft worden und harrten wieder ihrer

Bestimmung. Dieses wüste Gebiet, welches heute die ganze Nordhälfte

der Insel einnimmt, war früher unter den buddhistischen Königen die

Kornkammer Ceylons und von Millionen bevölkert.

Die Abendmahlzeit nahmen beide gemeinschaftlich im Rasthaus ein. De

Soysa war in bester Laune. Er berichtete über die Abmachungen, die

er getroffen hatte. „Lies nur!“ Damit breitete er seine Papiere vor

Wijasingha aus.

Der begann den Inhalt zu studieren, erst nur so obenhin, allmählich

aber wurde er aufmerksam. „Vater,“ sagte er endlich, „wovon sollen denn

aber die armen Leute leben? Sie müssen Dir ja alles geben.“

Der sah ihn eine Weile sprachlos an, dann sagte er: „Hab’ ich denn die

Leute gezwungen, solche Abmachungen zu treffen? Hab’ ich ein Recht,

eine Gewalt, sie zu zwingen? Wenn ich mein Geld arbeiten lasse, so gut

ich kann und für meine Familie sorge. -- Aber was sag’ ich! Ich sorge

ja garnicht für mich. Ich lasse ja Dein Geld arbeiten. Zum ersten Mal

in meinem Leben lasse ich mir einen Profit entgehen und gleich habe ich

meinen Lohn. Es geschieht mir schon recht, mir altem Narren. Das kommt

davon, wenn man mehr für andere sorgt, als für sich selbst.“

Je mehr er redete, um so heftiger wurde seine Stimme. „Überhaupt sage

ich Dir, es ist ein Unterschied, ob man als Einzelner durch die Welt

geht, oder ob man eine Familie hinter sich hat. So lange Du einzeln

bist, magst Du tun und lassen, was Du willst, ja Du magst, wenn es Dir

so beliebt, Dich in einen Winkel setzen und freiwillig verhungern.

Hast Du aber Weib und Kind, so sind die Zeiten vorbei. Da heißt es:

Rühr’ Dich von früh bis spät! Willst Du denn, wenn Du mal stirbst, daß

Dein Weib trägt und Deine Kinder Karren ziehen! In der Ehe pfeift ein

scharfer Wind, Freund. Ich weiß, Du hast allerhand Flausen im Kopf. Die

Worte des Buddha sind nicht dazu da, daß man mit ihnen durch dick und

dünn geht. Wer das will, der darf sich nicht verlieben. Hörst Du, nicht

verlieben! Laß das, Sohn, ich meine die Kopfhängerei!“ fuhr er milder

fort. „Ich warne Dich ernsthaft.“ Damit packte er die Papiere zusammen

und verließ den Raum.

Wijasingha stand ein Weilchen regungslos, dann verließ auch er den Raum

und das Haus. Ihm war zumut wie einem Menschen, der morgens erwacht mit

dem Gefühl: Es ist etwas nicht in Ordnung mit Dir.

Wieder kam er zum See. Über den hohen Steindamm ging ein starker,

warmer Wind. Die Sonne hing tief, rings von glühenden Wolkenfetzen

umgeben. Fern auf dem Wasser lagen wunderbare Farben. Sie sahen aus wie

farblose Schatten, blickte man aber still hin, so entdeckte man das

schnelle Spiel von Gold und Violett. Er ließ sich unten am Steindamm

nieder. Er entledigte sich der Schuhe und tauchte die Füße leise ins

Wasser. Kosend kamen die Wellen. Er saß still und schaute und schaute.

Vergessen war alles. Ihm war wie einem, der seine letzte Arbeit getan

und nun ruhevoll vor seiner Hütte sitzt und dem Klang der Abendglocken

lauscht. O, du kühler seliger Abendfriede!

Ein einsamer Kranich durchfurchte stolz mit gebogenem Hals das Wasser,

eine lange Furche nach sich ziehend. Jene Stelle aus den Suttas kam ihm

in den Sinn: „Zweierlei Freuden, ihr Jünger, gibt es. Welche zwei? --

Die Freude des Familienlebens und die Freude des heimatlosen Lebens.“

Jetzt hörte er Laute über sich. Oben auf dem Damm ging ein junger

Mensch mit einem Mädchen. Beide taten zärtlich zueinander und sahen ihn

nicht. Der junge Mensch sang dem Mädchen eine Melodie vor, die diese

versuchte nachzusingen, aber immer falsch. Er wiederholte unverdrossen,

nur unterbrochen durch die Liebkosungen des Mädchens.

Die Szene erschien unserm Wijasingha albern. Das Mädchen war nicht mehr

jung, offenbar älter als der Jüngling und begann schon korpulent zu

werden. „Nichts ist alberner als das Verliebtsein“ dachte er.

Plötzlich hörte er de Soysas Worte wieder: „In der Ehe pfeift ein

scharfer Wind.“ Wieder hatte er dieses unangenehme Gefühl eines, der

erwacht und weiß: Es ist etwas mit mir. „Wann war ich wohl besser

dran, jetzt wo ich als Schwiegersohn des reichen de Soysa hier sitze

oder damals, als ich als Karrenführer hier übernachtete und abseits

am Lagerfeuer saß, alle Sterne des Himmels über mir, das Glück des

Freiseins von Wünschen genießend. Damals war mir das Leben ein Ding

zum Schauen, ein Ding, von dem der Verständige weiß: Es ist ein Spiel.

Jetzt soll ich aufhören, Schauer zu sein. Jetzt soll ich selber

handeln, mich abmühen, mich drängen und stoßen lassen und für alle

Püffe danken als für ein Lehrgeld.“ Er zog die Mundwinkel nach unten

und bog den Kopf ein wenig zurück wie ein Kind, das eine widrige

Nahrung abweist.

„Weshalb aber das alles?“ Er meinte des Alten Worte zu hören: „Wer

das nicht will, der darf sich nicht verlieben.“ Mißmutig stieß er

einen Kiesel ins Wasser. Der zog seine Ringe, einen nach dem anderen,

immer weiter. Wijasingha blickte aufmerksam. „So folgt jeder Ursache

die Wirkung; so hat jede Tat ihre Folge, unausweichlich. Unterlaß die

Tat, so werden die Folgen ausbleiben. Andere Hilfe ist nicht. Meine

Tat ist die Liebe zu Lucia, ihre Folgen sind das Hasten und Mühen

des Familienlebens. Und nur des Familienlebens? Bin ich seit diesem

Glückstag schon einen Augenblick ganz ruhig, ganz glücklich gewesen?

Muß ich nicht auf jedes ihrer Worte, auf jeden ihrer Blicke achten! Ich

will, daß sie da redet, wo ich meine, daß geredet werden soll; daß sie

da schweigt, wo ich meine, daß geschwiegen werden soll. Rastlos läuft

mein Herz mit ihr wie ein Hündchen mit seinem Herrn. Eine mühevolle

Arbeit!“ Er schwieg gedankenvoll.

Die Sonne war verschwunden. Auf dem Wasser lag das eintönige Grau des

Abends.

Sie blieben noch einen Tag hier. Dann kehrten sie nach Kolombo zurück,

der Alte aufgeräumt, der Junge zerstreut und nachdenklich. Es war nicht

de Soysas Sache, durch anderer Stimmungen mit berührt zu werden. War er

guter Laune, so galt ihm als selbstverständlich, daß der andere es auch

war.

Wijasinghas erster Gang galt seiner Braut.

Er traf sie mit einem jungen Menschen im Gespräch, den Wijasingha nicht

leiden mochte. Es war ein eitler Bursche, von dem man wohl wußte, daß

er gleichfalls Absichten auf die schöne Lucia gehabt hatte, beiläufig

ein entfernter Verwandter und Namensvetter der Familie.

Als Wijasingha eintrat, lachten beide gerade lustig, verstummten aber

sofort.

Lucia sprang auf, um ihren Bräutigam zu umarmen; der aber meinte

grämlich:

„Wovon spracht Ihr denn gerade, als ich Euch unterbrach?“

„Aber,“ sagte Lucia, „wir sprachen von den Pferderennen.“

„Deswegen brauchtet Ihr doch nicht so plötzlich verstummen.“

„Aber -- sollte ich Dich denn nicht begrüßen?“

Sie lachte lustig und der junge de Soysa mit.

Wijasingha wollte auffahren. Plötzlich blieb sein Auge auf dem

lachenden Gesicht seiner Braut hängen. Er hatte sie in dieser etwas

spöttischen Weise noch nie lachen sehen und halb mit Staunen, halb mit

Schrecken sah er auf diesem blühenden hübschen Gesicht, der durch einen

haarfeinen Flaum etwas sammetartiges bekam, etwas weich nachgiebiges,

das ihn stets so entzückt hatte, die Züge des Vaters, des alten de

Soysa hervortreten.

Lucia war ein gutes Mädchen, wie sie durch ihr entschlossenes Warten

auf ihren Geliebten bewiesen hatte, aber tatsächlich vom Charakter

ihres Vaters, weder gewohnt noch befähigt, in anderen zu lesen.

Als sie daher das kühle, zerstreute Wesen ihres Bräutigams sah, wendete

sie sich ganz dem jungen de Soysa zu und Wijasingha saß schweigend

daneben, während die beiden miteinander scherzten.

Plötzlich war ihm, als ob alle Verdrossenheit, alle innere Gereiztheit,

aller Widerwille gegen de Soysa, aber auch alle Liebe gegen Lucia

dahinschwänden und nichts bliebe, als eine unwiederstehliche Neigung

nachzudenken.

Sein Auge lag sinnend auf den feinen Linien seiner Braut, aber weil die

Sinnlichkeit ihn verlassen hatte, so suchte er im Nachdenken dieses

Wesen da vor ihm gleichsam zu analysieren, in seine Bestandteile

aufzulösen. Es wurde ihm klar und klarer: „Das, was mich bisher in

einem Taumel gehalten hat, das wird in längerer oder kürzerer Zeit

dahin sein. Lohnt es sich, deswegen seine Ruhe und Unabhängigkeit

hinzugeben? Sind sie nicht auch Güter, ebenso süß wie die Sinnenlust?

-- Wenn ich das aber alles lasse, wofür lebe ich dann noch? -- Und

plötzlich: Wofür lebe ich überhaupt? Wofür leben die Menschen? Wozu ist

dieses alles?“

Ein plötzliches Staunen ergriff ihn, daß überhaupt etwas da sei und für

einen Augenblick durchzuckte ihn die Einsicht, gleichsam fühlbar, wie

jemand seine eigenen Glieder fühlt: Ist etwas da, kann es nie nicht

dagewesen sein; muß von Anfangslosigkeit her da sein. Ist es so, nun so

muß man eben dem Heiligen, dem vollkommen Erwachten folgen. Dann gibt

es ja kein anderes Ziel als das Aufhören, das Eingehen, das Verlöschen.

Indem trat der alte de Soysa ein und erfüllte mit seiner dröhnenden

Lustigkeit den ganzen Raum.

Wijasingha verabschiedete sich so bald es anging und noch am selben

Abend schrieb er an seine Braut sowohl wie an deren Vater, daß er

entschlossen sei, alle weltlichen Pläne fallen zu lassen und Mönch zu

werden.

Am nächsten Morgen in aller Frühe fuhr er nach Ratmalana hinaus, um

dort im „Kloster zum allervorzüglichsten Gesetz“ um Aufnahme zu bitten.

Während er aber in der weiten Vorhalle auf das Erscheinen des Abtes

wartend auf und ab ging, hörte er nicht das ruhevolle Rauschen

der Palmwedel, das nur +eine+ Melodie singt: „Laß fahren, es ist

nicht der Mühe wert!“, sondern er hörte vor seinem geistigen Ohre

die Stimme seiner Braut, er meinte sie vor sich zu sehen in ihrer

wollusterregenden Schönheit, die ganz Colombos Jugend in Bann hielt.

„Auf dich hat sie ein ganzes Jahr gewartet, während alles ihr zuflog.

Wonach andere sich hoffnungslos sehnen, das wirfst du Narr leicht von

dir.“

So sprang er, von seinen Empfindungen überwältigt, kurz entschlossen in

das draußen wartende Ochsenwägelchen, ohne den Abt abzuwarten, und fuhr

schnurstracks nach Colombo zurück, um womöglich gut zu machen, was noch

gut zu machen war.

Trotz seiner Angst vor dem Alten trat er entschlossen in die Vorhalle

und ließ sich vom Diener melden. Der aber kam sogleich mit der

Botschaft zurück, daß niemand zu sprechen wäre.

Da sah Wijasingha, daß alles verloren war und kehrte voller

Verzweiflung in seine Wohnung zurück. Was er vor einem Jahr mit Fassung

und Vernunft getragen hatte, das machte ihn jetzt fassungslos und halb

wahnwitzig.

Als er bei sich angekommen die leeren Räume betrat, überkam ihn solch

ein Ekel vor der Zwecklosigkeit des Lebens, daß ihm war, als ob es ihn

anröche. Und was er gestern aus wahrer Einsicht in die Natur des Lebens

tun wollte, das entschloß er sich nun, aus Ekel am Leben zu tun: Alles

aufzugeben und ins Kloster zu gehen.

Nach dem „Kloster zum allervorzüglichsten Gesetz“ zurückzukehren,

schämte er sich. So beschloß er, nach Kelanya zu gehen, wo ein

Verwandter von ihm schon seit Jahren als Mönch lebte.

Der Abt, der ihn kannte, nahm ihn gütig auf.

Als Wijasingha nun, nachdem er die Erlaubnis zum Eintritt erhalten

hatte, meinte, er wolle zurückfahren, um zu Hause erst alles zu ordnen,

erwiderte der Abt lächelnd, ob er nach seinem Tode denn auch nachsehen

wolle, ob beim Leichenschmaus alles gut geordnet sei?

Daraufhin blieb Wijasingha dort, so wie er war, übersandte nur seinem

Hausverwalter einige Anordnungen.

Nun hatte er freilich zu seinem eigenen Erstaunen die Liebe zu Lucia

bald ganz überwunden, wie sich klar darin zeigte, daß er ihre bald

darauf erfolgende Verheiratung mit dem jungen de Soysa ohne Kummer

vernahm. Sein eigener Spruch war stets gewesen: „Der Mann ist nicht

wert, Mann zu heißen, der an einer Weiberliebe zu Grunde geht.“

Trotzdem kam er nicht aus dem inneren Schwanken heraus. Er blieb

in einem Zustand fruchtloser Nachdenklichkeit. Die Wahrheit der

Buddhalehre leuchtete ihm ein, aber nicht die Notwendigkeit, die Welt

zu lassen. So glich er einem Ochsen, der zwischen zwei Bündeln Gras

langsam verhungert, weil er nicht weiß, bei welchem er anbeißen soll.

Etwa zwei Jahre quälte er sich in dieser Weise hin. Als er nun einmal

durch einen halb-blödsinnigen Menschen, der die ganze Nacht vor der Tür

des Viharas gesungen und gebetet hatte, am Schlaf behindert worden

war, so war ihm das, weil eben gar kein innerer Halt in ihm war, Anlaß

genug, das Kloster und den Mönchstand zu verlassen.

Draußen ergab er sich aber bald einem lockeren Lebenswandel, bei dem

all sein Hab und Gut verloren ging.

Danach verdingte er sich wieder als Karrenführer; lebte aber nicht wie

damals in heiterer Ruhe, sondern elend, weil er seinen ganzen Verdienst

meist in Palmschnaps vertat. Er war eben auf abwärtsführende Fährte

geraten, wie es wohl geschehen kann, so lange jemand im Begreifen nicht

festen Halt gefunden hat.

Und dabei geschah es, daß er nicht nur sich quälte, sondern auch

andere, indem er seine Ochsen schlecht behandelte, so daß alle redlich

Denkenden sich von ihm abwandten.

Als er einstmals einen Ochsen so geschlagen hatte, daß ihm Blut von

den Weichen tropfte, warnten ihn die anderen und sagten: „Denk’ an

Deine nächste Geburt.“ Aber Wijasingha, der schon ganz verkommen war,

antwortete roh: „Kümmert Ihr euch nur um euch selber.“

Da erschraken die anderen Karrentreiber und sagten unter sich: „Was

können wir tun? Es kommt auf sein Karma.“

Eines Tages hatte er in der Nähe von Pallai einem Weibe am Wege einige

große Mangos abgekauft und wollte gerade die nötigen Kupfer aus dem

Gürtel ziehen, um zu bezahlen, als ein Weißer des Weges kam, der

gleichfalls bei dem Weibe stehen blieb, um Mangos zu kaufen.

Da nahm das Weib Wijasingha die Mangos wieder ab und gab sie dem

Weißen, weil er mehr zahlte. Wijasingha aber wurde darüber aufs höchste

aufgebracht und da er weder am Weibe noch an dem Weißen seine Wut

auslassen konnte, so ließ er sie an sich selber aus, indem er all sein

Geld in der nächsten Taverne vertrank.

Als es nun zum Abend ging, wo die Karrenführer ihren Reis nehmen, hatte

er kein Geld, um sich eine junge Kokosnuß für den Kurry zu kaufen.

Daher stieg er, als es dunkel geworden war, auf einen Palmbaum, um eine

zu stehlen.

Sei es nun, daß die Eile, oder die Dunkelheit oder der reichliche

Branntwein schuld waren -- oben, dicht unter der Krone, stürzte er ab

und brach das Genick. In Ceylon sagt man aber, daß, wer beim Besteigen

eines Palmbaumes verunglücke, ein schlechter Mensch sein müsse. Wie

weit das freilich für Wijasingha zutrifft, will nicht ich entscheiden.

Der Abt von Kelanya aber pflegte ihn als Beispiel anzuführen, wenn

er über das Wort des Buddha predigt, daß die Lehre, falsch befolgt,

wie ein Messer sei, daß man bei der Schneide fasse. Es nütze nichts,

sondern verletze nur die Hand und gäbe nichts als Schmerz und Schaden.

[Illustration]

Die Liebesgabe.

Ich wundere mich oft, weshalb die Menschen sich Märchen erzählen. Die

Wirklichkeit ist das wunderlichste aller Märchen. Wie plump sind die

Märchen der Märchenwelt gegenüber dem Märchen „Wirklichkeit“.

Ich, das Kind des Garda-Sees, mit dem ich verwachsen war im guten wie

im bösen, sitze jetzt hier im indischen Randgebirge, in Lanauli, sitze

hier seit Jahr und Tag, und fast sieht es aus, als ob ich hier meine

Tage beschließen soll -- entwurzelt mich nicht irgend ein Sturmwind

aufs neue.

Mir ist, als ob die herbe Strenge, die einsame Größe dieser Landschaft

hier rings um mich mir die Lieblichkeit meines alten Sirmione nur noch

lebhafter macht. Wenn ich oben am Cap saß, über der alten Villa des

Catull; wie unzählige Male habe ich dort gesessen, als Knabe schon, als

Jüngling, als angehender Mann.

Ich entsinne mich deutlich, daß ich als Knabe schon gesonnen habe,

nachgedacht über die Rätsel des Lebens, über die Welt, über die Frage:

Woher dieses alles?

Und dieses Sehnen, wenn im Abendglühen der See dalag wie ein Saphir und

die Boote orangefarbene Streifen nach sich zogen. Es war dann, als ob

unsichtbare Fäden an mir zogen, ich weiß nicht wohin. Denn schöner und

friedlicher konnte es ja nirgends sein. Aber es ist, als ob Schönheit

und Frieden nicht dazu da wären, sie zu genießen, sondern nur dazu, ein

unbestimmtes vages Sehnen nach Schönheit und Frieden in mir anzuregen.

Da saß ich denn, bis alles Licht auf dem See geschwunden war und

über mir, in dieser dunklen Klarheit ein Lichtchen nach dem anderen

aufflimmerte.

Schon die Natur allein sollte uns lehren, daß Reinheit das Schönste

ist. Ach Reinheit, wie köstlich! Wenn ich unter diesem klaren

Sternenhimmel stehe, und Sirius und Orion funkeln, so ist mir, als

zöge es mich aus mir selber heraus in dieses reine Feuer, in diese

himmlische Reinheit. Soll ich überhaupt schon etwas anbeten, nun

weshalb denn nicht dieses! Weshalb denn ein Unsichtbares, Unhörbares,

Undenkbares -- kurz ein Unding hinter diesem Sternenhimmel anbeten?

Eines Tages -- ich war damals bereits Arzt in Mailand, gesuchter Arzt

und nur für kurze Zeit zur Erholung bei meinen Eltern -- ging ich gegen

Abend vom Cap nach Hause zurück. Wie gewöhnlich ging ich am Kirchlein

auf der Höhe, im Olivenwäldchen vorbei. Wie gewöhnlich blieb ich vor

dem offenen Fenster stehen, und schaute hinein in die dunkle Kühle des

Innern. Schmucklose, weiß-getünchte Wände, ein Altar mit allerhand

buntem Flitter und in der Mitte auf ihm das Kreuz mit jenem Manne

daran, der eine so fragwürdige Rolle im Geistesleben der Menschheit

spielen sollte.

Gottglauben hatte ich längst nicht mehr. Überhaupt scheint mir, als ob

sehr, sehr wenige Menschen wirklichen Glauben hätten und daß man sich

über diese Tatsache täuscht nur deshalb, weil man sich nicht die Mühe

nimmt, sich ernsthaft selber zu prüfen.

Von mir persönlich weiß ich nicht, ob ich überhaupt je Glauben an Gott

gehabt habe. Ich entsinne mich nur als Knabe bei heftigen Gewittern

etwas wie Gottesfurcht empfunden zu haben. Aber das verlor sich, als

ich dem Phänomen gedanklich Herr geworden war.

Ich hatte draußen am Cap in einem physikalischen Buche gelesen, einem

jener modernen Bücher, die in mehr oder minder geistreicher Form auf

rein physikalischen Gesetzen eine Weltanschauung aufzubauen versuchen

und damit sich selber vor die Notwendigkeit stellen, schließlich

auch mich, das denkende, selbstbewußtseinbegabte Lebewesen, den

physikalischen Gesetzen einzuordnen. Heute in besserer Einsicht, lache

ich über alle derartigen gelehrten und geistreichen Versuche, weil ich

ihre Wertlosigkeit und Verkehrtheit kenne. Damals hingegen +fühlte+

ich nur, daß dieses nicht der rechte Weg sein könne. Aber ich erkannte

die Gründe nicht. So machten mir alle diese Hypothesen und Gedanken,

die eine Welt aufbauen wollen, in welcher der, welcher sie aufbauen

will, keinen Platz mehr hat, viel Not. Ich sann, ich grübelte. Es

störte mir sogar den Schlaf und machte mich oft fast schwermütig. Aber

wenn ich mich aufs genaueste durchforsche, so weiß ich selbst heute

noch nicht, ob diese Nöte ehrliche waren, oder einem Kokettieren mit

mir selber entspringend. Denn das war mir schon länger klar geworden,

daß eine starke Eigenliebe den Grundzug meines Charakters bildete.

Als ich an jenem Tage, von welchem ich oben sprach, wieder durch das

Fenster in die Dämmerung des Kirchleins sah, die kahlen Wände, den

Altar mit seinem Flitter, das schwarze Holz mit dem gekreuzigten Manne

daran, da seufzte ich unwillkürlich tief auf: „Hier ist Sicherheit,

hier ist Ruhe! Hier gibt es keinen Kampf um eine Weltanschauung, kein

Ringen mit Lebensrätseln. Wohl dem, der in so sicherem Schoß ruht.“

Indem hörte ich auf der anderen Seite des Kirchleins reden. Ich konnte

ganz deutlich eine Männerstimme verstehen, die in langsamer und

gewählter Sprache sagte:

„Für mich ist es garnicht zweifelhaft, daß die Form des Glaubens,

der wir zufällig angehören, eine der rohesten ist. Wir haben in

dieser Beziehung den Zeiten der Neuplatoniker gegenüber unerhörte

Rückschritte gemacht. Und mir scheint, ein Halt ist hier nur deshalb

eingetreten, weil ein weiteres Rückwärts überhaupt nicht mehr möglich

ist.“

Schon während der letzten Worte war der Sprecher hinter der Mauer

hervorgetreten und in der Richtung auf meinen Standpunkt zugekommen. Er

hatte beim Sprechen fest vor sich auf den Boden gesehen, so daß er, als

er aufhörte zu sprechen und hoch blickte, fast dicht vor mir stand.

Seine Worte richteten sich an eine jugendliche weibliche Person, die

ebenso gesenkten Hauptes wie er selber, neben ihm ging.

Offenbar betroffen blickten beide hoch.

Der Fremde grüßte, wie es Leute wohl in plötzlicher Verlegenheit tun.

Dieses Gefühl schien der Sprecher selber zu haben; denn gleichsam,

um sich mir gegenüber in eine andere Lage zu bringen, begann er ein

Gespräch.

Es waren so gleichgültige Sachen, wie eben Reisende, die sich zufällig

treffen, mit einander reden.

Wir gingen zusammen den schmalen Pfad zum Ort hinab, ich neben dem

Alten, seine Begleiterin ein Stückchen hinter uns.

Der Alte war eine jener Persönlichkeiten, die wir „interessant“ nennen.

Groß, hager, graubärtig, ein Kopf, der an Leonardo da Vinci erinnerte.

Im Gespräch stieß ich zufällig an einen der Olivenbäume, die den

engen Pfad begrenzen. Mein Physik-Buch fiel zur Erde, und alle meine

Notizen, auf vielen einzelnen Blättern niedergeschrieben, flogen

auseinander.

Während ich eilig zusammenraffte, war die Begleiterin des Alten

herangekommen und half mir im Aufsuchen.

Wir richteten uns beide gleichzeitig auf und unsere Augen trafen sich

voll im gleichen Moment.

Wenn ich heute an diesen Augenblick zurückdenke, heute, wo mein Haar

schon zu grauen beginnt, so erscheint er mir immer noch als der

merkwürdigste meines Lebens. Wie einen Menschen ein Schlag trifft, so

wußte ich: Mein Schicksal hat mich getroffen.

Seit ich dieses an mir selber erlebt hatte, gebe ich mir gar keine Mühe

mehr, jene merkwürdige Umwandlung, die Paulus auf seinem Wege nach

Damaskus befiel, zu „erklären“. Es gibt derartige Umwandlungen, die

wie der Blitz aus heiterem Himmel den Menschen überfallen, und jeder

Versuch, solche Erlebnisse aus gewissen Vorstadien herleiten zu wollen,

führt zu Absurditäten. Es ist eben so und wir müssen uns fügen, ebenso

wie wir uns der Tatsache fügen müssen, daß wir überhaupt da sind.

Der Alte hatte, während wir die losen Blätter aufsammelten, mein Buch

vom Boden genommen und den Titel gelesen.

Wie mir schien, mit leisem Lächeln fragte er:

„Interessiert Sie dieses?“

Damit hatte das Phrasenmachen ein Ende und das Gespräch begann. Wir

sprachen lebhaft, ununterbrochen; wir kamen zur Landungsbrücke, in

deren Nähe das Hotel der beiden lag -- sie waren auch nur auf Besuch

hier -- wir gingen sprechend ein Stück zurück, dann in der anderen

Richtung am alten Stadtturm vorbei, die Landstraße entlang. Die Sonne

ging unter; es fing an zu dunklen; schließlich bat mich der Alte, mit

ihnen zusammen im Garten des Hotels das Abendessen zu nehmen.

Was wir sprachen? Ich weiß es nicht mehr genau. Ich weiß nur, daß

ich mich in einem Hochgefühl befand, das mich geneigt machte, meine

Ansichten in einer übertrieben scharfen, fast übermütigen Weise geltend

zu machen. Ich fühlte, daß ich geistreich war und gefiel mir. In einer

Art Befangenheit richtete ich meine Worte fast ausschließlich an den

Alten, während ich mir doch wohl bewußt war, daß ich im Grunde genommen

nur zu dem Mädchen sprach, begierig, von ihr bewundert zu werden.

In einem fielen wir beide, der Alte und ich, ganz zusammen: Das

unbefriedigende der modernen Zustände, ihre Oberflächlichkeit, ja

Verlogenheit: ihre Unruhe, ihre Hast, ihre Gewalt, uns uns selber zu

entfremden, so daß wir schließlich den Weg zu uns selber nicht mehr

zurückfinden -- kurz: ihre Nichtwirklichkeit.

Aus dem Reiche des Buddha: Sieben Erzählungen · 第 4 / 11 段