„O“, entgegnete sie so recht von oben herunter, „das sind solche

Mädchenstreiche. Alle Mädchen im Dorf tun das. Du mußt nicht denken,

daß Dir nun schon alles sicher ist, weil Du mich hast vom Baum fallen

sehen.“

„So bin ich aber doch Dein Zukünftiger“, beharrte Nala.

„Ja, wenn ich Dich will.“

„Du hast aber doch gesagt, daß Du mich lieb hast.“

„Das sagt garnichts. Wie kann ich Dein Weib werden, wenn Du mich nicht

darum fragst?“

„Aber ich darf doch kein Weib fragen, Katha.“

„Willst Du denn in der Ehe Dein Weib auch nicht fragen, ob sie Dich

noch lieb hat?“

„Ich darf nicht, Katha.“

„Nala“, sagte sie und legte ihren Arm etwas fester um seinen Hals,

„bist du schon müde?“

„Ich fühle noch garnichts“, sagte er munter und schwenkte sie etwas zur

Bekräftigung.

Sie lachte vor Vergnügen und sagte: „Nala, ich kann Dir die Frage

eigentlich nicht erlassen. Wenn Du aber garnicht kannst, so will ich

Dir erlauben, etwas anderes dafür zu tun. Wenn Du mich von hier nach

meinem Dorfe trägst, so will ich dein Weib sein ohne Frage und Dir den

schönsten Verlobungskuß geben. Wenn Du unterwegs auch nur frägst, ob Du

absetzen darfst, so hast Du schon verloren. Wenn es Dir aber zu schwer

wird, so brauchst Du nur zu sagen: ‚Katha, willst Du mein Weib werden?‘

so ist alles gut.“

Sie waren jetzt an der Landstraße. Nala war ein kräftiger Bursche. Er

dachte: „Ich schaff’s schon. Überdies kann ich wandern, bis ich alt und

grau bin, wenn es mir hier nicht glückt.“ Er hielt die Weiber für den

rarsten Artikel der Welt. Darum sagte er:

„Gut, Katha, das soll ein Wort sein. So trage ich Dich denn bis ins

Dorf.“

„Nein! Wo denkst Du hin! Nur bis an das Buddha-Bild. Ich zeige es Dir

schon. Es ist nur eins.“

„Gut, aber ich habe auch meine Bedingungen.“

„Was denn für welche?“

„Erstens erlaube, daß ich Dich noch einmal hier absetze.“

„Das darfst Du, Nala.“

Er ließ sie vorsichtig auf das Gras gleiten.

„Zweitens mußt Du Dich ganz fest an mich halten, damit ich es leichter

habe.“

„Auch das will ich, Nala.“

„Und drittens darfst Du kein Wort unterwegs sprechen. So wie Du nur

einen Laut von Dir gibst, hast Du verloren und ich habe gewonnen.“

„Ich gelobe es Dir heilig und teuer.“

So glaubte Nala sich gut vorgesehen zu haben. Nur eins hatte er

vergessen zu fragen: wie weit es denn überhaupt sei bis zu ihrem Dorf.

Als er sich ausgeruht hatte, nahm er sie wieder auf den Arm wie man ein

Kind nimmt. Sie schmiegte sich, ihrem Versprechen getreu, so eng an

ihn, daß ihr fester runder Busen voll auf seiner Brust lag.

„Ist’s recht so?“ fragte sie. „Das gilt aber noch nicht mit, weil Du

noch nicht gehst.“

„Es ist recht so“, sagte er mit gepreßter Stimme. „Jetzt gehe ich.“

Damit begann er vorwärts zu schreiten. Ihm war, als ob er sein ganzes

Leben so wandern möchte mit dieser Last im Arm. Er hörte förmlich,

wie das kleine Herz Schlag für Schlag tat, er fühlte wie Busen und

Leibchen sich hoben und senkten, und jeder Atemzug ging ihm wie ein

kühler Hauch über die Wange. Er meinte, ihm wäre noch nie so wohlig

gewesen. Glücklich still schritt er fürbaß. „Weshalb hat der Erhabene

nur gelehrt: Wer nichts Liebes hat, hat auch nichts Leides?“ dachte er.

„Was soll mir aus diesem Lieben hier für Leides erwachsen!“ Nie ist ein

Gelübde in größerer Gefahr gewesen.

Nun war es gerade die frühe Nachmittagszeit, und die Sonne brannte

unbarmherzig. Nala war noch keine tausend Schritt marschiert, als es

ihm schon gewaltig heiß und durstig war. Aber tapfer schritt er weiter.

Das Mädchen lag lautlos an seiner Brust. Immer langsamer wurde sein

Schritt, immer stärker die Versuchung, die kleine Frage zu tun, die ihm

mit einem Schlag alles gab und ihm nur eines nahm: sein Gelübde.

Er wartete still, ob sie nicht vielleicht sich vergessen und etwas

sagen würde, etwa: „Sieh nur den schönen Vogel, Nala!“ oder: „Dort

ist ein Stein, Nala! Nimm Dich in Acht!“ oder: „Dort ist ein schöner

Schatten, geh dort, Nala!“ Aber nichts dergleichen geschah. Sie war

stumm wie ein Fisch. Er begann zu keuchen. Vom purpurroten Gesicht

rieselte der Schweiß. Der lebensvolle Leib, vorhin Inbegriff der Wonne,

war ihm jetzt wie Blei und hitzte ihn unerträglich. Von Zeit zu Zeit

lüftete er die Last ein wenig, um auch seiner Brust einen Moment

Freiheit zu gönnen. „Wie hartnäckig ist solch ein Weib“, dachte er.

Sie ihrerseits fühlte sich ganz behaglich und kalkulierte

folgendermaßen: „Wenn er solch ein Starrkopf ist, daß er lieber umfällt

vor Erschöpfung, als dieses törichte Gelübde aufgibt, so muß ich bei

Zeiten seinen Starrsinn brechen. Geb’ ich heute nach, so muß ich immer

nachgeben. Im Übrigen: was hab’ ich zu riskieren? Setzt er ab, hab’ ich

gewonnen. Trägt er bis zu Ende, nun so hab’ ich nichts verloren.“ So

ließ sie sich ganz ruhig auf und ab wiegen und hörte seinem Keuchen zu

wie der Schiffer dem Knarren seines Schiffes.

Als aber das Keuchen immer schwerer wurde, fast ein Stöhnen; als der

Schritt immer unsicherer wurde, da bog sie vorsichtig ihren Kopf

rückwärts und blickte ihm ins Gesicht. Es war blaß geworden, fingerdick

traten die Adern an Hals und Schläfen heraus und die Augen schienen aus

den Höhlen quellen zu wollen.

Nala merkte die Bewegung und dachte: „Dem Himmel sei Dank! Endlich!

Jetzt wird sie sagen: Es ist genug!“

Die erschrak freilich, als sie dem Mann in’s fremde Gesicht sah, aber

sie kniff die Lippen aufeinander. Das hieß: „hält er sein Gelübde,

halt’ ich’s auch.“

Nala dachte: „Wie unbarmherzig ist solch ein Weib.“ Er machte eine

letzte Kraftanstrengung. An einer Biegung des Weges winkte das

Buddha-Bild. Mit schlotternden Knien, dem Hinstürzen nahe, setzte er

seine Last auf den Sockel des Bildes nieder.

Das Mädchen breitete allsogleich gar lieblich die Arme aus und spitzte

das Mäulchen zum Verlobungskuß. Nala aber tat ein paar gewaltige

Schnaufer, so als ob sich einer ordentlich das volle Herz frei

schnauft, dann sagte er: „Wart’ ein wenig, Katha!“

Damit begann er sich den Schweiß zu wischen, erst mit dem Handrücken.

Aber was war der Handrücken für diese Bäche. Dann nahm er das

Sacktüchlein, dann die Ärmel seines weißen Jacketts, endlich gar den

Zipfel des Lendenschurzes. Und er übereilte sich nicht, ja fast sah

es aus, als wenn er sich so recht zum Vergnügen Zeit ließ, und der

steinerne Buddha sah ihm zu und lächelte. Derweil saß das Mädchen fest

auf ihrem Piedestal, wie einer, der niesen will und nicht kann, oder

wie einer, dem das Wasser im Munde zusammengelaufen ist und der doch

nicht ausspucken darf.

Als nun Nala endlich fertig war, sagte er freundlich: „Jungfer

verzeiht! Es ist mir unterwegs eingefallen, Eure Hacke war doch noch im

Baum, als ich Euch runterfallen sah. So müßt Ihr schon noch mal Beeren

essen gehen.“ Sprach’s, machte Kehrt und ging spornstreichs nach seiner

Heimat zurück.

Dort angekommen, sah er wieder auf die gewaltige Ebene zu seinen Füßen,

in der die fernen Felsrücken Schiffen im Ozean glichen, und die Ströme

Silberadern, und alle Tage sah er die Sonne im Osten hoch- und im

Westen niedergehen. Und weil er so in stiller Ruhe Jahr für Jahr lebte,

kam er schließlich in das Ansehen eines Weisen, ja in den Geruch eines

Heiligen. Und wenn Leute, Unglückliche, Beladene, zu ihm kamen und ihn

fragten: „Vater, wie hast Du nur den Grad dieser stillen Heiterkeit

erreicht?“ so pflegte er zu antworten: „Wer nichts Liebes hat, der hat

auch nichts Leides!“ Und wenn der Besucher ein Mann war, so fügte er

hinzu: „Richte nie eine Frage an ein Weib.“

So kam Nala in den Ruf immer größerer Weisheit und Heiligkeit. Und wem

das Leben ein leidvolles Ding geworden ist, der mag nur hingehen und

sehen, ob Nala noch lebt; denn sein Sprüchlein ist ein gutes Sprüchlein.

[Illustration]

[Illustration]

Il Penseroso.

In Kolombo lebte ein Mensch namens Wijasingha, der von seinem Vater

ein Häuschen und 10000 Rupien geerbt hatte. Damit lebte er, ohne daß

man sonderliches von ihm hörte. Der lernte eines Tages das Glück der

Liebe kennen, wie die Menschen sagen. Von jeher war sein Herz der

Liebe geneigt gewesen. Er liebte, geliebt zu werden. Auf alles ringsum

ließ er seine Sympathien überfließen, und da all Zusammenkommen nichts

ist als der Anfang der Trennung, so strichen in einem fort Wolken

über seine Lebenssonne hin. Es war ein ständiger Wechsel von Licht

und Schatten, von Haften und Trennen. Oft dachte er: „Wie entgeh’ ich

diesem ermüdenden, schmerzhaften Spiel?“ Da kam diese große Liebe,

diese wolkenlose Sonne mit strahlendem Licht, aber quälender Glut.

Der Vater seiner Geliebten war reich, geizig und stolz, und man wußte,

daß schon mancher Freier von ihm abgewiesen war. Er hieß de Soysa und

wohnte in der Vorstadt Kolpetti.

Als Wijasingha sich der Neigung Lucias, so hieß seine Geliebte,

versichert hatte, faßte er sich ein Herz und trat mit seiner Bitte vor

den Vater.

De Soysa begann bedächtig: „Freund, Du bist nicht der erste, der meiner

Tochter wegen kommt, vielleicht wirst Du auch nicht der letzte sein“

-- unserem Wijasingha sang der Mut gewaltig --, „indes“, fuhr de Soysa

fort, „ich kannte Deinen Vater, ich kenne Dich; Ihr seid ehrbare Leute.

Ich weiß auch, daß Du wohl erzogen bist. Aber wie steht es mit dem

Wichtigsten?“

„O, ich denke, der Liebe Deiner Tochter bin ich gewiß.“ De Soysa

lachte, daß sein Bauch etwas unruhig wurde. „Das mag für dich das

Wichtigste sein, aber nicht für mich. Ich meine, wie steht es mit dem

Geld? Wie viel nennst du dein eigen?“

„Du kennst mein Haus. Außerdem habe ich 10000 Rupie.“

„Nun, Freund, dann geh’ nur nach Hause. Aus dem Handel kann nichts

werden.“ Als er aber Wijasinghas kummervolles und erschrecktes Gesicht

sah, da kam auch in sein Herz, welches nur einer edlen Neigung, nämlich

der für die edlen Metalle fähig war, etwas wie Rührung. Fast freundlich

fuhr er fort:

„Siehst Du, was soll einer, der für seine Kinder sorgt, heutzutage

anders machen. In früheren Zeiten galt ein Mensch so viel, als er eben

war. War er wirklich was, so galt er was; war er nichts, so galt er

nichts. Heute aber gilt jeder nicht das, was er ist, sondern das, was

er hat. Wie sollen wir uns vor diesen Europäern anders retten, als

daß wir gleichfalls beginnen, Geld aufzuhäufen? Ich weiß, es sind

hier in dieser Stadt viele arme Schlucker, die im Lendenschurz und in

Rindsleder-Sandalen umherlaufen, die sehen scheel auf mich, weil sie

denken, es ist genug, das Wort des Buddha zu studieren und im übrigen

die Welt laufen zu lassen, wie sie will. Schön! Sie sollen studieren,

so viel sie wollen, aber sie sollen auch nicht heiraten. Sie schimpfen

mich einen gottlosen Geldprotz. Aber glaub’ mir, Wijasingha, ich weiß,

was ich tue. Du bist aber nicht gekommen, um das zu hören. Ich will

milde zu Dir sein wie noch zu keinem anderen. Rühr’ Dich! Zeig, daß

Du es verdienst, daß Dein Vater dir 10000 Rupie hinterlassen hat. Sie

sind ihm sauer geworden, ich weiß es. Wenn Du vor mich treten und

sagen kannst: 20000 Rupie sind mein eigen, so sollst Du Lucia haben,

vorausgesetzt, daß sie Dich dann noch will. Bis dahin aber halte dich

fern von ihr; wenn Du willst, daß ich Dir wohlgesinnt bleiben soll.“

Das war unserem Helden ein bitter-süßer Bescheid. Er hatte wohl

gelernt, sich mit seinem Teil einzurichten, er wäre auch bereit

gewesen, sich mit weniger zu begnügen, aber nie hatte er darüber

nachgedacht, wie er wohl sein Ererbtes vermehren könnte.

Als er so in tiefsten Gedanken seinem Hause zuschritt, traf er einen

bekannten Kaufmann.

„Weshalb so nachdenklich, Freund Wijasingha?“ Der sah ihn an, als ob er

aus einem Traum erwache.

„Weißt Du ein Mittel, aus 10000 Rupien 20000 zu machen?“

„Weshalb nicht 100000?“ meinte der lachend.

„Mir ist gar nicht zum Spaßen. Weißt Du kein Mittel, um Geld zu

verdienen?“

„Was hast Du denn mit einem Mal? Du bist doch sonst nie aufs

Geld-Verdienen gewesen.“

„Laß das nur gut sein. Weißt Du mir gar nichts zu raten?“

„Ich wüßte schon etwas. Ein paar Kaufleute haben sich zusammengetan,

um ein Fahrzeug auszurüsten. Wir wollen bei Manaar Perlen fischen. Das

könnte seine 20 oder 30 vom Hundert abwerfen.“

Wijasingha spitzte die Ohren. „Ich will mich mit 10000 Rupien

beteiligen“, sagte er entschlossen.

„Ich denke, da tust Du nicht schlecht“, meinte der Kaufmann, und der

Handel wurde abgemacht.

Einige Zeit nachher kam der Kaufmann zu Wijasingha: „Freund, unsere

Sache steht schlecht, wenn wir nicht noch ein paar tausend Rupien

auftreiben, um uns halten zu können. Die Funde müssen kommen, siehst

Du; alles liegt nur daran, Zeit zu gewinnen. Wir haben alle Weib und

Kind, Du bist ledig. Überdies wird nichts geschafft, so geht mit dem

unseren auch Dein Geld verloren.“

Da entschloß sich Wijasingha, verkaufte sein Haus und tat die 4000

Rupien auch noch in diesen Handel.

Als nun trotz allem die ganze Sache verloren war, war er ein Bettler.

Lucia hatte das Unglück ihres Geliebten erfahren, und er wußte, daß sie

es erfahren hatte. Damit begnügte er sich. Der Mensch ist im Unglück

gefaßter und verständiger als im Glück, und weil jede Spur von Hoffnung

verloren war, so sagte er: „Es ist mein Karma. Ich muß mich fügen.“ Ob

es freilich bei ihm Verständigkeit oder Unbeständigkeit war, ist schwer

zu sagen. Sein späteres Leben spricht fast für letzteres. Immerhin:

Völlig ohne Hoffnung sein, ist wahrlich nicht das schlimmste, weil es

uns anregt, aus jenem Trost zu holen, das für alles Trost bietet: das

Wort des Buddha, in dem alles Leid des Menschenherzens sich auflöst wie

die Monsunwolken auf den Bergen, wenn sie ins warme Tal hinabgleiten.

Wenn aber der Mensch vor dem zertretenen Feuer seiner Hoffnungen sitzt

und das letzte Fünkchen schürt und hütet, und nichts anderes sieht und

denkt, das verdirbt dieses und das nächste Leben.

So hatte Wijasingha nichts gerettet als einen gesunden Körper. Kurz

entschlossen vermietete er sich als Führer eines Karrens, der zwischen

Mātabe und Jaffna verkehrte. Das ist ein rauhes Leben voll äußerer

Unruhe, aber gesund und beruhigend. Wenn sie abends am Brunnen

lagerten oder am See, und er abseits in der stillen Nacht saß, so

glitten freilich die Gedanken zurück, wie die Wasser abwärts fließen,

aber nicht in Gram und Verzweiflung, sondern in Nachdenklichkeit. Wenn

der Mensch aber erst einmal dahin kommt, daß er über sein Unglück

denkt, so löst es sich ihm auf im Denken. Denn wer richtig denkt,

der stößt auf das große Gesetz von der Vergänglichkeit, und wer auf

dieses stößt, der stößt auf das große Gesetz vom Leiden, und wer dieses

wittert: „Alles ist leidvoll,“ der denkt: „Was soll das Greifen! Ich

greife ja nur das Leiden. Besser wahrlich ist es, ruhig in sich zu

bleiben.“

So wurde ihm seine zertretene Liebe zur Staffel, auf der er in

jene heiter-stillen Regionen trat, in denen sich kein Lüftchen der

Leidenschaft mehr regt. Aber es war nur ein Gefühl, kein Wissen.

Als er etwa ein halbes Jahr lang zwischen Mātabe und Jaffna gefahren

war, da kam ihm der Gedanke: „Wenn ich schon mein Leben lang als

Karrenführer dienen muß, was fahre ich denn gerade in diesem

heidnischen Lande.“ Jaffna liegt nämlich im Tamilen-Land und die

Tamilen sind Shiva-Anbeter.

So wechselte er seine Stellung und verdingte sich für einen Karren, der

nach Süden fuhr. Es war ihm wohler, wenn er die Dagobas und die Viharas

sah.

Er mochte auch hier wohl ein halbes Jahr gefahren sein, da kam er mit

seinem Karren eines Tages nach Ratnapura, der Edelstein-Stadt, in der

heute noch viele Steine gefunden werden.

Hier ereignete es sich, daß einer der Buckelochsen krank wurde, und er

einige Tage warten mußte. In seiner Muße setzte er sich an das Ufer

des Baches und, indem er eine handvoll Sand langsam durch die Finger

gleiten ließ, dachte er: „So gleiten die Augenblicke, so gleiten die

Leben. Endlos ist die Reihe der Wiedergeburten, selig die Ruhe des nie

mehr Auferstehens.“

Als aller Sand hindurchgeglitten war, blieb ihm ein Gegenstand in der

Hand zurück, bei dessen Anblick es ihn wie ein Schlag durchzuckte. Fort

waren die Gedanken vom Fluß aller Dinge und strahlend stand eines vor

ihm: Glück, Liebe, Lucia! Wie Wolkenschichten ziehen die Gedanken in

uns, eine Schicht über der andern, und wenn ein frischer Windstoß die

unteren Wolken zerreißt, so lugen oben die Lämmerwölkchen durch, die in

entgegengesetzter Richtung ziehen. Volle Ruhe ist nur, wo nicht mehr

Strömung und Gegenströmung ist: die windstille, wolkenlose Ruhe des

Wissens.

„Wie viel forderst Du für den Stein?“ fragte ihn der Händler.

„20000 Rupien,“ erwiderte er ohne Besinnen, „und das Reisegeld von hier

bis Kolombo.“

Der sah ihn verwundert an und zahlte. Er mochte das Dreifache dafür

wieder bekommen; denn es war ein Edelstein, wie er seit vielen Jahren

nicht mehr gefunden war.

Daß unser Held sich auf dem Wege von Ratnapura nach Kolombo nirgends

aufhielt, läßt sich heute noch nachweisen, weil er Extrapost nahm, und

in den Postbüchern Tag und Stunde von Abreise und Ankunft verzeichnet

stehen.

Wie er ging und stand begab er sich zu de Soysa.

„Hier sind 20000 Rupien. Gib mir jetzt Deine Tochter.“

Der ließ sich erzählen. „Du hast Glück“ sagte er dann. „Glückskind bist

du,“ sagte er noch mal fast neidisch, „erstens weil Du den Edelstein

gefunden hast und zweitens: Was nutzt einem Verliebten ein Diamant,

groß wie ein Mangokern, wenn die Liebste nicht mehr da ist!“

„Wie meinst Du das?“

„Erschrick nicht! Ich sage ja, Du hast Glück. Sie hat mir nach Deiner

Abreise so lange in den Ohren gelegen, ihr doch noch ein Jahr Freiheit

zu gönnen, um, wie sie sagte, das Trauerjahr für Dich halten zu können,

daß ich schließlich nachgegeben habe. Weil ich aber für Pünktlichkeit

bin, so habe ich mir den Tag gemerkt. Morgen wird es just ein Jahr, daß

Du weg bist, und es warten Freier. Deswegen sagte ich: Du hast Glück.“

Am nächsten Tage schon wurde Verlobung gefeiert, und unserem Wijasingha

war, als ob alle Seligkeit des Himmels herunter gekommen wäre und sich

just in sein Herz einquartiert hätte.

De Soysa neigte europäischen Anschauungen zu, nicht als ob er ihr

Freund gewesen wäre, aber sein Lieblingsspruch war: „Man muß sie (er

meinte die Europäer) mit ihren eigenen Waffen schlagen.“ Deshalb war

das Leben in seinem Hause halb europäisch, deshalb hatte auch seine

Tochter eine sorgfältige Ausbildung genossen und einen europäischen

Namen bekommen. Er pflegte sich über solche alten poetischen Namen wie:

„Freund des Jasmin“ oder „die Blüte öffnet sich“ und andere derart

lustig zu machen. Dabei hielt er aber streng an der Religion des

Buddha, hatte auch oben auf dem Fels vom Isevimaniya-Kloster ein Gitter

gestiftet mit einer steinernen Gedenktafel. Gestiftet von M. de Soysa

im Jahre -- des Buddha. Ja, er ging sogar mit der Absicht um, eine

neue Predigthalle in der Nähe des heiligen Bobaumes in Anuradhapura

zu errichten. Seine Frau freilich war wenig mit seinen europäischen

Neigungen einverstanden. Sie sah im Abweichen von den alten Sitten das

Verderben und hielt sich am liebsten in der Abgeschiedenheit. Auch trug

sie die steife Tracht der vornehmen Singhalesinnen, während Lucia sich

europäisch kleidete auf Wunsch des Vaters. Als die Tage des ersten

Rausches vorüber waren, sagte de Soysa:

„Mein Sohn, ich bin kein Freund eines langen Brautstandes. Langer

Brautstand kommt mir vor, als wenn jemand sich den Strick um den Hals

schnürt, bevor er sich wirklich hängen will.“ Er lachte, daß draußen

ein paar Vögel erschreckt aufflogen und überließ es Wijasingha, sein

Gesicht zu stellen, wie es ihm gutdünkte.

„Nun, nun,“ fuhr er fort, „man macht so seine Scherze. Der Tag sieht am

Abend anders aus wie am Morgen. Also auf den Tag einen Monat soll Euer

Brautstand dauern. Dann gibt es Hochzeit.“

Unserem Wijasingha war, als ob man ihm nach der Aloe Honig in den Mund

steckte.

„Nun aber rühr’ Dich,“ fuhr de Soysa fort, „daß Du Deine Frau in ein

Heim führen kannst, wie es sich für Dich und mich gehört.“

„Ich dachte, in der Umgegend der Stadt ein kleines Häuschen zu erwerben

und da einfach und zufrieden zu leben.“

„Laß den Gedanken fahren. Mein Schwiegersohn kann nicht wie ein Bauer

oder Krämer wohnen, in einer Lehmhütte.“

„Nicht Lehmhütte --.“

„Schon gut! sag’ ich. An der Seeseite, dicht hinter Kolupitiya-Station

ist ein Haus frei.“

„Das, was der deutsche Kaufmann bewohnt hat?“

„Eben das.“

„Die Miete ist hoch.“

„Drum rühr’ Dich, rühr’ Dich! Der Mensch muß einen Sporn haben, wenn

er vorwärts kommen will. Widerstand braucht der Mensch zum Gedeihen,

nichts als Widerstand.“ Dabei machte er eine Bewegung mit den Armen wie

ein Athlet, der im Begriff ist, sich auf den Gegner zu stürzen.

So mietete Wijasingha das Haus an der Seeseite und begann es

auszustatten. Welche Arbeit! Wie viel Laufen, wie viel Reden, wie viel

Ärger! Hätte ihm nicht der Abend mit der Liebsten gewinkt, er hätte

längst gesagt: Ich mag nicht mehr!

Über die Hälfte des Monats war verflossen, da kam eines Morgens sein

Schwiegervater eilig zu ihm.

„Sohn,“ sagte er fast feierlich, -- denn je reicher einer wird, um so

mehr Ehrfurcht hat er vor dem Geld -- „ich sorge für meine Tochter,

wenn ich für Dich sorge. Kennst Du Galgulum?“

„Freilich! Es liegt nördlich von Matale,“ erwiderte der ganz erstaunt.

„O, Du kennst es aus Deiner Fuhrmannszeit,“ rief der Alte lustig.

„Danke den Göttern, daß Du einen Schwiegervater hast, der auf solche

Sachen nichts gibt. Bei mir heißt es nicht: Zeige, was Du gewesen bist!

sondern: Zeige, was Du bist! Laß sie in Kolombo nur kichern. Wenn Du

was geschafft hast, werden sie aufhören. Wer Geld hat, der hat alles.

Und Du wirst was schaffen. Du bist ein Glückskind. Wie hättest Du sonst

den Stein gefunden. Denkst Du, wegen der 20000 Rupien allein, habe ich

Dir meine Tochter gegeben! Aber genug der Schwätzerei! Also hör’ zu! Um

den See von Galgulum wird Land urbar gemacht. Es ist alles im Stillen

betrieben. Ich habe es eben erst erfahren. Verstehst Du nicht? Die

Regierung will nicht, daß Geschäfte damit gemacht werden, indem einer

das Ganze kauft, sondern will stückweise an die Bauern verkaufen. Unser

Bauer hat aber kein Geld. Es ist ein wundervolles Geschäft, wenn wir

zuerst hinkommen.“

Wijasingha verstand immer noch nicht.

„Verstehst Du noch nicht? Wir gehen hin, d. h. ich überlaß Dir das

ganze Geschäft. Ich will Dich anlernen im Geldmachen, ich will Dir Mut

und Lust zum Geschäft machen. Wir leihen den Bauern, damit sie kaufen

können und nehmen unsere Zinsen. Ich habe meine Leute dort.“

„O, so meinst Du,“ sagte Wijasingha gedehnt.

„Bist Du bereit?“

„Wozu?“

„Abzureisen!“ rief der Alte heftig werdend. „In einer Stunde geht der

Zug nach Kandy.“

„Wie lange bleiben wir denn?“

„Etwa drei Tage.“

„So muß ich doch erst von Lucia Abschied nehmen.“

„Du bist toll! Wir verlieren einen ganzen Tag. Das Geld läuft Dir fort,

nicht die Braut.“

Verdrießlich saß Wijasingha im Coupé neben seinem schnarchenden

Schwiegervater. Der Zug lief durch diese endlosen Reisfelder, die

von Areka- und Kokos-Palmenwäldchen unterbrochen waren. Es war

anmutig, aber eintönig. Er griff aus langer Weile die Zeitung, die dem

Schlafenden aus den Händen gefallen war. Für ihn stand nichts darin.

Jetzt begann die Steigung der Bahn. Die Luft wurde frischer, leichter,

die Bilder ringsum immer kühner, gewaltiger. Aus Ausschnitten lugten

wilde Felsmassen gleich Türmen und Burgen; tief, tief unten im Tal

lachte das helle Grün der Reisfelder, deren regelmäßige Furchen wie

gemalt aussahen. Und wenn der Ausblick sich rückwärts in die Ebene

eröffnete, so glitt das Auge wie in die Unendlichkeit.

Sein Entzücken stieg. Er war fast versucht, den Schlafenden zu wecken.

Ihm war es solch eine Freude, wenn jemand neben ihm stand und ihm

sagte: „Wie wunderschön!“

Sie waren jetzt fast auf der Kammhöhe. Der Alte gab einen Ton von sich,

als wenn er im Erwachen wäre. Wijasingha hielt es nicht länger aus.

„Sieh nur, Vater!“ rief er.

Der Alte rieb sich die Augen. „Was ist los?“

„Sieh nur die Aussicht.“

De Soysa spuckte gleichgültig aus. „Steine genug,“ meinte er. „Unsere

Aussichten sind in Galgulum.“ Damit drehte er sich nach der anderen

Seite und schnarchte weiter.

Sie übernachteten in Mātale, dem Endpunkt der Bahn. Am nächsten

Morgen fuhren sie mit der Post nach Galgulum weiter, von zwei Leuten

begleitet, welche de Soysa mit tiefster Ehrfurcht behandelten.

Aus dem Reiche des Buddha: Sieben Erzählungen · 第 3 / 11 段