um sie unauslöschlich seinem Gedächtnis einzuprägen, wanderte er
wenige Wochen nach dem Heimgang seiner Therese den endlosen Weg
zum Friedhof hinaus, um deren Grab zu besuchen und ihr an dieser
geweihten Stätte feierlich zu geloben, daß nur die Würdigste ihre
Nachfolgerin werden sollte. Zu seiner Überraschung fand er daselbst
eine ihm unbekannte Frauensperson in Trauerkleidern und Kreppschleier
vor, die damit beschäftigt war, den noch unbegrünten Grabhügel mit
schmächtigen Pflänzchen Vergißmeinnicht zu bepflanzen, welche sie eins
nach dem anderen aus einem schwarz gestrickten Beutel hervorholte, ein
jedes mit Daumen und Zeigefinger behutsam anfassend und die übrigen
drei Finger dabei zierlich von sich streckend. Die Rührung, die den
Kürschnermeister bei diesem Anblick überfiel, erleichterte ihm die
Anknüpfung eines Gesprächs. Er erfuhr, daß er es mit einer zwar nicht
übermäßig wohlhabenden, aber um so ehrbareren Jungfrau zu tun habe,
die sich ihres Lebens Unterhalt tapfer und redlich mit Anfertigung
kunstvoll gestrickter Perlenbeutel verdiene und die Verewigte zwar
nicht persönlich gekannt, aber aus der Ferne als das Muster einer
Bürgerin, Gattin und Mutter seit langem mit solcher Inbrunst verehrt
hätte, daß sie jetzt nicht umhin könne, täglich den weiten Weg auf den
Friedhof zu unternehmen, um den ihr so teuren Grabhügel zu betreuen.
Eine so selbstlose Gesinnung, eine so opferwillige Betätigung bewegten
Meister Wittigs Herz aufs tiefste. Voll Bewunderung und Ergriffenheit
betrachtete er die vor ihm stehende schwarz verhüllte Gestalt, die wie
eine Odaliske hinter dem dichten Schleier hervor zu ihm gesprochen
hatte, mit überströmenden Empfindungen faßte er nach ihrer Hand, sie
unter warmen Dankesworten zu drücken. Aber sogleich zog er diese
seine Hand erschrocken wieder zurück, als jene sich rasch darauf
niedergebeugt hatte, sie zu küssen.
»O verwehren Sie,« rief die Grabhügelbetreuerin aus, »diesen keuschen
und demutsvollen Kuß nicht einer reinen Seele, welche die Gefühle
der Hochachtung und Verehrung, die sie für die in die himmlischen
Heerscharen Aufgenommene hegt, längst auch auf Sie, als auf die Zierde
des Gewerbestandes, ja der gesamten bürgerlichen Mannheit ausgedehnt
hat!« Und damit eroberte sie gewaltsam die bereits entzogene Hand
wieder zurück und drückte ihr wirklich -- um in ihrem Geiste zu
sprechen -- den Stempel ihrer keuschen Lippen auf.
Der Kürschnermeister besaß nur eine dunkle und entfernte Vorstellung
von dem, was die Leute »poetisch« nennen, aber so ungefähr, meinte
er, wie diese schwarze Jungfrau in Wort und Tat sich gebärdete, müsse
es wohl sein. Ein Hauch Maienluft umwehte ihn, und der Kitzel der
Eitelkeit tat das übrige, ihn bis zur Wehrlosigkeit einzuschmelzen. Die
umgelegte Schlinge, an der ihn der Satan zog, mit dem führenden Finger
Gottes verwechselnd, zweifelte er nicht an einer weisen Vorsehung, die
dieses scheinbar zufällige Zusammentreffen eingefädelt hätte, und als
die Grabhügelbetreuerin um die Erlaubnis bat, hier und da auch nach
den armen verwaisten Kindern sehen zu dürfen, gab er dankerfüllt und
darüber staunend, wieviel Edelmut und Güte auf dieser sonst mit Recht
verrufenen Welt doch noch in mancher versteckten und unbeachteten
Gartenecke blühe, seine freudige Einwilligung hierzu.
Da die hochgemute Jungfrau hierauf, indem sie ein verheißungsvolles
»Auf Wiedersehen!« hauchte, so rasch wie die Fee im Märchen
entschwinden wollte, stellte er sich ihr entschlossen in den Weg und
bat, ihn nun auch ihre verhüllten Züge sehen zu lassen, damit er seine
Wohltäterin ein nächstes Mal wiederzuerkennen in der Lage wäre. Er
hatte gehofft, die Spuren eines so engelhaften Herzens in diesen Zügen
getreulich widergespiegelt zu finden, und trat nun unwillkürlich einen
Schritt zurück, als sie nach einigem Zieren wirklich den Kreppschleier
zurückschlug. Denn einigermaßen entsetzt starrte er in ein angeälteltes
und aufgeschwemmtes Kartoffelgesicht von ausgesuchter Häßlichkeit, das
auch durch ein verschämt herausforderndes Lächeln nur mäßig an Liebreiz
gewann. Indes war er rücksichtsvoll genug, seine Enttäuschung nach
Möglichkeit zu verbergen, und durch das Vorausgegangene bereits zu
heillos verstrickt, als daß er nicht auch seinerseits ein, wenn auch
etwas schwächliches »Auf Wiedersehen!« über die Lippen gebracht hätte.
Auf dem Heimweg hatte er bereits seine Fassung soweit wiedererlangt,
daß dürre Erwägungen des Verstandes, die sich als Weisheit aufspielten,
den peinlichen, aber unbestochenen Eindruck der Entschleierung
überwinden konnten. Einem reifen und umsichtigen Manne, sagte er
sich, zieme es nicht, sich bei den Weibern vorwiegend ans Sichtbare
zu halten, wie es die Gewohnheit oberflächlicher Springinsfelde sei.
In seinen Jahren müsse die Vernunft den Ausschlag geben, die den Wert
einer Frau an den unsichtbaren Schätzen der Seele messe, durch die
hundertfältige Erfahrung belehrt, daß Schönheit mit Zucht selten auf
einer Bank sitze, manchmal schon mit dem ersten Kindbett vergehe, auf
alle Fälle aber nicht so langlebig sei wie die Tugend. Und als die
Grabhügelbetreuerin einige Wochen hindurch täglich ins Haus gekommen
war und sich auch als rastlose Kinderbetreuerin erwiesen hatte, gewann
er die Überzeugung, daß sein Hauswesen in keinen anderen Händen besser
aufgehoben sein würde als in den ihrigen. Er tröstete sich deshalb
mit dem Gedanken, daß in der Nacht Schönheit und Häßlichkeit ohnedies
nicht voneinander zu unterscheiden wären, und errichtete unter schnöder
Mißachtung der anonymen Warnungsbriefe, die ihm ins Haus schneiten, den
Tempel einer neuen Ehe auf der Grundlage gegenseitiger Hochachtung und
Seelenverschwisterung.
So hatte der Zobel wieder eine Meisterin, aber was für eine! Bald nach
der Hochzeit, die diesmal in aller Stille und vollster Verborgenheit
erledigt wurde, stellte sich heraus, daß die neue Frau Wittig nicht nur
an drei verschiedenen Kostplätzen, sondern auch von drei verschiedenen
Männern drei verschiedene Nachwüchslinge besaß, die das Mitleid der
Welt schon durch den Umstand herausforderten, daß sie alle drei
der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten waren. Meister Wittig,
weitherzig, wie er war, erbarmte sich ihrer denn auch und nahm sie
großmütig in sein Haus auf, da er sich sagte, auf ein paar mehr oder
weniger komme es wirklich nicht an, und man könne es den armen Würmern
doch nicht entgelten lassen, daß sie eine scheinheilige Mutter hätten.
Viel peinlicher berührte ihn die nachträgliche Entdeckung, daß die
Perlenstickerin bei der Ausübung ihres Kunsthandwerkes sich den Geruch
einer geradezu exemplarischen Schlamperei zugezogen hatte, weshalb ihr
nach und nach alle Kunden in Verlust geraten waren. Sie hatte nämlich
die Perlen, welche ihre Auftraggeber für die anzufertigenden, antiken
Mustern nachgeahmten Beutel ihr zur Verfügung stellten, aus Leichtsinn
und Gedankenlosigkeit immer wieder in falscher Reihenfolge aufgefädelt,
so daß hinterher beim Stricken statt der beabsichtigten Rosensträußchen
oder sonstigen zierlichen Blumenmuster die vertraktesten Figuren und
buntesten Verrücktheiten zum Vorschein kamen. Begreiflich, daß man sich
bald für ihre Dienste bedankte, und daß sie aus diesem Grunde bis über
die Ohren in Schulden steckte. Am entschiedensten aber fiel für Wittig
ins Gewicht, daß sie sich nach und nach als böse Sieben entpuppte und
ihn, die Kinder und das ganze Haus meistern wollte.
Ein anderer als er hätte vielleicht angesichts eines solchen
Kreuzes, das zu große Vertrauensseligkeit und mangelnde Vorsicht
ihm aufgebürdet, ratlos die Hände in den Schoß gelegt und sich
nicht zu helfen gewußt. In Wittig aber hatte das Handwerk eine
beneidenswerte Entschiedenheit und Kaltblütigkeit ausgebildet. Denn
als Kürschnermeister war er gewohnt, wenn er einen Kragen oder einen
Mantel zuschnitt, mutig und entschlossen in das kostbarste Biberfell
hineinzuschneiden, wenn er einmal erkannt hatte, daß dies nötig sei,
und sich durch kein ängstliches Zagen, es könne schief gehen, darin
wankend machen zu lassen. Mit derselben Unerschütterlichkeit ging
er denn auch hier zu Werke. Die drei Kinder der Grabhügelbetreuerin
behielt er zwar bei sich, da sie schon einmal da und unter der übrigen
Kinderschar wegen ihrer Munterkeit recht beliebt waren; sie selbst aber
setzte er, ohne einen Heller ihrer Schulden zu bezahlen, kurzerhand an
die Luft und ließ sich scheiden.
Das fehlgeschlagene Experiment hatte also den Kindersegen zwar
vermehrt, aber keine brauchbare Mutter geliefert. Eine solche tat
aber dringend not, es ging bereits alles drunter und drüber, der
Meister konnte sich nicht mehr viel Zeit zum Überlegen gönnen.
Einem psychischen Gesetze unbewußt gehorchend, fiel er jetzt ins
entgegengesetzte Extrem. Mit einer Ältlichen war es schief gegangen,
darum wählte er nunmehr eine Blutjunge, die fast noch im kindlichen
Alter stand. Die Verflossene war ein Ausbund an Häßlichkeit gewesen,
aber er hatte sie für ehrbar, innerlich wertvoll und häuslich tüchtig
gehalten. Die Neuerwählte war hübsch wie ein frischer Apfel, in
den hineinzubeißen man nicht widerstehen kann, von ihren inneren
Eigenschaften dagegen wußte er nichts, als daß sie voll Übermut,
Frohsinn und Ausgelassenheit steckte. Zu jener hatten kühle Erwägungen
einer vermeintlichen Klugheit ihn bestimmt, in diese verliebte er sich
mit der kopflosen Leidenschaftlichkeit eines Jünglings.
Um es gleich im voraus zu sagen: Das Heiraten ist ein Lotteriespiel,
und Meister Wittig hatte es niemals zu bereuen, daß er dieses
siebzehnjährige Landmädel heimführte. Denn sie war keine Städterin,
sondern eine arme Bauernmagd, die Butter und Eier ins Haus zu bringen
pflegte. Niemand hätte es für möglich gehalten, daß sie sich in die
Rolle einer Zobelmeisterin würde finden können, und doch gelang es ihr
glänzend. Sie verstand sich nicht nur vorzüglich aufs Wirtschaften,
konnte ebenso sparsam wie üppig sein, jedes zu seiner Zeit und am
richtigen Orte, sondern schuftete auch selbst für drei Mägde und wußte
dennoch am Sonntag, wenn sie mit dem Meister in die Laurentiuskirche
zur Messe ging, die stattliche Bürgersfrau vorzustellen und ihren
kostbaren Sealmantel mit dem Anstand einer vollendeten Dame zu
tragen. Den siebzehn vorhandenen Zobelkindern gegenüber -- denn so
viele waren es mit der Zeit geworden -- verhielt sie sich ungefähr
wie eine gleichgestimmte Schwester, die selbst den Kinderschuhen kaum
entwachsen und über Spiel und Spaß noch nicht erhaben ist. Die jungen
Herzen flogen ihr zu, alle wetteiferten, ihr etwas zuliebe zu tun,
jedes erfüllte mit Freudigkeit, was ihm oblag. Die Räume widerhallten
von Singen und Lachen, und doch blieb nichts versäumt, und alles ging
seinen geordneten Gang. Der Kürschnermeister konnte seinem Herrgott
dafür danken, es so unerwartet glücklich getroffen zu haben. An der
jungen Frau, die sich an seiner Seite eher wie eine blühende Tochter
ausnahm, hätte sich in der Tat nichts, aber auch gar nichts, aussetzen
lassen, wäre sie nicht mit einer Eigenschaft, oder vielmehr Anlage
ausgestattet gewesen, aus der man ihr billigerweise keinen Vorwurf
machen konnte, die aber in diesen inzwischen hereingebrochenen
Kriegszeiten und Ernährungsnöten immerhin etwas Mißliches hatte.
Sie war nämlich gewissermaßen eine Naturkraft und von so fabelhafter,
geradezu agrarischer Fruchtbarkeit, daß man sie sich beinahe wie
eine indische Göttin mit unheimlich multiplizierten und potenzierten
Attributen der Weiblichkeit begabt hätte vorstellen mögen, wäre ihr
Wuchs nicht vollständig normal, ja von einer reizenden üppigen
Schlankheit gewesen. Jahraus, jahrein, ununterbrochen, zu jeder
Jahreszeit, beschenkte sie ihren Gatten immer wieder mit neuen
Leibeserben, und zwar grundsätzlich nur mit Zwillingen, Schlag auf
Schlag, ohne auszusetzen, und in so kurzen Abständen hintereinander,
daß es mit der Naturgeschichte schon fast nicht mehr vereinbar schien.
Und wenige Tage nach jeder Geburt schuftete sie schon wieder trällernd
und lachend im Hause umher, war rüstig bei ihrer Arbeit, wusch, kämmte,
kleidete die Kleinen, Kleineren und Kleinsten, kochte und scheuerte,
scherzte, plauderte und sprach jedermann gegenüber freimütig und mit
liebenswürdiger Arglosigkeit die Hoffnung aus, recht bald wieder in
diese zu kommen, denn etwas Schöneres, als Mutter sein und werden, gebe
es nicht auf der Welt ...
Mehrere Jahre hindurch hatte ich, um billiger auszukommen, den Versuch
gewagt, meine Pelzmütze und den Muff meiner Frau selbst einzusommern.
Wegen des Krieges bekam man längst keinen Kampfer mehr, Naphthalin
war schwer und nur zu Liebhaberpreisen erhältlich, ich versuchte es
deshalb, mich mit selbst gesammeltem und getrocknetem Thymian zu
behelfen. Und siehe, auch das heimische Kräutlein tat seine Wirkung.
Ich blieb also dabei, und auch als der Krieg schließlich doch ein Ende
nahm, fand ich, weil das Naphthalin trotzdem immer unerschwinglicher
wurde, zunächst keine Veranlassung, die Selbstbewirtschaftung meiner
Pelzsachen einzustellen. Meine Gewissensbisse darüber, daß ich dem
Kürschnergewerbe ins Handwerk pfuschte und meinem alten Schulfreunde
Wittig in diesen teuren Zeiten nichts mehr zu verdienen gab, schlug ich
mit dem Gedanken nieder, daß jetzt vielleicht doch endlich einmal der
Zeitpunkt nahe wäre, wo eine allgemeine Verbilligung der Waren es mir
erlauben würde, den lange gewünschten Pelzmantel anzuschaffen. Dann
würde ich sofort meine Schritte in die Krumme Gasse lenken und mich
für die Gewerbestörung, deren ich mich aus notgedrungener Sparsamkeit
schuldig gemacht, glänzend revanchieren. Indessen schien, solcher
Zukunftspläne ungeachtet, die waltende Gerechtigkeit meine Untreue
gegen den Zobel dennoch übelgenommen zu haben. Denn als ich eines Tages
wieder die beiden jetzt schon etwas schäbig gewordenen Pelzstücke,
deren Wert sich aber trotzdem während dieser Zeit der Not erheblich
gesteigert hatte, aus dem mit Umsicht ausgedachten System ihrer
Umhüllungen schälte, mußte ich zu meiner Entrüstung gewisse Spuren von
Gespinnsten darin bemerken, deren Vorhandensein ich lieber nicht zur
Kenntnis genommen hätte. Ein größerer Schaden war zum Glück noch nicht
angerichtet, das Schicksal hatte vorerst nur warnend seinen Finger
erhoben, um mir Zeit zu lassen, mich eines besseren zu besinnen.
Das tat ich denn auch und trug im nächsten Frühjahr meine Pelzsachen
wieder zum Zobel. Fast hätte ich ihn nicht gefunden, das alte,
niedrige, aber breite und trauliche Geschäfts- und Familienhaus war vom
Erdboden verschwunden. An seiner Stelle erhob sich ein ansehnlicher,
gediegener, vierstöckiger Bau mit einer nagelneuen eleganten
Firmatafel an der Stirn und riesengroßen spiegelnden Schaufenstern
im Untergeschoß, hinter denen ganze Berge des herrlichsten Pelzwerks
ausgelegt waren. Alles hatte sich verändert, war unendlich stattlicher,
glänzender, großstädtischer geworden, nur Wittig selbst, der hinter
dem Ladentisch stand und ein Biberfell zuschnitt, schien derselbe
geblieben. Kaum hatte er mich erblickt, so fing er über die schlechten
Zeiten zu klagen an, über die fortschreitende Teuerung im Pelzhandel,
die Uferlosigkeit der Lohnforderungen, die Unerschwinglichkeit der
Steuern! Begütigend meinte ich: Wenn er in dieser Nachkriegszeit, wo
ein Backstein auf zehn Kronen oder höher zu stehen komme, sich hätte
aufs Bauen verlegen können, so könne es wohl gar so schlimm kaum
stehen?
Da fuhr er mir aber ärgerlich über den Mund: ich redete eben, wie
ich's verstünde, und wüßte nichts davon, wie schwer es für einen
Geschäftsmann sei, sein bißchen Erspartes in Sicherheit zu bringen.
Gerade darin liege ja das Unglück, daß er seine paar sauer verdienten
Heller in einen gänzlich unrentabeln Hausbau habe stecken müssen, nur
um nicht zu riskieren, daß bei nächster Gelegenheit alles zum Teufel
ginge, oder die Steuerbehörde ihm den kargen Lohn seiner Lebensarbeit
forteskamotiere.
»Ja, du hast es gut,« sagte er. »Du brauchst nicht zu sorgen, du bist
kinderlos, du kannst lachen!«
Und nun fing er wieder über die Kinder zu jammern an, und was es koste,
bis sie alle satt und mit Kleidern und Schuhen und Schulrequisiten
versorgt wären. Und die Größeren, die gingen dann nur noch desto mehr
ins Geld, wenn sie einmal ihre Hopsereien und sonstigen Lustbarkeiten
im Kopfe hätten!
Wie viele Kinder im ganzen es jetzt eigentlich wären? erkundigte ich
mich. Aber er wußte es selbst nicht mehr und behauptete, es sei auch
ganz umsonst, sich die Zahl einzuprägen, unvermerkt wären es inzwischen
doch schon wieder um ein paar mehr geworden. Denn immer kämen noch
neue hinzu, immer wieder neuer Nachschub, unausgesetzt, wie bei den
Kaninchen, die junge Frau täte es nun einmal nicht anders.
»Ich kann's bald nicht mehr leisten!« stöhnte er. »Nein, ich kann's
wirklich nicht mehr leisten!«
Ich verstand nicht recht, wie er es meine -- ich selbst freilich
geriet ja täglich in größere Enge und Bedrängnis, aber daß auch er
bei dem offenbar glänzenden Geschäftsgang sollte Geldsorgen haben,
kam mir nicht ganz wahrscheinlich vor. Erst jetzt bemerkte ich, daß
er doch nicht ganz derselbe geblieben war, der er früher gewesen. Er
sah entschieden angegriffen aus, erschöpft und aufgerieben, und war
sichtlich vom Fleisch gefallen. Ablenkend fragte ich, was ein Stadtpelz
jetzt wohl kosten würde, und als er den Preis nannte, empfahl ich mich
rasch und suchte die Tür zu gewinnen.
»Auf Wiedersehen!« rief er mir nach. »Du kommst wohl im Herbst wieder
--?«
»Jawohl, um meine Pelzmütze und den Muff ...« Damit schloß ich
geschwind die Tür von außen und jagte atemlos die Krumme Gasse hinunter
...
Aus dem Wiedersehen im Herbst sollte leider nichts mehr werden. Denn
wenige Monate später erhielt ich die Todesanzeige Wittigs. Da und dort
hörte ich die Meinung äußern, er sei halt doch schon ein bißchen zu alt
gewesen für das Naturphänomen einer solchen Urkraft von Weib, wie die
ländliche Gattin es war.
Auf der Karte standen neben der trauernden Witwe die sämtlichen
Sprößlinge unterschrieben. So viele Namen hab' ich außer in einem
Adreßbuch wohl selten auf einem Fleck beieinander gesehen. Mehr als
einmal setzte ich an, all diese Karl und Rudi und Hansl und Seppl und
Franzl und Ferdl und Gustl und Pepi, diese Mini und Lini und Tini und
Fini und Romi und Moni und Loni und Vroni zusammenzuzählen, aber ich
bin nie damit fertig geworden, es kam immer etwas dazwischen. Ein
gewisser Bruchteil dieser Kinder, die alle unter dem Namen Wittig
verzeichnet standen, konnte freilich bloß als Stief- oder gar nur als
Adoptivkinder gelten, mindestens fünf bis sechs verschiedene Mütter und
Väter hatten beim Zustandekommen der ganzen Gesellschaft mitgewirkt.
Aber der Löwenanteil dabei fiel zweifellos meinem Freunde Wittig zu,
der weitaus überwiegenden Zahl der Nachwüchslinge gebührte der Name
Wittig von Bluts wegen. Mit Recht durfte der Meister von jenseits des
Grabes auf ein arbeitsames, gesegnetes Leben zurückblicken.
Etwas mehr als ein Jahr nach seinem Heimgang kam mir eine
fein ausgestattete Drucksorte mit der Nachricht zu, daß die
Kürschnermeisterswitwe Wittig sich mit einem bewährten Mitarbeiter des
Zobels, dem Kürschnergehilfen Soundso, vermählt habe. Ewige Wiederkehr
des Gleichen!
Die Meisterin gab bekannt, daß das Geschäft unter der früheren Firma
weiterbestehen werde, und bat alle alten Kunden, ihr geschätztes
Vertrauen auch dem neuen Inhaber zuzuwenden, der gewiß bestrebt sein
werde, durch solide und unerreicht wohlfeile Bedienung usw. usw. ...
Ich befand mich, als ich diese Mitteilung erhielt, gerade frierend
auf einer Reise, die ich trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit
notgedrungen hatte unternehmen müssen. Die »unerreicht wohlfeile
Bedienung« ließ meine nicht auszurottende Hoffnungsfreudigkeit sofort
wieder in die Halme schießen, ich telegraphierte stehenden Fußes mit
bezahlter Rückantwort in die Krumme Gasse: Was ein Stadtpelz jetzt
koste? Die eingelangte Antwortdepesche warf mich für mehrere Tage aufs
Krankenlager. Als ich wieder genesen und heimgekehrt war, erzählte mir
ein Bekannter, den ich zufällig traf, die Hochzeit der Zobelwitwe sei
ein wahres Ereignis für die ganze Vorstadt gewesen. In ungezählten
Fiakern, behauptete er, die man in ganz Wien habe zusammentrommeln
müssen, hätte die Familie sich in die Laurentiuskirche begeben, in der
fürs schaulustige Publikum kaum noch Raum übriggeblieben sei, weil die
Wittigs allein sie beinahe schon gefüllt hätten. Die Prachtentfaltung,
die dabei getrieben worden, könne niemand sich vorstellen, der es
nicht mit angesehen. Das kostbare Pelzwerk allein, das die größeren
oder ganz erwachsenen von den Zobelkindern an sich getragen,
wäre nach Schätzung solcher, die etwas von der Sache verstünden,
ausreichend gewesen, die gesamten Schulden des österreichischen
Bundesstaates zu tilgen. +Relata refero.+ Mein Gewährsmann, der
sich in Übertreibungen zu gefallen schien, wußte auch noch eine Menge
Einzelheiten über den Aufwand beim Festessen und dergleichen mehr
mitzuteilen, Dinge, die den Stempel des Klatsches an sich trugen, wie
eben der Neid und die Scheelsucht ihn aushecken.
Ich selbst kann dem gegenüber nur feststellen, daß alles, was ich
später über Wittigs Nachkommen hörte oder selbst sah, mir einen
durchweg günstigen Eindruck machte. Sie genossen den allerdings
recht bedeutenden Wohlstand, den der Vater ihnen hinterlassen hatte,
zwar ohne Kopfhängerei in Fröhlichkeit, aber auch ohne Prahlerei
oder übermäßigen Aufwand, bescheiden und einträchtig miteinander
hausend, in einem heiteren brüderlich-schwesterlichen Zusammenleben,
das um so bemerkenswerter war, als manchmal sogar in ganz kleinen
Familien Uneinigkeit herrscht und hier die verschiedene Herkunft
einen mangelnden Zusammenhang oder etwa auftretende Reibungen bis zu
einem gewissen Grade erklärlich gemacht hätte. Derlei kam aber in der
freundlichen kleinen Geschwisterrepublik überhaupt nicht vor, und
wußte auch keines recht, wer eigentlich sein Vater und seine Mutter
gewesen -- denn es war schwierig, sich in dieser Familiengeschichte
auszukennen -- so hingen sie doch in herzlicher Neigung aneinander und
waren sich dessen bewußt, daß sie alle (außer dem Herrgott im Himmel)
wenigstens einen, allerdings kaum minder abstrakten Vater miteinander
gemein hätten, nämlich den »Zobel« selbst. Im ganzen Bezirk der Krummen
Gasse nannte man sie deshalb die Zobelkinder, und darunter verstand
man nicht bloß die wirklichen Kinder, deren auch unter dem jetzigen
Firmeninhaber immer wieder neue zuwuchsen, sondern begriff auch die
halb- und ganzerwachsenen mit ein, ja die Eltern selbst, die beide noch
jung und ohnedies von den älteren Kindern äußerlich nicht leicht zu
unterscheiden waren.