Als ich einmal an einem Sonntag im Frühling einen Spaziergang in den

Wienerwald unternahm, hörte ich in der Gegend von Weidlingau durch

die reine Abendluft vielfältiges Singen und Lachen frischer Stimmen

im neubegrünten Buchenforst erklingen und gewahrte einen langen

Zug von Kindern und jungen Leuten, der jubilierend den einsamen

Waldweg dahinzog und sich der Stelle näherte, wo ich im Grase lag.

Erst hielt ich die Erscheinung für den Sonntagsausflug irgend einer

Wandervogelvereinigung, doch klärten die Ganzkleinen, die Huckepack

geschleppt, und die Kinderwägelchen, in denen die Allerkleinsten

mitgeschoben wurden, mich bald darüber auf, daß dies doch nicht

zutreffen könne. Was aber der stattliche Aufzug sonst bedeute, darüber

ging mir erst in dem Augenblick ein Licht auf, als ich plötzlich mitten

darunter die noch immer jugendlich aussehende Zobelmeisterin erblickte,

die mir von früher bekannt war. Von einem Schwarm scherzender

junger Leute und singender Mädchen umringt, die sie liebevoll

geleiteten und beim Bergabsteigen sorgsam stützten, glich sie, da

sie unverkennbar guter Hoffnung war, einem Sinnbild sommerlicher

Fruchtbarkeit inmitten lockerer Frühlingsgenien, und ich war froh, daß

die freundliche Karawane der Zobelkinder eine gute Weile brauchte,

um plaudernd, lachend und trällernd, unter fröhlichem Saitenklang,

mit buntflatternden Wimpeln der Lautenbänder an mir vorüberzuziehen,

und ich auf diese Weise den Anblick in aller Gemächlichkeit genießen

konnte. Noch lange blickte ich sinnend hinter den Entschwindenden

drein, bis die letzten Nachzügler sich in den grünen Waldgängen

verloren hatten. Ein friedliches Gefühl innerer Beruhigung war in

mir zurückgeblieben. Ich sagte mir, daß es trotz der fürchterlichen

Nachwirkungen des Weltkrieges mit dem Aussterben unseres Volksstammes

denn doch noch seine guten Wege haben dürfte ...

Seither habe ich als alter Freund Wittigs wiederholt Geburtsanzeigen

neuer oder Verlobungs- und Trauungsanzeigen heiratsfähig gewordener

Zobelkinder, oder endlich Geburtsanzeigen der immer häufiger

auftauchenden Zobelenkelchen zugesendet erhalten und meine damals

aufgekeimte Hoffnung dadurch aufs erfreulichste bekräftigt gefunden.

Dem jungen Bundesstaate allerdings erwuchsen aus Wittigs Kindersegen

nach und nach nicht unbeträchtliche Ungelegenheiten. Denn je mehr von

den Kindern und Enkeln des Zobelhauses in die Schulen eintraten oder

sie wieder verließen, heranwachsend verschiedenerlei Berufe ergriffen

oder Tätigkeiten anmeldeten und, reif geworden, Ehen schlossen oder

selbst wieder Kinder bekamen, kurz, Handlungen begingen, bei denen man

irgendwie mit den öffentlichen Stellen in Berührung kommt und gewisse

Ausweispapiere benötigt, desto öfter tauchte die Frage auf, welcher

Mutter oder welches Vaters Sohn oder Tochter, und welcher Großeltern

Enkelkind dieser oder jener Zobelnachwüchsling eigentlich sei, und

um so mehr trat die heillose Verwicklung zutage, die Meister Wittig

durch seine viermalige Vermählung und die wiederholte Aufnahme eigener

und fremder außerehelicher Kinder in sein Haus hervorgerufen hatte.

Infolge gesteigerter Vorladungen und Einvernehmungen, widersprechender

Aussagen und irrtümlicher Eintragungen kam es schließlich so weit,

daß überhaupt kein Mensch sich mehr auskannte und die Behörden an der

Möglichkeit verzweifelten, diesen Weichselzopf ohne Vermehrung des

Beamtenpersonals auszukämmen. Es wurde deshalb ein eigenes Ressort

»Zobel« geschaffen und ein Beamter mit Titel und Charakter eines

Regierungsrates ernannt, dessen Lebensaufgabe darin besteht, aus der

quellenmäßigen Erforschung von Wittigs Familienverhältnissen eine

Wissenschaft zu machen und die Zobelkinder in Evidenz zu halten.

Da ich inzwischen zu der Einsicht gelangt war, daß ich als freier

geistiger Arbeiter mein Leben nicht länger würde fristen können, so

habe ich mich um diesen Beamtenposten beworben, wurde aber leider

abschlägig beschieden, da ich die Altersgrenze für den Eintritt in den

öffentlichen Dienst bereits überschritten habe.

Ich will nicht klagen und jammern, wie mein Freund Wittig es so gerne

tat, ich schweige und versuche durchzuhalten. Das eine aber habe ich

mir geschworen, und das halt' ich auch: Wenn ich wieder mal auf die

Welt komme, so laufe ich beizeiten aus der Schule und trete bei einem

Kürschner in die Lehre!

[Illustration]

Im gleichen Verlage erschien

von

Emil Ertl:

Liebesmärchen

Einbandzeichnung

von

Friedrich Felger

5. Tausend

»Ein kleines, feines Buch, das der Dichter in seiner frühen Jugend

geschrieben hat. Märchen und Sagen, denen er neuen Inhalt gegeben hat;

alle seine Erzählungen läßt er überfließen von der großen Liebe zweier

Menschen zueinander. So entstand ~ein rechtes Märchenbuch~, das

jung und alt hineinführt in zauberstille, lauwarme Sonnwendnächte, in

denen der Mond seine zarten Lichtschleier über Wald und Wiese breitet.«

(+Dr.+ Wendriner in Reclams »Universum«.)

Im gleichen Verlage erschienen von

Emil Ertl:

Die Leute vom blauen Guguckshaus

Roman · 19. Tausend

Einbandzeichnung von Prof. ~Alfred v. Schrötter~

Freiheit, die ich meine

Roman aus dem Sturmjahr · 16. Tausend

Auf der Wegwacht

Roman · 16. Tausend

Vorstehende drei Romane sind unter dem Titel »=Ein Volk an der

Arbeit=« ~einheitlich gebunden~ zu einem Gesamtwerk vereinigt.

Das Lächeln Ginevras

Roman · 7. Tausend

Der Antlaßstein

Roman · 8. Tausend

Einbandzeichnung von ~R. Teschner~

Der Neuhäuselhof

Roman · 11. Tausend

Einbandzeichnung von ~F. Felger~

Nachdenkliches Bilderbuch

Ernste und heitere Geschichten

Einbandzeichnung und Buchschmuck von ~Alfred Keller~

5. Tausend

Nachdenkliches Bilderbuch

Zweite Folge · 4. Tausend

Einbandzeichnung von ~Alfred Keller~

Buchschmuck von Prof. ~Alfred v. Schrötter~

Der Berg der Läuterung · 第 14 / 14 段