bei Ihrem heruntergekommenen Ernährungszustand sicher das ratsamste
wäre -- packt man ganz einfach in Kisten und verstaut sie auf dem
Dachboden. Überbrauchte Kisten kann ich Ihnen zu dem Zweck gern zur
Verfügung stellen.«
Der Oberrechnungsrat hatte rasch seine Fassung wiedergewonnen. Daß
Scheinemann seine Bücher beschimpft und alte Schwarten genannt hatte,
das segnete ihn plötzlich mit der Leidenschaft und dem Mut der eigenen
Meinung.
»Sie undankbarer Mensch!« schrie er und hieb die Faust auf die Platte
des Lesetisches. »Sie heimtückischer Lotterbube! Was nehmen Sie
sich heraus? Mit welchem Recht spielen Sie hier den Herrn? Als Gast
hatte ich Sie aufgenommen -- leider, leider! Und nun treten Sie mir
als ein schamlos Fordernder entgegen? Ich kündige Ihnen hiermit die
Gastfreundschaft! Jawohl! Ich setze Ihnen den Stuhl vor die Tür! Ich
bin nicht verpflichtet, einen Gast bei mir zu beherbergen! Nein! Dazu
bin ich nicht verpflichtet, merken Sie sich das! Und habe es auch satt,
Ihre Übergriffe länger zu erdulden! Meine Langmut ist zu Ende! Ich
delogiere Sie! Jawohl! Sie, samt Ihrer geschminkten Mätresse und der
ganzen unsauberen Schiebergesellschaft! Gehn Sie! Ich weise Sie hinaus!
Haben Sie verstanden? Machen Sie, daß Sie fortkommen! Treten Sie mir
nicht mehr unter die Augen!«
Er hielt keuchend inne und war etwas betreten, daß der Erfolg seiner
geharnischten Worte einigermaßen zu wünschen übrig ließ. Der Herr
Generaldirektor hatte ihm die ganze Zeit scheinbar ohne jede Bewegung
gerade ins Gesicht gesehen und ruhig gewartet, bis er zu Ende wäre.
Jetzt sagte er mit seinem breiten, herausfordernd frechen Lächeln um
die Lippen: »Ihre unqualifizierbaren Invektiven einer Erwiderung zu
würdigen, verbietet mir die Selbstachtung. Bezüglich der mir gewährten
Gastfreundschaft und meines Verhältnisses zu Ihnen und Ihrer Wohnung
dürften aber doch einige aufklärende Bemerkungen, die ich mir zu
gestatten bitte, am Platze sein.«
Damit zog er eine dicke Brieftasche hervor und zählte gelassen sechs
nagelneue blaue Tausendkronenscheine auf das Fenstertischchen.
»So --!« sagte er, »da ist die Vierteljahrsmiete für die zwei Zimmer,
die ich bisher innehatte. Mehr können Sie für diese Lückerln wirklich
nicht beanspruchen. Wenn Sie aber glauben, mit Ihrer scheinbaren
Großmut das Gesetz umgehen zu können, so befinden Sie sich auf dem
Holzweg. Bei mir wenigstens sind Sie mit solchen Kniffen an den
Unrechten gekommen. Wir sind unser zwei Personen, ich habe nach dem
Gesetz Anspruch auf drei Zimmer und bin nicht der Mann, der sich um
sein gutes Recht betrügen läßt. Ich rate Ihnen gut: Überlegen Sie sich
meinen Vorschlag. Und vergessen Sie dabei das eine nicht, daß ich Sie
mit Haut und Haar in meiner Hand habe. Wenn Sie nicht Räson annehmen,
so zeige ich Sie ganz einfach an. Denn ich weiß genau, daß Sie Ihr
Bücherzimmer listig verheimlicht haben. Jawohl! Geschwindelt haben
Sie! Hinterzogen haben Sie! Und welche Strafe auf Hinterziehung von
Räumlichkeiten steht, das wird Ihnen vielleicht selbst bekannt sein.«
Er stand auf und verließ ohne Gruß das Bücherzimmer. Die Resi hörte
ihn mit herrischem Tritt an der Küche vorbeimarschieren. Voll Spannung
wartete sie, ob der Herr Oberrechnungsrat vielleicht herauskommen und
ihr wenigstens andeutungsweise verraten würde, wie er seinen Vorsatz,
»ein Ende zu machen«, ins Werk gesetzt hätte. Nachdem aber eine geraume
Zeit verstrichen war, ohne daß er sich gezeigt hätte, so hielt sie es
schließlich nicht länger aus und beschloß, obgleich es noch etwas zu
früh dafür war, den Tisch zu decken.
Ins Bücherzimmer eingetreten, fand sie ihren Herrn, den Kopf in die
Hand gestützt und anscheinend tief in Gedanken versunken, im Klubsessel
sitzend, wagte es aber nicht, das Wort an ihn zu richten. Die ganze
Zeit, während sie leise und behutsam am Tisch herum hantierte, bewegte
er sich nicht ein einziges Mal, sondern verharrte regungslos, als wär'
er zu Stein erstarrt, immer in der gleichen Stellung. Nichts Gutes
ahnend, wollte sie eben das Zimmer wieder verlassen und in ihre Küche
zurückschleichen, als er sie anrief.
»Ach Resi,« sagte er mit einer gänzlich veränderten, merkwürdig
gequälten Stimme, »seien Sie so gut -- ich fühle mich fast zu matt, um
aufzustehn -- reichen Sie mir doch das rote Buch her, das dort in der
dritten Reihe steht.«
Dienstfertig suchte sie nach dem Gewünschten und griff nach einem
großen roten Bande in der bezeichneten Reihe, um ihn herabzulangen.
»Nein, das ist es nicht! Rechts davon!« rief er ungeduldig.
»Noch weiter rechts, das kleine rote Bändchen, ›Marc Aurel,
Selbstbetrachtungen‹ steht auf dem Rücken.«
Endlich hatte sie's gefunden und brachte es ihm.
»Sind der gnä' Herr am End' gar krank?« fragte sie voll Sorge.
»Nein! Gar nicht, gar nicht! Besten Dank!« sagte er abweisend und
begann in dem Bändchen zu blättern.
Während sie ihn beim Mittagessen bediente, war er ununterbrochen in
das kleine rote Buch vertieft, achtete ihrer nicht, sprach kein Wort,
berührte die Speisen kaum, las nur immer und las ...
»Jetzt hat er wieder einmal den Leserappel,« dachte die Resi und
war nun schon fest überzeugt, daß der Versuch, die Scheinemanns
abzuschütteln, mißlungen sein mußte.
Am Nachmittag hätte sie, da Sonntag war, »Ausgang« gehabt, verzichtete
aber darauf, um zur Stelle zu sein, falls ihr Herr, der ihr durchaus
nicht geheuer vorkam, irgend etwas benötigen sollte. Er verlangte
jedoch kein einziges Mal nach ihr, und als sie ihm den Tee brachte,
sah sie ihn am Schreibtisch sitzen. Er schrieb emsig oder rechnete und
hatte eine Menge Papiere, Briefschaften und Rechnungen um sich liegen.
»Zum Abendbrot heute nichts als abermals eine Tasse Tee!« befahl er,
flüchtig aufblickend.
»Der Herr Oberrechnungsrat sind halt doch nicht ganz beisammen!«
stellte sie mit Überzeugung fest.
»Ein bißchen abgespannt -- nichts weiter. Vielleicht geh' ich etwas
früher als sonst zu Bett ... Ja, was ich sagen wollte: Meinen schwarzen
Anzug bürsten Sie mir aus, bitte, und hängen ihn herein. Morgen früh
muß ich zu einem Leichenbegängnis.«
»Eine Leich'?« fragte sie erstaunt. »In aller Früh'?«
»Ja, ausnahmsweise am Morgen ... Ich habe jetzt noch ein paar Stunden
zu arbeiten und möchte ungestört sein. So gegen acht vielleicht, wenn
Sie so freundlich sein wollten ...«
Sie verrichtete alles, wie er sie geheißen, klopfte gegen acht an
die Tür, hängte den gesäuberten Anzug herein und räumte das Bett ab.
Nachdem sie auch noch den gewünschten Abendtee gebracht, glaubte sie zu
bemerken, daß er bereits Anstalten machte sich niederzulegen. Da fragte
sie, ob er noch etwas benötige, und als er verneinte, empfahl sie sich
und wünschte gute Nacht und baldige Besserung.
»Leben Sie wohl, Resi!« rief er ihr in einem milden, herzlichen Tone
nach.
»Ein guter Herr,« dachte sie. »Wie anders könnt' alles sein, wenn's
anders wär'!« ...
Und Bangigkeit im Herzen legte sie sich, müde und bekümmert, wie
auch sie war, ebenfalls vorzeitig zu Bett. Aber von Einschlafen war
lang keine Rede. Heute ging's da drüben wieder toll zu. Sang und
Lustbarkeit, Gejohle und Gekreisch. Das Knallen der Champagnerpfropfen
hörte sie bis in ihr dunkles Stübchen herein, und wenn ein Vivat
ausgebracht wurde, so klang's, als sei eine ganze Volksmenge in den
zwei kleinen Zimmern versammelt. Wohl ein paar Stunden lauschte sie den
ausgelassenen Geräuschen, bis doch die Müdigkeit ihr allmählich die
Ohren verstopfte.
Da seufzte sie auf und sagte zu der verstorbenen Frau Pleß -- denn
immer redete sie, wenn sie in Gedanken sprach und ihre Ansichten
äußerte, mit der seligen gnädigen Frau -- ...
»Nein, wie's heutigentags in der Welt zugeht,« sagte sie -- »ich bin
mir wirklich nicht mehr gescheit genug! Behörden haben wir in die
Haut hinein, eher zu viel als zu wenig, und drangsalieren tun sie die
anständigen Leut', daß ihnen das Blut unter den Nägeln herausspritzt.
Aber die Schieber und Schleicher und Volksaussauger, die dürfen
prassen, und das Geld, das sie den Ehrlichen abgeknöpft haben, zum
Fenster hinausschmeißen -- da rührt sich keine Behörde, da schaun die
Herrn Drangsalierer ruhig zu und stehn da wie die Waserln und schupfen
die Achsel: Ja, da kann man nix machen!«
Und die selige Frau Oberrechnungsrat, als die Resi ihr so ihr Herz
ausschüttete, nickte mit dem Kopf und lächelte, wie nur die Seligen
lächeln können, und sagte: »Lassen Sie sich deswegen kein graues Haar
wachsen, Resi. Wenn die Welt anders wär', als sie ist, dann wär's ja
keine Kunst, aus dem Leben als halbwegs so anständiger Mensch wieder
herauszukommen, wie man einst als unschuldiges kleines Kind in sie
hineingekommen ist!«
Das leuchtete der Resi ein und beruhigte sie einigermaßen. Sie mußte
selber lächeln und schwebte allmählich so federleicht, als ob sie ein
Schmetterling und keine Köchin gewesen wäre, ins Blumenland des Traums
hinüber, obgleich nur wenige Schritte von ihrer Zimmertür entfernt,
drüben im Reich des »Kondors«, das Singen, Kreischen und Johlen noch
lange bis nach Mitternacht weitertobte.
Den nächsten Morgen, als die Resi aus ihrer Kammer trat und in die
Küche gehen wollte, fand sie einen Zettel an die Tür geheftet, darauf
stand mit Blaustift geschrieben: »Achtung! Der Gashahn ist geöffnet!«
Von Schreck fast gelähmt, stieß sie die Tür auf, ein entsetzlicher,
atemverlegender Geruch schlug ihr entgegen -- Jesus Maria! Da saß eine
schwarzgekleidete Gestalt ... und rührte sich nicht ...
Weit riß sie die Fenster auf.
»Zu Hilfe! Zu Hilfe!«
In ihrer Not stürzte sie an die Tür des Mieters.
»Wer klopft? Wer ist draußen? Was wollen Sie denn?«
»Der gnädige Herr --! der Herr Oberrechnungsrat --!«
»Also was ist denn eigentlich los?«
»Tot ist er! Umgebracht hat er sich! Der Gashahn ist offen!«
»So machen Sie den Gashahn wieder zu und die Fenster auf. Und dann
holen Sie die Polizei. Was hab' denn ich dabei zu tun?«
Wie im Wahnsinn rannte sie davon, die Treppe hinunter. Es regnete in
Strömen, über ihren Füßen, die nur mit weichen Hausschuhen bekleidet
waren, spritzte das Wasser der Pfützen zusammen. Da stand der
Wachposten. Mit fliegendem Atem berichtete sie ...
An der Wohnungstür, die offen stehen geblieben war, hatte sich
inzwischen ein Trüppchen Neugieriger angesammelt. Leute aus dem Haus,
aus den Keller- und Dachwohnungen, Dienstmädchen, Hausmeisterbuben.
Scheu traten sie näher, stießen und schoben einander vorwärts, wagten
sich nicht weiter und kamen doch allmählich vom Fleck. Bis einer auf
die Schnalle der Küchentür drückte -- da fuhren sie aufkreischend
zurück, flüsterten untereinander und spähten abermals durch die
Türspalte ...
Der Wachmann, mit dem die Resi zurückgekehrt war, wies die Unberufenen
hinaus. Unten tönte eine Hupe.
Der Wachmann hatte telephonisch die Meldung weitergegeben. »Da ist
schon die amtliche Kommission,« sagte er.
Im ersten Augenblick hatte die Resi an die Wohnungskommission gedacht.
Aber freilich -- sie wußte es ja, es handelte sich um die Aufnahme des
Augenscheins.
Als sie die Herren in die Küche geleitete, prallte sie neuerdings
entsetzt zurück. Da saß noch immer die schwarzgekleidete Gestalt, in
derselben Stellung, regungslos. Krampfhaft hielt die herabgesunkene
Hand den Schlauch des Gaskochers umklammert ...
Der Polizeikommissar, während der Arzt sich um den Toten zu schaffen
machte, ersuchte um Feder und Papier. Gerne ergriff die Resi den
Anlaß, sich aus der Küche zu entfernen. Sie trat ins Bücherzimmer, das
Gewünschte zu holen, und erstarrte -- Scheinemann und die Rothaarige
waren mit einem Zollstab an der Arbeit, die Länge der Wände abzumessen.
Den Blick voll unauslöschlichen Hasses auf das Paar gerichtet, sagte
sie mit Betonung: »Hier ist das Zimmer vom gnädigen Herrn!«
»Schweigen Sie!« herrschte der Generaldirektor sie an. »Noch heute
verlassen Sie das Haus, Sie freche Person! Schauen Sie meine Frau an!
In ein paar Tagen sind wir unser drei, dann haben wir Anspruch auf eine
Vierzimmerwohnung!«
Und die Rothaarige verzog die Mundwinkel, daß die dicken, gepuderten
Wangen wie zwei weiße Äpfel hervorsprangen, und sagte mit ihrem stark
slawischen Akzent: »Fir Dohde braucht das Wonnungsahmt nicht merr zu
sohrgen!«
In diesem Augenblick hatte Herr Scheinemann die sechs großen blauen
Banknoten bemerkt, die er gestern dem Oberrechnungsrat ausbezahlt
hatte. Unberührt lagen sie noch auf dem Fenstertischchen. Rasch trat
er hinzu, faltete sie sorgfältig zusammen und steckte sie mit seinem
widerwärtigen breiten Lächeln in die dickgefüllte Brieftasche.
Die Zobelkinder
Aus den Aufzeichnungen eines geistigen Arbeiters
Der Winter bei uns ist rauh, fast seit meiner Geburt trage ich mich
mit dem Gedanken, mir einmal einen Stadtpelz anzuschaffen. Aber bis
jetzt hab' ich es noch nie so weit bringen können. Darum getraue ich
mich auch in keinen Kürschnerladen hinein und begnüge mich damit, die
Schaufenster als Außenseiter zu betrachten. Nur das Geschäft Zum Zobel
in der Krummen Gasse wage ich gelegentlich zu betreten und bewahre
ihm sogar eine gewisse Anhänglichkeit, weil es nämlich früher einmal
meinem Freunde, dem Kürschnermeister Wittig gehörte, mit dem ich in
die Volksschule gegangen bin. Er war schon damals ungemein strebsam,
was ich von mir leider nicht behaupten kann. Nach den untersten
Schulklassen trat er bei einem Kürschner in die Lehre, während ich auf
Karriere verzichtete und mich den Studien zuwendete.
Die Kürschnerei Zum Zobel war und ist eine wahre Goldgrube, was mein
Freund Wittig, solange er lebte, allerdings beharrlich leugnete. Daß er
in diesem Punkte nicht ganz aufrichtig war, wußte in der Krummen Gasse
jedes Kind, obgleich, oder vielleicht gerade deshalb, weil er beständig
über schlechte Zeiten jammerte. Denn das ist immer das beste Zeichen,
daß es einem Gewerbsmann gut geht. Wenn man ihn an das Sprichwort
erinnerte: »Handwerk hat einen goldenen Boden,« so gab er seufzend
zur Antwort: »Jawohl, das sagte der Weber, als ihm die Sonne in die
leere Brotlade schien!« Offenbar gehört zum Gewerbe auch ein bißchen
Verstellung, wie denn ein anderes landläufiges Sprichwort es ziemlich
unverblümt ausspricht, daß ein Handwerksmann und ein Krämer, die nicht
lügen, keine Losung hätten. Nun, ich muß gestehen, daß ich manche
Tageslosung Wittigs mit Vergnügen gegen mein gesamtes Jahreseinkommen
ausgetauscht hätte. Wieviel der Zobel nur allein an mir, der ich doch
eine recht bescheidene Existenz bin, im Laufe der Jahre schon verdient
hat, das läßt sich heute gar nicht mehr nachrechnen. Denn alljährlich
gebe ich dort meine Pelzkappe und den Muff meiner Frau über den
Sommer zur Aufbewahrung. Und wenn ich beides im Herbst wieder abhole,
so erkundige ich mich jedesmal, wieviel jetzt ein Stadtpelz kostet.
Aber der ist freilich auch jedesmal wieder um ein Ziemliches teurer
geworden, sonst hätte ich mir vermutlich schon längst einen gekauft,
was dem Zobel neuerdings ein schönes Stück Geld eingetragen haben
würde.
Der Kürschnermeister Wittig war natürlich nicht gleich vom Lehrjungen
weg Meister geworden, sondern ursprünglich bloß Geselle gewesen. Als
solcher vermählte er sich zum ersten Male, und zwar mit einer perfekten
Köchin, die nicht nur sein Leibgericht, eine süße Mehlspeise, die
man in Wien unter dem Namen »Topfenhaluschka« verehrt, ganz wunderbar
zuzubereiten verstand, sondern ihm auch ein lediges Kind in die Ehe
mitbrachte. Da er dasselbe tat, so glich sich die Sache aus. Der Köchin
schlug das Verheiratetsein übrigens vortrefflich an, sie wurde mit
jedem Tage dicker und gewann schließlich einen solchen Leibesumfang,
daß man wie bei einer alten Eiche, sobald man sie nur erblickte,
unwillkürlich darüber nachzusinnen begann, wie viele Männer wohl nötig
wären, sie zu umspannen. Nach kurzer, aber um so glücklicherer Ehe
starb sie denn auch an Fettsucht, woraus man wohl abermals mit einigem
Recht den Schluß ziehen darf, daß das Kürschnergewerbe seine Leute
nicht leicht an Unterernährung zugrunde gehen läßt.
Da sie ihrem Gatten zwei Knaben geboren hatte und die beiden
außerehelichen Kinder ebenfalls Knaben waren, so stand Wittig nach
ihrem Tode mit vier männlichen Nachkommen hilflos und allein in der
Welt. Nichts natürlicher, als daß in solcher Lage ein ehrlicher
Kürschnergehilfe, der sein Hauswesen nicht vor die Hunde kommen lassen
will, sich sofort nach einer neuen Lebensgefährtin umsieht. Das Glück
wollte es nun, daß ungefähr um dieselbe Zeit die Kürschnermeisterin Zum
Zobel in der Krummen Gasse das gleiche Unglück betroffen hatte. Nach
kaum achtjähriger Musterehe war ihr nämlich ihr Mann durch den Tod
abhanden gekommen und hatte ihr außer der Kürschnerei vier allerliebste
kleine Mädchen und die Sehnsucht nach einem neuen Manne hinterlassen.
Sie hielt deshalb Ausschau nach einem Gegenstande, der der dreifachen
Aufgabe eines Zobelmeisters, -vaters und -gatten gewachsen wäre und
hatte alsbald eine Auge auf den stattlichsten ihrer Gesellen geworfen,
und das war selbstverständlich kein anderer als mein Schulfreund
Wittig.
Die Trauung, die in der Kirche des heiligen Laurentius stattfand, und
bei der mir die Ehre widerfuhr, als Trauzeuge fungieren zu dürfen, war
ein überaus lieblicher Anblick. Es standen nämlich zugleich mit den
Brautleuten nicht weniger als acht herzige Kindchen vor dem Traualtar,
die vier Knaben Wittigs rechter Hand an der Seite der Braut, die vier
Mägdlein der Zobelwitwe links neben dem Bräutigam, alle noch ganz
klein und in schneeweißen Festkleidchen, -röckchen oder -höschen und
jedes ein Myrtensträußchen oder -kränzlein vor der Brust oder im
zierlich gekräuselten Haar, rein als ob sie sich selbst schon als
kleine Bräutchen oder Bräutigämchen aufspielen wollten. Wären die
Gesichterchen nicht sämtlich nach einer etwas groben, handwerksmäßigen
Schablone zugeschnitten gewesen, was ihnen trotz der verschiedenen
Herkunft das Ansehen richtiger Geschwister verlieh; und wäre es nicht
versäumt worden, ihnen vor Beginn der kirchlichen Handlung die Näschen
etwas sorgfältiger zu putzen, so hätte man sich bei ihrem Anblick
leicht an irgend ein schönes altmeisterliches Bild können erinnert
fühlen, wo süße Putten in Unschuldsgewändern irgend einen heiligen
Vorgang andächtig umringen.
Man kannte und schätzte in der ganzen Vorstadtgegend den
Kürschnergehilfen Wittig, der nun seine Meisterin ehelichte und damit
selbst Meister des Zobels wurde, und gönnte ihm sein Glück. »Da kommen
zwei Fleißige zusammen,« sagten die Leute; »fleißig in der Arbeit,
fleißig im Kinderkriegen.« Und das Kürschnermeisterpaar enttäuschte die
Leute nicht. Arbeitsam im Geschäft, umsichtig im Häuslichen, ließen
sie sich doch nichts abgehen und führten ein vergnügliches Leben. Die
Meisterin, die noch in den besten Jahren stand, war heiter, flott,
unternehmungslustig, kurz, was man eine »fesche« Frau nennt, und die
Kaiserstadt an der Donau damals noch ein lustiges Pflaster. So munter
sie sich aber auch um und um bewegte, ihre Pflicht, für die Vermehrung
der Menschheit im allgemeinen und der Zobelkinder im besonderen zu
sorgen, vernachlässigte sie darüber keineswegs, sondern beschenkte
ihren Mann, zwischen Praterwirt und Heurigenschenke gewissermaßen,
alle zwölf bis vierzehn Monate mit einem gesunden Sprößling. Meister
Wittig, der diesen Kindersegen wie die Zinsen eines gut angelegten
Kapitals, die zu bestimmten Terminen fällig werden, mit stolzer
Genugtuung einstrich, verjüngte sich zusehends unter ihrem fröhlichen
Einfluß. »Tages Arbeit -- abends Gäste« reimte nun auch bei ihm wie bei
seiner Gattin und bei Goethe auf »Frohe Feste«.
Als ich wieder einmal meine Pelzkappe und den Muff meiner Frau, weil es
plötzlich grimmig kalt geworden war, vom Zobel abholte, traf ich ihn
selbst im Geschäft an und ergriff die Gelegenheit mich zu erkundigen,
was wohl ein Stadtpelz jetzt koste? Daß mir der Schreck in die Glieder
fuhr, als er den Preis nannte, suchte ich zwar nach Möglichkeit zu
bemänteln, indem ich rasch entschlossen so tat, als hätte ich mich
zufällig selbst aufs Hühnerauge getreten; er mochte es aber dennoch
bemerkt haben. Wenigstens legte er sofort die Grammophonplatte mit der
Jammerarie ein und behauptete, einen solchen Vorzugspreis könne er
freilich keinem anderen machen außer mir, ich möge es nur um Gottes
willen nicht weitersagen, er wisse ohnedies nicht mehr, wie er auf
seine Kosten kommen solle in den schlechten Zeiten, wo die Felle und
die Arbeitslöhne immer teurer, und die Pelzsachen -- im Verhältnis
betrachtet, natürlich! -- immer wohlfeiler würden. Es gebe Kunden, die
das nicht begreifen wollten, aber verschenken könne er seine Ware denn
doch nicht, er habe mit seiner Hände Arbeit eine Familie zu ernähren,
und was es heutzutage heiße, so viele hungrige Mäuler zu stopfen, davon
könne niemand sich eine Vorstellung machen, der nicht selbst Kinder
besitze.
Ich mußte einsehen, daß dies in der Tat keine Kleinigkeit sei, und
schwieg beschämt. Mein Pelzmantel würde mir doch natürlich auch keine
Freude gemacht haben, wenn ich ihn immer mit dem Gefühl hätte tragen
müssen, daß Wittigs Kinder seinethalben am Ende dem nagenden Hunger
preisgegeben gewesen wären. Und leider wußte ich ja aus eigener
Erfahrung, daß das tägliche Leben immer teurer wurde, kostete es mich
doch Mühe genug, auch nur meinen kleinen frugalen Haushalt notdürftig
über Wasser zu halten, obwohl ich gänzlich kinderlos bin. Meinem
Freunde Wittig dagegen hatte gerade damals seine Meisterin nach kaum
sechsjähriger Ehe das fünfte Kind geschenkt. Demnach waren es, da schon
früher deren acht vorhanden gewesen, derzeit genau ihrer dreizehn, und
die Zahl dreizehn gilt bekanntlich für eine Unglückszahl. Über solchen
Aberglauben mag lächeln, wer will, ich kann nur feststellen, daß die
alte Erfahrung sich leider auch in diesem Falle als zutreffend erwiesen
hat.
Die »fesche« Frau Wittig, die für ihr Leben gern tanzte, ließ es
sich nicht nehmen, am Faschingssonntag, schon wenige Wochen nach der
Geburt jenes dreizehnten Zobelkindes ein Kränzchen des Kürschner- und
Pelzwarenhändler-Vergnügungsvereines mitzumachen, dessen Fahnenmutter
sie war. Und da sie als Patronesse keinem Tänzer einen Korb geben
durfte, so übernahm sie sich und verblich am Aschermittwoch als Opfer
einer allzu strengen Auffassung ihrer kürschnerischen Ehrenpflichten.
Meister Wittig, der den Tag über durch das Geschäft vollauf in Anspruch
genommen wurde, konnte die zahlreichen Kinder, deren ältestes nicht
viel über zwölf Jahre alt war, auf die Dauer nicht den Dienstboten
überlassen. Es blieb ihm deshalb nichts übrig, als sich zu einer
dritten Heirat zu entschließen. Kaum daß er diesen Entschluß gefaßt
hatte, so faßte er noch den zweiten, sich diesmal eine ganz besonders
ansehnliche Gattin zuzulegen. Bei den unausgesetzt schlechten Zeiten
und dem immer miserableren Geschäftsgang hatte er sich nach und nach
ein stattliches Vermögen erworben und konnte als wohlhabender Mann, der
noch kaum vierzig Jahre zählte, unter den Töchtern der angesehensten
Bürgerfamilien Umschau halten. Jung sollte die Erwählte sein, doch
nicht flatterhaft, schön, aber nicht hoffärtig, liebenswürdig, aber nur
gegen ihn, fröhlich, doch nicht allzu vergnügungssüchtig, reich, doch
nicht anspruchsvoll, vornehm, dabei aber arbeitsam, kinderlieb gegen
die früher angesammelten Dreizehn, aber doch vor Verlangen brennend,
die Unglückszahl sobald wie möglich durch erneuten Zuwachs unschädlich
zu machen. Billiger beschloß er, es auf keinen Fall zu geben.