müssen, das Bett des jungen Herrn in das Zimmer vom Fräulein schieben.
Jetzt stünden die zwei Betten nebeneinander wie Ehebetten, eine wahre
Schande! Das sei nun sein Schlafzimmer, hätte Herr Scheinemann gesagt,
und das andere sein Bureau.
»Heut' nachmittag soll schon die Tippmamsell kommen,« schloß sie. »Und
ich soll sie nur gleich zu ihm hineinführen.«
Nun hatte Herr Pleß aber doch das Gesicht vom Suppenteller gehoben und
sah sie mit aufgerissenen Augen an.
»Tippmamsell --? Bureau --? Was bedeutet denn das? Da bleibt einem ja
rein der Verstand stehn! Und Sie haben ihm wirklich geholfen, das Bett
hineinschieben?«
»Wenn er behauptet, daß Sie es so angeordnet haben!«
»So --? Das behauptet er? Hätten Sie mich vorher gefragt!«
»Natürlich jetzt bin ich wieder schuld!« murrte die Resi und verschwand
mit dem Suppentopf.
Das gewohnte Nachmittagsschläfchen war Herrn Pleß heute gründlich
verleidet. Ruhelos ging er im Bücherzimmer hin und her, die Arme
auf dem Rücken, unablässig, auf und nieder. Plötzlich schrak er
zusammen -- die Glocke! Was wird es nun wieder geben? Er lauschte.
Er hörte Schritte das Vorzimmer entlanggehen und langsam wieder in
entgegengesetzter Richtung zurücktrappen, gegen die Eingangstür.
Ungeduldig wartete er und stellte allerlei Vermutungen an. Er getraute
sich nicht hinaus, er blieb im sicheren Schutze des Bücherzimmers.
Endlich, als die Resi den Tee brachte, fragte er gespannt: »Wer ist
denn gekommen?«
»Eine dicke Rothaarige!« rief sie außer sich vor Wut und mit einer
Stimme, in der sittliche Entrüstung bebte. »Aufgetakelt wie eine vom
Variödee! Und einen Dienstmann mit ihrem Koffer hat sie auch gleich
mitgebracht. Die Maschinfräul'n ist sie, sagt sie! Und bis in die
Nacht hinein, sagt sie, sitzt sie oft an der Maschin', sagt sie! Und
deswegen, sagt sie, wird sie auch bei uns schlafen, sagt sie! Meiner
Treu', das hat sie g'sagt!«
»Und Sie haben sie hereingelassen?« stöhnte Herr Pleß der Verzweiflung
nahe.
»Ja, was soll ich denn tun!« schrie die Resi auf und warf die Arme
in die Luft. »Warum haben Sie den Hallodri da hereingenommen! Nein,
so was! Zügelt uns der auch noch solche Frauenzimmer ins Haus! Eine
Demi-Mondlerin, oder wie man das nennt, ist diese Person, da leg' ich
meine Hand dafür ins Feuer! Zu allem Überfluß ist sie auch noch hoch in
der Hoffnung!«
Den Rest des Tages und die halbe Nacht verbrachte Herr Pleß damit,
sich's zurechtzulegen, wie er Herrn Scheinemanns Übergriffen am
wirksamsten entgegentreten sollte. Hundert verschiedene Pläne kreuzten
sich in seinem Kopfe und machten ihn schließlich so wirr, daß er
ohne Papier und Bleistift kein Auslangen mehr fand. Er schnitt sich
eine Anzahl Zettel zurecht, schrieb auf den Kopf eines jeden eine
Möglichkeit, die er etwa hätte wählen können, und darunter rechts die
Gründe, die für, und links diejenigen, die gegen ein solches Vorgehen
sprachen. Und nachdem er etwa ein halbes Spiel Karten von solchen
Zetteln beisammen hatte, griff er mit geschlossenen Augen in das
Päckchen.
Auf dem gezogenen Zettel stand, und zwar zu oberst: Aufs Mietamt gehen
und um Entfernung des lästigen Mieters ersuchen.
Rechts darunter: Dafür spricht, daß es vielleicht gelingt.
Links darunter aber stand: Dagegen spricht 1. daß Scheinemann dadurch,
daß ich ihn aufgenommen habe, wahrscheinlich schon unter dem Schutze
des Mieterschutzgesetzes steht. 2. Daß mir, auch wenn es mir gelingen
sollte, ihn wieder loszuwerden, ein anderer, vielleicht ebenso lästiger
Mieter hereingesetzt würde, möglicherweise sogar der angedrohte
Eisenbahner mit fünf Kindern. 3. Daß es bei dieser Gelegenheit zutage
käme, daß meine Wohnung nicht aus drei, sondern aus vier Zimmern
besteht. 4. Daß, wenn dies wirklich zutage kommt, mir sicherlich
zwei Mieter hereingesetzt werden, ganz abgesehen davon, daß ich
wahrscheinlich auch noch strafbar wäre. Und endlich 5. daß diese Strafe
vielleicht in der Beschlagnahme des Bücherzimmers bestehen würde.
Das Orakel hatte sich sonach aufs entschiedenste gegen ein aktives
Vorgehen ausgesprochen. Ein Glück, daß er Stenograph war, sonst hätte
der Zettel all die Gegengründe gar nicht fassen können. Es blieb
also vorderhand nichts anderes übrig, als die Hände untätig in den
Schoß zu legen und abzuwarten, wie der Hase laufen würde. Bekümmert,
im Gefühl völliger Wehrlosigkeit legte er sich schließlich zu Bett
und träumte, daß die Flurglocke lang und fürchterlich schrillte und
eine neue Kommission ihn heimsuchen kam. Sie bestand aber aus lauter
schwarzgekleideten Leidtragenden. Unter Führung Scheinemanns, der
ebenfalls schwarzen Schlußrock und Zylinderhut trug, bewegte sie sich
in endlosem Zuge durch seine Wohnung. Und diese hatte sich plötzlich
zu einer unabsehbaren Flucht von Zimmern geweitet! So ungefähr, wie es
etwa im Schloß Schönbrunn zu sehen war, das er vor einer Reihe von
Jahren einmal mit seinen Kindern besichtigt hatte ...
Den anderen Morgen, kaum daß er gewaschen und rasiert war, rief er nach
dem Frühstück, und als die Resi es brachte, fragte er: »Hat diese --
Dame, die rothaarige, wirklich bei uns übernachtet?«
Freilich habe sie drüben geschlafen, berichtete die Resi dumpf und
verdrossen. Im Zimmer vom Fräulein, wo jetzt das Ehebett stehe. Und
schon in aller Früh' hätte sie nach warmem Wasser verlangt. Wie sie,
die Resi, aber den Krug hineingebracht, da sei er ihr beinahe aus der
Hand gefallen, vor lauter Scham.
»Denn in so einem Aufzug,« rief sie, wieder in Hitze geratend, »hab'
ich noch nie kein Frauenzimmer nicht g'sehn! Und er -- ist daneben im
Bett gelegen und hat zug'schaut! Meiner Seel', ich sag's aufrichtig,
wie es ist,« schloß sie die Hände zusammenschlagend, »eine solche
Bagasch ist mir mein Lebtag noch nicht vorgekommen!«
An diesem Morgen ging der Oberrechnungsrat früher aus, als er es
gewöhnlich zu tun pflegte, und blieb auch länger fort als sonst.
Vielleicht, daß ihm bei der Bewegung in freier Luft eine Erleuchtung
kam. Immer hoffte er darauf, während er seine bohrenden Gedanken
in Straßen und Anlagen spazieren führte. Aber immer drehten diese
Gedanken sich im gleichen Kreise herum. Und als er die Treppe seines
Hauses wieder emporklomm, war er nicht um ein Haar klüger als zuvor.
An der Wohnungstür fand er nun schon die Visitkarte seines Mieters
angeheftet. Er las und wunderte sich. Es stand darauf gedruckt:
»Scheinemann, Rechnungsrat a. D., Generaldirektor der Kondor-Ex- und
Import-Handelsgesellschaft, G. m. b. H.« Kopfschüttelnd betrat er sein
Bücherzimmer und fuhr erschrocken zurück, als wär' er auf eine Schlange
getreten. Denn im Bücherzimmer saß -- Herr Scheinemann!
Breit und behaglich saß er in Herrn Plessens Klubsessel, las in einem
Buch, welches er offenbar mit einem Stoß anderer Bücher, die vor
ihm auf dem Tische lagen, einem der Regale entnommen, und rauchte
eine dicke, schwarze, feine Zigarre dazu, deren bläulicher Rauch wie
brauender Gebirgsnebel über dem Lesetisch schwebte.
»Entschuldigen Sie, Herr Oberrechnungsrat, wenn ich mich nicht stören
lasse!« rief er ihm entgegen, ohne seine Stellung zu verändern.
»Die Resi, die langweilige Person, wird ewig mit Aufräumen der paar
Zimmerln nicht fertig, obwohl ihr meine Braut dabei hilft und ohnedies
fast alles selber macht. So hab' ich mich halt einstweilen daherein
geflüchtet. Teufel noch einmal, das ist ein schönes Zimmer! Und Bücher
haben Sie -- mehr als gescheit. Aber lauter Schmarrn! Wer liest denn
solches Zeug heut' überhaupt noch? Das einzige, was ich gefunden hab',
sind die paar Memoirenbände, der Casanova. Sie haben ihn wahrscheinlich
aus historischem Interesse angeschafft, mich interessiert er aber
natürlich aus einem ganz anderen Grunde.«
Er lachte vergnügt auf und fuhr eifrig in dem Bande zu blättern fort,
während die Asche seiner Zigarre auf den Teppich fiel. Herr Pleß hatte
sich stumm und wie benommen auf einem Stuhle niedergelassen und wartete
beinahe gespannt, was nun weiter geschehen würde. Da aber der andere,
der offenbar auf eine besonders reizvolle Stelle gestoßen war, nicht
Miene machte, mit Lesen aufzuhören, so räusperte er sich schließlich
und sagte: »Die Karte an der Wohnungstür gibt mir Rätsel auf. Sind Sie
denn wirklich schon Rechnungsrat --? Und sogar schon a. D.? Wie ist
denn das möglich? Ich habe seinerzeit wenigstens fünfundzwanzig Jahre
gebraucht bis zu dieser Rangstufe.«
»Ja, was glauben Sie denn?« sagte Herr Scheinemann, indem er als
Lesezeichen ein Eselsohr ins Buch machte und dieses zuklappte. »Eine
solche Schafsgeduld wie die Beamtenschaft von früher hat die heutige
nicht mehr. Das geht jetzt alles durch die Organisation, und wenn die
Regierung nicht pariert, so gibt's ganz einfach Streik. Verstanden?
Übrigens hab' ich bloß den Titel und Charakter grad noch ergattert.
Denn in dem Augenblick, wo ich pensionsfähig geworden war, hab' ich
mich ohnedies empfohlen. Ist schon fast ein Jahr her; gestern, als
wir uns begegneten, war ich nicht als Beamter im Amt, sondern als
Querulant. Ich bin nämlich jetzt Partei und lasse mir von den Behörden
nichts gefallen. Ein Trottel, wer es anders macht und auf die paar
Netscherln aus dem Staatssäckel ansteht. Heutzutag' kann man doch von
einem Beamtengehalt nicht leben! Ich bitte Sie! Manchen Tag verdien'
ich mehr als wie ein Minister das ganze Jahr. Man muß es nur verstehn,
den Leuten die Haut über die Ohren zu ziehen. Gehört halt auch Talent
dazu.«
»Hm, daran fehlt es Ihnen freilich nicht,« sagte Herr Pleß mit einem
Anflug von Laune. »Womit handelt eigentlich diese G. m. b. H. und warum
heißt sie Kondor?« fragte er.
»Sie handelt mit allem, was man ex- oder importieren kann. Mit Hafer
aus Jugoslavien, mit Antiquitäten nach Holland, mit Champagner aus
Frankreich, mit Galanteriewaren nach Amerika usw. Hauptsächlich aber
mit Mehl, Kohlen, Zigaretten, ausländischen Valuten -- kurz, mit allem,
womit gerade ein Geschäft zu machen ist, gleichgültig welches. -- Gibt
es hier keinen Aschenbecher?« unterbrach er sich. »Ach so, Nichtraucher
...«
»Und warum wir gerade Kondor heißen?« fuhr er fort, die Asche seiner
Zigarre mit dem Zeigefinger in der Luft abschnippend. »Du lieber
Himmel, jedes Kind muß nun einmal seinen Namen haben, da ist mir
halt einmal in einer lustigen Stunde diese symbolische Bezeichnung
eingefallen. Weil nämlich der Kondor auch so ein Raubvogel ist wie
meine Firma. Er hackt seinen Schnabel und seine Fänge überall hinein,
wo etwas Saftiges ist, und reißt einem jeden, der sich nicht wehrt,
einen Fetzen Fleisch aus dem Leibe.«
»Und wo befinden sich eigentlich die Bureaus?« fragte Herr Pleß,
seinerseits nun schon beinahe belustigt über die Dämonie dieser nicht
eben vereinzelt dastehenden Zeitmoral.
»Das Hauptbureau,« erklärte Scheinemann, »bin ich und mein Notizbüchel.
Und die Filiale ist drüben, in dem Zimmerl neben unserm Schlafzimmer.
Meine Braut -- wenn Sie uns einmal besuchen, stell' ich Sie vor --
bedient die Schreibmaschine. Aber lang wird's nicht mehr möglich
sein, weil wir uns zu vermehren gedenken ... Ein paar größere Zimmer
würden wir halt brauchen,« sagte er, sich aufmerksam nach allen Seiten
umsehend. »Damit wir bald ein paar Tippfräuleins einstellen könnten.
Das Geschäft ist mit Kundschaft vollgesaugt wie ein Schwamm mit Wasser.
Man muß rein die Leut' manchmal vor den Kopf stoßen, damit sie einen in
Ruh' lassen, sonst wär's ohne ein richtiges Bureau wirklich nicht mehr
zu dermachen.«
Die Wendung gegen die Wohnungsfrage, die das Gespräch genommen, hatte
rasch die Spuren von Heiterkeit verscheucht, die sich bei Herrn Pleß
regen wollten, und stürzte ihn in neue Sorgen. Er räusperte sich jetzt
ein paarmal hintereinander, hustete ein wenig und rang nach Atem. Ein
Stein lag ihm auf der Brust und machte seine Stimme trocken und heiser.
»Ich wundre mich,« sagte er zaghaft und beklommen, »daß es in Ihrem
Geschäft keinen Parteienverkehr gibt.«
»Gibt es natürlich auch,« sagte Herr Scheinemann, ohne scheinbar zu
ahnen, daß diese Eröffnung seinem Gastgeber nicht gerade angenehm sein
konnte. »Nur ein bissel Geduld, von morgen an geht's los. Weil nämlich
das Zirkular, das unsern Kunden meine neue Adresse bekannt gibt, erst
heute versendet wird. Übrigens kaum der Rede wert -- dreißig, vierzig
Leut' im Tag, wenn's hochkommt. Und ausschließlich gewähltes Publikum,
Agenten, Kommissionäre, Schieber, lauter gute Bekannte von uns, zum
Teil sogar persönliche Freunde. Übrigens -- Ihren Rock und Hut sollten
Sie doch nicht im Vorzimmer hängen lassen, Herr Oberrechnungsrat.
Befolgen Sie meinen Rat, man kann heute nicht vorsichtig genug sein.«
In diesem Augenblick schrillte die Flurglocke, geradeso wie es im Traum
gewesen war -- Herr Pleß, durch den angekündigten Parteienverkehr, der
angeblich nicht der Rede wert war, ohnedies schon fast am Ende seiner
Kräfte, zuckte nervös zusammen, als hätte man ihm einen Schlag ins
Genick versetzt.
»Jesses, das wird der Sizilianische Schwefel sein!« rief Scheinemann
aufspringend. »Sie erlauben doch, daß ich die paar Fasseln einstweilen
da im anstoßenden Zimmer aufstapeln lasse? Es wohnt ja niemand darin,
so kann es auch niemand genieren, und ich hab' im Augenblick kein
Magazin. Es handelt sich nur um einen ganz kleinen Posten, zwei-,
dreitausend Kilo im ganzen -- spielt gar keine Rolle, was? Also
gemacht, gemacht! Guten Morgen, Herr Oberrechnungsrat -- ja richtig,
der Casanova!«
Er kehrte noch einmal um, nahm den Stoß Bücher unter den Arm und
entfernte sich eilfertig. Draußen hörte man ihn eine Weile mit
Frachtknechten herumschreien, dann wurde im Nebenzimmer die Tür
aufgeschlossen -- den Schlüssel, der von der anderen Seite steckte,
hatte Pleß unglückseligerweise vergessen rechtzeitig abzuziehen. Jetzt
konnte man das Abladen von Frachten im Schlafzimmer von Herrn Plessens
verstorbener Frau vernehmen, schwere Kisten oder Fässer wurden auf den
Fußboden gestellt. Jedesmal gab es ein Gepolter, als würden Felsblöcke
gewälzt.
Der Oberrechnungsrat saß still in sich zusammengesunken da und
lauschte. Bei jedem erneutem Gepolter gab es ihm einen Stoß. Immer
kleiner wurde er und gebückter und schließlich fast empfindungs- und
teilnahmslos, als ginge ihn diese Sache, ja die ganze Welt nichts mehr
an ...
Erst als die Frächter wieder fort waren und es draußen auf dem Gang und
im Nebenzimmer ruhig wurde, ermannte er sich. Er stand auf und öffnete
das Fenster, damit wenigstens der Zigarrenrauch sich verziehen könne,
der noch immer das Bücherzimmer erfüllte.
Gegen Mitte der Woche kam wirklich der angekündigte Parteienverkehr
allmählich in Gang und steigerte sich zusehends von Tag zu Tag, je mehr
die neue Adresse der »Kondor G. m. b. H.« bekannt wurde. Von früh bis
spät schrillte die Glocke, so daß die Resi vor lauter Türaufmachen fast
keine Zeit zum Kochen mehr fand, und so oft man das Vorzimmer betrat,
standen dort ein paar zweifelhafte Gestalten und warteten darauf, vom
Herrn »Generaldirektor« empfangen zu werden.
Aber auch die Abende und Nächte brachten nicht die ersehnte Ruhe.
Da kamen mit Gelächter und Gekirre die Freunde und Freundinnen,
Flaschenkörbe wurden ins »Bureau« geschleppt, es gab Spiel- und
Zechgelage. Bis lange nach Mitternacht hörte man oft zur Gitarre
singen, Bänkel- und Negerlieder, Gekreische und Getute störten den
Frieden des Hauses. Ja, es kam vor, daß mitten in nachtschlafender Zeit
die Fensterscheiben zu schüttern und zu klirren begannen, man hatte die
Tische, Betten und Stühle übereinandergetürmt und vergnügte sich trotz
der Beengtheit des Raumes wie rasend an den modernen Tänzen.
Dabei hatten die oberflächlichen Instinkte, die achtlosen und
schlampigen Gewohnheiten der lästigen Mieter auch noch jenes Gefühl der
Sicherheit und Geborgenheit in kürzester Zeit gänzlich zerstört, das
eine abgeschlossene Wohnung sonst gewährt und sie recht eigentlich erst
zu einem Heim macht. Bald blieb, wenn sich die lärmenden Zechbrüder
in vorgerückter Stunde verabschiedet hatten, die Eingangstür aus
Versehen offenstehen, so daß jeder, dem es beliebte, sich einschleichen
konnte; bald fand man am hellichten Morgen die Lichter im Vorzimmer
noch brennen; bald kam man darauf, daß irgend ein fremder Kerl, dem
in seiner Trunkenheit vermutlich der Heimweg zu mühsam gewesen war,
irgendwo in einem verborgenen Winkel, vielleicht in der Badekammer,
als blinder Passagier übernachtet hatte. Einige von den Intimsten
der »Kondor G. m. b. H.« hatten sich gar eigene Wohnungsschlüssel
anfertigen lassen und spazierten nun dreist, so oft es ihnen beliebte,
zu jeder Tages- oder Nachtzeit zur Tür herein.
Herr Pleß, schlaflos, übernächtig, zu Tode ermüdet, war in eine
unerklärliche Stumpfheit verfallen, aus der er sich nicht aufzuraffen
vermochte. Er fühlte sich außerstande, dem Unfug zu steuern oder
überhaupt etwas zu unternehmen. Und allmählich lösten seine Gedanken
und Gefühle sich von der umstrittenen Wohnung, von den Zimmern seiner
Frau und seiner Kinder, an denen sonst sein Herz gehangen, von allem,
was die Erinnerungen erdenschwer und unwiderbringlich machte, und
suchten ein anderes Ziel.
Ach, was klammert der Mensch sich an irdische Dinge und Gegenstände,
um seiner Einsamkeit zu entrinnen! Ist es nicht eine Täuschung? Sind
es nicht unverrückbare Grenzen, in die jeder für sich und alles,
was im Raum steht, unerbittlich eingeschlossen bleibt? Wird nicht
die Einsamkeit dadurch zum zwingenden Gesetz? Aus ihr gibt es keine
Erlösung, solange wir im Greifbaren leben. Und keine wahre Gemeinschaft
und Vereinigung ist uns erreichbar, eh' unsere sehnende Seele nicht
zurückgeflossen ist ins All.
In den Stuben seiner Kinder trieben nun die Scheinemanns ihr
Unwesen, aus dem Schlafzimmer seiner Frau war ein Warenmagazin für
Schiebergeschäfte geworden. Nein, die teuren Toten wohnten nicht
mehr darin. Aber vielleicht war es gut so, daß er sich dessen bewußt
geworden. Denn in den Zimmern der Wirklichkeit hätte er seinen Lieben
doch nie begegnen können. Nur da, wo sie in Wahrheit weilten, bestand
die Möglichkeit, sie wiederzufinden ...
Neue Mißhelligkeiten gaben Anlaß zu neuen Entschlüssen und drängten
endlich gebieterisch zu entscheidenden Schritten.
Schon seit ein paar Tagen stand eine große, schwere Kiste, auf der
mit roter Farbe die Warnung: »Vorsicht! Sprengstoff!« aufgemalt war,
unbeachtet im Vorzimmer, und die angebrannten Zündhölzer, die Zigarren-
und Zigarettenstummel, die sich auf dieser Kiste gefunden hatten,
legten die Vermutung nahe, daß sie von scheidenden Gästen mit Vorliebe
als Aschenbecher benutzt wurde. Dies hatte Herrn Pleß veranlaßt, einen
Zettel zu Scheinemann hinüberzuschicken, mit dem Ersuchen, diese Kiste
sofort zu entfernen; worauf die Antwort einlief, daß sie ganz bestimmt
am Samstag würde abgeholt werden.
Als nun aber die Resi am Sonntag morgen das Frühstück hereinbrachte und
berichtete, die Kiste stehe noch immer auf demselben Fleck, da lehnte
Herr Pleß sich in seinem Sessel zurück und sagte tief Atem schöpfend:
»Es geht so nicht weiter! Es muß ein Ende gemacht werden!«
Ein Schimmer von Hoffnung, den beispiellos starken Geduldsfaden des
Oberrechnungsrates endlich reißen zu sehen, fiel bei diesen Worten in
Resis umdüstertes Gemüt. Sie war in diesem Augenblicke beinahe geneigt,
es für einen Glücksfall zu halten, daß die Scheinemanns in vergangener
Nacht auch noch den Gashahn im Vorzimmer schlecht abgedreht und dadurch
eine Gasausströmung verursacht hatten.
So eindrucksvoll wie möglich schilderte sie, Herrn Plessens
Entschlossenheit zu befeuern, die Folgen, die daraus hätten entstehen
können, wenn sie nicht durch den Gestank gerade noch rechtzeitig genug,
um dem Verderben Einhalt zu tun, aus dem Schlafe geweckt worden wäre.
»Alle zwei hätten wir können tot sein,« beteuerte sie, »Sie und
ich, wenn ich nicht gleich die Fenster aufg'rissen hätt'! Das ganze
Vorzimmer war schon voll von dem Gift, und durch alle Klumsen hat es
sich eingeschlichen!«
Sie öffnete ein Fenster und fragte: »Mir scheint, Sie merken gar
nichts davon, daß es hier nach Gas riecht?«
Nein, er hatte es wirklich nicht gemerkt, erst jetzt, da die frische
Luft einströmte, spürte er den Gasgeruch, der auch das Bücherzimmer
erfüllte.
»Sehn Sie, das ist das Gefährliche dabei,« sagte die Resi. »Man gewöhnt
sich im Schlaf daran, und eh' daß man aufwacht, ist man tot.«
»Eigentlich ein wünschenswertes Sterben!« sagte der Oberrechnungsrat
vor sich hinsinnend.
»Na, ich bedank' mich dafür! An einer Schlamperei von den Falotten da
drüben möcht' ich nicht zugrund gehn!«
»Hm! Ja, ja, freilich! ... Aber so, wie es jetzt ist,« wiederholte
er, »kann es wirklich nicht länger bleiben ... Irgendwie muß ein Ende
gemacht werden!«
Auf seinem Morgenspaziergang legte er sich seinen Plan zurecht. Er
wollte den Herrn »Generaldirektor« daran erinnern, daß er gar nicht
sein Mieter, sondern eigentlich bloß Gast sei, und daß es jedem
Gastgeber freistehe, die gewährte Gastfreundschaft zu kündigen. Von
diesem Rechte Gebrauch machend, wollte er ihn ersuchen, die Wohnung
ehestens zu räumen.
Was konnte Scheinemann eigentlich dagegen einwenden? Es gab nach
seiner Meinung keine andere mögliche Antwort darauf als die, sich zu
empfehlen.
Herr Pleß blieb stehen, nahm den Hut ab und trocknete sich den Schweiß
von der Stirn. Schon die paar Schritte Bewegung im Freien hatten
ihn erschöpft, so herabgekommen war er durch Kummer und schlaflose
Nächte. Aber dieser Augenblick bedeutete eine Wendung. Er wunderte
sich darüber, wie einfach die Sache eigentlich lag. Mußte dieser Weg
nicht unbedingt zum Ziele führen? Für den äußersten Fall hatte er ihn
sogar schon einmal in Aussicht genommen gehabt, damals, nach der ersten
Begegnung mit Scheinemann. Schon längst hätte er ihn betreten sollen,
anstatt sich zwecklos zu quälen. Er zerbrach sich den Kopf darüber,
weshalb er es nicht getan. Und er fand keine andere Erklärung dafür,
als daß einem in Zuständen der Erregung gerade das Allernatürlichste
und Nächstliegende manchmal zu allerletzt einfällt.
Erleichtert kehrte er nach Hause zurück und hatte nur mehr die eine
Sorge, wie er Scheinemanns heute, am Sonntag, habhaft werden sollte.
Denn an geschäftslosen Tagen schien dieser, nach den bisherigen
Erfahrungen zu schließen, offenbar die Gewohnheit zu haben, im Auto
über Land zu fahren, oder Gäste bei sich zu sehen. Als er aber ins
Bücherzimmer trat, saß wieder einmal -- und diesmal nicht ganz
unwillkommen -- der Herr »Generaldirektor« in eigener Person im
Klubsessel und schmauchte eine seiner dicken, schwarzen Zigarren.
»Ich warte auf Sie, Herr Oberrechnungsrat,« begann er sofort und erhob
sich. »Ich wollte mir erlauben, Sie um eine kurze Unterredung zu
ersuchen.«
»Ich hatte denselben Wunsch. Bitte, behalten Sie Platz. Womit kann ich
dienen?«
»Sie werden bemerkt haben, daß für meinen ausgebreiteten
Geschäftsbetrieb die Räume, die Sie mir zugewiesen haben, nicht
ausreichen. Überdies sind wir -- vom Geschäft ganz abgesehen -- unser
zwei, nämlich meine Braut und ich; Sie dagegen nur ein einschichtiger
alter Herr. Jeder Unparteiische muß einsehen, daß die Wohnung ungerecht
verteilt ist. Das lasse ich mir nicht länger gefallen. Mit einem Wort,
um es kurz zu machen: Ich ersuche Sie, mir dieses größte und schönste
Zimmer, in dem wir uns jetzt befinden, und das ich für meine Firma
dringend benötige, ferner das anstoßende größere Zimmer, endlich
das kleinere, das einst Ihre Tochter bewohnte, und das jetzt unser
Schlafzimmer ist, zur freien Verfügung zu stellen. Für Ihre Bedürfnisse
reicht die Kammer vollkommen aus, in der einst Ihr Sohn wohnte, und mit
der ich mich nach Ihrer liebenswürdigen Absicht hätte begnügen sollen.
Bei dem zurückgezogenen Leben, das Sie führen, und das durch Ihr Alter
und durch Ihre mißlichen Vermögensverhältnisse bedingt ist, dürften Sie
mit diesem Zimmer, das immerhin Raum für alles Notwendige bietet, bei
einigem guten Willen Ihr Auslangen finden können.«
»Ja ... wie ... was ... Sie meinen ...« Herr Pleß rang nach Atem. »Und
wo soll ich denn ... meine Bibliothek --?« stammelte er, außer sich vor
Angst und Entrüstung. »Wo soll ich denn dann meine Bücher
unterbringen?«