Wer konnte es sein, der ihn aufsuchen kam? Was begehrte man von ihm?
So fragte er sich ganz bestürzt. Denn gleich vom ersten Augenblick
an war er über diesen herrischen, herausfordernden Klingelton zu
Tode erschrocken, ohne eigentlich zu wissen weshalb. Es war wie eine
unerklärbare Vorahnung der Dinge, die da kommen sollten. Und diese
merkwürdige Beklemmung, die ihn plötzlich befallen hatte, erwies sich
auch leider nicht als trügerisch. Denn nur zu bald sollte er erfahren
-- aber damit beginnt nun ein ganz neuer Abschnitt in Herrn Plessens
Leben.
Eines Morgens also läutete es, und ein paar Herren ließen sich bei ihm
melden, gleich ihrer drei oder vier oder gar fünf waren es. Ob sie
sich die Freiheit nehmen dürften, die Wohnung zu besichtigen? Überaus
höflich benahmen sie sich, verdächtig genug!
»Ja, wieso denn? Die Wohnung --«
»Bitte, hier die Legitimation.«
Himmel! Die städtische Wohnungskommission!
Dem Herrn Oberrechnungsrat fuhr nun erst recht der Schreck in alle
Glieder. Er zitterte wie das Laub der Silberpappel im Sommerwind,
während er die bedauerlicherweise unbewohnten Zimmer aufschloß und die
Herren hindurchgeleitete.
Diese schienen übrigens ihre Zeit für recht kostbar zu halten.
Eilfertig trampelten sie, den Straßenkot auf acht oder zehn schmutzigen
Stiefelsohlen hereintragend, durch die Zimmer und richteten im
Vorbeigehen nur wenige knappe Fragen an den Hausherrn. Mit bangem
Stottern erteilte Herr Pleß die geforderten Auskünfte.
»Jawohl, dies ist das Schlaf -- das Schlaf --«
»Sie sind Witwer?«
»Leider, leider!«
»Alleinbewohner?«
»Allein. Das heißt, ich und die ... Resi ...«
»Wer ist die Resi?«
»Meine Köchin ... meine Köchin. Eine überaus brave ...«
»Besten Dank! Hausgehilfinnen zählen nicht.«
Sie setzten ihren Weg fort und trampelten weiter.
»Und hier?«
»Die Kammer meiner Tochter ... meiner ...«
»Ihrer Tochter --?«
»Jawohl, meiner Tochter ... meiner verstorbenen ...«
»Also unbewohnt. Bitte zu notieren.«
Einer von den Herren machte eifrig Notizen, die anderen waren bereits
bis in den nächsten Raum vorgestoßen und nahmen ihn in Augenschein.
»Scheint ebenfalls unbewohnt,« sagte einer.
»Hat einen separaten Ausgang ins Vorzimmer,« bemerkte ein anderer.
»Und dieses Zimmer?« wendete der Herr, der offenbar der Führer der
Kommission war, sich an Pleß.
»Hier wohnt mein Sohn ... das heißt wohnte, wohnte! ... Er ist nämlich
... er hatte das Unglück ... im Krieg ... leider! ... Bei Limanowa ...!
anno ...«
»Bitte wir wollen nicht länger aufhalten. Unsere Zeit ist knapp
bemessen.« Er zog die Uhr. »Es handelt sich vorerst bloß um einen
allgemeinen Überblick.«
»Eins -- zwei -- drei!« zählte eines der Kommissionsmitglieder, und der
Protokollführer schrieb auf.
»Die Außenräume, wenn's erlaubt ist?«
Und schon zogen sie weiter und kehrten ins Vorzimmer zurück.
»Das ist die Magdkammer, nicht wahr?«
»Jawohl, die Magd ... die Magd ... die vorhin erwähnte Köchin ... meine
Hausgenossin ... Eine äußerst verläßliche, brave Person ... Möchte auch
schon gern ihre Ruhe ... natürlich ... Wenn man alt wird! ...«
»Dies die Küche?«
Einer der Herren stieß die Tür auf. Die Resi hob den Blechdeckel von
einem Reindl und stand in Dampf gehüllt. Mit einem ungeheuren Krach
tschinellte sie hierauf den Deckel aufs Reindl zurück. Es klang wie ein
Böllerschuß. Schleunigst zog der neugierige Herr die Küchentür wieder
ins Schloß.
»Und hier, die Tür nebenan?«
»Eine Badegelegenheit ... bitte sich zu überzeugen ... Ein ganz kleines
... bescheidenes ...«
»Badezimmer bleiben von der Anforderung unter allen Umständen
ausgeschlossen,« sagte der Wortführer der Kommission mit einem
beruhigenden Lächeln und machte zu Herrn Plessens freudiger
Überraschung bereits Miene, sich wieder zu verabschieden.
»Entschuldigen Sie die Störung, es war leider unsere Pflicht ... Sie
wissen ja, ein amtlicher Auftrag ...«
»O, bitte, bitte, gar nicht, nicht im geringsten! Im Gegenteil! Es war
mir ein ganz besonderes ...«
Nie hätte er zu hoffen gewagt, daß es so rasch und glatt ablaufen
würde.
Zuvorkommend begleitete er die Herren bis an die Wohnungstür. Erst im
letzten Augenblick nahm er sich ein Herz und fragte schüchtern: »Ich
darf wohl hoffen --? Ich weiß nicht, wie viele Zimmer man eigentlich
--?«
»Der Wohnungsausschuß wird darüber entscheiden,« sagte der Sprecher der
im Abgehen begriffenen Versammlung ziemlich zugeknöpft.
Und dann trappten sie auch schon wie ein halbdutzend Pferde die Treppe
hinunter und waren fort.
Die Resi stürzte aus ihrer Küche hervor.
»So eine Frechheit! Was wollen denn die? Mir nichts, dir nichts in
einer fremden Wohnung herumzuspazieren! Ist das eine Manier? Daß sie
mir nicht in den Suppentopf geguckt haben -- sonst alles! Nein, da hört
sich denn doch die Gemütlichkeit auf!«
»Das Bücherzimmer haben sie ganz übersehen!« frohlockte der
Oberrechnungsrat, sich die Hände reibend.
Das Bücherzimmer lag zunächst dem Eingang. Wirklich war die Kommission,
offenbar in dem Bestreben, möglichst in die Tiefe zu dringen,
ahnungslos daran vorbeigegangen. Auf den ersten Blick in einer fremden
Wohnung sich zurechtzufinden, ist nicht ganz leicht, vielleicht hatte
auch jeder der Herren sich auf den anderen verlassen. Kurz, die
Existenz des Bücherzimmers war ihnen in der Tat gänzlich entgangen.
Und Herr Pleß selbst hatte in seiner Aufregung vergessen, sie eigens
darauf aufmerksam zu machen. Das Bücherzimmer war sein Wohn-, Schlaf-,
Empfangs-, Speise- und Studierzimmer, bezüglich dieses Zimmers fühlte
er sein Gewissen rein. All seine Gedanken und Sorgen hatten gleichsam
wie mit schützend ausgebreiteten Armen vor den unbewohnten Teilen der
Wohnung, als der eigentlichen Zone der Gefahr, Aufstellung genommen.
Nachträglich stiegen ihm Bedenken auf, ein Wurm nagte ihm am Herzen, er
ängstigte sich.
»Vielleicht hätte ich ihnen doch auch das Bücherzimmer --? Wer weiß, am
Ende gibt es ein Gesetz, und ich wäre verpflichtet gewesen ...«
»Ach was, verpflichtet! Diesen Schurln gegenüber gibt es keine
Verpflichtung. Schaun Sie den Fußboden an! Die halbe Straßen haben sie
hereingetragen mit ihren dreckigen Stiefeln. Liegt nicht eine Dacken
vor der Tür? Hausfriedensbruch ist das!«
»Wenn sie mich gefragt hätten,« meinte Herr Pleß nachdenklich --
»verheimlichen hätte ich's freilich nicht dürfen. Aber sie haben mich
ja gar nicht gefragt! Ich bin nicht schuld daran, wenn sie unsere
Wohnung für eine Dreizimmerwohnung halten, ich nicht! Sie hätten ja
fragen können: Wie viele Zimmer haben Sie? Nicht wahr? Dann hätte ich
natürlich geantwortet: Vier! Aber wenn sie nicht einmal fragen --!? No
also! Da können sie mir doch auch nichts vorwerfen?«
Da die Resi selbstverständlich der gleichen Meinung war, so beruhigte
er sich nach und nach damit und freute sich im stillen, daß er nur mit
drei Zimmern auf dem Papier stand, ohne daß man ihm doch einen Strick
daraus würde drehen können.
Jeden Morgen, wenn die Resi ihm das Frühstück brachte, sagte er jetzt:
»Resi, ich glaube, wir sind aus dem Wasser!«
Und er erging sich in Vermutungen, wie die Herren vom Wohnungsausschuß
in einer ihrer Sitzungen seinen Fall besprechen, dieses und jenes zu
seinen Gunsten ins Treffen führen und schließlich zu dem Ergebnis
gelangen würden, daß man einem schwergeprüften vereinsamten alten Manne
und verdienstvollen Beamten, wie er es war, drei Zimmer zum Bewohnen
(denn das vierte hatten sie ja nicht entdeckt, hi, hi, hi!) immerhin
zubilligen müsse.
Sie hörte geduldig zu und schloß daraus mit dem Scharfblick einer
Köchin, daß er schlaflose Nächte hatte und sich vor einer Anforderung
fürchtete.
Eines Morgens sagte er wieder: »Sieh, Resi, ich glaube, wir sind
wirklich aus dem Wasser!«
Da meinte sie: »Ich an Ihrer Stelle, Herr Oberrechnungsrat, wissen Sie,
was ich tät'? Ich ging' aufs Wohnungsamt hinein und tät' den Schurln
sagen: Die paar Zimmer, die so ausschauen, als ob sie unbewohnt wären,
die sind gar nicht unbewohnt. Im Gegenteil! Denn da drin wohnen die
Verstorbenen, die bleiben bei mir, solang' ich noch das Leben hab',
und darum müssen auch die Zimmer bei mir bleiben. Verstanden? Und
dann tät' ich ihnen auch noch sagen, daß Sie ein Büchernarr sind und
eselsmäßig viel solche Staubfänger an allen Wänden herumstehen haben,
bis zum Plafond hinauf. No, und daß Bücher einen Platz brauchen, wenn
man sie aufstellen will, das werden sogar die Herren vom Wohnungsamt
einsehen. Denn wenn sie keinen Platz mehr hätten, so müßt' man sie
rein übereinander und hintereinander stellen, und dann hört sich ein
Abstauben überhaupt auf. So -- das tät' ich ihnen ordentlich unter
die Nasen reiben! -- Daß aber für die Bücher ohnedem das Bücherzimmer
da ist,« fügte sie noch hinzu, »das tät' ich ihnen deswegen noch lang
nicht verraten, das geht diese Gschwufen gar nix an! Augen haben sie --
wenn sie's nicht selber g'sehn haben, so ist das ihre eigene Schuld!«
Diese entschlossene Rede leuchtete Herrn Pleß ganz außerordentlich
ein. Seit dem Besuch der Kommission hatte er sich in einem Zustand
ständiger Erregung befunden. Jeden Augenblick zitterte er, es könnte
wieder läuten und irgend eine Amtsperson hereinspazieren, oder ein
schnödes Schriftstück auf miserablem Papier abgegeben werden, das ihm
im Handumdrehen ein paar Zimmer wegnahm, ihm seine Ruhe raubte, die
gezählten Tage seines Alters vergällte. Die Furcht, die Ungewißheit,
das bange Harren und Warten hatten ihn fast krank gemacht.
Nur diesem Zustand der Benommenheit ist es zuzuschreiben, daß er sich
beim Fortgehen eine Stilblüte leistete, wie sie seiner schlichten
Ausdrucksweise sonst gänzlich ferngelegen hätte. Denn während er nach
Hut und Stock langte, sagte er noch zur Resi: »Es bleibt wirklich
nichts anderes übrig, ich muß dieses Damoklesschwert bei den Hörnern
packen.«
Der Beamte im Wohnungsamt beäugte ihn feindselig.
»Ja, ja, ich weiß schon, da ist ja der Akt. Drei Zimmer! Nur gleich
drei Zimmer für einen einzigen einschichtigen Witwer! -- Ja, haben Sie
denn keinen Funken von sozialem Verständnis?« herrschte er ihn an.
O du heiliger Sebastian, wenn der auch noch etwas vom vierten Zimmer
geahnt hätte! Beschämt und betreten stammelte Herr Pleß etwas von
Erinnerungen an seine Frau, seine Kinder und von den vielen Büchern,
die er besäße, eine ganze Bibliothek ...
»Stellen Sie Ihre Bücher ins Dienstbotenzimmer!« brummte der Beamte
ungehalten.
Und er fuhr fort, ihm die Hölle heiß zu machen, ihn als einen
hartherzigen Selbstsüchtler hinzustellen, ihm das Elend der
Unterstandslosen zu schildern und den Teufel einer besonders
drangsalierenden Einquartierung an die Wand zu malen, wenn er sich
einfallen ließe, an Rekurse oder Widerstände zu denken.
Und dann plötzlich einlenkend, sagte er zum Schluß noch in milderem
Ton: »Wollen Sie guten Rat annehmen --? Dann würde ich Ihnen empfehlen,
suchen Sie sich irgend einen guten Bekannten, einen Freund, einen
Verwandten, der ein möbliertes Zimmer braucht und nehmen ihn bei sich
auf. Aber schleunigst, wenn ich bitten darf, sonst ist es zu spät,
und es kann Ihnen noch passieren, daß Sie einen Eisenbahner mit fünf
Kindern hineinbekommen!«
Der Oberrechnungsrat war inzwischen so klein und so mürbe geworden,
daß ihm bei diesem Vorschlag ordentlich ein Stein vom Herzen fiel.
Ohnedies drückte ihn das Gewissen wegen des Bücherzimmers. Begründete
es nicht vielleicht schon den Tatbestand einer strafbaren Handlung,
daß er den Beamten, der fortwährend von den drei Zimmern sprach, nicht
ausdrücklich auf das vierte aufmerksam machte? Da erinnerte er sich
aber wieder seiner armen, armen Bücher, die so schön geordnet in den
eingepaßten Regalen standen -- was wäre aus denen geworden, wenn es
der hohen Behörde vielleicht beliebte, gerade das Bücherzimmer oder
überdies auch noch das Bücherzimmer anzufordern? Und hatte die Resi
nicht recht, wenn sie ihre Meinung über diese Seite der Angelegenheit
in die Worte zusammenfaßte: Augen haben sie, wenn sie das Bücherzimmer
nicht gesehen haben, so ist es ihre eigene Schuld --?
Unsicher tastend wagte er die Frage: »Und wenn ich ein Zimmer
freiwillig abgebe -- bleibe ich dann im übrigen ungestört?«
»Das hoffe ich zuversichtlich, Herr Oberrechnungsrat,« sagte der Beamte
nunmehr ganz umgänglich und fast liebenswürdig geworden.
Unwillkürlich griff sich Herr Pleß ans Herz. Es klopfte heftig, aber
in diesem Augenblicke -- beinahe vor Freude. Dieser Mann, vor dem er
sich so gefürchtet hatte, war ja im Grunde genommen eigentlich sein
Freund? Er gab ihm einen Wink, machte ihm gutmeinend einen Vorschlag,
der schließlich nichts allzu Hartes von ihm forderte. Und dieser
Vorschlag hatte einen Gedanken in ihm ausgelöst, der seine persönlichen
Bedürfnisse mit seiner Staatsbürgerpflicht zu einer Einheit zu
verschmelzen versprach.
Denn irgend etwas mußte freilich ein jeder dazu beitragen, den
bedrängten Mitmenschen zu Hilfe zu kommen. Das war doch eigentlich
selbstverständlich! Wie kam es nur, daß er es nicht gleich begriffen
hatte? Er war doch sonst kein Dickhäuter! Im Gegenteil! In diesem
Augenblicke wenigstens fühlte er sich wirklich mit einem Tröpfchen
sozialen Öles gesalbt.
Entschlossen erhob er sich, ganz leicht und froh war ihm auf einmal
zumute. Wenn man nicht mehr von ihm verlangte, als daß er einen
Bekannten bei sich aufnahm -- dies kleine Opfer konnte er wirklich
bringen! Es war ein Preis, der sich auszahlte, wenn man dafür den Ruf
und das Bewußtsein eines Mannes von Gemeinschafts- und Bürgersinn
zurückgewann. Wunderbar befreit bedankte er sich für den wohlwollenden
Rat und empfahl sich in gehobener Stimmung unter wiederholten
Versicherungen, daß er ihn womöglich befolgen und jedenfalls in
reifliche Erwägung ziehen werde.
Beflügelten Schrittes eilte er durch die Gassen, den Weg nach der
Stätte seines verflossenen amtlichen Wirkens einschlagend.
Es war ihm eingefallen, daß jener Herr Scheinemann, der junge Kollege,
dem er damals zu einer Stellung verholfen, sich ihm gegenüber
wiederholt darüber beklagt hatte, wie schwierig es bei der steigenden
Teuerung für einen Junggesellen sei, ein passendes, angenehmes und
nicht zu kostspieliges Quartier zu finden. Die Wahrscheinlichkeit, daß
er die jetzigen Verhältnisse erträglicher finden würde als die von
einst, war gering. Denn ein möbliertes Zimmer kostete heute leicht
zweitausend Kronen und mehr -- welche Summe für einen Festbesoldeten
auf einer der untersten Stufen! Nein, auf Rosen war Scheinemann sicher
nicht gebettet, vermutlich gehörte er zu der Legion der insgeheim
Darbenden. Darum war Herrn Plessens erster Gedanke, als der Herr
im Wohnungsamt ihm die freiwillige Aufnahme eines Mieters empfahl,
Scheinemann gewesen. Denn warum sollte er sich, wenn er schon ein
Zimmer abgeben mußte, die bittere Pille nicht wenigstens durch das
befriedigende Bewußtsein versüßen, einen strebsamen Beamten gefördert,
einem jüngeren Kollegen sein Los erleichtert zu haben?
Zu solch vornehmen und großzügigen Erwägungen gesellte sich auch noch
der begreifliche Wunsch, einen Mieter zu finden, der ihm anhänglich und
durch Gefühle der Dankbarkeit verbunden wäre.
Denn in das Zimmer seines Sohnes, das sich infolge seiner Lage am
besten zum Vermieten eignete, sollte nicht ein Nächstbester seinen
Einzug halten. Wie wohltuend würde er es empfinden, wenn der künftige
Bewohner dieses Raumes allmählich aufhören würde, bloß ein Bekannter
zu sein! Wenn von dieser vereinsamten Stätte wieder die Wärme
herzlicher persönlicher Beziehungen ausstrahlte, eine Spur wenigstens
jener kindlichen Zuneigung und Ehrerbietung, die sein Vaterherz einst
so innig beglückt hatte! Oh, welch schönes Verhältnis konnte sich
ergeben, welche Bereicherung sein dürftiges Alter erfahren, wenn es ihm
gelang, aus der Not einen Segen zu machen und sich einen Hausgenossen
zu gewinnen, aus dem vielleicht, wenn das Glück es wollte, sogar noch
einmal ein treuer Begleiter auf der letzten Wegstrecke des Lebens hätte
werden können, der an Sohnes statt in der schwersten Stunde an der
Seite seines Bettes stand!
Herrn Scheinemann nun hatte er sich schon einmal gefällig erwiesen.
Wer weiß, was aus dem geworden wäre, hätte gerade im kritischen
Augenblick Pleß sich nicht für ihn eingesetzt. Bei seiner von Haus
aus etwas oberflächlichen, wohl gar leichtfertigen Anlage, die
gelegentlich in mancher unvorsichtigen Äußerung hervorgetreten war,
hätte ein ungebundenes Leben ihm gefährlich werden können. Gerade für
eine solche Natur war nach Herrn Plessens Überzeugung der erziehliche
Einfluß, den eine zu Zucht und Ordnung nötigende Amtstätigkeit ausübt,
von unübersehbarem Wert, darum meinte er sich mit einigem Recht
sozusagen für den Retter dieses Menschen halten zu dürfen, war doch
er es gewesen, der ihn in eine geregelte und streng vorgezeichnete
Laufbahn gebracht hatte. Nun gedachte er sein Werk zu krönen und
seinem Schützling auch noch ein geordnetes Heim aufzutun, das ihn
keinen Heller kosten sollte. Ein solches Entgegenkommen, ein derartig
verdoppeltes Schaffen und Aufbauen der ganzen Existenz -- mußte es auf
der Seite des Geförderten nicht Gefühle unbegrenzter Anhänglichkeit
wecken? Und war es nicht wie eine mit freigebigen Händen ausgestreute
Saat, von der man hoffen durfte, daß sie zum Segen gedeihen und reiche
Frucht tragen würde?
Um die Jugend muß man werben, er wußte es. Und außerdem widerstrebte es
ihm auch, für das Zimmer, das er abzugeben gesonnen, und das im Grunde
seines Sohnes Zimmer war, Geld anzunehmen. Nach seiner Meinung hieß es
Wucher treiben mit der Not seiner Mitmenschen, wenn man sich für eine
Stube, die sonst unbenützt leer stand, von einem Bedrängten bezahlen
ließ.
Solche Gedanken still bei sich erwägend, stieg er eben die ihm
wohlvertraute, obzwar lange nicht betretene Treppe des alten
Amtsgebäudes hinan, als ihm raschen Schrittes, immer ein paar Stufen
überhüpfend, von oben jemand entgegenkam. Und wie er den Kopf hob,
stand wie gerufen der Gesuchte selbst vor ihm: Scheinemann! Freudig
streckte Pleß ihm die Hand entgegen, es war ihm, als hätte durch
diese zufällige Begegnung das Schicksal selbst die Billigung seiner
Absichten, die Zustimmung zu seinen Plänen aussprechen wollen.
»Darf ich mir erlauben, Sie um ein paar Worte ...? Sie haben einen Gang
zu machen, wie ich sehe. Wenn Sie gestatten, begleite ich Sie ein Stück
Weges.«
»Mit dem größten Vergnügen, Herr Oberrechnungsrat. Bitte!«
»O -- bitte, bitte!«
Pleß trat auf die linke Seite und ließ den jungen Mann, der auf so
überlebte Formen nicht viel zu halten schien, zur Rechten gehen. Kaum
auf die Straße gelangt, begann der Oberrechnungsrat etwas weitschweifig
von seiner Wohnungsangelegenheit zu erzählen. Daß er eigentlich eine
Wohnung von vier Zimmern hätte ...
»Nun, das ist reichlich!« warf Scheinemann dazwischen.
»Wenn man eine große Bibliothek besitzt ... Übrigens stehe ich nur mit
drei Zimmern in den Akten. Das vierte hat die Kommission aus reinem
Zufall übersehen ...«
»Trotteln das!« bemerkte Scheinemann.
»Für mich ganz angenehm,« meinte Herr Pleß, etwas unsicher geworden,
und bereute in diesem Augenblick, den anderen auf den Irrtum der
Behörde überflüssigerweise aufmerksam gemacht zu haben.
Dennoch fuhr er fort, seine Verhältnisse darzulegen und schließlich
seine Vorschläge vor ihm auszubreiten. Scheinemann blieb stehen und
staunte ihn groß an.
»Das trifft sich ja ausgezeichnet! Morgen muß ich aus meiner Bude
heraus und habe noch keinen Ersatz. Unleidliche Menschen, mit denen
ich da zusammengespannt war! Ich nehme Ihr Zimmer! Unbesehn! Gemacht!
Gemacht! Das heißt -- was verlangen Sie dafür?«
»Wenn Sie der Köchin eine Kleinigkeit geben wollen, fürs Aufräumen --
ich selbst beanspruche nichts. Das Zimmer steht ohnedies leer, Sie sind
mein Gast. Ich möchte aus der allgemeinen Wohnungsnot keinen Gewinn
ziehen.«
Abermals blieb Scheinemann stehen.
»Mit solchen Grundsätzen werden Sie nicht weit springen in unserer
Zeit,« sagte er belustigt. »Sie denken vielleicht, ich müßte mich jetzt
wenigstens ein bißchen zieren und blöde tun? Fällt mir gar nicht ein!
Im Gegenteil, ich nehm' Sie beim Wort! Wenn mir wer was schenkt, so
werd' ich's doch nicht ausschlagen? Ein Esel wär' ich! Jedem das Seine!
Der eine hat Grundsätze, der andere den Vorteil.«
Er lachte breit über den ganzen Mund und sagte noch: »Wann darf ich
einziehen?«
»Wann es Ihnen paßt.«
»Also morgen früh. Gemacht! Gemacht! -- Pardon!« rief er plötzlich in
Hast. »Ich werde erwartet. Es kann mich eine Viertelmillion kosten,
wenn ich zu spät komme! Sie entschuldigen also! Und wie gesagt:
Gemacht! Gemacht!«
Damit stürzte er in den Straßentrubel und schwang sich auf einen
vorbeifahrenden Trambahnwagen, der mit ihm davonsauste.
Bedächtig und etwas betreten setzte der Oberrechnungsrat seinen Weg
fort. Was war das? Es konnte ihn eine Viertelmillion kosten --? Gab es
jetzt so verantwortungsvolle amtliche Aufträge? Ja, es hat sich halt
alles verändert, man kennt sich in der Welt bald nicht mehr aus! ...
Auf seinen Stock gestützt zog er langsam seine Bahn dahin, in
der Richtung nach der Gegend, wo seine Wohnung sich befand. Ein
unbestimmter Bodensatz von Unbehagen war von dem kurzen Zusammentreffen
mit Scheinemann in ihm zurückgeblieben. Der junge Mann war doch
eigentlich ganz anders, als er ihn in Erinnerung gehabt. So was eigen
Smartes, Amerikanisches lag in seinem Gehaben, nur daß die richtigen
Wilson-Leute den Zynismus der Tat hinter der Moral des Wortes zu
verhüllen pflegen -- was immerhin versöhnend wirkt. Sollte er den
Aktenstaub als Erzieher, die Wandlung, die eine geregelte Amtstätigkeit
bewirken kann, überschätzt, oder sich überhaupt in diesem Menschen
völlig getäuscht haben? Vielleicht war es doch etwas vorschnell
gewesen, ihm gleich bindende Zusagen zu machen! ...
Schließlich tröstete er sich mit dem Gedanken, daß man im äußersten
Falle einen Gast nicht länger zu beherbergen brauche, als es einem
passe.
Als er müde und verstimmt zu Hause anlangte, sagte er zur Resi:
»Richten Sie das Zimmer vom jungen Herrn. Wir bekommen einen Mieter.
Morgen früh zieht er ein.«
Sie mochte aus dem Ton erkennen, daß es sich um eine unabänderliche
Sache handelte, und gab ihm keine Antwort. Aber die Art, wie sie in
der Küche herumhantierte und die Suppenschüssel auf den Tisch setzte,
verkündete nichts Gutes.
Den anderen Morgen hielt Scheinemann wirklich seinen Einzug. Herr Pleß
wies ihm sein Zimmer an und sagte: »Mein Sohn hat hier gewohnt. Möchten
Sie sich ebenso gerne wie er mit dem wenigen, was ich bieten kann,
bescheiden.«
»Ein bißchen klein --!« sagte der Mieter und öffnete die Tür zum
Nebenzimmer. »Aber hier steht ja noch ein Zimmer leer, wie ich sehe.«
»Es ist das Zimmer meiner verstorbenen Tochter.«
»Das macht mir gar nichts,« antwortete Scheinemann mit seinem
breitesten Lachen, »ich fürchte mich nicht vor den Toten.«
Rasch machte der Oberrechnungsrat kehrt und überließ ihn der Tätigkeit
des Auspackens. Stumm und verschlossen zog er sich ins Bücherzimmer
zurück, setzte sich an den Lesetisch und barg sein Gesicht in den über
der Tischplatte gekreuzten Armen. Als einige Zeit darauf die Resi das
Bücherzimmer betreten wollte und ihn schluchzen hörte, zog sie ganz
leise die Tür wieder ins Schloß und verschwand unbemerkt, wie sie
gekommen, in ihrer Küche.
Scheu schlich sie darin umher und machte sich in aller Stille daran,
das kärgliche Mittagsbrot zu bereiten. Heut' faßte sie die Töpfe und
Reindln so behutsam an, als wären sie alle von Glas, und gelegentlich
erwischte sie den Zipfel ihrer Schürze, um sich damit an die Augen zu
fahren.
Beim Essen, als Herr Pleß mit vorgebeugtem Kopf noch an der Suppe
löffelte und die Resi schon die Erdäpfel hereinbrachte, fragte er, ohne
aufzublicken, scheinbar wie nebenher: »Haben Sie den neuen Mieter schon
zu Gesicht bekommen?«
»Mit dem haben Sie uns was schönes eingebröckelt!« antwortete die Resi
empört.