unheimlichen kleinen Popanz von seinem angestammten Platz über meinem
Schreibtisch zu entthronen und in das Verlies irgend einer dunkeln
Schublade zu verbannen. Aber dann denke ich wieder, daß es keinem
Menschen schaden kann, wenn er dauernd ein Memento vor Augen hat. Und
in dieser Hinsicht erfüllt die grünäugige Sphinx ihre Aufgabe. Erinnert
sie mich doch an die arme Unglückliche, die sie mir sterbend einst als
Andenken in die Hand gedrückt hat, hoch oben in den Bergen, als ich
für immer von ihr Abschied nahm. Und erinnert mich zugleich an den
verewigten Freund, an dessen Uhrkette ich sie eines Tags zu meiner
peinlichen Überraschung hängen sah, und der sie vermutlich zum Siegeln
benutzt hatte.
Im Grunde genommen ist sie nämlich nichts weiter als ein Petschaft. Und
vielleicht waren es nur meine eigenen unbeaufsichtigten Gefühle, die
-- wenigstens zuzeiten und in gewissen Augenblicken -- die Vorstellung
des Unheimlichen oder gar Übelwollenden in die stumme kleine Gestalt
hineintrugen. Dann hätte ich ihr freilich bitter unrecht getan. Konnte
sie denn etwas dafür, daß die Initialen +K+ und +S+, die
in kunstvoller Verschlingung auf ihrer unteren Fläche in den Stein
geschnitten sind, zufällig mit den Anfangsbuchstaben des Namens Karl
Schudas, meines verstorbenen Freundes, übereinstimmten? Aber manchmal
sind wir wie die Kinder, die die Tischecke für boshaft halten und nach
ihr schlagen, weil sie sich daran gestoßen haben.
Auf alle Fälle habe ich mich inzwischen an den Anblick der kleinen
schwarzen Sphinx gewöhnt. Sie ist mir allmählich zum Sinnbild geworden,
das mich stetig daran mahnt, wie leicht in Zeiten schwankender Begriffe
selbst der Hochstehende und im Grunde Vornehmdenkende auf Abwege
geraten kann. Darum soll sie auf meinem Schreibtisch stehenbleiben.
Und soll mir, sooft ich sie erblicke, das Schicksal jener beiden
Heimgegangenen ins Gedächtnis zurückrufen, deren Verlust ich, so wenig
ich ihre Überzeugungen teilen und ihre Handlungen billigen konnte, aufs
schmerzlichste beklage.
Sie haben gebüßt und gesühnt, ich halte ihr Andenken in Ehren. Bei all
ihren Verfehlungen waren sie doch Entschlossene, sie weigerten dem
Leben nicht den harten Zoll, durch den wir uns die Freiheit erkaufen,
uns selbst und die als eingeboren empfundene Sendung zu erfüllen. Und
wenn ich an sie zurückdenke, den Blick von meiner Arbeit hebe und
die kleine schwarze Sphinx aus Basalt vor mir über dem Schreibtisch
erblicke, wie sie mich mit ihrem grünschillernden Augenpaar so kalt
und starr, fast drohend anfunkelt, dann kommt es mir wohl einmal in
den Sinn, ihr jene dunkle Schicksalsfrage vorzulegen, mit der sich
einst, in einer dufterfüllten Frühlingsnacht, die unglückliche Frau,
die durch die Schuld zum Leben erweckt wurde, an die tausend fühllosen
Sterne wendete, die wie ebenso viele unergründliche Geheimnisse über
uns am Himmel standen: »Ist Leben und Schuldigwerden vielleicht ein und
dasselbe?«
Aber ich weiß es im voraus: ich frage vergebens. Die kleine düstere
Gestalt bleibt stumm und gibt keine Antwort ...
Der Mieter
Es wird behauptet, daß der stete Umgang mit Zahlen verknöchert, das ist
aber gar nicht richtig. Wenigstens nicht immer. Es kommt dabei wie bei
so vielem ganz auf den betreffenden Menschen an.
Herr Pleß war eine so liebenswürdige Natur, daß er auch mit den
Zahlen liebenswürdig umging. Und darum taten auch sie ihm nichts
zuleide. Schon als Praktikant, später als Offizial und noch später als
Oberoffizial trug er sie so reinlich, sorgfältig und behutsam in die
riesigen Kassa- und Kontrollbücher ein, daß sie selbst ihre Freude
daran hatten. Wie Soldaten, die voll Zutrauen zu ihrem Vorgesetzten
aufblickten, standen sie stramm in Reih und Glied, und niemals kam es
vor, daß sich eine in eine falsche Spalte verirrte. Sie nahmen sich
ordentlich zusammen, ihm nur ja keine Ungelegenheiten zu bereiten. Und
das taten sie alles nur ihm zuliebe.
Weil sie nämlich wußten, daß er sie nicht geringschätzte wie mancher
andere Beamte. Weil sie ein Gefühl dafür hatten, daß er sich nicht
bloß aus dem schnöden Grunde mit ihnen beschäftigte, um sein Gehalt zu
beziehen. Sie spürten es genau: er hatte Freude an seiner Tätigkeit,
wenn es auch keine sehr geistreiche Tätigkeit war. Nein, eine
geistreiche, irgendwie hervorragende Tätigkeit war es wirklich nicht,
die Herrn Pleß oblag, aber bis zu einem gewissen Grade läßt sich
beinahe jeder Arbeit Reiz abgewinnen, es kommt nur auf den Geist an, in
dem man sie verrichtet.
Herr Pleß hatte viele Amtsgenossen, und die meisten waren verdrossen.
Über alles was sie zu tun hatten, schimpften sie und nannten ihren
Beruf ein Saugeschäft. Rein verblöden müsse der Mensch dabei, wenn man
sich nicht wenigstens soweit, als es ohne Gefahr einer Disziplinierung
geschehen könne, um den Dienst herumzudrücken wisse. Das war so
ungefähr die allgemeine Meinung.
Wenn er dergleichen äußern hörte, dann sah der Herr Rechnungsrat --
denn das war Pleß nach und nach geworden -- den Betreffenden ganz
erschrocken und bekümmert an und sagte voll Gutmütigkeit: »Aber lieber
Herr Kollege! Verbittern Sie sich doch nicht das Dasein!«
Es kam freilich vor, daß auch er bei der trockenen Arbeit schwitzte --
wie das öde Wandern durch eine endlose Wüste war es manches Mal! Aber
nebenher bereitete es ihm doch immer ein gewisses Vergnügen, alles
so schön und sauber in Ordnung zu halten. Man spürte dabei, daß man
nicht ganz überflüssig war. Wenigstens für ein winziges Rädchen oder
Schräubchen an der großen Maschine durfte man sich immerhin halten. Und
das war schließlich doch auch etwas!
Die Kollegen tuschelten untereinander: es könne nicht anders sein,
der Pleß müsse irgend einer geheimen Leidenschaft fröhnen. Er rauchte
nicht, er spielte nicht, er trank nicht, er saß nicht im Gast- oder
Kaffeehaus, er ging in kein Theater, trieb keine Musik, machte nur
selten einen Ausflug, verbrachte sogar seinen Urlaub in der Stadt -- du
lieber Himmel, irgend etwas muß der Mensch doch haben, um sich von den
Zahlen und der Familie zu erholen.
Damit hatten sie wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen.
Der Herr Oberrechnungsrat -- diese letzte Stufe seiner Leiter erklomm
er kurz vor Ausbruch des Krieges -- sammelte insgeheim Bücher.
Nicht etwa Vorzugsdrucke in kostbaren Einbänden -- beileibe! Dazu
reichte es nicht. Er begnügte sich mit guten landläufigen Ausgaben:
Klassiker, Romantiker und jüngere Schulen, Antike und Moderne,
Inländer und Ausländer, vieles nur in Reclambändchen -- wie wohlfeil
damals und dabei ganz nett! So hatte er im Verlauf einer bald
fünfunddreißigjährigen Dienstzeit ein ganzes Zimmer seiner Wohnung mit
Büchern austapeziert.
In diesen Geistesschätzen steckten die Zigarren, die er nicht rauchte,
das Kaffeehaus, das er nicht besuchte, die Sommerfrische, auf die er
verzichtete.
In ihnen fand er das Gegengewicht gegen die Zahlen. Er liebte sie, um
die Wahrheit zu gestehen, doch noch mit einer ganz anderen Liebe als
diese. Und wenn er ein Buch aus dem Regal nahm, oder wieder einstellte,
dann tat er es noch um vieles behutsamer und sorgfältiger, als wenn er
lange Kolonnen von Ziffern aneinanderreihte.
Aber er verheimlichte seinen Besitz und die Neigung, die ihn veranlaßt
hatte ihn aufzustapeln. Das war das einzige Geheimnis, das er hatte.
Er kannte sich zur Genüge, um zu wissen, daß er nicht hätte nein sagen
können und völlig wehrlos gewesen wäre, wenn jemand ihn um ein Buch
angesprochen hätte. Nun, und was das Ende davon ist, wenn man ein
Buch verleiht, das wußte er auch. Darum verriet er sich mit keinem
Sterbenswörtchen und ließ es niemand merken, wie belesen er war.
Manchmal fiel es ihm schwer genug, sich so geschickt zu verstellen,
es gab Augenblicke, wo er sich fast wie ein Betrüger vorkam. Es war
aber auch die einzige Hinterhältigkeit gegen Amtsgenossen und sonstige
Mitmenschen, die in seinem wohlwollenden und grundgütigen Herzen einen
Boden fand.
Das Zimmer, in dem die Bücher standen, hieß das Bücherzimmer, und das
war wie ein Heiligtum. Am Abend saß er dort mit seiner Frau und seinen
beiden Kindern und las ihnen vor. Die großen Geister der ganzen Welt
kamen dann in die bescheidene Beamtenwohnung zu Besuch. Wenn ja einmal
etwas wie Verdrossenheit ihn anzuwandeln drohte, so fanden sie sich
pünktlich ein, ihn aufzurichten. Sie trösteten ihn, wenn Sorgen ihn
beunruhigten, und wenn die Zahlen einmal zudringlich wurden und ihn
bis in seine Häuslichkeit verfolgen wollten, so machten sie husch! und
scheuchten sie weit fort.
Das Beste an der Sache aber war, daß sie ihm halfen, seine Kinder
erziehen. Nein, sie halfen ihm nicht nur dabei, sie übernahmen sogar
selbst das schwierige Amt der Erziehung. Er konnte völlig davon
absehen, Predigten zu halten, oder überhaupt etwas zu sagen, und das
paßte ihm gerade. Er zog es ohnedies vor zu schweigen, von Haus aus war
er schwer von Ausdruck und redete nicht gerne, wenn es nicht unbedingt
nötig war. Und hier war es wirklich nicht nötig, die Führer der
Menschheit in eigner Person nahmen es ihm ab, sie sprangen für ihn ein,
ergriffen an seiner Statt das Wort. Er brauchte weiter gar nichts tun
als vorlesen, alles andere besorgten die hohen Seelen, die er in sein
geheimes Bücherzimmer zu Gast lud. Und sie widmeten sich ihrer Aufgabe
mit solcher Gewissenhaftigkeit und Hingebung, daß Herrn Plessens
Kinder mit der Zeit zu prächtigen jungen Leuten heranwuchsen und aus
dem Knaben, ehe der Vater sich dessen recht versah, ein gesunder,
freudiger, herzensreiner Jüngling von seltener Tüchtigkeit, aus dem
Mädel aber eine ebensolche Jungfrau geworden war.
Eben in jenem Vorkriegswinter, wo Herr Pleß nach langem, beharrlichem
Warten und wiederholten Enttäuschungen endlich zum Oberrechnungsrat
vorgerückt war, trat leider auch ein sehr trauriges Ereignis ein,
das ihm jede Freude an der wohlverdienten Beförderung zerstörte. Das
Schicksal brach ein Blatt aus dem vierblättrigen Klee der wackeren,
frohgemuten Familie, die Gattin und Mutter schied aus dem still
verborgenen Abendkreise des Bücherzimmers. Gerade jetzt, wo sie eine
Frau Oberrechnungsrat gewesen wäre und sich ein bißchen leichter hätte
tun können! Denn das Gehalt war all die Jahre hindurch recht knapp
gewesen, und es mußte doch auch noch immer etwas übrigbleiben für die
Bücher.
Das Vorlesen, als er es nach einiger Zeit wieder aufnahm, kam Herrn
Pleß jetzt hart an. Die arbeitsamen Hände unter der Lampe fehlten, und
wenn er vom Buch aufblickte, so vermißte er das zustimmende Lächeln,
das aufleuchtende Auge, das ihn sonst ermuntert hatte, fortzufahren.
Nun hieß es, sich ausschließlich an die Jugend halten. Dort gab es
freilich auch noch bereitwilliges Verständnis genug -- aber es blieb
eben die Jugend, die lebt wieder ihr eigenes Leben. So ganz das gleiche
und restlose Übereinstimmen wie früher war es jetzt doch nicht mehr.
Wie zufrieden indessen hätte er immerhin noch sein können -- erst
nachträglich sah er es ein -- wäre wenigstens diesem Zustand Dauer
beschieden gewesen! Aber nur allzubald, so stand es in Herrn Plessens
Schicksalsbuch geschrieben, sollte das Vorlesen überhaupt ein Ende
nehmen.
Mit seiner blutigen Knochenhand griff der Krieg ins stille Bücherzimmer
und riß die Jugend von der Seite des Vaters. Nun fehlten auch die
frischen, aufmerksam lauschenden Gesichter unter der Lampe, und der
Herr Oberrechnungsrat war stumm geworden und saß allein am vereinsamten
Lesetisch.
Verschlossen und gequält saß er da und las und las -- aber selten und
immer seltener ein Buch. Dazu fehlte die Sammlung, die Tagesereignisse
rissen an den Nerven, das Herz schnürte sich ihm zusammen. Die
Seelennot war zu drängend, die Verirrung der Menschheit zu groß, als
daß die führenden Geister ihr Antlitz nicht abgewendet hätten. Sie
verstummten, ebenso wie Herr Pleß verstummt war, hüllten sich in
Schweigen, weil auch sie nicht mehr zu raten und zu helfen wußten.
So las er jetzt fast nur mehr Zeitungen, immer nur Berichte aus dem
Feld, immer wieder nichts als Zeitungen. Die Tagesereignisse schrien so
laut, daß sie alles andere übertönten, und so peinigend dieses Geschrei
auch war, man legte die Hand ans Ohr und horchte, damit einem nur ja
nichts entgehe, und lauschte voll Spannung, um auch den letzten, den
fernsten, den dunkelsten Unterton noch mit zu erlauschen. Oh, wenn man
den Tagesereignissen hätte entfliehen können! Denn hinter ihnen lag das
Unheil auf der Lauer und das Entsetzen.
Zweimal hintereinander, im kurzen Abstand von kaum zwei Jahren zuckte
erbarmungslos der Blitzstrahl aus dem Zeitungsblatte und traf Herrn
Pleß ins Vaterherz.
Seit sein Sohn bei Limanowa gefallen war, schien der Oberrechnungsrat
die Zahlen nur noch lieber gewonnen zu haben als sonst. Von früh bis
spät brütete er über Aktenbündeln und Bureauscharteken, in manche
rubrizierte Spalte trug er mit seiner zierlichsten Schrift ganze
Heersäulen von Ziffern ein. Vom Essen und Schlafen abgesehen, saß er
fast ununterbrochen im Amt.
In dieses war kürzlich ein neuer Kollege eingetreten, ein Anfänger
und Stellenanwärter, dem Pleß sich gefällig erwiesen hatte. Denn
obgleich gewisse Bedenken gegen die Aufnahme vorlagen, so hatte seine
Gutmütigkeit ihn veranlaßt, sich wohlwollend für den jungen Menschen
einzusetzen und ihm den Weg zu ebnen.
Dieser Herr Scheinemann stellte ihn einmal wegen seines Fleißes
gewissermaßen zur Rede, indem er fragte: »Sie lassen sich doch
Überstunden ersetzen, Herr Oberrechnungsrat?«
Herr Pleß hob den Blick vom Schreibtisch und richtete ihn ganz verloren
auf den Fragenden. Es waren Augen fast wie die eines Verrückten, mit
denen er ihn anstierte.
»Freilich! Natürlich! Überstunden!« sagte er höflich ... »Bitte, lassen
Sie sich nicht aufhalten ...«
Und mit einer unzweideutigen Handbewegung wendete er sich wieder seiner
Arbeit zu.
Der ungeheuer gesteigerte Amtseifer war übrigens nicht von allzulanger
Dauer. Er erlahmte, brach gleichsam in sich selbst zusammen unter dem
Eindruck der Nachricht, daß auch das zweite Kind, die Tochter, dem
Kriege zum Opfer gefallen war. Pflegeschwester auf einem galizianischen
Samariterzug, hatte sie sich mit Typhus angesteckt und wochenlang
nichts mehr von sich hören lassen. Bis schließlich die Todesnachricht
eintraf.
Kurze Zeit danach fand ein gebückter, zusammengeschrumpfter,
weißhaariger alter Mann sich im Amte ein, der zuständigen Stelle ein
sauber mundiertes Schriftstück zu überreichen. Es war Plessens letzte
amtliche Eingabe, sein Gesuch um Übernahme in den dauernden Ruhestand.
Er hatte sein Bett ins Bücherzimmer stellen lassen und lebte darin wie
eine Raupe, die sich eingesponnen hat.
Tag und Nacht blieb er mit seinen Erinnerungen allein und mit den
erlauchten Gästen, die sich nun wieder häufig zum Besuch bei ihm
einfanden, ohne daß doch jemals die Flurglocke gezogen worden wäre.
Zeitungen las er jetzt überhaupt nicht mehr -- was frommte es ihm, sein
eigenes Leid verhundert-, vertausendfältigt darin widergespiegelt zu
sehen? Höchstens daß er ab und zu einmal im Vorbeigehen einen Blick
auf die Blätter warf, die an der Glastür eines kleinen Tabakladens
ausgehängt waren, an welchem sein Morgenspaziergang ihn vorüberzuführen
pflegte.
Denn täglich machte er nun, während das Bücherzimmer aufgeräumt
wurde, einen kleinen Rundgang durch die nächstgelegenen städtischen
Gassen und Straßen, um doch auch ein wenig an die Luft zu kommen. Die
alte Resi, die Köchin, bestand darauf, weil sie es seiner Gesundheit
für zuträglich hielt, und wenn er sich einmal um seinen Morgenweg
herumdrücken wollte, so wußte sie ihm mit Besen und Staubtuch so
lästig zu werden, daß er schließlich doch nach Hut und Stock griff.
Die Möglichkeit, sich inzwischen in ein anderes Zimmer zurückzuziehen,
hatte er sich selbst abgeschnitten. Die beiden Kammern, die von seinen
Kindern bewohnt worden waren, hatte er abgesperrt, ebenso die größere
Stube, die sein und seiner Gattin Schlafzimmer gewesen war.
Alles sollte unberührt darin bleiben, wie es einst gewesen. Ihm selbst
genügte das Bücherzimmer. Mehr benötigte er für sich allein nicht.
Die alte Resi, die schon seiner Frau seit Jahren in Treue gedient
hatte, führte ihm die bescheidene Wirtschaft, und er konnte von Glück
sagen, daß die brave Person ihre Anhänglichkeit an die Verewigte nun
auch auf ihn übertrug. Sie kannte seine Gewohnheiten, redete nicht
viel und sparte in seine Tasche. Das war notwendig und wurde immer
nötiger mit den zuwachsenden Jahren. Denn die Zahlen schienen es ihm
nachzutragen, daß er sie im Stich gelassen hatte. Sie rächten sich,
indem sie sich auf seinen Pensionsbezug warfen und es zu deichseln
wußten, daß dieser auf einmal nur mehr die Hälfte von dem wert war, was
er früher wert gewesen.
Anfangs meinte er, es würde sich bald bessern, da er in den Zeitungen
an der Tür des Tabakladens fettgedruckte Aufschriften gelesen hatte,
aus denen er glaubte den Schluß ableiten zu dürfen, daß die Welt
wieder friedlich geworden sei. Hier und da kaufte er sich jetzt sogar
das eine oder andere von diesen Blättern. Aber was darin stand, erbaute
ihn wenig, darum verzichtete er bald wieder auf das Vergnügen, nähere
Bekanntschaft mit den Tagesereignissen zu machen. Bevor es keinen
wirklichen Weltfrieden gäbe, beschloß er, so lange würde er nach wie
vor keine Zeitung mehr lesen. Es kostete ja auch jede einzelne Nummer
jetzt bald so viel wie früher ein ganzer Monatsbezug. Nein, den Rummel
machte er nicht mit! Er konnte warten, bis die Tagesereignisse wieder
Vernunft angenommen hätten.
Damit machte er sich aber auch die Tagesereignisse zu Feinden. Sie
verübelten es ihm, daß er sie mit Geringschätzung behandelte, und
verbündeten sich mit den Zahlen, die ihm ebenfalls noch immer aufsässig
waren, zu dem gemeinsamen Ziel, ihn ihre Macht fühlen zu lassen. Und
da seine Behausung ihnen verschlossen blieb, so verfolgten sie ihn
wenigstens mit ihren Nachwirkungen und Ausstrahlungen. Denn für diese
gab es keine Hindernisse, durch jede Türritze und jedes Schlüsselloch
wußten sie sich zu stehlen, unaufhaltsam sickerten sie durch die
dicksten Mauern, Beunruhigung verbreitend bis in den letzten Winkel
und jedermann die bittersten Entbehrungen auferlegend. So drangen
sie allmählich sogar ins stille Heiligtum des Bücherzimmers ein und
überreichten Herrn Pleß ihre Visitenkarte! Der setzte die Brille auf,
las und schüttelte den Kopf. Denn es stand darauf geschrieben: Die Not
und das Elend eines nicht eigentlich besiegten, aber um so schmählicher
betrogenen Volkes.
Herr Pleß wunderte sich. So ungefähr wußte er ja, wie schlimm es um
die Allgemeinheit stand. Aber was konnte er, der alte, gebrochene
Mann, noch tun, ihr zu helfen? Sein Teil Arbeit hatte er geleistet,
die Opfer ohne Murren dargebracht, die Leben und Zeit ihm auferlegt.
Nun verlangte es ihn nach Ruhe und Sammlung für den Abend. Darauf
wenigstens meinte er Anspruch zu haben. Wem stünde das Recht zu, ihn in
seiner freiwillig gewählten Einsamkeit zu behelligen?
O du weltfremdes gläubiges Gemüt! ... Er ahnte noch nichts davon, daß
es auch auf einer Robinsoninsel ungemütlich werden kann, wenn sie
innerhalb der Grenzen eines geordneten Staatswesens liegt.
Daß die Teuerung ins Märchenhafte wuchs und sein Ruhegenuß jetzt nur
mehr ein Zehntel, vielleicht nur mehr ein Fünfzigstel wert war, das
nahm er noch gelassen hin. Seine eigenen Bedürfnisse waren immer gering
gewesen, schließlich konnte er den Riemen auch noch enger schnallen, es
lag ihm für seine Person nicht eben viel daran. Aber der alten Resi,
die sich den ganzen Tag mit der Wirtschaft abplagte, der hätte er eine
bessere Ernährung vergönnt. Und einmal faßte er sich sogar ein Herz und
redete ihr zu, doch etwas besser für sich selbst zu sorgen, er würde
es schon zustande bringen, dem Wirtschaftsgeld noch eine Kleinigkeit
zuzulegen.
Damit kam er aber an die Unrechte, denn sie fuhr ihm sofort derb
über den Mund: Ob er verrückt geworden sei, daß er sein Geld den
Preistreibern in den Rachen werfen wolle? Nein, dafür müsse er sich
eine andere suchen, dazu gebe sie sich nicht her, lieber gewöhne sie
sich das Essen noch ganz ab; bei ihr sei es ohnedies mehr oder weniger
nur eine schlechte Angewohnheit, ganz anders als bei ihm, der es nötig
hätte, das viele Hirnschmalz wieder zu ersetzen, das er mit seiner
übertriebenen Bücherleserei verbrauche. Darum möge er nur vor seiner
eigenen Tür kehren, die paar Schüsserln, die sie ihm vorsetze, kämen
jedesmal voller wieder heraus, als sie sie hineingetragen, das sei
eine Beleidigung für eine Köchin! Und überhaupt -- um sie brauche er
sich nicht zu scheren, sie wisse schon selbst, was sie zu tun hätte,
und wie es der seligen Frau recht wäre, wenn sie noch das Leben
hätte. Die würde sich auch zu gut dafür sein, um bei Wucherern und
Schleichhändlern fechten zu gehen, anstatt sich mit dem zufrieden zu
geben, was unser Herrgott eben beschert hätte.
So lange hatte er sie noch nie in einem Zuge sprechen hören, und es war
ehrenwert und gesinnungstüchtig gesprochen, zweifelsohne! Aber sie fiel
vom Fleische, und wenn eine Köchin einmal aus der Form kommt, so gibt
das immer zum Nachdenken Anlaß.
Übrigens bekümmerte den Oberrechnungsrat vielleicht mehr noch als die
Sorge, wie er seine Resi in Form halten könne, der Umstand, daß er
keine Bücher mehr zu kaufen imstande war. Nein, dazu war er wirklich
nicht mehr imstande, das konnte man einfach nicht mehr, Bücher zu
kaufen war ein Ding der Unmöglichkeit geworden! Schade! Jammerschade
um die liebe, heiße, harmlose kleine Leidenschaft! Das Leben wurde
zusehends kahler. Ja, die Tagesereignisse, die sich mit den Zahlen
verbündet hatten! Man spürte den sogenannten Frieden in allen
Gliedern. Ach, die Bedauernswerten, die sich nicht rechtzeitig mit
Büchern »eingedeckt« hatten! Die mochten nun darben. Und vor Sehnsucht
vergehen. Und geistig verhungern. Für Herrn Pleß bestand diese Gefahr
nicht. Auf Zuwachs freilich hieß es jetzt verzichten, auf das wonnige
Herumschmökern in den Buchläden, auf das feierliche Einreihen eines
neuen Bandes -- wieviel Farbe hatte das alles in sein Leben gebracht!
Vorbei! Dahin wie so vieles andere! Aber da standen ja noch dicht
gereiht bis zur Decke hinauf die wohlgefüllten Regale. Und es waren nur
wenige Bände darunter, die man nicht gerne von vorne wieder anfing,
wenn man am Ende angelangt war. An Lesestoff mangelte es noch lange
nicht. Auch diese Entbehrung blieb also im Grunde erträglich.
Herr Pleß hatte beschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Man
mußte sich eben in die Verhältnisse schicken. Vor so nichtigen Feinden,
wie es die Zahlen und die Tagesereignisse waren, kapitulierte er noch
lange nicht. Er saß in seinem Bücherzimmer und las.
Und dabei übersah er es gänzlich, daß noch düsterere Wolken sich über
seinem Haupte zusammenzogen. Die bitterste aller Friedensnöte hatte er
noch gar nicht kennengelernt, das stand ihm erst noch bevor. Bis jetzt
wußte er nichts davon, daß es außer der mangelhaften Ernährung und
der Unmöglichkeit, Bücher zu kaufen, auch noch etwas viel Schlimmeres
gab, das einen ahnungslosen Staatsbürger heimsuchen konnte. Etwas
ganz Unvorhergesehenes, das gerade ihm fast unerträglich erscheinen,
ihn beinahe in Verzweiflung stürzen mußte. Mit allem anderen war es
seiner Langmut gelungen, sich gutwillig abzufinden, gerade dieses Opfer
aber, das ihm jetzt noch aufgebürdet werden sollte -- ein jeder, der
Herrn Pleß kannte, hätte es voraussehen können -- das mußte gerade er
als den schwersten Schlag empfinden, der ihn seit dem Heimgang seiner
Lieben betroffen. Und dies war wohl auch der unbewußte Grund, weshalb
er wie im geheimnisvollen Vorgefühl von etwas Bedrohlichem schreckhaft
zusammenfuhr, als an jenem Morgen, da er gerade wieder lesend im
Bücherzimmer saß, die Flurglocke läutete. Damit fing nämlich die Sache
an.