Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Ich hatte mich an die

richtige Adresse gewendet, denn jener Arzt und Menschenfreund, der,

wie ich erst jetzt erfuhr, den alten General behandelt und seinen

Tod festgestellt hatte, nahm selbst warmen Anteil an dem Schicksal

der Baronin. Er wußte mir aber nichts zu berichten, als daß sie bald

nach dem Selbstmord ihres Vaters zugleich mit dem »gefährlichen

Rattenfänger«, wie er Schuda nannte, aus der Stadt verschwunden und

seither nicht mehr dahin zurückgekehrt sei. Er fürchte, daß eine

Zeitungsnachricht aus Budapest, die ihn jüngst erschreckt habe, und auf

die er mich aufmerksam mache -- das mir wohlbekannte Telegramm war im

Ausschnitt angeschlossen -- sich auf das verschollene Paar beziehe.

So wenig aufklärend diese Zeilen auch waren, so kann ich doch nicht

anders sagen, als daß ich aufatmete, während ich sie las. Wenn irgend

wer, so mußte jener Arzt es wissen, auf welche Weise der General aus

dem Leben geschieden war. Und daß er von einem Selbstmord wie von

einer unbezweifelbaren Tatsache sprach, nahm mir eine schwere Last vom

Herzen. Denn das von der Baronin geprägte Wort: »Wir müssen schuldig

werden«, vielleicht im Zusammenhang mit Karl Schudas rohem Ausspruch

»Was sinkt, soll man stoßen«, hatte Befürchtungen in mir erweckt, vor

denen mir schauderte. Jetzt hielt ich die Gewißheit in Händen, daß

wenigstens das Entehrende und Unsühnbare, das mich unüberbrückbar

von meinen Freunden geschieden hätte, nicht im Bereich des Möglichen

lag. Es gibt eine Schuld, die der Mensch verzeihen kann und darf,

die zu verzeihen sogar ein Gebot der Nächstenliebe ist. Aber es gibt

auch einen Punkt, wo Nachsicht und milde Beurteilung ein Ende haben

müssen. Nun konnte ich wieder hoffen, daß dieser Punkt nie und nirgends

überschritten worden sei.

Der erwähnte Arzt ließ die Gelegenheit nicht ungenützt, dem knappen

Tatsächlichen, das er mir übermitteln konnte, auch noch einige weitere

Ausführungen beizufügen, zu welchen das Interesse ihn reizen mochte,

das er als Seelenforscher an der Sache nahm.

Der Baronin, schrieb er, traue er in ihrer Anhängerschaft an den

politisch stark exponierten Freund ohne weiteres das Äußerste zu. Der

Tod des Generals, eines von Haus aus unleidlich rücksichtslosen, mit

sich und der Welt zerfallenen altösterreichischen Kommißoffiziers

und Leuteschinders, sei viel zu spät erfolgt, um seiner Tochter noch

rechtzeitig jene äußere und innere Freiheit zu schenken, die ihr

ohne verzweifelte Entschlüsse einen Weg zu der jeder Menschenseele

unentbehrlichen Freudigkeit eröffnet hätte. Zur Hörigkeit erzogen,

durch militärisch-bourgeoise Vorurteile in jeder natürlichen

Entwicklung gehemmt, hätte sie, im Begriffe, von der Jugend Abschied

zu nehmen, unbedingt auch seelisch dem Einfluß eines jeden unterliegen

müssen, der sie zum Weib machte, gleichgültig, ob es ein Jesuit

oder ein Bolschewik war. Darum wundere er sich auch nicht darüber,

wenn sie in Karl Schuda vielleicht etwas wie einen Erlöser und in

seinen zersetzenden Hirngespinsten ein Allheilmittel der Menschheit

erblickt hätte. Mannigfache Erfahrungen ähnlicher Art ließen ihm

den Fall, so verhängnisvoll er für die Baronin verlaufen könne, als

durchaus begreiflich erscheinen und böten die Erklärung für den damals

von ihm vertretenen Standpunkt, den wohl nunmehr auch ich besser

zu würdigen wissen werde: daß selbst liebevolle Absicht der Eltern

ein engherzig gewaltsames Niederhalten jenes besonderen Eigenlebens

nicht entschuldigen könne, auf das jede neue Generation wieder

ihren besonderen Anspruch habe. Jedenfalls sei er in diesem Punkte

gerade in seinen Kreisen so oft auf völlige Verständnislosigkeit

gestoßen, daß er die großen Opfer, die unsere Zeit fordere, nicht für

vergeblich dargebracht halten würde, wenn es ihr gelänge, die vielfach

verknöcherten Anschauungen der bürgerlichen Gesellschaft wenigstens

einigermaßen zu revolutionieren.

An die scharfe und grausame ärztliche Diagnose, der ich nicht in

jedem Punkte beizupflichten vermochte, schlossen sich noch ein paar

Bemerkungen über die Vorgänge in Ungarn, die er als gebürtiger

Siebenbürger Sachse mit besonderer Anteilnahme verfolgte. Die gesunde

Reaktion, die die Ordnung halbwegs wiederhergestellt und die friedliche

Regelung der Beziehungen zu den westlichen Gewalthabern in die Wege

geleitet hatte, war durch die Notwendigkeit, allerorts immer wieder

aufzüngelnde Flammen zu dämpfen, unausgesetzt in Atem gehalten. Es

wurde gemunkelt, daß die neue Regierung sich dabei oft nicht minder

harter Maßnahmen bediene als die alte; manche behaupteten schlankweg,

an die Stelle des roten sei nun der weiße Terror getreten. Von

diesseits der Grenzen war die Stichhaltigkeit der umgehenden Gerüchte

um so schwerer zu überprüfen, als auch die ungarische Öffentlichkeit

selbst vielfach im Dunkeln tappte. Ein dichter Schleier blieb besonders

über jene Vorgänge gebreitet, die mit der Ausrottung letzter Überreste

der verflossenen Räteregierung und mit der Verfolgung ihrer da und dort

noch verborgenen Parteigänger zusammenhingen. Unter diesen Umständen,

meinte der Briefschreiber, sei es bis auf weiteres wohl ausgeschlossen,

etwas darüber in Erfahrung zu bringen, ob Karl Schuda und seine

Freundin mit den in jenem Zeitungstelegramm erwähnten Personen

identisch seien.

Mir war es durch das gleichzeitige Verschwinden des abgängigen

Paares aus jener Stadt fast zur Gewißheit geworden, daß der wegen

revolutionärer Umtriebe verhaftete »Nagyhegy, rekte Souda« und

seine »Konkubine« für mich nicht zu den gänzlich Gleichgültigen und

Unbekannten zählten. Da aber selbst mein Gewährsmann, dem nähere

Beziehungen zu Ungarn zur Verfügung standen als mir, an jeder

Möglichkeit zweifelte, das Schicksal der beiden zu erforschen, so

erlahmte allmählich auch bei mir die Neigung, mich länger mit dieser

Angelegenheit zu beschäftigen. Und als wieder einige Zeit verstrichen

war und hundert andere, für mich wichtigere Dinge die verblassenden

Gestalten ins Dunkel des Vergessens zurückgedrängt hatten, wurden sie

mir allmählich zu Abgeschiedenen, an die zu denken man kaum noch Zeit

findet, und denen jemals wieder zu begegnen man endgültig verzichtet

hat.

Aber die Welt ist nicht ganz so groß, wie sie uns manchmal scheinen

will. Und wie wir von Menschen, die in derselben Stadt mit uns wohnen,

und die unser Dasein, wären wir mit ihnen in Berührung gekommen,

vielleicht unsäglich bereichert hätten, oft unser ganzes Leben lang wie

durch einen Ozean getrennt bleiben, so kommt es anderseits auch vor,

daß weit auseinanderführende Wege unversehens wieder in einem Punkt

zusammenlaufen, sich kreuzen, sich schneiden, und daß gerade in dem

Augenblick, wo wir diesen Kreuzungspunkt passieren, ein Mensch dort

sitzt und von der Wanderschaft ausruht, der uns irgendwie einmal lieb

gewesen ist, und den wir längst für hoffnungslos verschollen gehalten

hatten.

Solch eine außerhalb jeder Berechnung liegende Begegnung brachte

auch mir um Weihnacht 1920, also reichlich anderthalb Jahre

nach jenen Frühlingstagen, in denen ich durch Karl Schuda die

persönliche Bekanntschaft der schönen Generalstochter gemacht hatte,

unvorhergesehene Aufklärung darüber, was aus ihm und seiner Freundin

geworden sei. Erwünscht und doch nicht wünschenswert, reifte mir

aus diesem unselig abgeschlossenen Doppelleben die bittere Frucht

der Erkenntnis entgegen, daß wir in eine Zeit hineingeboren zu sein

das Unglück haben, deren überreizte Phantasie in der Erfindung

beklagenswerter Schicksale sich nicht genugtun zu können glaubt.

Eine Gesellschaft edler Frauen, an deren Spitze eine der

opferwilligsten Wohltäterinnen Wiens stand, hatte schon vor mehreren

Jahren aus privaten Mitteln eine Anstalt ins Leben gerufen, in der

durch Höhenluft und -sonne der Todeskeim bekämpft werden sollte, den

die Not des Krieges und mehr noch des Friedens in die Brust so vieler

Darbenden gesenkt hatte. Die Heilstätte lag in den steirischen Bergen,

hoch oben in der Nachbarschaft der Felsen, und war ausschließlich

dem weiblichen Geschlecht, den Hilflosesten der Hilflosen, gewidmet,

gewährte aber bisher, da man versuchsweise vorgehen und sich erst

allmählich erweitern wollte, bloß einer Anzahl von gegen zwanzig

Leidenden Aufnahme, ein Tropfen auf den brennend heißen Stein des

allgemeinen Elends. Jetzt sollte das Unternehmen auf breitere Grundlage

gestellt und die Anteilnahme der Öffentlichkeit dafür geweckt werden.

Vor allem galt es, eine mit Lichtbildern ausgestattete Werbeschrift

in die Hände jener Wohlhabenden und dabei opferbereiten Mitbürger

gelangen zu lassen, deren es noch immer gab, und als gerade um jene

Weihnachtszeit die Vorsteherin mit dem Ersuchen an mich herantrat,

meine Feder in den Dienst der guten Sache zu stellen, zögerte ich

keinen Augenblick mit meiner Zusage und machte mich trotz der

strengen Kälte in Gesellschaft des Lichtbildners auf den Weg nach dem

verschneiten steirischen Marktflecken, der den Ausgangspunkt für die

Bergwanderung bildete.

In Begleitung des jungen und rüstigen Bezirksarztes, der uns am Bahnhof

erwartet hatte, traten wir bald nach unserer Ankunft durch glitzernden

und knirschenden Schnee den Aufstieg zur Höhe an. Es war ein

prachtvoller Wintertag, himmelblau und weiß, jedes Zweiglein des Waldes

von Kristallen des Rauhfrostes flimmernd, jedes stürzende Wässerlein

ein Wunderbau vereister Tropfsteingebilde. Und als wir nach zwei

Stunden scharfen Steigens die mit weißen, flaumigen Kissen bedeckte

Bergstufe erreichten, auf der die Heilstätte siedelte, machte sich die

rätselhafte Erscheinung der Sonnenstrahlung so wohltuend fühlbar, daß

wir die Röcke ablegen und auf dem Arme tragen mußten, um uns später

beim Eintritt ins Haus nicht der Gefahr einer Erkältung auszusetzen.

Der Bezirksarzt, der tagtäglich zu jeder Jahreszeit diesen Weg

zurücklegte, war selbstverständlich für die unbeschreibliche Schönheit

des Hochgebirgswinters nicht ganz so empfänglich mehr wie wir, billigte

aber die Absicht des Lichtbildners, das Hauptgewicht auf Naturaufnahmen

zu legen. Den Menschenfreunden, die man zur Zeichnung von Anteilen zu

bestimmen hoffte, sollte doch eine rechte Augenlust geboten werden,

um die Berg- und Sonnenfreude in ihnen zu wecken. Vom Hause selbst,

indessen ich es besichtigte und mich über seine Verhältnisse eingehend

unterrichtete, wurden deshalb nur die günstigsten Anblicke auf die

Platte gebannt und insbesondere der Liegehalle nicht vergessen, wo

eine Reihe schwerkranker Frauen, bis ans Kinn in Decken gehüllt, sich

sonnte, die heilkräftige Alpenluft atmend.

Während hierauf mein Arbeitsgenosse mit Kamera und Stativ sich

aufmachte, die dankbarsten und bezeichnendsten Punkte der näheren

Umgebung auszukundschaften und im Bilde festzuhalten, verweilte ich

noch im Gespräch mit dem Arzte an der Sonnenseite des Hauses im Freien,

mein Taschenbuch mit den für mich wissenswertesten Auskünften füllend,

die der wohlbewanderte Fachmann mir bereitwillig gewährte, als eine

Pflegerin mit der Bitte an mich herantrat, vor Verlassen der Anstalt

die Stelle 9 aufzusuchen: die Kranke, die dort liege, wünsche mich zu

sprechen. Nicht ohne Befremden, aber gespannt, wer hier etwas von mir

wollen und worum es sich dabei handeln könne, beschloß ich, der Bitte

unverzüglich zu willfahren, entschuldigte mich bei dem Arzt und folgte

der Pflegerin, die mich den sich sonnenden Patientinnen entlang zu dem

mit Nummer 9 bezeichneten Liegeplatz geleitete.

Eine bleiche Frau mit großen, vergeistigten Augen erwartete mich

sehnsüchtigen Blicks. Sie versuchte, als ich mich näherte, sich

aufzurichten, was ihr nicht gelingen wollte, da sie wie ein Kind im

Steckkissen eingepackt lag. Als aber die Pflegerin sie zurechtweisend

ermahnte, ihre Stellung nicht zu verändern, gab sie sich schließlich

darein, sich notgedrungen darauf beschränkend, mir mit dem Kopfe

zuzunicken. Höflich grüßend, ohne sie zu kennen, trat ich an ihre

Liegerstatt heran und fragte, womit ich ihr dienen könne.

Ihre Stimme war tonlos und dünn wie ein Faden, ich beugte mich zu

ihr nieder, da mir ihre mehr gehauchten als gesprochenen Worte

unverständlich geblieben waren. Sie wiederholte, ob ich mich ihrer denn

nicht mehr erinnere, und nannte ihren Namen ...

Ich fuhr zurück, suchte mich aber rasch zu fassen. Die vor mir lag, war

eine Schwerkranke auf der letzten Stufe der Auszehrung. Trotzdem zeigte

der Schnitt des Gesichts, von der Seite gesehen, noch immer Spuren von

Schönheit, die klare, nur etwas allzu strenge Linie einer antiken

Gemme.

Es mochte sich doch etwas wie Bestürzung in meinen Mienen gespiegelt

haben. Tieftraurig stammelte sie: »Ich habe mich verändert -- nicht

wahr?« Und während Tränen in ihre Augen traten, die neben den hageren,

eingefallenen Wangen und Schläfen fast übergroß erschienen, sagte sie

bewegt: »Das waren glückliche Tage damals ... Richtige Frühlingstage

... Als wir noch mit Karl Schuda ... Sie erinnern sich doch?«

Die Tränen flossen über und kollerten in die ausgehöhlten Wangen

nieder. Hilflos lag sie da wie eine Mumie. Ich blickte um mich, knapp

hinter mir stand das nächste Bett. Keine Möglichkeit, an ihrem Lager

Platz zu nehmen. Das Reden strengte sie an, so tief ich mich auch

zu ihr herabneigte. Ich kniete nieder, auf die steinernen Fliesen,

knapp an ihrer Seite, wie vor dem Unglück selbst demütig auf die

Knie gezwungen. Wie vor dem Fluch und Jammer, wie vor dem bitteren

Leidenskelch der ganzen Menschheit lag ich vor ihr auf den Knien.

Zerknirscht, in Ehrfurcht, wie vor einem Bilde der schmerzhaften

Mutter. So kniete ich überströmend von Mitleid zur Seite dieser

weinenden Frau auf den steinernen Fliesen des Bodens, mich nahe über

ihr Antlitz beugend.

Und ich drückte mein Taschentuch gegen ihre Augen und trocknete ihre

Tränen. Mein Kopf lag fast an ihrer Brust. »Nun können Sie ganz leise

sprechen. Ich höre Sie.«

»Ja -- was ich Ihnen sagen wollte ... Es waren Ideale, für die er

kämpfte ... Für Menschheitsziele hat er sich geopfert ... Es ist

eine Lüge, daß er ein Verbrecher war! ... Seine Gegner haben sie

ausgesprengt, die Rückschrittsmänner! ... Diese Bluthunde! ... Nur

um ihre Schandtat zu rechtfertigen!« Ihr Auge flammte in wildem Haß.

»Himmelschreiend ist es,« fuhr sie leidenschaftlich fort, »was alles

sie ihm nachsagen! Aber Sie glauben es doch nicht?« schloß sie. »Sie

bewahren ihm doch ein treues Angedenken?«

In banger Erwartung hob sie den Kopf vom Kissen und forschte gespannt

in meinen Zügen. Ich nickte stumm, während ich ihr fest ins Auge

blickte. Es war wie ein feierliches Gelöbnis, das ich ablegte, ich

fand nicht die Kraft, es ihr zu versagen, obgleich ich nichts Näheres

darüber wußte, ~was~ man unserem Freunde eigentlich zur Last

lege, und noch weniger, wessen er sich in Wahrheit schuldig gemacht

hatte. Indessen erreichte ich wenigstens mein Ziel. Der gepeinigten

Frau fiel offenbar ein Stein vom Herzen, sie ließ den Kopf zurücksinken

und atmete tief auf, ihr Gesichtsausdruck entspannte sich. Abermals

trocknete ich mit meinem Tuche ihre Tränen, die nun in sichtlicher

Erleichterung reichlicher flossen.

Ein roter Fleck beiderseits hatte sich über ihren Backenknochen

festgesetzt. Der kurze Atem flog, das Fieber schüttelte sie.

»Das war es ...« nur stoßweise brachte sie die Worte über die Lippen,

»was ich Ihnen ... sagen wollte. Das war es ... was ich von Ihnen ...

hören wollte ... Nun weiß ich doch ... daß wenigstens Sie ... an ihn

glauben ... Er schätzte Sie sehr.«

Hundert Fragen lagen mir auf der Zunge. Ich konnte, ich durfte nicht

fragen. Der Anblick der Beklagenswerten zerriß mir das Herz. Ich

empfand es als Pflicht der Nächstenliebe, ihre Gedanken in andere

Bahnen zu lenken. Ich pries die Großartigkeit dieser Berglandschaft,

die Schönheit des Alpenwinters, die Heilkraft der Luft, den Segen der

Sonne. Ich sprach die Hoffnung aus, daß sie genesen würde.

Sie aber bewegte nur abweisend das Haupt. Es schien mir, daß sie

mit dem Leben abgeschlossen habe, ja, daß sie es ehrlich bedauerte,

überhaupt noch am Leben zu sein. Denn ich zweifelte keinen Augenblick,

daß es ihr ernst damit war, als sie nun in einem Stoßseufzer, der zwar

nicht geradezu, für mich aber verständlich genug, die drängendste

meiner unausgesprochenen Fragen beantwortete, ihr innerstes Sehnen

zusammenfaßte: »Hätte man doch auch mich gerichtet!«

Welch schaurigen Abgrund rissen doch diese wenigen, knappen Worte vor

mir auf! Welch schreckliche Einblicke gewährten sie! Was alles ließen

sie mich ahnen, welch ein wildes, grausiges Erleben! Wieviel Entsetzen,

Haß und Todesbangen, wieviel Beängstigung, Gram und Verzweiflung --

vergossenes Blut, vergossene Tränen! Nun blieb mir kein Zweifel mehr

darüber, auf welche Weise Karl Schuda geendet hatte. Tief erschüttert

verharrte ich in Schweigen. Die lange Kette der verschneiten, in der

Sonne glänzenden Hochgipfel draußen in der Ferne verschwamm mir vor den

Augen. Der Arzt ging an der Halle vorüber. Er mochte sich wundern, mich

an der Seite einer Kranken auf dem Fußboden knien zu sehen. Es war mir,

als hätte er mir einen mahnenden Blick zugeworfen, jede Erregung der

Schwerleidenden zu vermeiden. Auf alle Fälle sah ich die Notwendigkeit

ein, mich zusammenzunehmen.

»Es war gewiß sein heißester Wunsch,« sagte ich, mich aufrichtend, »Sie

dem Leben erhalten zu wissen.«

»Oh, es kommt doch auf dasselbe hinaus ... An seiner Seite wär's mir

leichter geworden ... Und auch rascher gegangen ... Der Keim, da in

der Brust ... In der Untersuchungshaft ... in den feuchten, finsteren

Löchern ... zusammengepfercht mit Gesindel ... da holte ich ihn mir ...

Man hat uns auseinandergerissen!« klagte sie. »Mich sprachen sie frei

... Als ob mir das Leben noch etwas gelten könnte! ... Es sollte mir

nicht vergönnt sein, gemeinsam mit ihm ...«

Ein heißes, tränenloses Aufschluchzen, und plötzlich weiteten sich

ihre Pupillen, als ob sie etwas Entsetzliches schaute. Mit einer

gewaltsamen Bewegung entwand sie sich den umhüllenden Decken, rang die

Arme frei und richtete sich auf, mit dem Ellenbogen gegen die Kissen

gestützt. »Das ist die Sühne, verstehen Sie,« stieß sie hervor, den

visionären Blick in weite Fernen gerichtet. »Mein Vater hat auch einsam

sterben müssen ... Ich wußte es doch ... ich ahnte es wenigstens, daß

es schlimm um ihn stünde ... daß er sich kränkte, weil seine Tochter

... Ach! ... Geschäftige Zungen hatten es ihm hinterbracht ... Und er

kränkte sich darüber ... Man hätte ihn nicht allein lassen dürfen ...

das wußte ich ... Und ließ ihn dennoch allein!«

Mochte sie doch bekennen, wenn es sie nur erleichterte! Wie oft

hatte ich gehört, daß Sterbende ganz ruhig und sogar heiter wurden,

sobald sie gebeichtet und die Lossprechung empfangen hatten. Ach,

loszusprechen war freilich meines Amtes nicht, aber diese Schuld

wenigstens, so schwer sie war, konnte ich doch verstehen, und was ein

Mensch am anderen versteht und begreift, das ist vielleicht auch vor

einem höheren Richterstuhl verziehen. In meinen Augen reinigte ihr

Bild sich schon durch das bloße Bekenntnis. Ihr sittliches Fühlen

konnte seine Zartheit nicht eingebüßt haben, sonst hätte sie ihr

Verfehlen nicht so bitter empfunden. Aber wie immer -- ich sah ein,

daß es vor allem darauf ankam, ihrem leidenden Zustand Rechnung zu

tragen. Entschlossen erhob ich mich, nahm sie in meine Arme, wie eine

Pflegerin es tut, und suchte sie mit sanfter Gewalt in die Kissen

zurückzuzwingen. Vergeblich! Denn sie widersetzte sich, überhörte meine

Mahnung, sich nicht unnötig zu quälen, meine Drohung, daß ich es nicht

verantworten könne, länger bei ihr zu verweilen, wenn sie nicht davon

ablasse, gegen sich selbst zu wüten. Heftig faßte sie meinen Arm und

rüttelte daran. »Sie glauben doch an eine Sühne, die der Schuld folgen

muß?« flüsterte sie, Wahnsinn in den Augen. »Karl Schuda glaubte nicht

daran ... Aber hierin irrte er ... Es ist so, ich weiß es ... Und es

ist gut, daß es so ist, das ist ja unser Trost ... sonst müßten wir

ja verzweifeln ... Und sehen sie nun ... das ist der Grund, warum ich

einsam sterben muß ... so wie mein Vater einsam gestorben ist!«

»Baronin, ich bitte Sie, wenn Sie so fortfahren ... Nein! Nun will ich

gehen ... Leben Sie wohl!«

»Nein, nein, bitte! ... Ich gehorche ... Was verlangen Sie von mir?

Gott! Ja! Nun will ich ganz ruhig liegen!«

Erschöpft ließ sie sich in die Kissen zurücksinken und lag nun wirklich

still, mit geschlossenen Augen. Ihre Brust arbeitete schwer. Aber ein

liebliches Lächeln, unerwartet erblüht, spielte jetzt um ihre Lippen.

Und immer ruhiger wurde ihr Atem und immer lieblicher dieses Lächeln,

das das ganze Antlitz verklärte. Nach einer Weile sagte sie völlig klar

und beruhigt, noch immer mit geschlossenen Augen: »Sehen Sie, das ist

das Rätsel ... für das ich sowenig kann wie irgend wer: daß ich trotz

allem ... doch nichts daran ändern möchte ... Ich liebte ihn ... Ich

wurde schuldig ... Und ich büße ... Es war das Leben!«

Das sanfte, verklärte Lächeln blieb um ihre Mundwinkel schweben. Sie

glich jetzt, wie sie regungslos dalag, einer Toten, die in Erwartung

der ewigen Seligkeit entschlummert ist. Nur die Brust, die sich nunmehr

ganz stetig auf und nieder bewegte, zeigte an, daß noch Leben in ihr

sei. Ich hoffte, der Schlaf würde sie überwältigen. Und nachdem ich sie

noch eine Zeitlang still für mich betrachtet und unter mannigfaltigen

Gedanken im Geiste von ihr Abschied genommen hatte, erhob ich mich

behutsam, legte die zurückgeschlagenen Decken vorsichtig wieder zurecht

und war eben im Begriff, mich leise zu entfernen, als nach wenigen

Schritten ein Anruf mich zurückhielt.

»Nehmen Sie, bitte,« sagte sie, neuerdings auf ihrem Lager

emporgerichtet, und streckte die Hand gegen mich aus. Ich fühlte einen

kleinen, harten, kalten Gegenstand, den sie rasch von ihrer Armkette

genestelt hatte, in meine Hand gleiten ... »Ein Andenken ... an mich

... an ihn ... das einzige, was mir von ihm geblieben ist ... Ich hätte

mich nie davon trennen können, wüßte ich nicht ... Bitte, tun Sie mir

den Gefallen!«

In demselben Augenblick sank sie zurück, ihre Brust hob und senkte sich

nicht mehr. Kein Geräusch des Atmens. Ich griff nach der Hand, sie war

noch warm, erwiderte aber nicht meinen Druck. Bestürzt winkte ich die

Schwester herbei, die sich mit kühler Kennerschaft langsam über sie

beugte. Als sie sich wieder aufrichtete, sagte sie mit dem unbewegten

Gesicht der Pflegerinnen: »Es ist vorüber. Sieht sie nicht wie eine

Schlafende aus?«

In der Tat schwebte noch dasselbe liebliche, friedsame, verklärte

Lächeln um ihre Lippen wie vorhin, da ich mir eingebildet hatte, sie

schlafe. -- -- --

* * * * *

Während ich diese Zeilen zu Papiere bringe, sieht mir ein stummer Gast

aufmerksam dabei zu. Er wendet keinen Blick von mir, verfolgt jede

meiner Bewegungen, beobachtet mich unausgesetzt mit seinen kalten,

undurchdringlichen grünschillernden Augen.

Es ist eine kleine Sphinx aus schwarzem Basalt, die auf dem Aufsatz

meines Schreibtisches steht.

Sie ist überaus fein gearbeitet, in Gold montiert, oben mit einem

kleinen Ring versehen, so daß man sie auch als Anhänger tragen kann,

und in den dunkeln Stein sind zwei winzige blitzende Smaragden

eingesetzt, genau an der Stelle, wo die Menschen die beiden Fensterchen

haben, durch die sie die Bilder dieser Welt in ihre Seele hineinlassen,

um sich an ihnen zu erfreuen. Die kleine Sphinx besitzt aber leider

keine Seele, wenigstens habe ich etwas dergleichen bei ihr noch nie

bemerkt, und hat auch an nichts eine wahre Freude, höchstens am

Bösen. Daher kommt es wohl auch, daß ihr Gesichtsausdruck eine gewisse

Ähnlichkeit mit dem eines Menschen ohne Seele hat: er ist hart,

verschlossen, grausam und mitleidlos.

Der Berg der Läuterung · 第 8 / 14 段