Er erhob sich, und wir begaben uns ins Freie. Eine Zeitlang ergingen

wir uns in den ausgedehnten Parkanlagen, und da der Aufbruch später als

beabsichtigt erfolgt, das Zunehmen der Tage auch noch nicht ausgiebig

genug zu merken war, so fing es bereits leise zu dämmern an, als wir

den Fuß des bewaldeten Hügels erreichten, der in jener angenehmen

Stadt mitten zwischen Häuserzeilen und Gassen aus dem Boden wächst und

auf seinem Gipfel die Überreste eines alten Kastells trägt. Eben begann

der Weg anzusteigen, da blieb die Baronin stehen und zögerte. »Nun muß

ich unbedingt nach Hause. Es ist spät geworden, er wird ohnedies schon

ungehalten sein.«

Karl Schuda brauste auf: Die reine Sklaverei, in der sie lebe! Ein

menschenunwürdiges Dasein führe sie! »Wenigstens eine Stunde an die

Luft zu gehen, brauchst du dir doch nicht verbieten zu lassen!« rief er

heftig.

»Er war die letzten Tage ganz besonders elend,« sagte sie wie zu ihrer

Entschuldigung. Trotzdem setzte sie, als er sich zum Weitergehen

wendete, wie ein gehorsames Hündchen den Weg an seiner Seite fort.

»Nazarenische Dekadenz!« grollte Karl Schuda vor sich hin. »Die ganze

Welt nichts als ein einziges großes Barmherzigenspital! Zum Geier auch

-- was sinkt, soll man stoßen!«

Schweigend stiegen wir bergan. Das verletzend rohe Wort klang mir im

Ohre nach; ich wartete, ob denn die Baronin nichts dagegen einwenden

würde.

Sie war auch die erste, die wieder das Wort nahm, schien sich aber

inzwischen mit ihrem Gewissen abgefunden zu haben. Mit einer Art

kindischem Trotz sagte sie: »Soll er zusehen, wie er mit sich selbst

fertig wird, wenn er es durchaus nicht anders haben will. Warum läßt

er auch keine Pflegerin zu? Allein kann ich, kann ich es nicht mehr

leisten!«

Unter dichten Laubkronen verfolgten wir unseren Weg weiter, immer

bergaufwärts. Im Schatten der Bäume dunkelte stellenweise schon

die Nacht, die balsamische Düfte aushauchte, daß man in fernen

Märchengärten zu weilen glaubte, wären die Geräusche der Stadt nicht

gewesen, die hier und da zu uns empordrangen, und die Lichter,

die vereinzelt in den Gassen aufleuchteten und manchmal zwischen

schwankendem Gezweig in der Tiefe sichtbar wurden ...

Mir klang noch immer jenes vorhin gefallene grausame Nietzsche-Wort

nach: Was sinkt, soll man stoßen. Ich wendete mich an Karl Schuda und

sagte: »Du vertratst doch neulich die Meinung, daß es kein Sollen

geben dürfe. Das kann nur die Bedeutung haben, daß es der Natur Gewalt

antun heißt, wenn wir irgend etwas gegen unsre inneren Bedürfnisse

unternehmen. Aber das Mitfühlen mit den Schwachen, das Erbarmen mit

dem Elend, gehört es -- wenigstens für hochstehende Menschen -- nicht

auch zu den unabweisbaren inneren Bedürfnissen? Und heißt es wirklich

unsre wahre Natur verkümmern, wenn es uns gelingt, sie bis zu jener

vornehmen Größe zu steigern, die die Voraussetzung der Selbstlosigkeit,

der Selbstentäußerung ist? Der Christus der Evangelien erscheint dir

als Verkörperung der Lebensschwäche, was immerhin stimmen mag, wenn man

bloß den äußerlichen Verlauf seines Schicksals ins Auge faßt; so wie

etwa die Friedensschlüsse, die uns entrechten, äußerlich genommen als

Auswirkung einer glänzenden Kraftfülle gelten können. Aber sind nicht

eben jene Evangelien, die das Unterliegen verherrlichen, Kraftquelle

von Jahrtausenden geworden? Und verbirgt hinter der rohen Gewalt und

den Ausschreitungen eines ungebändigten Siegerwillens nicht von jeher

die menschliche Kleinheit und Schwäche ihr haßverzerrtes Antlitz? Wahre

Größe ohne Güte und Barmherzigkeit gibt es nicht: Lionardo da Vinci,

der die gefangenen Vögelchen aufkauft, um sie fliegen zu lassen -- ist

der etwa ein empfindsamer Schwächling?«

»Die Singvögel konnten ihm nichts zuleide tun,« entgegnete Karl Schuda

trocken. »Hätte er Wölfe freigelassen, so wäre er ein Narr gewesen.«

Die knappe, witzige Replik entwaffnete mich beinahe, sie ernüchterte

auf alle Fälle meinen Eifer.

Die Baronin kam mir zu Hilfe. »Es steckt Ernst in diesem scheinbaren

Scherze,« sagte sie. »Die Drosseln, Finken und Lerchen, das sind

unsre Wünsche und Sehnsüchte, die zum Himmel steigen. Lassen wir sie

fliegen! Geben wir ihnen die Freiheit! Wo wir aber Gefahr laufen,

zerrissen, aufgefressen zu werden, da bleibt uns nichts übrig, als hart

und erbarmungslos zu sein. Denn beides liegt in unserm Wesen, die Güte

und die Härte, und beides kann zur Pflicht werden.«

»So gibt es doch noch eine Pflicht?«

»Sogar Pflichten,« warf Karl Schuda dazwischen; »aber nicht im alten

Sinne des kategorischen Sollens. Wir erfüllen sie, nicht indem wir uns

bezwingen, sondern indem wir uns selbst erleben.«

»Und wenn dieses Erleben mit den Ansprüchen unsrer Mitmenschen in

Widerstreit gerät?«

»Dann gilt es stark sein,« fiel die Baronin mit Lebhaftigkeit ein, »und

sich darüber klar werden, daß wir alles verlieren können und dennoch

nichts verloren haben, solange wir uns selbst besitzen.«

Wir waren auf der Plattform des Hügels angelangt, wo zwischen altem

Bastionsgemäuer eine bescheidene Gartenanlage sich hinbreitet. Der

unendlich weite Himmel über und um uns flimmerte von unzähligen

Sternen, und in der schwarzen Tiefe, aus der die Stadt wie in unruhigem

Schlummer ab und zu ein gepreßtes Stöhnen vernehmen ließ, schienen

Schwärme von Glühwürmchen sich niedergelassen zu haben, oder den

Abgrund, der die Höhe umringte, hatten Wasserfluten verschlungen, in

denen sich die Sterne spiegelten. Schweigend machten wir die Runde,

immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrend und immer wieder eine neue

Runde antretend, in unerschöpfter Lust, das wundersame Doppelspiel des

himmlischen und irdischen Lichtgefunkels in uns aufzunehmen.

Es ist eine bekannte Erfahrung, daß nichts so lebhaft dazu anregt, an

das Geheimnisvolle zu rühren oder die Tiefen des eigenen Innern zu

durchforschen, als der Anblick des gestirnten Himmels. Auch die Baronin

unterlag jetzt diesem Zauber, sie schien wie zu sich selbst oder doch

unbeirrt durch die Anwesenheit eines fast Unbekannten zu sprechen, als

sie nun in merkbarer Beklommenheit sagte: »Das Leben bleibt ein großes

Rätsel, und die Wege, die wir wandeln, führen aufs Geratewohl durch

weite, unbekannte dunkle Wälder. Welch ein Wunder, wenn wir das Ziel

nicht gänzlich verfehlen! Ich habe eine strenge Erziehung genossen, ich

wußte von nichts als von Pflicht. War ich glücklich? Innerlich beruhigt

vielleicht -- die Ruhe des Friedhofs: Die Sehnsucht zwingen nieder wir

und schweigen, zufrieden, wenn wir nur das Leben haben ...«

»Jawohl! Diese Zufriedenheit, dieses Sichabfinden, dieses Entsagen!

Eine der Hauptquellen der sozialen Rückständigkeit! Man frage nur

einmal in Amerika an!«

»Die Methodisten?« gab ich zu bedenken.

»Sektierer, deren bloßes Vorhandensein schon beweist, daß die andern

nichts davon wissen wollen.«

»Wieviel Tränen habe ich darüber vergossen!« fuhr die Baronin mit

einem Seufzer fort. »Denn solcherart war meine Zufriedenheit. Aber

war das überhaupt ein Leben, was ich lebte? Und war ich es selbst,

die es lebte? Wie die Maden gewisser Schlupfwespen in einem fremden

Körper sich breitmachen, so schalteten in meinem Inneren überkommene

Normen, eingeimpfte Regeln, Vorschriften von verschiedenster Herkunft

in unumschränkter Selbstherrlichkeit. Ich wurde nicht gefragt, ich war

tot, und hatte ich ja einmal etwas mitzureden, so war es höchstens, um

mir Zwang und Gewalt anzutun und mich noch toter zu machen als tot. Da

kamst du,« sagte sie, des Freundes Hand mit Wärme ergreifend, »da brach

der Tag der Befreiung an.«

Sie blieb stehen, ich sah in der Dunkelheit, wie sein Scheitel sich

über ihre Hand beugte. Dann schnellte er empor, und gutmütig auflachend

zog er sie mit sich fort. »Zum Erlöser hab' ich doch kaum das Zeug ...

Nur freilich -- ein bißchen Schüren und Umwälzen tut immer gut. Das

Volk erwacht, und ich habe meinen Teil daran. Aber wenn mich die Teufel

in der Hölle einmal fragen sollten, ob ich auch etwas Gutes gestiftet

hätte auf Erden, so könnte es sein, daß ich alles andre vergesse und

als meine froheste Tat es rühme, dich, Teuerste, erweckt zu haben.«

»Ja, das tatest du! Durch dich allein bin ich zu Freiheit und

Freudigkeit erwacht, durch dich zum wahren Leben erweckt worden. Und

gerade hier setzt nun das Rätsel ein ...«

»Welches Rätsel?«

»Das große Lebensrätsel, das Unerklärbare, der bleibende Widerspruch.

Der Sünde wider den Geist, wie du es nennst, bin ich nun ledig. Ich

erkenne kein Gesetz an außer dem in mir selbst. Das macht mich froh und

stark und mutig, ich fühle die Wahrhaftigkeit mit mir im Bunde. Und

dennoch weiß ich, daß ich schuldig geworden bin. Und weiß auch, daß

jede Schuld ihre Sühne fordert, wie mit kosmischer Notwendigkeit.«

Karl Schuda wurde ungeduldig. Schuld! Sühne! Eischalen, die dem eben

erst ans Licht gedrungenen Küchlein noch anhafteten! Er suchte es ihr

auszureden. Nachtgedanken! Nichts als Nachtgedanken, zur Selbstqual

ersonnen! Aber in diesem Punkte versagte sein Einfluß, sie ließ sich

nicht wankend machen. Sie blieb bei ihrer Überzeugung. Sie könne es

nun einmal nicht anders empfinden. Auch hier sei sie außerstande, ihre

eingeborene Natur zu verleugnen. »Oder möchtest du lieber,« fragte sie,

»daß ich dir blindlings nachbete, auch gegen meine unbestreitbare

innere Erfahrung? Das willst du gewiß nicht!«

Nein, das wollte er freilich nicht. Die Freiheit der eigenen Meinung

über alles!

»Und du brauchst auch gar nicht zu befürchten,« sagte sie noch, »daß

ich mich zwecklos quäle. Du irrst, wenn du annimmst, daß diese Gedanken

etwas Quälendes für mich hätten. Im Gegenteil! Tröstlich und beruhigend

sind sie mir, ich spüre Gesetz und Ordnung darin und das Gegenteil von

Willkür. Und so deutlich ich voraussehe, was kommen wird und muß, so

empfinde ich es doch zugleich wie eine Bestimmung: du sollst schuldig

werden! Und bin doch froh und stark und mutig dabei und möchte nicht

mehr zurück. Warum? Vielleicht weil ich spüre: dies ist das Leben, dies

dein Schicksal und dein Beruf auf Erden? Ich weiß es nicht. Aber sind

das nicht Rätsel? Sind das nicht Widersprüche?« Und während sie für

einen Augenblick stehenblieb und das Antlitz zum Sternenhimmel erhob,

entrang es sich ihr wie ein Seufzer: »Ist Leben und Schuldigwerden

vielleicht ein und dasselbe?«

Sie schwieg. Stumm und nachdenklich setzten wir, die kühle Nachtluft

atmend, unseren Rundgang auf der Höhe fort, besinnlich geworden durch

die von ihr aufgeworfenen Fragen, jedes im stillen für sich in seine

Gedanken versunken. Bis plötzlich Karl Schuda haltmachte. Er steckte

ein Zündholz an, um nach der Uhr zu sehen. Einen Augenblick baumelte

die kleine schwarze Sphinx an der Uhrkette in der Luft, beleuchtet von

der aufzischenden Flamme. Im grellen Schein sprühten ihre smaragdenen

Augen und sandten grünliche Strahlen aus. Dann war das Zündholz

erloschen ...

Abermals kroch mir beim Anblick des funkelnden Juwels ein häßliches

Gefühl über den Rücken, indem meine Gedanken verstohlen in die

Krankenstube des hilflosen alten Mannes huschten, der irgendwo da

unten im dunkeln Abgrund in seiner Matratzengruft stöhnte. Und aus der

Finsternis, die uns umgab, wuchs plötzlich die kleine basaltschwarze

grünäugige Sphinx zu Riesengröße auf und stand wie ein dräuendes Tier

starr und regungslos am nächtlichen Horizont. Gibst du mir Rätsel zu

raten, grausames Ungeheuer? Ist Leben und Schuldigwerden vielleicht

wirklich dasselbe? Eine untrennbare Einheit wie die Prägung auf der

Vorder- und Rückseite der nämlichen Münze? ... Nur ein paar Augenblicke

-- und die schaurige Erscheinung war verschwunden. Ich mußte lächeln.

Ein breiter, massiger Bergrücken reckte da drüben in der Ferne seine

finsteren Umrisse zum Sternenhimmel ...

Karl Schuda hatte zugesagt, noch an diesem selben Abend in einer

Wählerversammlung für einen erkrankten Redner einzuspringen. Als wir

wieder in die Stadt hinabgelangt waren, trennte er sich von uns an

einer Straßenkreuzung, während ich die Baronin, die nun Eile zu haben

schien und ihre Schritte beschleunigte, bis an das Haus begleitete, in

dem sie wohnte.

Es lag an einem langgestreckten, stillen und gänzlich verkehrsarmen

Platze, wie es deren nur in verträumten Provinzstädten gibt. Schon

hatte ich nach kurzer Verabschiedung das entgegengesetzte Ende dieses

Platzes erreicht, als ich mich, durch irgendein Geräusch veranlaßt,

noch einmal umwendete. Es fiel mir auf, daß an der Stirnseite des

Hauses, die vorhin in völligem Dunkel gelegen hatte, jetzt eine Reihe

von fünf oder sechs Fenstern hell erleuchtet war. Man sah Schatten an

ihnen vorüberhuschen, wie wenn Leute in den Zimmern hin und her liefen.

Aus einem der Fenster, das offenstand, glaubte ich auch Stimmengewirr

zu vernehmen, als redeten mehrere Menschen zugleich erregt

durcheinander. Bald darauf hörte ich, daß das Haustor aufgeschlossen

und dumpf krachend wieder zugeschlagen wurde. Irgend eine dunkle

Gestalt trabte eilfertig in schweren Stiefeln über das Pflaster davon

und bog in eine Seitengasse ein, wo das Geräusch der Schritte nach

und nach verhallte. Ich stand noch immer still, wie festgebannt, ich

wartete, ohne zu wissen worauf. Nun wurden auch die übrigen Fenster

weit aufgetan, eins nach dem anderen. Und dann wurde Zimmer für

Zimmer das Licht abgedreht, während die Fenster offen stehenblieben.

Man konnte jetzt nur noch in einem einzigen Zimmer einen schwachen

Lichtschein wahrnehmen. Sonst alles dunkel, nachtschwarz gähnten die

leeren Fensterhöhlen. Und alles wieder still, regungslos, totenstill

... Bangigkeit im Herzen, trat ich endlich den Heimweg an.

Den anderen Tag las ich in den Ortsblättern, daß der General gestorben

war.

Er hatte eine zu große Dosis Veronal zu sich genommen -- aus

Versehen natürlich, so stand es in den Zeitungen. Ein Selbstmord

sei gänzlich ausgeschlossen, der alte Herr hätte zwar wie alle

Angehörigen des Mittelstandes unter den Zeitverhältnissen zu leiden

gehabt, immerhin aber in ausreichenden Umständen gelebt, an allen

öffentlichen Ereignissen in ungebrochener Geistesfrische noch regen

Anteil genommen und auch sein schweres körperliches Übel stets mit

um so mehr Geduld und Langmut ertragen, als ihm seine Tochter seit

vielen Jahren mit rührender Hingebung als liebevolle und aufopfernde

Pflegerin zur Seite gestanden sei. Den Angaben, die die Blätter

über seine Laufbahn enthielten, konnte ich entnehmen, daß er über

achtzig Jahre alt geworden war und seit Königgrätz, wo er als junger

Offizier sich ausgezeichnet hatte, seinen Heldentaten kein neues

Lorbeerblatt hinzugefügt zu haben schien. Übrigens waren alle Nachrufe

selbstverständlich in dem ortsüblich ehrenvollen, ja ruhmredigen

Ton gehalten -- nur ein kleineres, durch seine unflätigen Angriffe

bekanntes umstürzlerisches Organ äußerte seine Befriedigung darüber,

daß wieder einer jener überzähligen Schädlinge vom Schauplatz

verschwunden sei, die das alte Österreich ins Unglück gestürzt hätten

und dem neuen wie zehrende Parasiten im Pelz säßen. Und ich konnte

in dem Augenblick, wo ich dies las, mich eines gewissen reumütigen

Unbehagens nicht erwehren, weil auch ich, als ich zum erstenmal nach

dem mörderischen Kriege des hinfälligen alten Mannes wieder ansichtig

geworden, ihm in meinen unwillkürlichen Gedanken gleichsam einen

Vorwurf daraus gemacht hatte, daß er noch immer unter den Lebenden

weilte.

Der Tod mildert unser Urteil über die Menschen, verschiebt unsere

Stellungnahme ihnen gegenüber ganz ohne unser Zutun; jedermann weiß

es, es ist eine Binsenwahrheit. Aber obgleich wir es wissen, müssen

wir es doch in jedem Falle wieder neu erfahren, und manchmal sind die

Wandlungen, die sich in uns vollziehen, einschneidender, als wir je

vorausgesehen hätten.

Karl Schuda, als wir auf dem halb ländlichen Friedhof Seite an Seite

uns dem Zug der Leidtragenden anschlossen, sagte: »Sie hatten schon

auch ihre Qualitäten, diese altösterreichischen Militärs ...«

Ich blickte ihn halb verwundert an und nickte zustimmend. Sonst

wechselten wir kein Wort miteinander. Die Bestattung fand der Zeit

entsprechend selbstverständlich ohne jedes militärische Gepränge von

der Friedhofshalle aus statt. Die Feierlichkeit war so einfach wie

möglich und beschränkte sich auf das Unerläßliche. Die Baronin, auf

diesem letzten gemeinsamen Wege nicht wie sonst ihrem Vater voraus,

schritt als erste hinter seinem Sarge her. Der dichte Schleier verbarg

uns ihr Antlitz, als wir, Karl Schuda und ich, unter vielen anderen

Freunden und Bekannten ihr die Hand drückten, während die Schollen in

die Grube polterten. Ich scheute mich fast, diese Hand zu berühren.

Ein fürchterlicher Verdacht, dessen ich mich selbst beinahe schämte,

schnürte mir das Herz zusammen. Wie einem eine Melodie manchmal nicht

aus dem Kopf will, so verfolgte mich unablässig das kulturniedrigste

aller Worte, das die deutsche Sprache jemals geprägt: »Was sinkt, soll

man stoßen.« Wie gern hätte ich der Baronin ins Auge geblickt, um

davon befreit zu werden! Denn im Grunde war ich doch überzeugt, daß ein

einziger Blick in dies Auge mir Beruhigung hätte verschaffen können.

Aber sie blieb unsichtbar hinter dem schwarzen Krepp; auch wurde ich

durch die übrigen Leidtragenden alsbald wieder von ihr abgedrängt.

Am Friedhofstor verabschiedete ich mich auch von Karl Schuda. Meine

Abreise war für den darauffolgenden Tag festgesetzt.

»Auch ich verreise demnächst,« sagte er gepreßt.

»Wohin?«

»Bei unsereinem steht das nicht so fest,« antwortete er ausweichend.

»Wo es eben gerade etwas zu tun gibt ... Leb' wohl!«

Wir reichten einander die Hand, Auge in Auge gesenkt. Ein letzter

Strahl der alten Jugendfreundschaft leuchtete darin auf und berührte

uns gegenseitig mit wohltuender Wärme.

Er hat inzwischen sein Schicksal vollendet, ich sollte ihn nie

wiedersehen ...

Schon früher, aus beiläufigen Bemerkungen, die er, trotz seiner

offenbar absichtlichen Zurückhaltung in diesem Punkte, nicht immer

hatte unterdrücken können, war es mir zur Gewißheit geworden, daß

Karl Schuda große Hoffnungen auf Ungarn setzte. Dort hatte bereits

Ende März eine Verschmelzung der sozialdemokratischen Partei mit

der kommunistischen sich vollzogen und Bela Kun als Volkskommissar

des Auswärtigen in einem Funkspruch »An Alle!« den Arbeitern der

Welt kundgetan, daß nun der Wind aus einem andern Loch blasen würde.

Auf die Arbeiter der Welt schien das zwar keinen besonderen Eindruck

zu machen, wenigstens rührten sie sich nicht. Auch daß Lenin den

neuen Bruderstaat mit begeistertem Bombast begrüßt hatte, brachte

der gequälten Menschheit noch lange keine Erlösung. Und es gehörte

schon ein recht gläubiges Gemüt dazu, um anzunehmen, daß durch die

Erklärung des Standrechts die wahre Freiheit begründet oder durch die

Abschaffung von Rang und Titeln den Übergriffen der Feinde Ungarns

Einhalt getan werden könne, dem Vormarsch der »Bourgeoiseroberer«,

wie jene Proklamation die Ententegünstlinge nannte, von denen jeder

einen Fetzen ungarischen Territoriums an sich gerissen hatte. Auf die

Zukunftshoffnungen einer entflammten Bekennernatur, wie mein Freund

es war, mochte aber schon die in so naher Nachbarschaft erfolgte

Schaffung der Proletarierdiktatur allein, die angeblich vollzogene

Vereinigung der gesamten Arbeiter, Soldaten und Bauern unter der Fahne

der sozialistischen Weltrevolution einen bestrickenden Zauber und eine

gewaltige Anziehungskraft ausüben. Aus diesem Grunde vermutete ich

in Budapest, dem Sitz der jüngsten Räterepublik, Karl Schudas geheim

gehaltenes Reiseziel, und zwar mit stillem Bedauern und aufrichtiger

Sorge. Denn schon damals sah es nicht danach aus, als ob Schillers Wort

»Freiheit ist nur in dem Reich der Träume« durch Tibor Szamuely und

ähnliche Gestalten bolschewistischen Gepräges widerlegt werden würde.

Den Verlauf, den das gefährliche ungarische Experiment in der

Folge genommen hat, ist bekannt. Bekannt, daß es trotz den

zweifellos hochfliegenden Plänen und edeln Absichten Einzelner

in blutige Gewaltherrschaft ausartete, das Land infolge kühnen

volkswirtschaftlichen Dilettierens ungezählte Milliarden kostete

und mit einem kläglichen Zusammenbruch endete. Vier Monate

bolschewistischer Herrlichkeit hatten genügt, dem unglücklichen

Staatswesen unendlich mehr Schaden zuzufügen als alle vorausgegangenen

schweren Jahre des Krieges zusammengenommen. Die rumänische

Armee stand, während die »Bourgeoiseroberer« wie immer von edler

Grundsätzlichkeit troffen, plündernd und raubend vor den Toren von

Budapest, und die Volkskommissare mit ihren Genossen, nachdem sie noch

einmal, kindlich genug, das Proletariat der Welt um Hilfe angerufen

hatten, beeilten sich, über die österreichischen Grenzen zu entkommen,

soweit sie nicht unter irgend einem Titel dingfest gemacht worden

waren.

Ob Karl Schuda dies alles aus unmittelbarer Nähe miterlebt oder

vielleicht sogar als tätiger Teilnehmer sich daran beteiligt habe,

blieb mir unbekannt. Ich wußte ja nicht einmal sicher, wohin er sich

damals gewendet hatte, hörte nichts mehr von ihm und war auch durch

meine eigenen Angelegenheiten zu sehr in Anspruch genommen, als daß

meine Gedanken zu ihm oder in jene stille Stadt der blühenden Gärten,

wo der Zufall uns zusammengeführt hatte, noch öfters zurückgekehrt

wären.

So war ein Jahr vergangen, seit wir nach dem Begräbnis des alten

Generals am Friedhofstor voneinander Abschied genommen, als ich, in

einem Wiener Kaffeehaus rasch eine Zeitung durchfliegend, auf eine

telegraphische Nachricht aus Budapest stieß, wonach ein gewisser

Nagyhegy, rekte Souda, wegen Teilnahme an den Greueln der einstigen

Räteregierung verhaftet worden sei. Mit ihm sollte auch seine

»Konkubine«, die Tochter eines ehemaligen österreichischen Generals,

wegen Vorschubleistung zu den ihm zur Last gelegten strafwürdigen

Handlungen in Untersuchung gezogen worden sein.

Ich hatte mir für denselben Abend eine Karte in die Oper verschafft,

die bei der entsetzlich anwachsenden Teuerung ein kleines Vermögen

kostete. Ich wollte sie nicht verfallen lassen und begab mich,

nachdem ich jene Notiz mehrmals hintereinander gelesen und, da sie von

einem Korrespondenzbureau herrührte, in allen Zeitungen gleichlautend

gefunden hatte, unmittelbar aus dem Kaffeehaus ins Theater, obgleich

mir jede Lust vergangen war, die »Tote Stadt« zu hören. Aber schon

nach dem ersten Aufzug verließ ich das Parkett. Es bohrte und nagte

eine Unruhe in mir, die mich zu keinem reinen Genuß kommen ließ.

Immer aufs neue wiederholte ich mir, was ich mir schon hundertmal

wiederholt hatte: daß eine zufällige Ähnlichkeit der Umstände mich

irreführen konnte und meine Besorgnis vielleicht gänzlich überflüssig

sei; daß es viele österreichische Generale gegeben hätte und darum

auch viele Generalstöchter geben müsse, und daß der slawische Name

Souda vielleicht ganz anders ausgesprochen würde als der Karl Schudas.

Aber dennoch verfiel ich immer wieder in Traurigkeit, wenn ich mir

vorstellte, daß mein alter Schulfreund, für den ich noch immer Gefühle

übrig hatte, wie sie eben nur aus Jugendbeziehungen nachhallten,

samt seiner schönen Freundin ins Unglück geraten sein sollte. Eine

Traurigkeit, die sich bei dem Gedanken noch steigerte, daß er, verführt

durch die Glut seines gottverlassenen Erlöserwillens, vielleicht

wirklich schwere Schuld im politischen Sinne auf sich geladen und

sogar seine arme Gefährtin darein verstrickt haben könnte.

Nur eine Tätigkeit, die mir Aufklärung verhieß, konnte meine

überreizten Nerven entspannen. Ich setzte mich noch in der Nacht an

den Schreibtisch, um jenem mir allerdings nur entfernt bekannten Arzt

zu schreiben, der vor einer Reihe von Jahren, noch vor dem Kriege, in

einem zufälligen Gespräch, an das ich mich noch gut erinnerte, das

Recht der Jugend gegen die Selbstsucht des Alters in Schutz genommen

und dabei, wie ich mir damals einbildete, auf das Verhalten des greisen

Generals seiner bedauernswerten Tochter gegenüber angespielt hatte. Ich

durfte annehmen, daß er mit der Familie befreundet gewesen, und fragte

an, ob er mir von der Baronin und meinem Jugendfreunde, dem Publizisten

Karl Schuda, in dessen Gesellschaft ich sie später einigemal getroffen

hätte, Nachricht geben könne.

Der Berg der Läuterung · 第 7 / 14 段