Aber auch an seiner Begleiterin war, das konnte ich rasch bemerken, die

Zwischenzeit nicht ganz so spurlos vorübergegangen, wie es beim ersten

Anblick scheinen mochte; jedoch im entgegengesetzten Sinne, darüber gab

es keinen Zweifel, sobald man sie nur schärfer ins Auge faßte. Denn

sie hatte keineswegs gealtert, wie sich hätte voraussetzen lassen,

im Gegenteil, etwas wie ein neu erwachter Geist, einem Lichtstrahl

vergleichbar aus dem Auge hervorbrechend, faßte die einstige Schönheit,

von der ich früher nur Überreste hatte feststellen können, zu einer

unerwarteten Spätblüte zusammen und ließ ihre Züge lieblicher,

rosiger, bräutlicher erscheinen, als ich es je für möglich gehalten

hätte. Und nicht bloß jugendlicher als damals kam sie mir jetzt vor,

auch selbstbewußter, zuversichtlicher, freier: nichts mehr von jener

Trostlosigkeit, als deren Verkörperung sie mir sonst gegolten. Weit

eher schien mir der Eindruck, den ich von ihr empfing, auf feste

Ziele zu deuten, auf Entschlossenheit und beherrschten Gemütszustand.

Und war dieser Eindruck auch flüchtig, und kehrte der Blick, den ich

im Vorbeigehen auffing, rasch sich besinnend und in Demut sogleich

wieder hinter gesenkte Lider zurück und in das Joch einer freiwillig

erduldeten Dienstbarkeit -- es war doch einer jener großen, suchenden,

von kühnen Antrieben durchzitterten Blicke gewesen, den nur eine Seele

aussendet, die um die Freiheit weiß, ein Blick, der blitzartig die

überraschende Wandlung enthüllte, die sich vollzogen haben mußte, wenn

ich mich nicht gänzlich täuschte.

Indessen war ich nicht abgeneigt, da meine Beobachtung sich

naturgemäß auf den Bruchteil einer Minute beschränkte, eine solche

Täuschung zunächst für das wahrscheinlichere zu halten, es hätte

mir ja andernfalls auch jede Erklärung gefehlt. Dem Zufall blieb

es vorbehalten, mich darüber zu belehren, daß unsere gefühlsmäßig

aufleuchtenden Erkenntnisse durch das Fehlen einer ausreichenden

Begründung nicht gegenstandslos werden können. Seinem Eingreifen hatte

ich es zu danken, daß mir in der Folge ein Einblick zuteil wurde, wie

die großen Zeitgedanken sich im Schicksal des einzelnen widerspiegeln,

er war es, der mir einen Faden an die Hand gab, an dem ich mich

weitertasten konnte. Eine Gelegenheit, die ich um so lebhafter ergriff,

je mehr das junge alte Mädchen anfing, mir zum Problem zu werden.

Eine öffentliche Anzeige, die ich an Mauerecken und Litfaßsäulen

angeschlagen fand, machte mich auf eine Versammlung aufmerksam,

in der eine entschlossene Wählergruppe offenbar Anhänger für ihre

grundstürzenden Forderungen zu werben gedachte. Anscheinend handelte

es sich dabei nicht so eigentlich um die Verbreitung politischer

Schlagworte, wie deren jede Partei auf ihre Fahne geschrieben hat,

sondern mehr um eine Vorarbeit hierzu, indem durch eine grundsätzliche

Kritik der hergebrachten Sitten- und Pflichtenlehre die Gesinnungen

beeinflußt, die Gemüter umgepflügt werden sollten, um für die Aufnahme

der gefährlichen Saat bereitet zu sein. Von vornherein begierig,

einen deutlicheren Begriff von den geheimen Unterströmungen und

seltsamen Gärungen, die den Umsturz begleiteten, aus eigner Anschauung

zu gewinnen, sah ich mich zum Besuch jener Versammlung noch ganz

besonders durch frühe geistige Beziehungen zu einem alten Schulfreund

aufgefordert, dessen Namen die erwähnten Maueranschläge in großen

roten Buchstaben als Vortragenden nannten. Obgleich seit vielen

Jahren außer jedem Zusammenhang mit ihm, erinnerte ich mich doch

gerne der vielfachen Anregungen, die ich einst von ihm empfangen, des

glühenden und leidenschaftlichen Gedankenaustausches, durch den wir uns

gegenseitig gefördert hatten, in jenen längst verflossenen Tagen, wo

wir als halbreife Jünglinge die Welt umzubauen uns stark genug dünkten

und nach langen gefühlsreichen Wegen durch Wald und Flur oft mehr

voneinander gelernt zu haben meinten als von dem besten unserer Lehrer.

Zum Unterschied von allen übrigen Kollegen hatte Karl Schuda nach

der Reifeprüfung keine Hochschule bezogen. Er war in die Welt

hinausgewandert; es hieß, daß er sich auf einem Kohlenschiff der

unteren Donau sein Brot verdiene. Später sollte er in Bukarest ein

Handelsgeschäft eröffnet, noch später in Bulgarien Grundbesitz erworben

haben. Blieb er dem Kontinent gleich treu, so schien er doch auf

dem Balkan sein Amerika zu suchen. Gefunden hatte er's wohl kaum,

oder höchstens insofern, als es auch in Ländern der unbegrenzten

Möglichkeiten Schiffbrüchige gibt. Indessen wäre es Übelwollen

gewesen, ihm nachzusagen, er habe seinen Beruf verfehlt, als er

unversehens wieder in der Heimat, und zwar als Zeitungsschreiber

auftauchte; denn er schrieb ein gutes Deutsch und führte eine

vortreffliche Klinge. Als Aufwühler und Umsturzmann stellte er sich

in den Dienst der Plötzlichkeit, verschmähte es aber, den Ton aus

der Gosse zu holen, und blieb ungewöhnlich. Bei allem, was ich im

Lauf der Jahre zwar selten, aber doch gelegentlich von ihm gelesen,

hatte ich den Eindruck einer starken, ehrlichen, überzeugten

Persönlichkeit gewonnen, der ich Achtung nicht versagen konnte, auch

wo es mir widerstritt, die Gesinnung zu teilen. Und was mich an den

Veröffentlichungen, die mir von ihm zu Gesicht gekommen, vorwiegend

fesselte und wie aus alten Tagen unserer Freundschaft erwärmend

ansprach, das war der heilige Eifer, mit dem er die Gefolgschaft,

die er der hochroten Fahne leistete, an den tiefsten Forderungen

der Ethik zu überprüfen nicht müde wurde. Die innere Erregtheit

einer schwärmerischen Menschenliebe diente seiner Parteileidenschaft

zur Rechtfertigung, und wenn er irrte, so war nicht Neid und

wirtschaftliche Gehässigkeit die Quelle dieses Irrtums, sondern ein

lebendiges Mitempfinden jeder sozialen Hilfsbedürftigkeit.

Diese bejahende Note seines Wesens, die ihn von sonstigen

Wüstenpredigern ähnlichen Schlages vorteilhaft unterschied, kam

auch in dem angekündigten Vortrag, zu dem ich mich einzufinden nicht

versäumt hatte, zu entscheidendem Durchbruch. Freudigkeit galt ihm

als oberstes Ziel, und der Weg dahin konnte nur über die Freiheit

führen. Darum verwarf er jeden Zwang, jede Bevormundung, sogar jede

Obrigkeit, mit Ausnahme der vom Volk selbst eingesetzten, wobei es

dahingestellt bleiben mochte, wer das Volk eigentlich sei. Darum

verwarf er überhaupt alles »Sollen«, das sich nach einem Worte Kants

aus dem »Sein« nicht »herausklauben« lasse, und anerkannte keine Macht

des Gewissens neben dem freien Willen. Und darum wendete er sich wie

gegen die »Herrenmoral«, so auch gleicherweise mit aller Schärfe gegen

die Verweichlichung der Lebensinstinkte, wie sie durch das »Narkotikum

der Evangelien« -- dies war der Ausdruck, den er gebrauchte --

hervorgerufen werde. Denn würdig der Erlösung von äußerem Zwang sei nur

der, der sich selbst erlöst hätte von den inneren Fesseln, als welche

er die vererbten Vorurteile bezeichnete, durch die wir uns Gewalt

antäten, zu wollen, was wir im Grunde nicht wollen, und zu tun, was wir

lieber unterlassen würden. Dies beuge, verkümmere, knicke die wahre

Natur und das innerste Wesen der Menschen und sei die eigentliche Sünde

wider den Geist, für die es keine Lossprechung gebe. Wie der Flachs

von Grannen und Werg, so müsse das zur Freiheit erwachende Gemüt

gereinigt werden von allen schwächlichen Gewohnheiten einer stillen

Ergebung, einer demütigenden Anpassung und Selbstüberwindung, einer

schmählichen Zwiespältigkeit zwischen wahrem Willen und aufgezwungener

Pflicht. Starke, ganze, uneingeengte Seelen brauche die Menschheit,

wahrhafte, aufrichtige, jeder Selbstentäußerung fremde Seelen, deren

oberstes Sittengesetz darin bestehe, sich selbst zu erfüllen. So

fordere es das lebendige Leben und der Aufstieg zu einer reineren und

schöneren Zukunft.

Er sprach frei, fließend und innerlich bewegt, sein Wort wußte zu

zünden. Unzähligemal sah er sich durch brausenden Beifall unterbrochen,

der Saal war dicht besetzt, und auch das gewähltere Publikum, das die

vorderen Sitzreihen einnahm, kargte nicht mit den Äußerungen einer

Anerkennung, die freilich mehr der rednerischen Leistung als dem Inhalt

gelten mochte.

Um dem andringenden Schwarm derer, die zuhören wollten, im Saale

Raum zu schaffen, hatte man auch in den tiefen Nischen der Fenster,

die mit Holzläden verschlossen waren, Bänke aufgestellt, und als

mein Auge mitten im Vortrag zufällig eine dieser Bänke streifte, die

die Sitzreihen flankierten, blieb es starr wie an einer Erscheinung

dort hängen. Zu meiner größten Überraschung hatte ich die schöne

Generalstochter, meine unbekannte Bekannte aus den städtischen Anlagen,

erblickt, wie sie mit glühenden Wangen den Ausführungen des Redners

lauschte. Weit vorgebeugt, gleichsam mit angehaltenem Atem saß sie da,

kein Auge von der Vortragsbühne wendend, als fürchte sie, es könnte

ihr eins dieser offenbarenden Worte, eine dieser ebenso ungezwungenen

wie ausdrucksvollen Gebärden entgehen, die sie begleiteten. Kein

Prophet konnte sich einen gläubigeren Anhänger, kein Apostel einen

teilnehmenderen und verständnisvolleren Jünger wünschen. Ich sah,

wie sie diese oder jene Äußerung, die sie besonders überzeugte, mit

begeistertem Kopfnicken begleitete, wie ihr Antlitz dabei aufleuchtete,

ihre Pulse stockten oder rascher flogen, und ich konnte beobachten,

wie sie keine Gelegenheit versäumte, durch leidenschaftliches

Händeklatschen in den allgemeinen Beifall mit einzustimmen, der der

verführerischen Sophistik meines ehemaligen Schulfreundes gezollt

wurde.

Ich wüßte selbst nicht zu sagen, warum auch ich bei diesem Anblick auf

einmal einer entschiedenen Neigung in mir gewahr wurde, manchem, was

Karl Schuda vorbrachte, doch eine gewisse Berechtigung zuzugestehen.

Vielleicht war die tiefere Ursache davon in einem halb unbewußt sich

regenden Gefühl mitleidiger Teilnahme zu suchen, der Teilnahme

für dieses bedauernswerte weibliche Wesen, dessen ungeheure innere

Erregung verständlich wurde, wenn ihm plötzlich zum Bewußtsein kam,

was alles es unwiederbringlich dem dürren Begriff einer herkömmlichen

Pflichterfüllung aufgeopfert hatte. So stark die Bindungen der

Religion, der Kindesliebe, der weiblichen Hilfsbereitschaft immer sein

mochten -- wäre es verwunderlich gewesen, wenn diesem Mädchen die

entschwindende Jugend als zwecklos und unsinnig vergeudet erschienen

und zu spät, ach viel zu spät die Erkenntnis aufgedämmert wäre, daß

auch sie ein unverlierbares Recht darauf gehabt hätte, ihr eigenes

Leben zu leben? Hätte nicht jeder es begreiflich finden müssen, wenn

sie noch jetzt in aufwallendem Unmut die drückenden Fesseln abgeworfen

und sich rücksichtslos zum neuen Evangelium der freien Persönlichkeit

bekannt hätte, die an kein Gesetz als an das der eigenen Bestimmung

gebunden ist? So wie es eine Linie gibt, über die hinaus auch der

muskelkräftigste Nacken der ihm aufgebürdeten Last nicht mehr gewachsen

ist, so gibt es auch für die moralische Leistungsfähigkeit eine Grenze,

wo das Menschenmögliche endet -- tausendfach und eindringlicher als

je hat es sich im Weltkrieg erwiesen. Alle Schranken und Mauern, mit

denen die Notwendigkeiten menschlicher Gemeinschaft den Einzelwillen

im Wege der Vererbung und Erziehung einengen, stürzen dann zusammen,

um dem nackten Bedürfnis die Bahn freizugeben. So erinnere ich mich,

in einer mittelalterlichen Chronik gelesen zu haben, wie die Bürger

einer üppigen und fröhlichen Stadt, bekehrt durch einen flammenzüngigen

Bußprediger, so lange in der Ausübung aller christlichen Tugenden,

als da sind: Armut, Keuschheit, Demut und Selbstentäußerung,

Enthaltsamkeit, Freigebigkeit, Nächstenliebe und Eifer im guten

miteinander gewetteifert -- so lange in all solch frommem Abbruchtun

und Verzichten sich gegenseitig gesteigert und überboten hätten, bis

diese ganze Stadt schließlich vor die Hunde gekommen und eines Tages

durch das plötzliche Hervorbrechen des künstlich zurückgestauten

Kraftüberschusses in jähem Rückschlag zu einem wahren Sodom und Gomorra

geworden sei, das sich in bis dahin unerhörten Ausschweifungen und

Orgien austobte. Die Natur läßt sich eben auf die Dauer keine Gewalt

antun, und die entsagende Heiligkeit, so lange sie auf Erden wandelt,

läuft immer wieder aufs neue Gefahr, von den dammbrechenden Wogen der

Weltlust verschlungen zu werden.

Daß auch meine sonderbare Heilige aus den städtischen Parkanlagen der

Weltlichkeit nicht unzugänglich geblieben war, darüber blieb mir bald

kein Zweifel mehr. Denn als ich nach Schluß des Vortrags mich in

das ans Podium stoßende Künstlerzimmerchen begab, um Karl Schuda zu

begrüßen und ihm nach so langer Zeit die Hand zu drücken, fand ich zu

meiner nicht geringen Überraschung dort meine schöne Unbekannte vor,

wie sie ihm für das, was er ihr gegeben, ihren Dank auf eine recht

eigene Weise aussprach, nämlich wortlos, indem sie die Arme um seinen

Nacken geschlungen hatte und ihn küßte. Es war mir peinlich, sie

durch mein Eindringen aus dieser zärtlichen Stellung aufgeschreckt,

bestürzt und verlegen zur Seite treten zu sehen, Karl Schuda indessen

überbrückte gelassen und unbefangen den fatalen Augenblick, indem

er nach einigen schlichten Worten freudiger Genugtuung über meine

Teilnahme an seinem Vortrag uns miteinander bekannt machte. Bei dieser

Gelegenheit erfuhr ich, daß die Beziehungen der beiden nicht erst von

heute stammten, denn während er mich als Jugendgenossen und alten

Schulkameraden einführte, stellte er sie als seine werte Freundin

und treue Mitarbeiterin vor, der er mehr zu danken habe, als sich in

der Geschwindigkeit sagen lasse. Daß er dabei nach ihrer Hand faßte

und sie mit Wärme schüttelte, trug dazu bei, sie rasch ihre Haltung

wiederfinden zu lassen. Verständig beteiligte sie sich an einem

leichten Gespräch, das bald in Gang kam, aber nur Äußerlichkeiten

berührte und sich an der Oberfläche der Dinge hielt. Zum erstenmal

hörte ich ihre Stimme, die eine angenehme Altfärbung hatte; alles,

was sie äußerte, nahm mich mehr und mehr für sie ein, steigerte mein

Interesse nicht nur für ihre Person, sondern auch für die Art ihrer

Beziehungen zu meinem Freunde. Die Freiheit, mit der sie sprach,

das Du, das sie einander gaben, mehr noch die unausgesprochenen

Einverständnisse, die zwischen den Worten hervorschimmerten, ließen

mich erkennen, daß sie auf vertrautem Fuße miteinander standen. Ja, es

setzte sich, ohne daß ich eigentlich zu sagen wüßte warum -- denn das

Unwägbare, das nur mit übersinnlichen Fühlern ertastet wird, läßt sich

nicht in Begriffe fassen -- allmählich die Überzeugung in mir fest, daß

sie seine Geliebte sei.

Dieser Eindruck verstärkte sich noch beim nächsten Wiedersehen

mit meinem Freunde, das tags darauf stattfand. Einige tiefgehende

Meinungsverschiedenheiten, gleich trennenden Abgründen ganz zufällig

und unwillkürlich zwischen dem flüchtigen Geplauder im Künstlerzimmer

aufklaffend, hatten in uns allen den Wunsch rege gemacht, uns

eingehender miteinander auszusprechen. Es war für den nächsten Abend

ein gemeinsamer Weg ins Freie verabredet worden, und ich fand mich nach

des Tages Arbeit in Karl Schudas Wohnung, die er studentisch seine

»Bude« nannte, pünktlich ein, um ihn abzuholen. Sein Arbeitszimmer trug

in der Tat das Gepräge einer studentischen Behausung und ließ nicht

nur jeden Geschmack, sondern auch jede Spur von Ordnung vermissen, so

daß ich mich im stillen fragte, wie es möglich sei, sich unter diesen

Bergen aufgestapelter Bücher, in diesem Wust umherliegender Schriften

und Papiere zurechtzufinden. Den einzigen Schmuck bildeten ein paar

frühe Rosen, die in einem Trinkglas auf dem Schreibtisch standen. Wer

konnte sie ihm gebracht haben, diese duftenden Zeugen einer liebevollen

Aufmerksamkeit, die ihn mit ihren Gedanken umschwebte? Denn daß er sich

selbst aus eigenem Antrieb sollte Rosen eingeschafft haben, um sie auf

seinen Schreibtisch zu stellen, das sah ihm gerade nicht ähnlich.

Es ergab sich von selbst, daß wir unsere Anknüpfungen in der

Vergangenheit suchten, und wir unterhielten uns eben von gemeinsam

verlebten Jugendtagen, als er die Uhr zog und einen Blick darauf warf.

Mit einem Anflug von Ungeduld sagte er: »Die Baronin pflegt sonst nicht

auf sich warten zu lassen,« und steckte die Uhr wieder zu sich.

Mir aber hatte es einen gewaltigen Ruck gegeben. Ich beachtete kaum,

daß er entgegen der Zeitströmung und der eigenen Parteidoktrin die

erfolgte Aberkennung des Adeltitels bei seiner Freundin absichtlich

übersah, und wunderte mich auch nicht darüber in diesem Augenblick;

etwas ganz anderes war es, was meine Aufmerksamkeit gefesselt hielt

und meine Gedanken beschäftigte, ein Ding, dessen Anblick mir,

so nichtssagend es an sich war, doch etwas wie ein leises Grauen

einflößte und beinahe physischen Schmerz verursachte. Denn es sind

oft die unscheinbarsten Gegenstände, die uns verborgene Zusammenhänge

enthüllen, und nichts kann uns empfindlicher enttäuschen und tiefer

erschüttern, als wenn wir da, wo wir rechtfertigen möchten, uns

gezwungen sehen, anzuklagen.

Es kommt manchmal vor, daß uns an Menschen, die wir flüchtig sehen,

irgend eine nebensächliche Einzelheit der äußeren Erscheinung besonders

auffällt, wie uns denn an einer Frau vielleicht die Brosche, die sie

trägt, die Farbe der Hutschleife oder -feder Eindruck macht oder bei

einem Manne die Perle der Busennadel, der elfenbeinerne Griff seines

Spazierstocks im Gedächtnis haften bleibt. So kannte ich an dem alten

General von meinem zufälligen Begegnen her die goldene Panzeruhrkette,

die quer über seine Weste lief, und die Berlocke, die mittels eines

Springringes daran befestigt war. Es war ein Petschaft aus schwarzem,

goldmontiertem Basalt, die Gestalt einer niedlichen ägyptischen

Sphinx, aus deren smaragdenen Augen, so winzig sie sein mochten, bei

mancher Bewegung ein unheimlich grünlicher Schimmer hervorsprühte.

Deutlich erinnerte ich mich, diese seltsame Berlocke wiederholt bei

dem gebrechlichen alten Herrn gesehen zu haben; sein böser Blick,

den ich in Gedanken gifthauchend genannt hatte, mochte in meinem

Unterbewußtsein mit den ab und zu aufblitzenden grünen Augensternen der

kleinen Sphinx irgendwie zusammengeflossen sein. Kurz, das aparte, fein

gearbeitete Juwel war nicht zu verwechseln, und ich erkannte es sofort

wieder, als ich es nun für einen Augenblick an Karl Schudas Uhrkette

baumeln sah, einer sogenannten Sportkette, die er samt der Uhr aus der

Tasche gezogen und ein paar Sekunden lang in der Hand gehalten hatte.

Ein Gefühl wie bei der unbeabsichtigten Berührung einer Kröte

bemächtigte sich meiner, als mir mit Blitzesschnelle klar wurde, daß es

nur Umstände der bedenklichsten Art sein konnten, die diesen Gegenstand

von höchstpersönlichem Wert in Karl Schudas Hände gespielt hatten.

Welche Möglichkeiten! Eine Tochter, die es nicht erwarten konnte, den

hinfälligen Vater zu beerben! Die seine Hilflosigkeit dazu mißbrauchte,

ein durch Gewohnheit Liebgewordenes ihm irgendwie abzudringen, um

es hinter seinem Rücken insgeheim dem Geliebten zu verehren. Und

schlimmer noch vielleicht, weit schlimmer! Auf was für Abwege konnte

dieses Mädchen sich verirrt haben, weil ihre knappen Mittel für ein

auf einwandfreie Weise erworbenes Andenken nicht reichten! Oh, welcher

Handlungsweise war ein Weib, das mit letzter Verzweiflung liebte, nicht

etwa fähig! Ein schwaches Weib, zerrüttet durch die Überspannung ihrer

moralischen Kräfte, betört von der Schalmei einer neuen persönlichen

Freiheit, die alles Überkommene entwurzelte, alle Hemmungen zum alten

Eisen warf und ein halbverlorenes Leben zurückzuschenken verhieß --

was war einer solchen Frau, die jeden inneren Halt und jeden Maßstab

für das Erlaubte verloren haben mochte, nicht alles zuzutrauen! Ich

wehrte mich gegen die andringenden Gedanken, ich strengte mich an sie

abzuweisen, ich entsetzte mich davor, sie zu Ende zu denken.

Um meine Bestürzung zu verbergen und nur überhaupt etwas zu sagen,

verfiel ich darauf, mich nach dem Befinden des alten Generals zu

erkundigen. Worauf Karl Schuda erwiderte, er sei nun auf dem besten

Wege, auch noch schwachsinnig zu werden. »Ein boshafter Teufel,« sagte

er voll Bitterkeit, »und obendrein schwachsinnig -- so was füttern

wir!« Und als ich mit unverhüllter Mißbilligung bemerkte, erschlagen

könne man ihn doch wohl nicht, wie die Indianer ihre Greise, da

antwortete er mir mit der kühlen und zynischen Frage: »Warum nicht?«

»Und wo bleibt die Menschenliebe, auf die doch auch du deine

Forderungen gründest?«

»Man schadet den Menschen, wenn man die Kadaver liebt.«

Daraufhin ließ ich den Gegenstand auf sich beruhen und erkundigte

mich nur, ob der General nicht mehr ausgehe, es falle mir auf, ihm in

letzter Zeit nicht mehr begegnet zu sein.

»Matratzengruft!« sagte Karl Schuda kurz und trocken.

»Bedauernswert!«

»Wenigstens haben die quälenden Promenaden ein Ende.«

In diesem Augenblick trat die Baronin ein, lebhaft und aufgeräumt.

»Entschuldige die Verspätung, er wollte mich durchaus nicht weggehen

lassen.«

Sie trug ein gefaltetes Papier in der Hand, und Karl Schuda fragte:

»Was bringst du mir?«

»Wir haben doch nach einem Zitat gesucht, das uns beiden irgendwie

vorschwebte,« sagte sie Platz nehmend. »Ich habe es gefunden. Das

heißt, ich weiß nicht bestimmt, ob es das gesuchte ist, aber es drückt

ungefähr den Sinn aus, den wir vor Augen hatten. Ich denke, du wirst es

brauchen können. Es ist von Lowell; Amerikaner zitiert man immer gern.«

Und indem sie das Blatt entfaltete, las sie:

+We quench our longing, that we may be still,

Content with merely living,

But would we learn our hearts full scope,

Our lives must climb from hope to hope

And realize our longing.+

»Das +would+ macht mir Schwierigkeiten,« sagte Karl Schuda

nachdenklich; »heißt es ›würden wir‹, oder hat es die ursprüngliche

Bedeutung von ›wollen‹? Überhaupt scheint mir in den Versen der Sinn

doch nicht restlos enthalten, nach dem wir suchten: daß es nämlich das

Wort ›Verzicht‹ in unserm Wörterbuch nicht geben dürfe, soll unsre

wahre Natur sich frei entfalten.«

»Doch, doch!« beharrte sie eifrig. »Ich denke, daß letzten Endes

dasselbe gemeint ist, was auch wir meinten. Vielleicht ist es nur

allzu schwebend ausgedrückt und absichtlich im leichten Schleier der

Verssprache verhüllt. Eine Übersetzung könnte den Sinn deutlicher

herausarbeiten.«

»Hast du eine Übersetzung versucht?«

»Versucht allerdings,« sagte sie leicht errötend; »ob es mir gelungen

ist, weiß ich nicht.« Und indem sie sich gleichsam entschuldigend an

mich wendete, fuhr sie fort: »Ich habe mit Zeilen und Wörtern nicht so

sparsam gewirtschaftet wie das Original. Vielleicht bin ich wirklich in

den Fehler verfallen, mehr das, was wir hören wollten, herauszulesen,

als was der Dichter eigentlich zu sagen die Absicht hatte. Entscheiden

Sie selbst.«

Damit reichte sie unserem Freunde das Blatt hin, und er las:

Die Sehnsucht zwingen nieder wir und schweigen,

Zufrieden, wenn wir nur das Leben haben,

Entsagungsvoll beruhigt im Gemüte.

Doch wollen wir des Herzens reichste Gaben

Und ganze Kraft entfaltet sehn zur Blüte,

Von Hoffnung gilt's zu Hoffnung aufzusteigen,

Bis sich erfüllt der Sehnsucht letzte Ziele zeigen.

»So kann ich es brauchen, besten Dank!« sagte Karl Schuda. »Entsagung

und Verzicht sind Unsinn. Nur wenn zur Wirklichkeit wird, was wir

ersehnten, haben wir das Leben nicht verspielt. -- Nun wollen wir aber

auch danach handeln,« setzte er leichten Tones hinzu; »mir wenigstens

fällt es nicht ein, auf den verabredeten Spaziergang zu verzichten.«

Der Berg der Läuterung · 第 6 / 14 段