Während der alte Bock noch sprachlos staunte, nahm der junge mit

heiterer Bescheidenheit das Wort und sagte: »Du mußt dir aber,

lieber Vater, in deinem berechtigten Stolz auf deinen Einzigen

nicht etwa einbilden, daß ich dieses seltene Glück, so rasch einen

aussichtsreichen Wirkungskreis gefunden zu haben, meinen besonderen

Verdiensten verdanke (von denen mir leider nichts bekannt ist). Ich

verdanke es lediglich der treuen Freundschaft des Vorstands und Leiters

jenes Industrieunternehmens, eines ehemaligen Kameraden, mit dem ich

sechs lange Jahre hindurch in Sibirien Freud und Leid geteilt habe,

vorwiegend natürlich das letztere neben vielem Elend und Ungemach.

Bin ich berechtigt, seine Freundschaft zurückzustoßen, wenn er nun

auch seine Hoffnungen, seine aufbauende Arbeit und so Gott will, seine

Erfolge mit mir zu teilen bereit ist? Ich habe eingeschlagen in die

dargebotene Hand und gedenke meinen Mann zu stehen. Aber noch besser

als einsam, wird mir dies an der Seite eines wackeren Weibes gelingen.

Die Zeiten sind hart, manchmal sehen sie schier trostlos aus, so daß

die Begründung einer Familie fast als ein kühnes Wagnis erscheinen

könnte. Wir aber sind jung und wären es nicht, wären wir nicht voll

des Glaubens und der Hoffnung. Mit Leichtsinn sollt ihr aber deshalb,

liebe Väter, unser Vorhaben nicht verwechseln! Das Gehalt, das mir in

Aussicht gestellt ist, sichert uns bis auf weiteres vor Not, es wird

bei der Sparsamkeit, an die Anna gewöhnt ist, auch noch dazu reichen,

euer Alter freundlicher zu gestalten, als es in den letzten Jahren

gewesen ist. Und daß das Erträgnis meiner Arbeit sich auch in Zukunft

nicht vermindere, sondern mit der voraussichtlich noch anwachsenden

Teuerung Schritt halte, dafür laßt mich nur sorgen. So bitten wir euch

denn, verehrte Väter, alle ängstlichen Bedenken, die ihr etwa gegen

unsere Verbindung hegen solltet, entschlossen über Bord zu werfen und

unsere getreue Absicht, den Stamm der Ziervögel und der Böcke in einer

neuen Generation zur Einheit zu verschmelzen, nicht aus Zaghaftigkeit

und Mangel an Zuversicht zu durchkreuzen.«

Nach dieser männlichen Rede, die den Zuckerbäcker in süße Zähren

auflöste, während sie den Drechsler wenigstens mundtot machte, begab

man sich zu Tische. Bei den belegten Brötchen blieb der bockende Anselm

noch einsilbig und in sich gekehrt, als der Duft des Bohnenkaffees

ihm aber in die Nase stieg und Anna durch Zusatz von etwas Sahne ihm

den seit Jahren entbehrten »Kapuziner« mischte, da hob er drohend

den Finger und schmunzelte dazu: »Mir scheint, ihr wollt uns darüber

hinwegtäuschen, ihr Verschwender, daß diese Erde zur Hölle geworden

ist?«

»Wäre sie's denn wirklich?« sagte Anna, seine Hand ergreifend und sie

warm drückend. »Vielleicht ist sie nur ein Fegefeuer, in welchem wir

uns, wenn wir uns tapfer bewähren, mit der Zeit noch einmal den Himmel

verdienen können?«

Sie sah so anmutig dabei aus, daß sogar der alte Griesgram ein halb

bewunderndes, halb ungläubiges Lächeln nicht unterdrücken konnte und

kopfschüttelnd sagte: »Weiß Gott, fast scheint mir, die Menschheit ist

tatsächlich nicht unterzukriegen!«

Von da ab taute er mehr und mehr auf, und als er erst ein Gläschen Wein

getrunken hatte, wurde er sogar heiter, und beim zweiten brachte er auf

einmal, sich selbst überraschend, das Wohl des Brautpaares aus.

Er freue sich, sagte er hieran anknüpfend, daß die Feindschaft, die

doch lange zwischen Ludwig und Anna bestanden habe, so unerwartet

begraben worden, doch nehme es ihn wunder, wie es bei der Überbrückung

solch unvereinbarer Gegensätze wohl zugegangen sein möge? Worauf

Ludwig, fast ein wenig ernst geworden, erwiderte, vielleicht sei die

alte Feindschaft bloß in Vergessenheit geraten, daß sie regelrecht

begraben wäre, davon wisse er eigentlich nichts; vielmehr hätte er im

Schnee Sibiriens sich mehr als einmal schmerzlich daran erinnert, daß

ihm für den Schupps, mit dem ein kleines Mädel ihn einst in den Schnee

geschmissen, niemals eine richtige Genugtuung zuteil geworden.

»Ich bin in diesem Punkte glücklicher daran als du,« wendete Anna, nun

ebenfalls plötzlich ernst geworden, sich an ihn; »denn für mich besteht

die Möglichkeit, meine Schuld zu sühnen, indem ich Abbitte leiste, was

ich hiermit denn auch feierlichst verrichte. Du selbst, lieber Ludwig,

befindest dich in weit schlimmerer Lage, denn du könntest die begangene

Rechtsverletzung nur gut machen, indem du mir mein Lieblingskugerl, das

du damals gegen alle Spielregel raubtest, wieder zurückstellst. Dies

bleibt natürlich ein Ding der Unmöglichkeit, denn mit einem Ersatz ist

mir nicht gedient, es müßte genau dasselbe marmorne Kügelchen sein,

weil sich nur an dieses die Erinnerungen knüpfen, die mir teuer sind.

Sonach würdest du ewig in meiner Schuld verharren, wäre ich nicht

entschlossen, dein Unrecht nachzusehen und dir die Gewissenslast von

der Seele zu nehmen. Erkenne, daß ich dir eine milde Herrin bin,«

schloß sie großartig und huldreich: »ich schenke dir das einst geraubte

und für immer verschollene Marmorkugerl!«

»Tausend Dank!« rief Ludwig, ihre Hand küssend, griff in die

Westentasche und legte eine kleine Kugel aus rotem Untersberger Marmor

vor sie auf das Tischtuch.

»In allen Fährlichkeiten des Krieges und der Gefangenschaft war dies

teure Andenken aus Kindertagen mein Talisman. Daß ich es nun entsühnt

als mein rechtmäßiges Eigentum betrachten und behalten darf, das stärkt

in mir die Hoffnung, daß der Stern, der mich unversehrt durch eine

Hölle von Gefahren geleitet hat, mir nun auch durchs Fegefeuer und in

den Himmel hinein glückbringend voranleuchten werde.«

Damit steckte er die kleine Kugel wieder ein. Den glückbringenden Stern

hatte er aber in Ton und Blick so beziehungsreich unterstrichen, daß

niemand im Zweifel bleiben konnte, wer eigentlich damit gemeint sei, am

wenigsten natürlich Anna selbst. Darum ergriff sie nun dankbar seine

Hand und tat mit ihr dasselbe, was er vorhin mit der ihrigen getan.

Inmitten solch innig gemütlicher Stimmungen, die Ziervogel

empfindungsvoll mitmachte, hatte der alte Bock, dessen Leber sich jetzt

durch Durst hervortat, dem ungewohnten Wein emsig zugesprochen, und als

Schnaberl auf einmal an sein Vorhandensein zu erinnern das Bedürfnis

fühlte und in die Festfreude hinein seine kleine, behutsame, etwas

schwermütige Rotkehlchenkantilene vernehmen ließ, fing er plötzlich

ganz erbost Händel mit ihm an und befahl ihm still zu sein und nicht

zu mucken, er hätte hier nichts mitzureden und könne froh sein, wieder

gesichert in seinem Käfig zu sitzen.

»Was meinst du, Ziervogel,« sagte er; »sind wir nicht berechtigt, ein

lustiges Lied von ihm zu fordern? Ist er nicht freiwillig und mit

wahrem Vergnügen in seinen Käfig zurückgekehrt?«

»Genau so wie ich,« antwortete Ziervogel mit einer nur dem Freunde

verständlichen Anspielung und fing, da er gleichfalls den Wein nicht

geschont hatte, etwas unvermittelt zu lachen an. »Ich gesteh' es ganz

offen, hi, hi, hi, ich bin nicht reif für die Freiheit!«

»Nein, das ist richtig, du bist nicht reif für die Freiheit!«

bestätigte Bock, dem es Spaß machte, dem jungen Paar Rätsel aufzugeben.

»Aber wenn ich ganz aufrichtig sein soll, und um die Wahrheit zu

gestehn« -- er legte die Hand an den Mund, beugte sich vor und

flüsterte ihm ins Ohr: »~Ich auch nicht!~« Und ebenfalls in

unbändiges Lachen ausbrechend, konjugierte er: »Ich bin nicht reif, und

du bist nicht reif, und der Schnaberl ist nicht reif für die Freiheit!

Ha, ha, ha ...!«

»Nein, der Schnaberl, hi, hi, hi, der ist erst recht nicht reif für die

Freiheit!« gröhlte Ziervogel.

»Wir sind alle nicht reif für die Freiheit!« schrie Bock, vor Lachen

fast platzend. Und angesäuselt, wie er war, hob er das Glas: »Im Grunde

ist das Leben doch ein recht fideler Käfig! Es lebe hoch, hoch, hoch!«

Der süße Joachim setzte seine Baßstimme ein, und die beiden Alten

begannen zu singen: »Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen

glüht ...«

Während die Wogen der Feststimmung so fröhlich schäumten und brandeten,

war der guten Anna, durch den Schnaberl daran erinnert, plötzlich der

Felix eingefallen, jener bedauernswerte kleine Junge, der oben im

Dachgeschoß krank lag. Wie würde der sich freuen, wenn er erfuhr, daß

das Rotkehlchen wieder da war und auch in Zukunft freiwillig dableiben

würde.

In einem unbewachten Augenblicke stahl sie sich fort und eilte, den

Schnaberlkäfig im Arm, die Treppe hinauf, pochte an die Tür und trat,

als sich nichts rührte, behutsam ein. Still und unbewegt lag der kranke

Knabe in seinem schmalen Bett, auf den Fußspitzen näherte sie sich und

stellte, wie sie es sonst getan, das Bauer leise auf die Bettdecke. Es

fiel ihr auf, daß er keine Freude äußerte, überhaupt kein Lebenszeichen

von sich gab -- schlummerte er schon? Mit pochendem Herzen beugte sie

sich über ihn, ergriff seine Hand, ließ sie aber erschrocken wieder

los, denn es war die kalte, starre Hand eines Toten.

Da hob sie den Käfig mit dem Vogel vorsichtig wieder von der Bettdecke,

stellte ihn auf den Fußboden und stand mit gefalteten Händen an der

Seite des Bettes. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie erinnerte

sich, wie verständnisvoll und innerlich miterlebend der arme Junge

sie in ihrem Vorhaben bestärkt hatte, dem Schnaberl die Freiheit zu

schenken. Wie aus jedem seiner Worte seine eigene unbegrenzte Sehnsucht

sich offenbarte: Hinaus! Ins Freie! Ins Weite und Unbegrenzte! ...

Und dazwischen hörte sie die Mutter des Knaben in ihrem vergrämten

und verbitterten Tone sagen: »Felix heißt er, jawohl, Felix. Denn das

bedeutet: der Glückliche ...«

Die Sphinx

Es war noch in der Zeit vor dem Weltkrieg, daß ich hier und da einmal,

wenn mein Weg mich durch die städtischen Anlagen führte, einem

hageren alten Herrn begegnete, der sich, auf seinen Stock gestützt,

mühsam vorwärtsbewegte. Infolge seiner Jahre oder durch irgend eine

Nervenkrankheit gelähmt, konnte er beim Gehen die Füße nicht mehr

heben, und es sah bejammernswert aus, wie er sie Schritt vor Schritt

mit scharrendem Geräusch über den Kies der Parkwege hinschleifte

und sich abplagte, vom Fleck zu kommen. Irgend jemand nannte mir

gelegentlich seinen Namen, ich hatte ihn aber bald wieder vergessen.

Er war General des Ruhestandes, und es gab eine ziemliche Anzahl

pensionierter Generale in der mittelgroßen Provinzstadt, in der ich

mich damals vorübergehend aufhielt: die liebliche Umgebung, die

ausgedehnten Gärten und öffentlichen Anlagen, die sie auszeichnen,

und die im Vergleich zur Hauptstadt einfacheren und wohlfeileren

Lebensbedingungen, die sie zu jener Zeit noch gewährte, machten sie zu

einem gesuchten Wohnort für Ruhebedürftige mit beschränktem Einkommen.

Sooft mein Weg sich mit dem des gebrechlichen alten Herrn kreuzte,

befand er sich in Gesellschaft einer zwar nicht mehr ganz jungen,

aber doch nicht eigentlich frauenhaft aussehenden Erscheinung, die

ich für seine Tochter hielt; eine Vermutung, die sich später als

zutreffend erwiesen hat. Es war ein schlankes, blasses Mädchen von

guter, fast möchte ich sagen: vornehmer Haltung, das einst sehr hübsch,

vielleicht sogar auffallend schön gewesen sein mochte, jedoch die

Blüte überschritten hatte. Jeder Kenner der Frauenschönheit weiß,

daß es eine verräterische Schärfe der Linie gibt, die manchmal ganz

unvermittelt und viel zu früh die jugendliche Rundung und Weichheit

ablöst und gerade tadellosen Zügen verhängnisvoll werden kann, indem

sie an Verfall und Zerstörung edler Bauwerke denken läßt. Kleine,

im einzelnen kaum nachweisbare, in ihrer Gesamtheit aber doch

entscheidende Veränderungen werden dann leicht zur Ursache jenes

fatalen Abstandes, wie er zwischen den späteren, härter wirkenden

Abzügen eines Porträtstiches und seinen frühen, noch unverstählten

Remarquedrucken besteht. Hier fanden sie sich mit einem Anflug zarter

Fältchen und bleichender Härchen an den Schläfen in dem melancholischen

Ziele vereint, etwas wie Spätsommerstimmung über dies reine Antlitz

zu hauchen, aus dem dennoch der gleichsam frühlinghafte Reiz der

Jungfräulichkeit noch nicht geschwunden war, ohne daß sich eigentlich

sagen ließ, weshalb es nicht ebensogut das Antlitz einer verheirateten

Frau hätte sein können.

Im übrigen hätte ich, vielbeschäftigt, wie ich war, das an sich nicht

eben auffallende Paar wohl kaum besonders beachtet, hätte nicht,

je öfter ich ihm begegnete, das Verhalten von Vater und Tochter

gegeneinander mehr und mehr meine Aufmerksamkeit erregt. Denn niemals

sah ich die beiden ein Wort miteinander wechseln; wie Fremde, um

nicht zu sagen wie Feinde, die an die gleiche Galeere geschmiedet

sind, schienen sie ihre gegenseitige Nähe eher zu erdulden als sich

ihrer zu erfreuen, jedenfalls zogen sie keinen Vorteil daraus, keine

Anregung, keine Erleichterung. Es mußte befremden, daß das stille,

verblühte, aber noch immer schöne Mädchen sich keineswegs, wie man

hätte erwarten sollen, an der Seite ihres Vaters hielt, sondern dem

mühselig an seinem Stock hinschlürfenden Greise, der sich nur langsam

weiterbewegte, in der Regel ein paar Schritte voraus war. Geradeso,

als gehörte sie gar nicht zu ihm, ging sie oder schlich vielmehr,

zögernd Schritt vor Schritt setzend, wie eine Nachtwandlerin vor ihm

her, zumeist mit zu Boden gesenktem Blick, gleichsam wie beschämt oder

benommen von Trübsal. Nur ab und zu einmal blieb sie stehen, sich

nach ihm zurückzuwenden. Mit unbewegtem Gesicht, auf dem etwas wie

ein Ausdruck von erstarrter Trauer stand, sah sie ihm zu, wie er mit

seinen kurzen, zittrigen Schrittchen sich vorwärtsschob. Äußerlich

zwar beherrscht, insgeheim aber, wie ich mir einbildete, mit zehrender

Reizbarkeit schien sie ungeduldig darauf zu warten, daß er endlich

vom Fleck käme. Und wenn er sie mit der Zeit dann wirklich eingeholt

hatte, machte sie in jäher Bewegung kehrt und wendete sich wieder zum

Gehen. Ohne ein Wort zu reden, setzte sie ihren Weg fort, sie schien

sich um den gelähmten alten Herrn jetzt ebensowenig mehr zu kümmern

wie vorhin, abermals sah es aus, als gehe er sie überhaupt nichts an,

als gehörten sie gar nicht zueinander. So wiederholte sich immer auf

dieselbe Weise der gleiche Vorgang des Erwartens und Sichentfernens,

stumm, in völliger Schweigsamkeit, ohne daß die beiden einen Laut

miteinander gesprochen, ein Lächeln oder auch nur einen freundlichen

Blick miteinander getauscht hätten.

Dieses ungewöhnliche Benehmen eines weiblichen Wesens, das einen

Kranken begleitete, machte im Anfang, ich kann es nicht leugnen, auf

mich den Eindruck der Härte und Lieblosigkeit. Nach meinem Gefühl hätte

eine gute Tochter den gebrechlichen und hilflosen Vater führen und

stützen, oder wenigstens an seiner Seite bleiben müssen, seiner Wünsche

gewärtig, zu jeder Handreichung bereit. Es wäre ihre Pflicht gewesen,

meinte ich, ihn zu betreuen, durch Zuspruch zu stärken, mit ihm zu

plaudern, ihn über seinen Zustand hinwegzutäuschen. Oh, wir wissen ja

immer so genau, was andere hätten tun sollen, und nehmen uns heraus,

wo uns die Kenntnis der näheren Umstände mangelt, ein fertiges Urteil

nach der Schablone aus allgemeinen Annahmen zurechtzubosseln. Bei mir

wenigstens stand die einmal gewonnene Ansicht damals so fest, daß ich

die alte Mahnung, wonach es ratsam sei, jedes Ding von zwei Seiten zu

betrachten, gänzlich außer acht ließ und eine Regung überwallender

Teilnahme mit dem alten General in mir aufstieg, sooft ich ihn sah, ja

ein mit Entrüstung gemischtes Mitleid, weil ihn das Schicksal mit einer

liebeleeren und herzenskalten Tochter gestraft hätte.

Erst ein Gespräch, das unter Bekannten geführt wurde, machte mich

stutzig. Es war von der Selbstsucht des Alters die Rede, und ein

angesehener Arzt, den man als warmherzigen Menschenfreund kannte,

erinnerte daran, wie es gelegentlich vorkomme, daß Eltern von der

Jugend die widerspruchslose Hingabe des persönlichen Daseins, die

völlige Aufopferung des eignen Lebensglückes als selbstverständliche

Kindespflicht forderten. Ohne einen Namen zu nennen, spielte

er so deutlich auf bestimmte Verhältnisse an, daß ich das Paar

wiederzuerkennen glaubte, das mir aus den städtischen Anlagen bekannt

war, und zum Widerspruch gereizt die Seite der Gegenpartei ergriff,

indem ich die Ansprüche geltend machte, die ein alter, kränklicher

Vater an die in seinem Haushalt lebende rüstige Tochter zu stellen

meines Erachtens immerhin das Recht hätte. Worauf jener erwiderte,

als sein Eigentum, seine Sache dürfe niemand, wer es auch sei, und

unter keinen Umständen einen Nebenmenschen betrachten. In dem Fall,

den er im Auge habe, stünde es aber womöglich noch schlimmer. Denn der

hämische Greis, von dem er rede, habe seiner Tochter, um sie für sich

allein zu behalten, nicht nur jede Verbindung hintertrieben und durch

Ränke unmöglich gemacht, sondern mißbrauche die Abhängigkeit von ihm,

in der er sie heimtückisch zu erhalten gewußt, noch außerdem dazu,

die wohlfeile Krankenpflegerin, die er sich in ihr herangebildet, in

einer Weise auszunützen und mit boshaften Launen zu quälen, daß keine

bezahlte Krankenschwester unter ähnlichen Plackereien auch nur einen

Tag bei ihm ausharren würde.

Es war noch immer kein Name genannt, und das Gespräch wurde, nachdem

ich so viel erfahren hatte, unterbrochen oder nahm eine andere Wendung.

Da mir aber kein Zweifel blieb, von wem eigentlich die Rede gewesen,

so sah ich mich natürlich genötigt, mein vorschnelles Urteil über das

unglückliche schöne Mädchen zu überprüfen. Ich sagte mir, daß ihre

vom Üblichen abweichende Art durch Umstände geboten sein könne, der

alte Herr mochte die Marotte haben, seinen Spaziergang wenigstens

zum Schein ohne Begleitung machen zu wollen, oder der Arzt hatte ihm

während der Bewegung im Freien das Sprechen untersagt. Ich mußte mir

auch eingestehen, daß es eine fast übermenschliche Forderung sei, von

einem gesunden, hoffnungsvollen, lebensdurstigen, aber an der Seite

eines zittrigen und noch dazu übellaunigen Greises mehr und mehr

hinwelkenden Geschöpf ein stetes Gleichgewicht des Gemüts bei jahrelang

andauernden Krankendiensten zu verlangen, und ich konnte nicht umhin,

unter solchen Umständen ein allmähliches Versinken in Trostlosigkeit,

ja ein gelegentliches Hervorbrechen vergeblich unterdrückter Regungen

von Ungeduld bis zu einem gewissen Grade begreiflich zu finden.

Und als ich bei einer nächsten Begegnung von meinem neu gewonnenen

Standpunkt aus schärfere Beobachtungen anstellte, geriet meine

ursprüngliche Anschauung doch einigermaßen ins Wanken. Das eigentümlich

phosphoreszierende Auge, der bösartige, fast möchte ich sagen:

gifthauchende Blick des alten Herrn fielen mir erst jetzt unliebsam

auf, es war ihm sicher alle Hinterhältigkeit, alle ohnmächtige

Geifersucht der Schwäche und Hinfälligkeit zuzutrauen. Kurz, ich

fühlte mich mehr und mehr geneigt, meine mitleidige Teilnahme eher

dem anderen Teile zuzuwenden, über den ich bis dahin abgesprochen

hatte, und befand mich auf dem besten Wege, meine vorgefaßte Meinung

richtigzustellen, als Umstände eintraten, infolge deren das in jedem

Falle beklagenswerte Paar nicht nur meinem Auge, sondern auch meinen

Gedanken so vollständig entschwand, als hätte es niemals existiert.

Der Ausbruch des unseligen Völkerkampfes entfernte mich jäh aus jener

stillen Stadt, die gegenwärtigen Forderungen, die Tag und Stunde

an jeden einzelnen stellte, verdrängten mit gebieterischer Gewalt

die Bilder der friedlichen Vergangenheit. Wenn die Verantwortungen

sich häufen, so füllt sich das Bewußtsein mit einem neuen und so

dicht gedrängten Inhalt, daß für nichts anderes mehr Raum bleibt.

Und je atemloser die mannigfaltigsten Ereignisse einander jagen, um

so ungestümer reißen sie auch die Zeit mit sich fort, daß sie einem

wie im Fluge entgleitet. So läßt ein unendlich vermehrtes Erleben

die Jahre merkwürdigerweise nicht länger, sondern kürzer erscheinen,

und ich mußte die verflossenen immer wieder nachzählen, um daran zu

glauben, daß ich um so viel älter geworden war, als in dem frühen

Frühling, der dem entsetzlichen Niederbruch des Vaterlands folgte, ein

bedeutungsloser Umstand, dem ich dennoch Folge zu geben nicht umhin

konnte, mich für wenige Wochen in dieselbe Stadt der stillen Gärten und

ruhebedürftigen Menschen zurückführte, die ich zu Beginn des Krieges

mit völkischer Entschlossenheit und voll hoffnungsvoller Begeisterung

verlassen hatte.

Einen ganz merkwürdigen Eindruck machte es nun auf mich, als ich,

zufällig wieder die jetzt von Flieder- und Jasmingerüchen erfüllten

Parkanlagen durchquerend, dasselbe Paar, dem ich damals wiederholt

begegnet, das mir aber, wie erwähnt, inzwischen völlig aus dem

Gedächtnis entschwunden war, neuerdings vor mir auftauchen sah. Die

Zeit schien spurlos an ihm vorübergegangen zu sein; es war, als seien

die langen Jahre der Greuel aus der Weltgeschichte ausgestrichen, als

hielten wir noch auf demselben Punkte, wo wir vor dem Spätsommer 1914

uns befunden hatten. Ebenso wie damals schleppte der alte General

sich mühselig über die knirschenden Kieswege hin, ebenso wie damals

ging die Tochter vor ihm her, blieb stehen und wendete sich nach ihm

zurück, ihn zu erwarten. Und geradeso wie einst wechselten sie dabei

kein Wort miteinander, zogen sie wie unter dem Zwang einer lästigen

Pflicht ihre Bahn dahin, stumm und verdrossen wie blinde Pferde am

Göpel. Nur viel gebrechlicher noch war, wie ich bei näherem Zusehen

bemerken konnte, der bedauernswerte alte Herr inzwischen geworden.

Es genügte ihm jetzt nicht mehr der Stock, auf den er sich sonst

gestützt hatte, zwei Krücken, in denen er mit den Achseln hing, dienten

ihm zum Halt. Er setzte sie mit den Kautschukzwingen vor sich in

den Sand, neigte den Oberkörper vor und schwang die gänzlich leblos

gewordenen Beine, die zurückgeblieben waren, wie ein Pendel hinter sich

drein. Von Zeit zu Zeit machte er halt, um von dieser offenbar recht

anstrengenden Turnübung auszurasten. Dann stand auch die Tochter still

und beschäftigte sich damit, in einigem Abstand von ihm den Zweig eines

Strauches herabzubeugen, um den Duft der Blüten einzuatmen, oder neigte

sich nieder, ein Blümchen zu pflücken, einen Grashalm abzubrechen, aus

dem sie dann zum Zeitvertreib einen Knoten zu flechten, eine Schleife

zu schürzen sich bemühte.

Etwas wie Empörung gegen das Schicksal, gegen die Weltordnung fing bei

diesem Anblick sich in mir zu regen an. Hunderte von lebensfrischen und

gesunden jungen Leuten hatte ich eines allzufrühen Todes sterben sehen,

die Zahl der anderen, von deren entsetzlichem Ende ich nicht selbst

Zeuge gewesen, meldete die Statistik, und sie ging in die Millionen.

Hier aber schleppte ein lebender Leichnam, gemieden vom Tode, vergessen

von der Parze, die so vielen Brauchbaren und Tüchtigen den Lebensfaden

abgerissen hatte, hartnäckig sein wertloses Dasein weiter, sich selbst

und anderen zur Qual. Es war mir in diesem Augenblicke, als stünde

dieser unnütze alte Mann im Bunde mit den unheilvollen Mächten der

Finsternis, die am Volkskörper zehrten, als hätte er sich mit ihnen

verbündet, das Feld nicht zu räumen und sich unter keinen Umständen

abberufen zu lassen, nur um die allgemeine Not noch zu steigern und

die Schwierigkeiten der Ernährung durch einen überflüssigen Brotesser

mehr noch schwieriger zu gestalten. Und als mich im Vorübergehen

einer jener stechenden und giftigen Blicke aus dem Auge des Generals

berührte, vor denen es mir schon damals gegraut hatte, da fühlte ich

mich unwillkürlich geneigt, es als eine Art Bosheit von ihm auszulegen,

daß er noch immer unter den Lebenden weilte und durchaus nicht sterben

wollte.

Der Berg der Läuterung · 第 5 / 14 段