Beide waren sie, früh verwitwet, mit je einem Kinde zurückgeblieben,

das sie sorgsam betreut und liebevoll großgezogen hatten. Joachim mit

der bereits genannten Rotkehlchengönnerin Anna, Anselm mit einem bisher

noch unerwähnten blonden Ludwig, der gegenwärtig feuereifrigst auf die

Bankprüfung büffelte, nachdem ihn vor wenigen Monaten erst Sibirien

ausgespien hatte, wo als Frucht eines sechsjährigen Nachdenkens die

Erkenntnis in ihm gereift war, daß mit seinem bisherigen Beruf eines

aktiven Offiziers nichts mehr anzufangen sei.

Aber des Gleichartigen gab es noch viel mehr. Beide hatten sie einst

ihre Geschäftsläden knapp nebeneinander gehabt, Tür an Tür, genau

so, wie sie jetzt wieder Tür an Tür nebeneinander wohnten. Auch

dort waren sie stets gute Nachbarn gewesen, ihre Kinder, solange

sie noch klein waren und die Kinderschuhe nicht ausgetreten hatten,

spielten miteinander in der stillen Andreasgasse, im Winter mit einem

Handschlitten im Schnee, im Sommer mit kleinen Steinkugeln, die sie

an der Hausmauer herab- und übers Pflaster rollen ließen, ein Spiel,

das man »Anmäuerln« nannte, und das unter Umständen zur Wegnahme

und Enteignung des feindlichen Kügleins führte. Und sogar in ihrem

Beruf gab es eine gewisse Ähnlichkeit insofern, als beide dem Gaumen

ihrer Mitmenschen schmeichelten; allein: wenn Ziervogel ihn mit

Süßigkeiten kitzelte, so wirkte Bock durch das schwerere Geschütz

des Tabaks, obzwar nur mittelbar. Denn aus seiner Werkstatt gingen

die schönen, glatten, englischen Pfeifen hervor, die trotzig-geraden

oder anmutig-geschwungenen, die mit ihren braunpolierten Köpfen

aus gemasertem Rosenwurzelholz und mit ihren sauber gearbeiteten

Mundstücken aus silbergrauem oder marmorschwarzem Horn jeden Raucher

entzückten.

Die belangreichste Übereinstimmung ihrer Schicksale aber, die sie,

Gott sei's geklagt, zu Leidensgefährten und Unglücksgenossen machte,

war die, daß sie beide die Unvorsichtigkeit begangen hatten, sich

einige Jahre vor Ausbruch des großen Krieges zur Ruhe zu setzen,

weil sie mit den paar hunderttausend Kronen, die ein jeder von ihnen

erwirtschaftet hatte, sich für wohlhabend hielten. Von den Zinsen der

Wertpapiere, die im Bankfach lagen, glaubten sie gemächlich zehren

und die Früchte ihrer Arbeit während eines möglichst langandauernden

sorglosen Alters mit Heiterkeit genießen zu können. Verhängnisvoller

Irrtum! Denn bei Anlage ihrer Ersparnisse waren sie leider nicht

leichtsinnig und wie kühne Glücksritter ins Zeug gegangen, sondern

hatten peinlichste Vorsicht walten lassen und die Auswahl unter den in

Betracht kommenden Anlagewerten nur nach den Grundsätzen strengster

Gediegenheit getroffen. Die Folge davon war, daß sie das Unsicherste,

was es derzeit unter der Sonne gab, nämlich lauter mündelsichere

Papiere besaßen, Staatsschuldverschreibungen und dergleichen, von denen

es großenteils zweifelhaft blieb, ob sie jemals noch einen Zinsschein

einlösen würden. Sofern jedoch diese famosen Gewährleister der Mündel-

und Waisensicherheit ihre Abschnitte überhaupt noch flüssig machten,

erfolgte die Zahlung natürlich auf Grund der einst für hocherwünscht

gehaltenen festen Verzinslichkeit, die durch die Geldentwertung zur

Posse wurde, unter Umständen wohl auch zum Trauerspiel führte. Um das

Erträgnis, das ein auf diese Art angelegtes Vermögen von beispielsweise

hunderttausend Kronen im Jahr abwarf, konnte man sich jetzt gerade

anderthalb Kilo Schweinefett kaufen, oder zweieinhalb Dutzend Eier,

oder ein Viertelpaar Stiefel, oder einen halben Filzhut, oder, wenn man

einmal ein Festessen veranstalten wollte, zwei Drittel eines Feldhasen,

wobei man allerdings mit dem beim Trödler verwerteten Fell fast das

Viertel der zwei Drittel wieder hereinbrachte.

Ein bares Nichts war also der durch Jahre mühsam erarbeitete Wohlstand

über Nacht geworden. Und schier zu einem Nichts verschrumpft sah auch

der von Haus aus schmächtige und untermittelgroße Drechslermeister

aus, wie er nun mit gesenktem Haupt, triefend von Nässe -- denn einen

Regenschirm besaß er längst nicht mehr -- neben dem breiteren und

noch immer dicklichen Ziervogel die Straßen entlang trabte. Gegen

den strömenden Regen war dieser etwas besser geschützt, hielt er

doch (ein Vermächtnis üppigerer Tage) an einem hölzernen Stock ein

Drahtgestell über sich ausgespannt, auf dem noch die Reste eines

halbseidenen Überzuges flatterten. Und so beobachtete er aus seiner

verhältnismäßigen Geborgenheit hervor mißtrauisch und besorgt den

bockig verstummten Bock, der sich heute in den Kopf gesetzt zu haben

schien, dem Freunde Rätsel aufzugeben. Mit schwerem und bangem

Herzen verfolgte er jede seiner Bewegungen, spähte er nach jeder

seiner Mienen, um zu erraten, was in ihm vorgehe. Denn das dunkle,

beziehungsreich betonte und darum etwas unbehagliche Wort, wer nicht

mehr mitfahren wolle, dem stünde es frei, auszusteigen, beunruhigte ihn

unausgesetzt. Er verstand es nicht, nein, ganz und gar verstand er es

nicht, wollte es nicht verstehen, sträubte sich mit Händen und Füßen

dagegen, es zu verstehen ...

Auf dem ~Hinweg~ ins Amtsgebäude nämlich. Und auf diesem ganzen

langen Hinweg vermied er es mit Geschick, den verstummten Anselm noch

einmal durch eine Frage zu reizen und zum Reden zu veranlassen, um ihm

nur ja keine Gelegenheit zu bieten, sich deutlicher auszusprechen. Das

war um acht oder neun Uhr am Morgen. Ganz anders vier oder fünf Stunden

später, als sie das Amtshaus wieder verließen und im Begriffe standen,

den Heimweg anzutreten.

So lange hatten sie nämlich gebraucht, um: 1. die neuen Brotkarten zu

beheben; 2. ihr Bezugsrecht auf Küchenbrandkohle geltend zu machen,

das ihnen irrtümlich vorenthalten worden war; 3. den Nachweis zu

erbringen, daß sie seit 1911 kein Gewerbe mehr ausübten, denn man hatte

ihnen trotzdem die Erwerbssteuer für die letztabgelaufenen neun Jahre

nachträglich samt Verzugszinsen vorgeschrieben; 4. die Tabakkarte

umzutauschen, zu welchem Ende ein Meldeschein vorzulegen war, den

sie sich nicht anders zu verschaffen wußten, als indem sie bei der

polizeilichen Meldestelle um amtlich bestätigte Auskunft ansuchten, wo

die Herren Bock und Ziervogel wohnten; 5. auf die längst beglichene

Gasrechnung die für ein halbes Jahr rückwirkende Preiserhöhung

nachzuzahlen; 6. eine empfindliche Gefällsstrafe zu erlegen, weil sie

ein mit vorgeschrittenem Alter und Kränklichkeit begründetes Gesuch um

Einkommensteuerermäßigung nicht hoch genug gestempelt hatten; 7. die

vom Hauswirt bestätigte genaue Beschreibung ihrer Zweizimmerwohnungen

vorzulegen, weil das Wohnungsamt behauptete, sie hätten jeder um drei

Zimmer mehr, als erlaubt sei (was natürlich auf einer Verwechslung

mit ihren früher innegehabten Wohnungen beruhte); 8. die Zuckerkarten

gegen Empfangsbescheinigung zurückzugeben, weil die behördliche

Zuckerbelieferung eingestellt werden sollte und der vom Ernährungsamt

zugeteilte Zucker seit dreiviertel Jahren ohnedies nicht zugeteilt

worden war; und endlich 9. die letzte Teilzahlung der Vermögensabgabe

abzutragen, obgleich das Vermögen, von dem diese Abgabe zu leisten war,

sich inzwischen bis auf unbedeutende Überreste verflüchtigt hatte.

Die übrigen Gegenstände, die noch auf ihrer Liste standen, mußten sie

auf den nächsten Tag verschieben; heute war es nicht mehr möglich,

sie zu erledigen, die Kanzleien wurden um zwei Uhr geschlossen,

und ohnedies krümmte sich, wie ein getretener Regenwurm, vor jeder

Amtsstubentür noch eine verzweifelte Menschenschlange.

Ein Wolf saß dem erschöpften, entmutigten, entnervten Ziervogel

in den Eingeweiden, als die beiden Freunde und pflichtbewußten

Bundesstaatsbürger nach diesen vier bis fünf Stunden Amtstätigkeit

(leidender Form) wieder auf die Straße heraustraten. Ein lebendiger,

riesiger, hungriger Wolf, und der heulte nach Fleisch. Ein Wolf, bei

dem plötzlich die angestammte Wildheit ausbrach, weil die Kartoffeln

und das Sauerkraut ihm eingefallen waren, womit er gefüttert zu

werden pflegte, und weil er wußte, daß man ihm zur Stillung seines

Wolfshungers auch heute wieder nichts anderes als Kartoffeln und

Sauerkraut vorsetzen würde. Wie besessen kläffte, bellte, rumorte das

ungeschlachte Scheusal in der dunkeln Bauchhöhle, in die es eingesperrt

war, biß wütend um sich und kratzte mit den Krallen seiner Pfoten

an den Wänden -- so höllsauer war es dem süßen Joachim lange nicht

zumute gewesen, er fühlte sich glatt am Ende seiner Kräfte. Und in dem

Augenblick beherrschte ihn nur mehr der einzige Gedanke: Schluß machen

mit dieser ewigen Qual, diesen unausgesetzten Foltern und Martern!

Schluß machen mit einem Leben, das sich aus nichts mehr als Schikanen

und Drangsalierungen, Entbehrung und Bettelhaftigkeit zusammensetzte.

Schluß mit einem Dasein, das längst jeder Freude und jedes Reizes

entkleidet war! Aussteigen! Nicht länger mitfahren! Oh, Freund Anselm

hatte recht, nun begriff er's ganz genau, wie der es meinte: wem das

ewige Gedränge, das stete Gepufft- und Gestoßenwerden zu dick wurde,

dem stand es frei, ein Ende zu machen! Bei der nächsten Haltestelle

sprang man ganz einfach ab und verlor sich unauffällig im unendlichen

Strom der gleitenden Erscheinungen ...

Aber plötzlich -- Wunder über Wunder! -- was schwebte seinen

abgespannten und zugleich aufgepeitschten Sinnen deutlich zum Greifen

da plötzlich vor Augen? Ein Gulasch war es -- eine Luftspiegelung hatte

es ihm vorgegaukelt -- ein Gulasch, das sich in einer appetitlichen

braunen Tunke badete, und dem ein knuspriges Salzstangel Gesellschaft

leistete und ein schäumendes Glas goldbraunen Schwechater Bieres.

Vorkriegserinnerungen, die ihm das Herz im Leibe hüpfen machten!

Wie köstlich war solch ein Gabelfrühstück gewesen, kurz vor Tisch,

wenn man sich so recht gründlich den Appetit damit verdarb! Und das

sollte nun für immer vorbei sein? Ewig unerreichbar? Ein nie mehr zu

verwirklichender Sehnsuchtstraum? Niemehr, niemals wieder erschwingbar?

Ein Leckerbissen, den sich ein in Dürftigkeit geratener Mittelständler

nicht mehr vergönnen durfte, weil es seine Verhältnisse überstiegen

hätte, einen unerlaubten Aufwand für ihn bedeutete? Die kargste

Notwendigkeit höchstens billigte das Schicksal noch den Versklavten zu,

alles Überflüssige blieb verpönt!

Ein seinem Zuckerbäckerherzen bis dahin unbekanntes Bedürfnis nach

irgend einer kleinen Ausschweifung brachte ihm unversehens das Lied

ins Gedächtnis, das er einst in froher Tafelrunde hatte mitsingen

helfen: Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht ... Und

-- hol's der Geier! -- einmal wollte er sich noch des Lebens freuen,

eh' es zu Ende ging, geschehe auch, was da wolle! Einmal noch zum

Gabelfrühstück ein Gulasch sich vergönnen mit einem Salzstangel und

einem Glas Bier, solange er das Licht der Sonne noch schaute. Und wenn

er dann vielleicht einen ganzen Monat dafür hätte fasten müssen --

einmal noch wollte er leichtsinnig sein, eh' es zu spät dazu war, nur

dies eine Mal noch, gerade heute, ein bißchen Verschwendung treiben,

ein wenig über die Schnur hauen, eben ein ganz klein wenig nur, einmal

bloß, ein einziges Mal noch im Leben!

»Was meinst du, Bock?« sagte er kühn entschlossen und machte Halt. »Zum

Mittagessen kommen wir doch nicht mehr rechtzeitig nach Hause --«

Er zog die Uhr, wollte sie ziehen -- und griff ins Leere!

Unverrichteter Dinge kam die Hand wieder heraus, fuhr abermals hinein

... er knöpfte den Überrock auf -- um Gottes, Christi, Himmels willen!

»Bock --! Die Uhr! ... Meine goldene Uhr! ... Beim Teufel ist sie! ...

Die goldene Uhr! Meine schöne, wertvolle goldene Uhr --!«

Wirklich! Fort war sie! Verschwunden! Die wertvolle goldene Uhr!

Empfohlen hatte sie sich! Auf Nimmerwiedersehen! Und die Kette auch!

Die wertvolle goldene Kette auch!

Die sofort eingeleiteten Schritte eröffneten wenig Aussicht auf

Wiedererlangung. Das sei schon einmal nicht anders im Amtsgebäude,

meinte gähnend der Beamte, der die Anzeige zu den Akten nahm;

wenigstens ein dutzendmal täglich komme es vor.

»Machen Sie ruhig das Kreuz darüber,« fügte er gemütlich scherzend

hinzu. »Steht denn nicht angeschrieben: Achtung vor Taschendieben? No

also! Wenn man Achtung vor ihnen haben soll, dürfen wir sie doch nicht

erwischen!«

Weniges später standen die beiden Nibelungentreuen abermals auf der

Straße und traten Schulter an Schulter zum zweitenmal den Heimweg an.

Der Regen hatte aufgehört, aber von Ziervogels Wangen fiel jetzt ab

und zu ein verstohlener Tropfen und benetzte den schäbig gewordenen

Aufschlag seines Überziehers. Er fühlte sich so müde, so entkräftet,

daß er sogar den Wunsch äußerte, die Straßenbahn zur Heimfahrt zu

benutzen. Als sie aber ihr Geld zusammenzählten, verfügten sie alle

beide miteinander kaum mehr über eine Barschaft von siebzig Kronen. Das

langte nicht für zwei Trambahnfahrscheine.

»Im Frieden wäre man darum im Auto auf den Semmering gefahren,« brummte

Bock verdrossen.

Aber das Brummen half zu nichts. So schwer der süße Joachim sich

schleppte, es blieb nichts übrig, als zu Fuß zu gehen. Besorgt und

hilfsbereit hielt Anselm, obwohl er der viel kleinere und dünnere war,

ihn untergefaßt und stützte ihn nach Leibeskräften. Hinter der rauhen

Außenseite barg er im Grund doch eine treue Seele, die auch das heftige

und -- im Vergleich zum Beruf eines Zuckerbäckers -- etwas gewalttätige

Drechslergewerbe nicht völlig hatte verhärten können ...

Auf diesem langen, stöhnenden Heimweg war es, daß die beiden Freunde

jene furchtbare, schwerwiegende, düster vorausgeahnte Tat wirklich

auszuführen beschlossen, von der Anselm in seinem Tatendrang schon am

Morgen wie von einer Erlösung gesprochen und jetzt im Feuereifer der

Überzeugung behauptete, sie müsse mit aller Tatkraft tatsächlich zur

Tatsache gemacht werden; während der nichts weniger als tatendurstige

Joachim erst infolge der schlimmen Erfahrungen dieses Vormittags sich

mehr und mehr mit dem Gedanken an sie vertraut gemacht hatte und nur

Schritt für Schritt vor der stößigen Hartnäckigkeit der Bockschen

Überredung zurückwich.

Ebenso wie für jenen, stand es aber nun schließlich auch für diesen

fest, daß es töricht sei, nur aus Gewohnheit oder purer Feigheit

im Höllenpfuhl weiterzuschmachten, wenn es bloß eines herzhaften

Augenblickes bedurfte, sich für immer daraus zu befreien. Ein Plan,

an den sie sich bei Ausführung ihres schwarzen Entschlusses halten

wollten, wurde entworfen und durchgesprochen, und als sie endlich

die Schleifmühlgasse erreicht hatten, waren auch die sämtlichen

damit zusammenhängenden Fragen genügend erörtert und geklärt, die

vorgebrachten Einwände großenteils widerlegt, die aufgetauchten Zweifel

und Bedenken so ziemlich überwunden.

Noch einmal machten sie auf dem Treppenflur vor ihren beziehentlichen

Wohnungen halt, blickten einander mannhaft in die Augen und besiegelten

die getroffene Verabredung mit einem kräftigen Händedruck und einem

feierlichen »Es bleibt dabei!« Hierauf schieden sie voneinander mit der

geheimnisvoll-düsteren Miene von Verschwörern, die rätselhaftes Unheil

brüten, und verschwanden ein jeder hinter der Tür, die auf einem noch

aus besseren Zeiten stammenden Messingschild den Namen des Betreffenden

trug und sich dadurch als Eingangspforte zu der ihm gebührenden

Behausung zu erkennen gab.

* * * * *

Eine von Bocks Lebensregeln lautete: Verschieb nicht, was du heut'

besorgen kannst, auf morgen; während sein Freund im Gegenteil dem

Grundsatz huldigte: Wenn du vorhast ein wichtig' Sach', so sieh dich

für und tu' gemach. Diesmal mußte ausnahmsweise der Drechslermeister

nachgeben, vielleicht tat er's nicht einmal ungern, weil er wohl selbst

einsehen mochte, daß eine Sache, die man nur ein einziges Mal und dann

nie wieder im Leben besorgen kann, schließlich doch auch nicht gerade

übereilt zu werden brauche.

Jedenfalls war es Herrn Ziervogel gelungen, etwas wie eine Art

Galgenfrist durchzusetzen. Erst wenn wieder schön Wetter eingetreten

wäre und die Sonne vom klaren Frühlingshimmel schiene, sollte (um

Bocks dreifach unterstrichene Ausdrucksweise zu wiederholen) die Tat

tatsächlich zur Tatsache werden. Es war ein zu ungemütlicher Gedanke,

in die Donau zu gehen, solange es wie mit Kübeln aus den Wolken goß und

man auch so schon genügend naß wurde. Denn nachdem sie alle anderen

Wege, die vom Diesseits ins Jenseits führen, durchberaten und einen

jeden sorgfältig geprüft hatten, waren sie darüber einig geworden, daß

der Wasserweg noch immer am meisten für sich habe. Nun, und daß für

zwei Wiener vom guten alten Schlag unter allen Gewässern dieser Erde

nur die schöne blaue Donau in Betracht kommen könne, das schien ihnen

selbstverständlich.

In der Ziervogelschen Wohnstube stand ein Fenster offen; trotz der

wochenlangen Regenzeit, die man hinter sich hatte, war die Luft mild

und weich. Der feuchte Frühlingswind, der über hohe Feuermauern

hinstrich und über tiefe Hinterhöfe und sogar über ein kleines

Hyazinthenbeet in einem winzigen Hausgärtlein, eh' daß er den Weg durch

dieses Fenster fand, führte so liebliche Lenzdüfte mit sich, daß dem

Rotkehlchen Schnaberl, das in der erwähnten Wohnstube in seinem Käfig

an der Wand hing, ganz eigen zumute wurde, es wußte selbst nicht wie.

Sehnsuchtsvoll spitzte es mit seinen lebendigen Äuglein, die gleich

schwarzen Glasperlen glänzten, nach dem großen irdenen Mehlwurmhäfen

hinüber, das wie gewöhnlich auf dem Ofen stand, und das winzige

Herzlein beschleunigte unwillkürlich seinen Schlag. Als nun aber gar

auf dem Fußboden überraschenderweise -- denn wie lange schon war kein

Strahl Sonne zu sehen gewesen! -- urplötzlich eine grelle Lichttafel

ausgebreitet lag, da vermochte Schnaberl nicht länger an sich zu

halten. Jubelnd ließ er die gewohnte kleine, zierliche, behutsame Weise

ertönen -- das heißt, er bemühte sich wenigstens, sie ~jubelnd~

ertönen zu lassen, und versuchte sie ebenso flott und fröhlich

herauszubringen, wie Annas lustige Liedchen zu klingen pflegten.

Vergeblich! Es schwebte trotzdem jener gewisse Hauch von Schwermut

darüber, welcher der bescheidenen Rotkehlchenkantilene nun einmal eigen

ist; denn die Liedweise, die einer von Natur aus in sich hat, läßt sich

nicht verleugnen und bleibt immer dieselbe.

Der guten Anna, die gerade das Zimmer betrat, war es gar nicht

recht, daß dem Vater, an dem sie ohnedies seit längerer Zeit eine

ungewöhnliche Gedrücktheit und Verstimmung wahrgenommen hatte, nun auch

noch die Ohren mit trübsinnigem Getute gefüllt werden sollten. Das

halbunterdrückte Lachen -- sie hatte Erbssuppe zum Kochen zugestellt

und die Erbsen hineinzutun vergessen, das kam ihr, so beschämend es

war, urkomisch vor --; dieses Lachen also, das halbunterdrückt noch

um ihre Lippen schwebte, machte einer besorgten Miene Platz, als sie

das etwas triste Flöten vernahm, das dem Käfig an der Wand entquoll.

Aber im nämlichen Augenblick hatte sie auch schon einen Plan zur

Abhilfe bereit und zielbewußt einen gemästeten Leckerbissen aus

dem Mehlwurmhäfen gefischt, mit dem sie, den verunglückten und ins

Gegenteil verkehrten Jubel aus der Welt zu schaffen, dem Schnaberl den

Schnabel stopfte.

Vater Ziervogel, der am Tisch saß und Patiencen legte, lehnte sich,

einen Seufzer von sich gebend, in den Divan zurück und sagte mit

kläglicher Stimme: »Ach bitte, Anna, laß den Vorhang herunter, die

entsetzliche Sonne macht mich noch verrückt.«

»Sei doch froh, lieber Vater, daß sie endlich wieder scheint,«

sagte sie und zögerte; erfüllte aber, wenn auch kopfschüttelnd und

widerstrebend, schließlich doch seinen Wunsch, während er sich erhoben

hatte und mit wackligen Schritten in der Stube auf und nieder zu gehen

anfing, die Hände auf dem Rücken.

»Mein Kopf ist dumm geworden!« klagte er. »Die Studiata bring' ich

überhaupt nicht mehr zuweg'! Rein vernagelt bin ich manchmal ...«

»Muß es denn gerade die Studiata sein?« fragte Anna tröstend dagegen.

»Leg' den Zopf, den triffst du sicherlich und unterhältst dich

ebensogut dabei.«

»Der Zopf hilft mir nichts, er ist zu einfach und geht immer aus, ganz

wie von selbst. Da braucht man sich nicht zu plagen, kommt von seinen

Gedanken nicht los und dreht sich immer im gleichen Kreis herum.«

Bekümmert beobachtete die Tochter die sorgenvolle Miene, die gebrochene

Haltung des rastlos Aufundabschreitenden. Seit Wochen schon zerbrach

sie sich den Kopf, was so plötzlich in ihn gefahren sein mochte? Denn

bis dahin hatte er das Unvermeidliche, das die Zeitumstände mit sich

brachten, mit Fassung, wo nicht mit Laune hingenommen, und daß der

Verlust der Uhr samt Kette ihn so aus der Bahn geworfen habe, wie er

selbst es behauptete, das hielt sie nicht recht für glaubhaft; den

hätte er doch wohl endlich können verschmerzt haben, meinte sie. Da er

nun vor dem Wetterglas haltmachte, das neben dem Fenster hing, hoffte

sie ihn zu ermuntern, indem sie sagte: »Ist kein Wunder, wenn einer

miselsüchtig wird bei dem andauernden Regen und Nebel. Der Kummer um

die gestohlene Uhr liegt dir auch noch immer im Magen. Gib acht, Vater,

wie das jetzt alles von dir abfallen wird, wenn nur erst der Frühling

seinen Einzug hält. Sieh, wie sich's aufklärt, wie auf einmal die Sonne

vom Himmel lacht! Die schlimme Zeit ist überwunden und ...«

Erschrocken hielt sie inne.

»Nichts ist überwunden! Nichts lacht vom Himmel und nichts hält seinen

Einzug!« schrie Meister Ziervogel bleich vor Erregung. »Willst du's

besser wissen als mein Barometer? Es ist gefallen, was sag' ich? --

gestürzt ist es, die Regenperiode ist nicht zu Ende, im Gegenteil, sie

fängt jetzt erst recht an, da hilft kein Unheilkrächzen, wir werden

noch lange keinen Frühling zu sehen bekommen! Und die Sonne, die

Sonne« -- er hatte rasch den Vorhang wieder zurückgezogen und schloß,

auf den Fußboden weisend, von dem die grelle Lichttafel jetzt ebenso

plötzlich verschwunden wie vorhin aufgetaucht war, mit einem Unterton

frohlockender Genugtuung in der Stimme: »Wo ist die Sonne? Fort ist

sie! Verkrochen hat sie sich, auf Nimmerwiedersehn!«

Wer hätte sich nun einen Reim darauf machen können, was das alles

bedeutete? Daß das Fortdauern des Trübsalwetters seinen Wünschen zu

entsprechen schien? Daß er die Sonne nicht leiden mochte und es ein

Unheilkrächzen nannte, wenn man den nahenden Frühling verkündete?

Rätsel über Rätsel! Die gute Anna hatte Zeit genug, darüber

nachzudenken, als sie wieder in ihrer Küche stand und die gargekochten

Erbsen durchs Sieb trieb, mit Umsicht und Geschick die spärlichen

Stellen benützend, wo es noch keine größeren Löcher hatte, als es der

Natur und dem Zweck eines Siebes eben entspricht. Aber vorderhand

zeitigte ihr Nachdenken kein Ergebnis.

Gegen Mittag pochte es an Ziervogels Tür. Er schrak zusammen, wie das

Klopfen einer knöchernen Hand klang es seinem überreizten Empfinden,

und dem kleinen, gelblichen, hohläugigen Bock, der eintrat, schien

zum Knochenmann nichts als die Sense zu fehlen. Einer stummen Mahnung

gleich stand der entsetzlich tatentschlossene Freund vor ihm, eine

Verkörperung des Schicksals, das man irgendwie zu versöhnen das

unwillkürliche Bedürfnis fühlt.

»Willst du nicht Platz nehmen, Anselm?«

»Danke! Ich gehe gleich wieder. Es ist Zeit, Joachim! Der erste schöne

Tag ruft uns zur Tat! Heut' um zwei, wenn es dir recht ist, hol' ich

dich.«

»Hol' dich selbst dieser und jener!« antwortete schnöde der

Zuckerbäcker. »Das nenn' ich keinen schönen Tag, was man im amtlichen

Wetterbericht höchstens mit dreiviertelbewölkt bezeichnen könnte.

Alles was recht ist, aber zu mehr, als was abgemacht ist, fühl' ich

mich nicht verpflichtet. Übrigens wollte ich ohnedies noch einmal

mit dir sprechen ... Aber so nimm doch endlich Platz,« wiederholte

er dringlicher, »und steh' nicht wie ein Gläubiger vor mir, der eine

Schuld einfordern kommt!«

Der Berg der Läuterung · 第 2 / 14 段