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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
sind stillschweigend korrigiert worden.
Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~
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Emil Ertl
Der Berg der Läuterung
Der
Berg der Läuterung
von
Emil Ertl
[Illustration]
L. Staackmann Verlag / Leipzig
1922
Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten
+Für Amerika: Copyright 1922 by L. Staackmann,
Leipzig+
Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.
Der Hölle Greu'l entflohn, will ich nun singen
Vom steilen Berg, wo sich die Seelen läutern
Und würdig werden, sich zum Licht zu schwingen....
... Gebeugten Rückens sah ich sie da stehen,
Erdrückt halb von der Last, unmenschlich schwer,
Und der Geduldigste sogar -- zu flehen
Schien weinend er: Ach Gott, ich kann nicht mehr!
~Dante~, Purgatorio.
Inhalt
Seite
1. Die Sofapuppe 9
2. Das Rotkehlchen 33
3. Die Sphinx 115
4. Der Mieter 187
5. Die Zobelkinder 255
Die Sofapuppe
Die alte würdige Kammerfrau hatte eben die letzte Hand an die
Abendtoilette ihrer jugendlichen Herrin gelegt, mit erfahrenen Fingern
nestelte sie noch am kostbaren Pelzbesatz der Dekolletage und war
gerade damit fertig geworden, als das Telephon klingelte.
»Bitte, wollen Sie gefälligst nachsehen?« befahl die Dame.
Während die treue Dienerin sich entfernte, kramte die schöne junge
Frau in dem Schmuckkästchen, das auf dem Stellfach der Psyche stand,
trat vor den Spiegel und legte sich eine prachtvolle Diamantenrivière
um den schlanken Hals, indem sie die herrlich geformten Arme
zurückbog und die Schließe einschnappen ließ. Die großen Solitärs des
geschmackvollen Schmuckstückes blitzten wie lebendiges Feuer um ihren
blendend weißen Hals und sprühten tausend farbige Funken bei jedem
Atemzug der tadellosen Büste. Ein befriedigtes Lächeln spielte um ihre
sonst ernst verschlossenen Lippen, erwartungsvoll wendete sie sich der
wiedereintretenden Zofe entgegen.
»Kommt mein Mann mich abholen?«
»Der gnädige Herr läßt sich entschuldigen, er muß noch zu einer Sitzung
fahren, die er gänzlich vergessen hatte, und hierauf noch einmal in
sein Bureau zurückkehren, aber nur für ein paar Minuten. Er bittet die
gnädige Frau, ihn dort abzuholen, in etwa einer halben Stunde wird er
das Auto herschicken.«
»Dann hätte ich mich nicht so zu beeilen brauchen,« sagte die Dame
verstimmt.
Mit einer müden Geste trat sie ans Sofa und ließ sich sichtlich
übelgelaunt in die Kissen gleiten.
»Nichts ist lästiger, als wenn man in großer Toilette so dasitzen und
warten soll,« sagte sie, die Lippen aufwerfend. »Überhaupt die leidigen
Gesellschaften, Abend für Abend! Sie sind im Dienste meiner verewigten
Eltern grau geworden und kennen mich lange genug, um zu begreifen, wie
lästig mir das ist! Am liebsten kleidete ich mich wieder um und bliebe
daheim.«
»Das würde der gnädige Herr sehr übel nehmen,« erlaubte sich die alte
Zofe zu bemerken. »Gerade heute, am Verlobungstag ...«
»Ja, eben, gerade heute!« flammte die junge Frau auf, während Röte in
ihre Wangen stieg. »Wie gern hätte ich gerade diesen Abend zu Hause
und mit ihm allein verbracht! Bekam ich in den bald vier Jahren, die
wir verheiratet sind, ihn überhaupt zu sehen außer in Gesellschaft?
Diesen einen Abend, am Jahrestag unserer Verlobung, hätte er mir wohl
widmen können! Aber da ist wieder einmal so ein hohes Tier aufgetaucht,
eine einflußreiche Persönlichkeit, der ich den Hof machen soll,
damit er geschäftlichen Nutzen daraus zieht. Finden Sie das nicht
unwürdig? Übrigens wird er mich mit solchen Zumutungen ein nächstes
Mal voraussichtlich verschonen, ich hab' mir schon vorgenommen, so
unliebenswürdig wie möglich zu sein.«
»Das wird der gnädigen Frau schwerlich gelingen,« sagte die
weißhaarige Dienerin mit einem nachsichtigen mütterlichen Lächeln.
»Wenn man an Jugend, Schönheit und Glanz der Toilette alle anderen
Damen überstrahlt, so wäre es eine wahre Kunst, nicht auch an
Liebenswürdigkeit die Königin des Abends zu sein.«
Da keine Antwort erfolgte, fragte sie nach einer kleinen Pause:
»Befehlen gnädige Frau sonst etwas?« und verließ, als die Frage
verneint wurde, fast unhörbar das Gemach.
Allein geblieben und sich langweilend, verfiel die schöne junge Dame
darauf, das Feuerwerk der glitzernden Diamanten zu beobachten, das
der gegenüber befindliche Spiegel zurückwarf. Sie wiegte sich leise
in den Hüften, die Facetten der Steine in allen Farben spielen zu
lassen, hob die Hände hoch, scheinbar an der Coiffüre noch etwas zu
ordnen, und ergötzte sich daran, wie die bunten Blitze, die an ihren
schmalen Fingern und Handgelenken aufleuchteten, mit dem Flimmern des
Brillantenkolliers wetteiferten, das ihren Hals schmückte und einen
Sprühregen feuriger Funken auf die volle weiße Brust niedertropfen
ließ. Aber schließlich wurde sie dieser nichtigen Beschäftigung
überdrüssig und lehnte sich mit einem leisen Gähnen in die Sofaecke
zurück. Ein Seufzer stahl sich über ihre Lippen ... Plötzlich fiel ihr
Blick auf die Puppe, die in der anderen Sofaecke saß und sie unverwandt
anglotzte.
In welch wunderlicher Gesellschaft befand sie sich da! Was war das für
ein gespenstisches Ding, dies snobistische Spielzeug für die müßigen
Launen Erwachsener, mit dem ihr Mann sie beglückt hatte? Aus einem der
feinsten Luxusgeschäfte in der Kärntnerstraße hatte er es heute morgen
als Überraschung zum Verlobungstag an sie schicken lassen, er liebte
es, das Geld zum Fenster hinauszuwerfen. Zum erstenmal kam sie jetzt
dazu, die Puppe etwas genauer ins Auge zu fassen. Sie konnte nicht
umhin, den erlesenen Geschmack zu bewundern, mit dem sie gearbeitet
war, die geistreiche Kunstfertigkeit, die dem kleinen Popanz etwas wie
menschliche Eigenart, eine geheimnisvolle Absonderlichkeit einzuhauchen
gewußt hatte.
Es war eine Japanerin in silberdurchwirktem Seidenkimono,
Saffianpantöffelchen an den Füßen, das pechschwarze Haar zu einem
kunstvollen Bau getürmt und von silbernen Gestecken zusammengehalten.
Dem Gesicht, das ursprünglich vielleicht nichts weiter als ein Polster
aus gelblichem Filz gewesen war, hatte künstlerische Pinsel- und
Nadelmalerei so eigenartig individuelle Züge verliehen, daß man die
kleine Dame, wenn man sie nur einmal gesehen, schon persönlich zu
kennen glaubte. Denn sie war ein Wesen für sich, kein gleichgültiger
Abklatsch, etwas wie ein lebendiger Mensch und wie ein solcher nur ein
einziges Mal auf der Welt vorhanden, mit keinem anderen zu verwechseln.
Ganz besonders die Augen, aus denen ein Paar glänzend schwarzer Perlen
ernst und fast zürnend herausstachen, schienen wie von einem Ausdruck
menschlicher Leidenschaftlichkeit beseelt.
Die schöne junge Frau, die diese Augen unverwandt und beharrlich auf
sich gerichtet sah, fing an, sich einigermaßen zu beunruhigen. Es war,
als kröche ihr irgend etwas Unheimliches den Nacken herauf.
»Was siehst du mich so sonderbar an?« fragte sie plötzlich.
Sie sagte es ganz laut und fuhr unwillkürlich zusammen, über den
Ton ihrer eigenen Stimme erschreckend. Aber sogleich kehrte ihre
Besonnenheit zurück, und indem sie sich nach der anderen Sofaecke
hinüberneigte, in der die Puppe stumm und unbeweglich saß, mit Augen,
in denen etwas wie ein feuchter Schimmer zu glänzen schien, sagte sie
begütigend und beinahe zärtlich, wie man zu einem greinenden Kinde
spricht: »Du füllst deinen Platz schlecht aus! Bist du nicht auf der
Welt, um Vergnügen zu bereiten? Warum blickst du so trübselig drein? So
lächle doch nur ein ganz klein wenig! Unterhalte mich! Vertreib' mir
die Zeit!«
Sie hatte sich so weit vorgebeugt, daß sie die Puppe ganz aus der
Nähe sehen konnte. Jetzt schrak sie jäh empor und zog sich starr vor
Entsetzen in ihre Sofaecke zurück, die Puppe hatte einen tiefen,
herzbewegenden Seufzer ausgestoßen.
»Mir ist das Weinen näher als das Lachen,« sagte die Puppe ganz
deutlich.
Betreten und scheu wagte die schöne junge Dame kaum mehr nach ihr
hinüberzusehen, ihre Lippen bewegten sich und stammelten stumme Worte
... Endlich brachte sie wie einen Hauch die Frage hervor: »Weshalb?
Erklär' es mir! Weshalb?«
Aber die Puppe schwieg. Die junge Frau überlegte. Sie hatte sich wieder
gefaßt und dachte nach. Da kam ihr ein Gedanke.
»Wer hat dich in die Welt gesetzt?« fragte sie.
Und da die Puppe noch immer keine Antwort gab, fuhr sie fort: »Du
siehst wie eine hochelegante kleine Dame aus, hast aber vielleicht
nicht immer so gute und sorgenfreie Tage gesehen, wie ich sie dir
in meinem Hause bieten kann. Ich weiß, der Krieg hat viel Elend
und Kummer über die Menschen gebracht und der Friede noch nicht
viel daran gebessert. Mancher, der stolz und reich war, ist arm und
haltlos geworden, und es gibt Damen, die der besten Gesellschaft
angehörten, in glänzenden Verhältnissen lebten wie ich, und nun,
der Not ins Auge blickend, sich mit ihrer Hände Arbeit kümmerlich
fortbringen. Der Geschmack, der deine äußere Erscheinung auszeichnet,
läßt mich vermuten, daß auch du dein Dasein einer solchen
Unglücklichen verdankst, die, in einem Milieu der Kultur und des
Überflusses aufgewachsen, nun plötzlich +vis-à-vis de rien+
steht. Im ungeheizten Stübchen, frierend und zähneklappernd, beim
Schein des Öllämpchens, das sie mit ihren Entbehrungen speist, kramt
sie vielleicht die teuersten Andenken ihrer Jugend, die letzten
Überbleibsel ihres Wohlstandes zusammen, um durch Herstellung solch
überflüssiger Dinger, wie du eins bist, die Kauflust der Geldverdiener
zu reizen und sich noch eine Zeitlang über Wasser zu halten. Und nun,
da du mich so vor dir sahst, schön, glänzend, reich und glücklich,
da kam dir wohl die Erinnerung an jene andere, aus deren Händen
du hervorgegangen bist, und an die du noch immer eine gewisse
Anhänglichkeit bewahrst, und die abgrundtiefen Gegensätze, die das
heutige Leben zwischen den Menschen und ihren Schicksalen aufreißt,
preßten dir das Herz zusammen und machten dich traurig. Ist es so, wie
ich sage? Habe ich recht geraten? Gesteh's mir! Sprich!«
Aber die Puppe rührte sich nicht. Stumm und steif saß sie da, die
dunkel glänzenden Perlen der Augen in die gegenüberliegende Sofaecke
gebohrt, und schwieg. Es war kein Ton mehr aus ihr herauszulocken.
Die junge Frau hatte sich erhoben, unruhig hastete sie auf dem weichen
Teppich auf und nieder und krampfte nachsinnend die Hände ineinander.
Alles in ihr war aufgewühlt. Sie fühlte das Bedürfnis nach einer guten
Tat, sie suchte nach einer Gelegenheit hierzu, sie wollte Not lindern
helfen, heute, an ihrem Verlobungstag. Von der Straße herauf gab die
Hupe des Chauffeurs das Zeichen, daß das Auto eingetroffen sei, sie
abzuholen. Da trat sie entschlossen an die Toilette und drückte auf den
Klingelknopf. Die Zofe erschien. Sie nannte ihr das Geschäft in der
Kärntnerstraße, wo die Sofapuppe herstammte, und befahl:
»Läuten Sie sofort an, möglich, daß schon geschlossen ist, vielleicht
haben sie aber doch noch offen. Ich ließe fragen, wo die reizenden
Puppen hergestellt werden, von denen mein Mann heute eine gekauft hat.«
In Eile legte sie sich selbst den Pelzmantel um die Schultern und
suchte mit zitternden Händen alles Geld zusammen, das sich in ihrem
Schreibbureau finden ließ. Die alte Dienerin, die inzwischen die
gewünschte Auskunft erhalten hatte, begleitete sie die teppichbelegte
Treppe hinunter und öffnete die Haustür. Noch einmal, zwischen Tür und
Angel, ließ die Dame sich die Adresse wiederholen: »Frau Hauptmann
Larisch, Rudolfgasse 36!«
»Rudolfgasse 36!« rief sie dem Chauffeur zu, während er ihr in die
Limousine half.
Der Wagen sauste davon. Die Straßenlaternen flogen in langen Zeilen
an den Fenstern vorüber. Ihr Mann würde wohl ungehalten sein, in die
Gesellschaft kamen sie sicher zu spät. Aber was tat's? Mochte er sich
in Geduld fassen! Wie oft hatte er schon auf sich warten lassen! Beruht
nicht jede Ehe auf Gegenseitigkeit? ...
Das Haus Rudolfgasse 36 war ein verlotterter alter Kasten mit
stockdunklem Flur. Fast unter Lebensgefahr tastete sie sich eine
finstere Kellertreppe hinunter, die Hausmeisterwohnung zu suchen. Ob
Frau Hauptmann Larisch hier wohne? Jawohl, die wohnte hier, dritte
Stiege, vierter Stock, Tür Nummer 42. Mit Müh' und Not erreichte sie
über einen holperigen Hof hinweg endlich ihr Ziel und zog an einer
Klingel. Eine Frau, von der sie im herrschenden Zwielicht nur die
Umrisse wahrnehmen konnte, öffnete und fragte nach ihrem Begehr.
»Ist Frau Hauptmann Larisch zu sprechen?«
»Bitte einzutreten.«
In einer niedrigen Stube, die anscheinend als Werkstatt diente, kochte
eine Suppe oder dergleichen auf dem eisernen Öfchen. Auf dem Tische
lagen unter einer dürftigen, trübe brennenden Hängelampe Farbentuben,
Pinsel und allerhand Nähzugehör durcheinander, Puppenperücken, winzige
Lederschühchen, ein ganzer Berg, und Stoffreste, teilweise bereits
zugeschnitten. Auch von dem blauen silberdurchwirkten Seidenbrokat,
aus dem der Kimono der Sofapuppe geschneidert war, stand ein Kleidchen
schon fertig da, aber noch ohne Körper.
»Womit kann ich dienen?« fragte die ebenfalls noch blutjunge, dürftig
aber sauber gekleidete Frau, die die Eingangstür geöffnet hatte.
»Ach so, Sie sind selbst --? Sie machen die reizenden Puppen, nicht
wahr --?«
In diesem Augenblick stockte sie und trat einen Schritt zurück. Sie
hatte diese Frau Larisch erst jetzt schärfer ins Auge gefaßt und geriet
außer Fassung.
»Berta!« rief sie entsetzt. »Seh' ich recht? Oder täusche ich mich --?«
»Nein, Aimée, du täuschest dich nicht,« sagte die andere ruhig. »Es
ist lange her, daß wir uns zum letztenmal gesehen haben.«
»Nur allzulange! Bald hätt' ich dich nicht wiedererkannt, du trägst
einen Schüttelkopf --? Steht dir übrigens gut! Aber wo ist dein
herrliches, langes schwarzes Haar hingekommen?«
Frau Larisch lachte. »Ja, denke, das hab' ich auf Perücken für meine
Puppen verarbeiten lassen. Hilf, was helfen kann! ... Die prahlen nun
damit, und für mich ist's bequemer so.«
Die elegante junge Frau schlug die Hände zusammen: »Nein! Wie man sich
~dazu~ entschließen kann --! Unser Haar, das gehört doch so zu
uns, mir wär's, als würde ein Teil von mir gemordet!«
»Nun, gerade zum Vergnügen tut man's auch nicht ... Wie hast du mich
übrigens aufgefunden? Kann ich dir mit etwas dienen?«
»Nein, nein, im Gegenteil, ich wollte ... es kam mir plötzlich so
in den Sinn ...« Frau Aimée stockte und wurde verlegen. »Du hast es
verstanden,« sagte sie mit leisem Vorwurf, »eine wahre Nebelschicht um
dich zu verbreiten. Ich wußte ja nicht einmal, daß du verheiratet
bist.«
»Es war eine Kriegstrauung, wir machten nicht viel Aufhebens davon.«
»Dein Mann ist -- Offizier?«
»Er ist gefallen ... Willst du nicht Platz nehmen? Du entschuldigst,
wenn ich weiter arbeite. Ich muß jede Minute ausnützen, bis in die
Nacht hinein.«
Die Puppenschneiderin paßte zwei zugeschnittene Zeugstücke aneinander
und ließ die Nadel fliegen, indes Aimée sich am Arbeitstisch auf einen
wackeligen Stuhl gesetzt hatte. Sie war verwirrt und betreten. Dieser
tapferen Frau gegenüber, die im Institut ihre beste Freundin gewesen,
ließ sich nicht leicht die Wohltäterin spielen, hier tat größtes
Zartgefühl not, um so mehr, als sie später gewisser Umstände halber
sich einander entfremdet hatten.
»Ich muß dich schelten, Berta,« nahm sie mit etwas gepreßter Brust das
Gespräch wieder auf. »Warum hast du all die Jahre her nichts mehr von
dir hören lassen?«
»Du lieber Himmel, wer hatte in der Zeit nicht mit sich selbst genug zu
tun!« antwortete Frau Larisch, emsig arbeitend. Und aufrichtig setzte
sie hinzu: Ȇbrigens bestand doch auch nicht mehr dasselbe herzliche
Einvernehmen zwischen uns wie einst. Dein Mann hatte uns beiden in
gleicher Weise den Hof gemacht, das fördert selten die Freundschaft
zwischen jungen Mädchen.«
Sie setzte einen Augenblick mit Nähen aus, hob den Kopf und lächelte.
»Ich erinnere mich noch der großen Bälle, wo wir für Rivalinnen
galten. Besonders an ein Kostümfest im Hotel Métropole -- du entsinnst
dich wohl auch noch daran? Ich trug ein Kleid aus diesem herrlichen
Silberbrokat,« sie strich mit der Hand über das fertige Gewändchen, das
steif auf dem Tisch stand, und lachte jetzt aus vollem Herzen. »Das
wird nun alles auf Kimonos verschneidert,« sagte sie, »so machen sich
die Reliquien nützlich.« Und wieder ernster geworden und ihre Arbeit
wieder aufnehmend, fuhr sie fort: »Wie gut, daß mein Vater damals in
der Lage war, mir so kostbare Stoffe zu spendieren! Ja, an jenem Abend
war ich fast etwas wie eine Art Ballkönigin. Dein Mann hatte mich in
so auffallender Weise bevorzugt, daß alle Tanten bereits die Köpfe
zusammensteckten.«
»Bist du ihm noch böse?« fragte Aimée mit übertriebenem Mitgefühl, das
eine gewisse Genugtuung nur schlecht verhüllte.
»Was dir einfällt! Nein, böse war ich ihm niemals, bei Gott! Und später
bin ich ihm sogar von Herzen dankbar gewesen.«
Frau Aimée stutzte: »Dankbar? Wieso dankbar?«
»Ganz einfach. Wäre seine Wahl damals auf mich gefallen, statt auf dich
-- wer weiß, hätte ich schließlich nicht doch ja gesagt. Denn damals
wußte ich noch nicht, was Liebe ist. Das wußte ich erst, als ich meinen
verstorbenen Mann kennen lernte.«
»Ihr habt euch sehr geliebt?« sagte Aimée oberflächlich teilnehmend.
»Ich liebe ihn noch. Und daß er mich liebte, bewies er am deutlichsten
dadurch, daß er mich zur Frau nahm, trotzdem mein armer Vater -- du
weißt ja wohl?«
»Nein, nein, ich weiß von nichts! Erzähle! Lebt dein Vater noch?«
»Er ist einem Schlaganfall erlegen, bald nach dem großen Unglück. Durch
eine Konjunktur, die der Krieg mit sich brachte, hatte er nämlich sein,
wie du dich wohl erinnerst, ziemlich bedeutendes Vermögen verloren.«
»Arme Berta!« rief Aimée, nun von aufrichtigem Mitleid überströmend.
»Und so mußt du nun ganz allein ... und gänzlich verarmt, ohne Mittel
...«
»O, es ist nicht so schlimm,« sagte Frau Larisch; »ich verdiene gut,
wir kommen durch ... Und -- allein? O nein, ich bin nicht allein.«
Abermals lächelnd, blickte sie auf und deutete nach der Stubentür knapp
am Öfchen. »Da nebenan schläft ein herziger Junge, drei Jahre alt, ein
süßer Bengel. Du hast wohl auch so was Kleines? Nein --? Wie schade!
Das ist doch erst das Wahre, damit fängt für eine Frau das richtige
Leben überhaupt erst an ... Der Junge ist meine ganze Freude, und so
bin ich, siehst du, durchaus nicht allein. Auch weilen ja die lieben
Verstorbenen noch immer um mich, der arme Vater, mein guter Mann.
Ihn lernte ich gerade damals kennen, als die Firma zusammengebrochen
war. Und darum weiß ich auch ganz bestimmt, daß er mich wirklich
und wahrhaftig liebte, nur um meiner selbst willen. Denn ich hatte
aufgehört, eine gute Partie zu sein, was ich ja in der Zeit, wo ich
im Ballsaal umworben wurde, noch gewesen war. Und so eine richtige
Liebe, noch übers Grab hinaus, ist doch kein leerer Wahn und ein
wahrer Trost ... Dies alles, siehst du, verleiht mir die Kraft, die
innere Sicherheit und Ruhe, die mir jetzt so nottut. Ich bin nicht
so bedauernswert, wie es den Anschein hat, ich tausche mit niemand.
Verstehst du mich, Aimée?«
Frau Aimée schwieg und biß die Lippe. Sie wußte nicht mehr, wozu sie
eigentlich gekommen sei. Um einer anderen zu helfen? War sie nicht
hilfsbedürftiger als jene? Ein böser Argwohn, giftig wie eine Schlange
und schon früher gelegentlich erwacht, aber immer wieder eingelullt,
hatte sich heimlich an ihr Herz geschlichen, umschnürte es nun
plötzlich und nagte daran.
»Um welche Zeit war es doch,« fragte sie starr und gespannt, »daß
deinen Vater das geschäftliche Unglück traf?«
»Vor wenigen Tagen sind es gerade vier Jahre gewesen,« antwortete Frau
Larisch unbefangen.
Die elegante junge Frau erblaßte. Vier Jahre? Ausgerechnet vier Jahre,
gerade vor wenigen Tagen? Und genau heute vor vier Jahren hatte Harry
um sie angehalten! Sollte zwischen diesen beiden Tatsachen nicht
ein gewisser Zusammenhang bestehen? War es denn nicht einigermaßen
zweifelhaft, ob Harry heute vor vier Jahren gerade um sie, Aimée,
angehalten haben würde, wenn Berta damals noch eine gute Partie gewesen
wäre? Sprach nicht vielmehr eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür,
daß in Harrys Schwanken zwischen ihr und Berta lediglich die großen
Gewinne den Ausschlag zu ihren eigenen Gunsten gegeben hatten, die ihr
Vater ebenso unerwartet aus dem Kriege gezogen, wie Bertas Vater durch
den Krieg ruiniert worden war? Wieviel hatte sie sich damals darauf
zugute getan, über Berta triumphiert zu haben! Und nun wurde sie sich
zu ihrer tiefsten Beschämung und Empörung plötzlich dessen bewußt, daß
sicherlich nicht ihre Schönheit und sonstigen Vorzüge allein es gewesen
waren, die ihrer Wagschale das entscheidende Gewicht verliehen hatten.
Sie richtete sich steil auf, erhob sich und schwankte, eine unbekannte
Schwäche wandelte sie an, mechanisch griff sie nach der Lehne des
Stuhles, sich festzuhalten ...
Erschrocken war Frau Larisch aufgesprungen, sie zu stützen. »Aimée, was
ist dir?«
»Nichts, gar nichts! Nur etwas schwül -- hier in der Nähe des Ofens.
Nun ist's wieder vorbei. Ich wollte meinen Pelz nicht ablegen, mein
Aufzug paßt nicht in diese trauliche Umgebung der Arbeit. Muß auch
gleich wieder fort. Darf ich deinen Jungen sehen?«
Mit der Weisheit des Herzens, die der bittere Ernst des Lebens
ausbildet, ahnte Berta, was in der Seele der Freundin vorging.
Aber sie fühlte auch, daß Worte hier nichts bessern konnten. Sie
begnügte sich deshalb damit, sie in die Arme zu schließen und wie in
jungen Mädchenjahren zu liebkosen, indem sie sagte: »Du hast es ein
wenig mit den Nerven, Kind! Vermutlich überanstrengst du dich mit
gesellschaftlichen Verpflichtungen, die doch keine rechte Befriedigung
gewähren. Solltest dir lieber auch so einen kleinen Jungen anschaffen
-- ich will schnell einen Leuchter holen, ihn dir zu zeigen.«
Sie ging in den winzigen Vorflur hinaus, da schoß Aimée der Gedanke
durch den Kopf, ob sie der großmütigen Absicht, die sie hergeführt,
nicht doch irgendwie entsprechen könne. War Berta auch zu stolz,
einzugestehen, daß sie mit der Not kämpfte, so bewies die Umgebung,
in der sie hauste, doch das Gegenteil. Und diesen albernen Stolz
zu beugen, der die Vorteile und die vielfältige Überlegenheit des
Reichtums glatt abzuleugnen versuchte, hätte Aimée eine gewisse
Genugtuung gewährt. Aber Geld --? Das konnte mit Recht verletzen.
Durch ein Andenken hingegen an die Freundin sich verletzt zu fühlen,
das wäre nur wieder eine Regung jenes dummen Stolzes gewesen, mit dem
die Mittellosen sich gern eitel überheben. Sie hörte Frau Larisch
zurückkehren. Da überlegte sie nicht länger, nestelte ihre kostbare
Diamantenrivière vom Halse und ließ sie in den auf dem Tische
stehenden Nähkorb gleiten. Es war das Hochzeitsgeschenk Harrys, und
Aimée empfand in dem Augenblick, wo sie die blitzenden Steine unter
Seidensträhnen und Stoffresten verschwinden sah, ein boshaftes Gefühl
der Erleichterung darüber, daß dieses Kollier nunmehr in den Besitz
derjenigen überging, der es vielleicht nur ein unglücklicher Zufall
vorenthalten hatte. Im nächsten Augenblick freilich kam ihr ihre
Handlungsweise schon verrückt, taktlos, beleidigend vor, aber es war
zu spät, sie rückgängig zu machen, Frau Berta trat mit der Kerze ins
Zimmer.
Auf den Zehenspitzen schlichen sie an das Bettchen des Kindes,
das, ruhig atmend, ein Händchen auf der Brust, das andere seitlich
ausgestreckt, einem schlummernden Engel glich. Aimée wurde weich und
warm ums Herz. Sie schmeichelte sich nun doch wieder, etwas Gutes
getan zu haben, der Erlös des kostbaren Schmuckes konnte diesem holden
Geschöpfe eine gesunde und frohe Kindheit, eine gute Erziehung, eine
aussichtsreiche Zukunft sichern. Nun hatte sie gewissermaßen Teil an
Bertas Mutterschaft, da ihr die eigene bisher versagt geblieben ...
Andächtig betrachtend, stand sie mit unwillkürlich gefalteten Händen,
als plötzlich das Leid sie überwältigte. In bittere Tränen ausbrechend,
faßte sie nach Bertas Hand, sie rasch zu drücken, dann stürzte sie
hinaus. Sie war nicht mehr zu halten. Stumm eilte sie durchs Zimmer,
flüchtete gleichsam gegen die Eingangstür. Und wie verfolgt lief sie
den Gang entlang und die Treppe hinunter, immer heftiger schluchzend
und sich so zwecklos und elend fühlend, wie sonst stolz und königlich.
Während die Limousine gegen den Graben flog, wo Harrys Bureau sich
befand, ließ sie ein Fenster herunter, schabte etwas Schnee von den
Eisblumen und kühlte sich die Augen, damit ihr Mann nichts merken
sollte. Übrigens kam sie gegen alle Voraussicht noch immer zu früh, er
hatte noch einiges zu erledigen und ließ sie warten. Die Verstimmung
hierüber half ihr das normale Aussehen wiedergewinnen. Endlich trat
er ein, schon in Zylinder und Frackmantel, eleganter Diplomat von den
Lackschuhen bis zum glatten Scheitel, überlegen, hochfahrend, kühl und
etwas beißend wie immer. Mit einer unwillkürlichen Bewegung zog sie den
Pelz über dem Halse zusammen, aber schon hatte sein scharfer Blick die
Blöße erspäht.
»Was fällt dir ein, Aimée! Wo hast du deine Diamantenrivière gelassen?«
Nicht ohne Geschick spielte sie die Erstaunte.
»Ach sieh! Das ist nun albern! Die hab' ich umzunehmen vergessen! Aber
was tut's? Es kommt mir nicht darauf an.«
»Mir aber wohl! Der nackte Hals sieht geradezu armselig aus!«
»Man sagt, eine schöne Frau sei am schönsten ohne jeden Schmuck.«
»Na, hör' mal, für so schön brauchst du dich gerade nicht zu halten!«
sagte er brutal.
Das Wort traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Ihr Stolz bäumte sich.
»Lassen wir's darauf ankommen, ob sich nicht trotzdem Herren genug ...
Wenn ich nur wollte ...!«
Ihre Augen blitzten. Er überhörte geflissentlich die versteckte, aber
darum nicht minder infame Drohung.
»Vorwärts, komm! Wir fahren nach Hause. Du nimmst den Schmuck um.«
»Ich lasse mich nicht zwingen.«
»So kannst du unmöglich in Gesellschaft gehen!«
»Dann geh' allein!«
»Das will ich tun.«
Schweigend stiegen sie Seite an Seite die Treppe hinunter. Wortlos
nebeneinander sitzend, fuhren sie durch die dunkle Nacht. Als die
Limousine vor der Villa hielt, stieg er aus, schloß die Haustür auf,
ließ sie eintreten und schloß wieder zu. Sie hörte, wie der Wagen
davonrollte. Wie im Traume wankte sie die Stufen empor.
»Ich bin nicht ganz wohl und wünsche vorderhand allein zu bleiben,«
sagte sie zu der bestürzt dreinsehenden alten Kammerfrau und zog sich
in ihr Zimmer zurück.
In der Ecke des Sofas saß starr und unbeweglich die kleine Japanerin,
in ihrem silberdurchwirkten Seidenkimono, das rabenschwarze Haar
kunstvoll aufgesteckt, die Saffianpantöffelchen an den Füßen, und
stierte nachdenklich und versunken in die gegenüberliegende Sofaecke.
In einer Aufwallung von Entrüstung ging Aimée auf die Puppe los: »Was
faselst du ins Blaue hinein? Jene andere braucht meine Hilfe nicht, und
wenn eine von uns beiden unglücklich ist, so bin ich es!«
Da wendete die Puppe plötzlich ganz unerwartet den Kopf herum und
richtete die glänzenden schwarzen Perlen ihrer Augensterne auf sie,
mit einem Ausdruck unsäglicher Traurigkeit: »Das war es doch, Madame,
warum ich sagte, das Weinen sei mir näher als das Lachen.«
Wie versteint starrte Aimée sie an. In demselben Augenblick pochte es
an die Tür. Es war die Zofe.
»Gnädige Frau entschuldigen, dies Päckchen wurde eben abgegeben: sofort
und persönlich in Ihre Hände zu legen.«
Gespannt riß Aimée die Umhüllung auf ... Diamanten funkelten ihr
entgegen ...
Das Rotkehlchen
»Meine alten Tage die hab' ich mir auch anders vorgestellt!« pflegte
Herr Ziervogel mit einem gutmütig-sauren Lächeln sich zu äußern.
Und dann holte er gewöhnlich einen kleinen Seufzer aus der schon
etwas kurzatmig gewordenen Brust hervor und fügte nicht ohne Laune
hinzu: »Denn das Leben, das unsereiner jetzt führt, das ist wie eine
Windbäckerei, in die man vergessen hat, die Schlagsahne einzufüllen!«
Immerhin --! Wenn es wenigstens süß wie spanischer Wind geschmeckt
hätte. Aber weit entfernt davon! ... Und gar Schlagsahne! Blieb
die nicht seit Jahren für den bedauernswerten Mitteleuropäer ein
ausschweifender Märchentraum?
Stets hatte Herr Ziervogel ein bißchen das Gefühl, daß ihm Unrecht
geschehe, daß er unverdientermaßen in die Klemme geraten sei, und
daß man ihn schnöderweise im Stiche gelassen habe -- »man«, jener
dickhäutige »man«, der an allem Schuld trägt und sich für nichts
verantwortlich fühlt. Jenes schillernde Chamäleon von einem »man«,
das sich bald hinter das Schicksal versteckt, bald hinter die
gesellschaftlichen Einrichtungen, manchmal wohl auch bloß hinter die
hohen Behörden, die (nach Joachim Ziervogels Meinung wenigstens)
eigentlich dafür zu sorgen hätten, daß es halbwegs gerecht zugehe auf
dieser Erde. Ach, du lieber Gott, darum kümmerten sich die hohen
Behörden nun allerdings schon lange nicht mehr. Sie hatten aufgehört,
Schutzmann zu spielen, und es vorgezogen, um nur halbwegs auf ihre
Kosten zu kommen, selbst unter die Beutelschneider, Buschklepper und
Manichäer zu gehen und dem zur Freiheit erwachten ehemaligen »Untertan«
das Fell über die Ohren zu ziehen.
Manchmal fehlte nicht viel, daß Herr Ziervogel an der Menschheit, ja
an der göttlichen Weltordnung selbst irre geworden wäre. Sah es nicht
fast wie ein schlechter Witz aus, daß gerade er, Zuckerbäcker seines
Zeichens, noch am Rande des Lebens so viel Bitteres auskosten mußte?
Hatte er etwa nicht redlich gearbeitet und sich geplagt, solange er
in den Jahren stand? War er kein nützliches Glied der menschlichen
Gemeinschaft gewesen?
Gerne tat er sich etwas darauf zugute, daß seine Konditorei schier ein
Menschenalter hindurch Kindern wie Erwachsenen ein Born der Freude
und Erquickung gewesen sei. Wie viele Mühselige und Beladene hatten
sich dort Magentrost und Herzstärkung geholt, als der Meister selbst
noch ausübend war und unverdrossen seines Amtes waltete, bis ins
geschäftig wackelnde Doppelkinn hinein von heiligem Eifer durchdrungen,
die Kundschaft mit bekannter Zuvorkommenheit zu bedienen. Nicht etwa
bloß aus der stillen Vorstadtgasse, in welcher der Geschäftsladen
sich befand, nein, auch aus allen umliegenden Gassen und Straßen,
manchmal gar aus den angrenzenden Vorstädten strömten die Leute herbei,
angelockt durch den wohlverdienten Ruhm, dessen die Erzeugnisse
Ziervogelscher Kunstfertigkeit sich erfreuten. Denn nirgends waren die
kandierten Früchte so vollsaftig, die Tortengüsse so eisspiegelglatt,
die Faschingskrapfen so flaumig, um nicht zu sagen ätherisch, und
nirgends in der ganzen Stadt schmeckten die Mohn- und Nußbeugel
köstlicher als in der Andreasgasse beim »süßen Joachim« -- wie der
Volksmund ihn getauft hatte.
Aber nein, ach nein, sie »schmeckten« ja leider durchaus nicht mehr,
in dieser bösen Nachkriegszeit! Die Halbvergangenheit war längst zu
einer ganzen, das Präteritum zu einem Plusquamperfektum geworden: denn
so ausgesucht und köstlich ~hatten~ sie bloß geschmeckt, all die
erwähnten ambrosischen Näschereien -- einst, vor Jahren, in besseren
Zeiten, damals, als die Menschen noch keine Ahnung davon hatten, wie
schlecht es einem ergehen könne auf dieser besten aller Welten, und
der süße Joachim noch nicht so unvorsichtig gewesen war, sein Gewerbe
zurückzulegen, um sich als Rentner aufzutun. Damals, ja, damals, in
jener bereits geschichtlich gewordenen Epoche, als er noch seelenrein
und schneeweiß wie ein Unschuldslamm in Pikeejacke und Tellermütze
hinter dem Ladentisch stand, auf dem die geschliffenen Glasaufsätze
funkelten. Hinter jener kühlen, appetitlichen Marmorplatte, auf der
er mit zärtlichen Fingern all die leckeren Apfel- und Pflaumenkuchen,
Kaffee- und Indianerkrapfen, Cremeschnitten und Nußschifferln,
Schaumrollen und Vanillekipferln so frommsinnig zur öffentlichen
Besichtigung auszubreiten wußte wie die Schaubrote auf Jahves Altar
(nur weit mehr als bloß ihrer zwölfe waren es selbstverständlich), daß
auch die verhärtetste Brust der eindringlichen Sprache des Gemüts nicht
länger widerstehen konnte und sich beseligt hinschmelzend der süßen
Weltfreude öffnete.
Vorbei! ... Vorbei! ... Für immer vorbei!
Herr Ziervogel hatte eine Tochter und ein Rotkehlchen, und beide
konnten wunderschön singen. Das Rotkehlchen ließ mit Vorliebe eine
ganz feine, behutsame, etwas schwermütige Weise vernehmen, während
der Tochter -- Anna hieß sie -- immer nur ein munteres Liedchen auf
den Lippen schwebte. Es waren oft die verschiedensten Weisen, die sie
trällerte, vor sich hinsummte oder aus voller Brust heraussang, wie
sie ihr gerade einfielen und in den Sinn kamen. Aber es kamen ihr
ausschließlich nur fröhliche Weisen in den Sinn, und eine trübselige
und kopfhängerische wäre ihr niemals auch nur im Schlafe eingefallen.
Einmal, als es gerade wieder anfing Frühling zu werden, sagte das
Mädchen zu seinem Vater: »Weißt du, was ich mir wünsche?« Und als Herr
Ziervogel erschrocken und gespannt aufblickte, gestand sie: wenn sie
dem Schnaberl (so hieß das Rotkehlchen) die Freiheit schenken dürfte,
das wäre halt ihr aller-, aller-, allersehnlichster Wunsch!
Ein erleichtertes Atemholen von seiten des also Angeredeten hätte
einem unberufenen Zuhörer die Vermutung nahegelegt, Ziervogel sei auf
einen weit kostspieligeren Wunsch gefaßt gewesen, wie etwa, um ein
Beispiel zu nennen: ein neues Zahnbürstchen, einen Schuhdoppler, ein
Henkeltöpfchen für die Küche -- die kleinste Selbstverständlichkeit
erforderte heute schon einen abgrundtiefen Griff in die Hosentasche.
Wie trostlos wäre er gewesen, dem herzlieben Töchterchen etwas
abschlagen zu müssen! Dessen durfte er sich nun für überhoben halten.
Denn ein billiges Vergnügen war es doch wenigstens, das Rotkehlchen
freizulassen, das ließ sich nicht bestreiten. Und doch -- ein merkbarer
Widerstand stemmte sich in seinem verborgensten Innern dagegen.
Denn: ließe ein rechtschaffener Singvogel sich unter Umständen nicht
ganz vorteilhaft verwerten? In bares Geld umsetzen? Gegen etwas
Nützlicheres, als er selbst zu sein sich rühmen durfte, auszutauschen?
Der Schnaberl mit seinem kleinen, behutsamen, etwas schwermütigen
Liedchen konnte immerhin eine Semmel wert sein. Oder wenigstens eine
jener Regiezigarren von der landesüblichen Sorte der Stinkadores, deren
ein zur Ruhe gesetzter Gewerbsmann, für wie vermögend er sonst auch
gegolten, sich kaum noch am Sonntag hie und da eine vergönnen durfte.
Aber der häßliche Gedanke -- so rasch aufgeblitzt, war auch schon
im selben Augenblick wieder schamhaft erloschen. Pfui, Joachim! Ein
argloses Waldvögelein als Ware einschätzen? Handelsgeschäfte mit ihm
treiben wollen? Einen sangesfrohen Hausgenossen, wie Schnaberl es war,
schnöde verschachern?
Meister Ziervogel errötete ein klein wenig und besann sich. Was
hatten doch die unhaltbaren wirtschaftlichen Zustände allmählich aus
ihm gemacht! Wie schofel war er geworden! Er, dem es sonst ein ganz
besonderes Vergnügen gewährte, das »Radl laufen zu lassen«, wie man
zu sagen pflegt. Er, zu dessen Lieblingsbeschäftigungen, seit er als
Privatmann lebte, es gehört hatte, sich nobel, splendid, großartig
aufzuspielen! Kein Mensch hätte ihm in den Jahren unmittelbar vor dem
Kriege den ehemaligen Zuckerbäcker angemerkt, so kavaliermäßig leicht
war seine Hand im Geldausgeben gewesen: sogar der wie ein ausländischer
Diplomat aussehende Zahlmarkör im Kaffeehaus hatte ihn »Herr Baron«
genannt und fast wie seinesgleichen behandelt; dazu mußte man von guten
Eltern sein. Und nun --! Den Schnaberl verschachern? Woher kam ihm der
unwürdige Einfall?
Eine alte Erfahrung, daß die Not den Menschen nicht besser macht. Und
daß man sich leicht selbst untreu wird, wenn man einmal die Nerven
verloren hat. Aber ist es ein Wunder, wenn man sie verliert, bei dieser
lawinenartig anschwellenden Teuerung, die einen nicht etwa bloß mit
Knappheit, nein, mit dem baren Elend bedrohte? Die Jugend freilich, die
nimmt das alles auf die leichte Achsel, aber wer einmal anfängt, die
Last der Jahre zu spüren, dem sitzt die bittere Sorge im Nacken. Und
dabei täte man besser, sich nichts davon merken zu lassen, sonst lachen
einen noch die eigenen Kinder aus, oder -- in Anbetracht des schuldigen
Respekts, wenn sie nämlich lieb und anhänglich sind, wie die gute Anna
es war, bemitleiden sie einen wenigstens insgeheim ein bißchen als
kümmerlichen Trübsalblaser und Angsthasen, der vor lauter Jammern übers
Tauwetter den Sonnenschein gänzlich übersehe, welcher so linde wieder
aus den Wolken hervorspitze.
All dergleichen Besinnlichkeiten und selbstkritische Erwägungen
verfehlten nicht eine gewisse heilsame Wirkung. Sonach reinigte
Herr Ziervogel mit scharfer Bürste Herz und Nieren von allen
Flecken knickerischer Anwandlungen, daß sie wieder blitzblank
glänzten, wie das Kupfergeschirr einst geglänzt hatte in seiner
Konditorsküche, und verbarg die an ihn herangetretene, aber siegreich
abgewiesene Versuchung einer entgeltlichen Schnaberlverwertung
hinter freiheitsfreundlichen Worten, die sich mit Wärme für des
Vögleins Entkerkerung einsetzten. Warum sollte auch die gute Anna das
Rotkehlchen nicht auslassen, wenn ihr nun einmal das Herz danach stand?
Mochte es fliegen, wohin es wollte! War's kein zuwachsender Gewinn,
so war's doch ein verminderter Verlust. Denn einen so starken Esser
wie den Schnaberl gab's nicht bald, es fiel ihm gar nicht ein, sich
einzuschränken, wie es die Menschen doch ausnahmslos tun mußten; und
das Weichfutter wurde mit jedem Tag unerschwinglicher.
Jubelnd fiel Anna dem glücklich herumgekriegten Vater um den Hals und
machte Miene, ihn zu erwürgen: »Am ersten schönen Frühlingstag fliegt
er! Dann gibt's ein glückliches Geschöpf mehr auf dieser wonnigen
Erde!«
Heute sah es freilich noch nicht danach aus, als ob der erste schöne
Frühlingstag schon knapp vor der Tür stünde. Darum nahm sie, wie
sie oft getan, den Schnaberlkäfig in den Arm und stieg damit in den
Dachstock des Hauses hinauf, wo seit langer Zeit ein kleiner Junge
krank lag, den sie kannte, das Söhnchen einer Lehrerswitwe. Er hieß
Felix, und seine Mutter pflegte nicht ohne Bitterkeit zu sagen:
»Jawohl, Felix, Felix heißt er; denn das bedeutet: der Glückliche ...«
Andere kränkliche Kinder hatten zu ihrer Erholung und Kräftigung ins
Ausland reisen dürfen, wo großmütige Wohltäter sich ihres Elends
erbarmten; dieser Knabe aber war so schwer leidend, daß kein Kinderzug
ihn mitnehmen konnte. Seit Jahr und Tag siechte er hoffnungslos dahin,
oft stundenlang allein gelassen in der dürftigen Dachkammer, wo sein
schmales Bett stand, denn die Mutter mußte tagsüber ins Verdienen
gehen. Immer einmal, wenn sie Zeit dazu fand, machte Anna diesem Knaben
(und wohl auch sich selbst) die Freude, das Bauer mit dem Schnaberl
zu ihm heraufzubringen; das Rotkehlchen singen zu hören, so wehmütig
dessen süßes kleines Lied auch klang, war seine ganze Seligkeit.
Vorübergehend vergaß er dann, wie schlecht es ihm ging, und meinte für
Augenblicke, gesund und froh zu sein wie andere Kinder und frei und
ledig aller Gebresten im Walde dem Gesang der Vögel zu lauschen.
Auch diesmal stellte Anna das Vogelbauer vor den Knaben auf die
Bettdecke und erzählte ihm, noch voll der frischen Freude, daß der
Vater ihr erlaubt habe, dem Schnaberl die Freiheit zu schenken, und
daß sie ihn am ersten warmen Tage auslassen würde. Sie bedachte nicht,
daß es dem armen Jungen vielleicht nicht ganz leicht fallen würde,
sich von dem Vögelchen zu trennen, sie bemerkte auch nicht, wie er
erschrak. Bleich war ja der arme Felix immer, er konnte nicht noch mehr
erbleichen, und der Ernst und die Sorgen, die sich mit einem Ausdruck,
welcher sonst nur Erwachsenen eigen ist, in seinem abgehärmten
Kindergesichtchen aussprachen, konnten unmöglich noch ernster und
sorgenvoller blicken.
* * * * *
Die Schleifmühlgasse im vierten Gemeindebezirk, in welcher die
Ziervogels, Vater und Tochter, wohnten, schwamm am nächsten Tage in der
Flut ausgiebiger Frühlingstränen, die der Himmel über den Jammer der
einst so gut gelaunten Wienerstadt vergoß, als der süße Joachim und
sein Freund Bock, der Tür an Tür mit ihm in demselben Hause eine ebenso
armselige Zweizimmerwohnung innehatte wie er, den langen Weg nach dem
städtischen Amtsgebäude antraten, wie sie fast jeden Morgen taten.
Denn abgesehen von den häuslichen Besorgungen, die es täglich zu machen
gab, um diese oder jene Bedarfsware einzukaufen, die man dort und
dort, in dieser oder jener Gasse, am entgegengesetzten Ende der Stadt,
angeblich um ein paar Kronen billiger bekommen sollte; ganz abgesehen
hiervon -- waren auch auf dem Amte beinahe täglich eine Unzahl lästiger
Geschäfte zu erledigen, und sie vermehrten sich noch von Woche zu
Woche. Manchmal hatte es schier den Anschein, als gehörte es zu den
vornehmsten Aufgaben einer Republik, zu den ohnedies schon reichlich
vorhandenen Bürgerpflichten immer wieder neue hinzuzuerfinden.
Fast regelmäßig unternahmen die beiden Freunde solche Wege gemeinsam,
Schulter an Schulter, in nie wankender Nibelungentreue. Denn geteiltes
Leid ist halbes Leid, und daß es jedesmal ein Leidensweg war, den sie
antraten, das wußten sie im voraus. Ach ja, zum Henker, ein Dornen-
und Leidensweg war es, ein scheußlicher, eine aufreibende Pilgerfahrt,
treppauf, treppab, mit müden Beinen die nicht enden wollenden öden
Korridore entlang. Ein demütigender Bußgang von Amtsstube zu Amtsstube,
mit stundenlangem Warten und verzweifeltem Reihestehen, gepufft und
gestoßen im Gedränge und fortwährend in der Angst, die Börse oder
die Brieftasche könnte plötzlich verschwunden sein. Angeschnauzt
von ungeduldigen Beamten, hin- und hergenarrt von einer Kanzlei in
die andere, mit Rügen und Drohungen überhäuft, schwitzend, ächzend,
zitternd, der Erschöpfung nahe und dabei unablässig die Hand in
der Tasche: Blechen, blechen, blechen! Stempelvorschreibungen
und fällige Gebühren, Zustellungsspesen und Vorladekosten,
Kommissionsverpflichtungen, Drucksortenersatz, Straftaxen,
Verzugszinsen, Voreinzahlungen und Nachzahlungen, gelegentlich
wohl auch Nachzahlungen auf die schon geleisteten Voreinzahlungen
oder Voreinzahlungen auf die noch zu leistenden Nachzahlungen --
und so weiter, und so fort, im abwechslungsreichen Trott des ewig
unersättlichen und immer wütig schnaubenden Amtsschimmels.
Herr Anselm Bock war sichtlich mißmutig. Allmählich fing die Sache doch
an, ihm über die Hutschnur zu gehen. In seinen Adern rollte nicht die
Milch der frommen Denkart, die seinen Freund Joachim zu einem sanften
und umgänglichen Gesellschafter machte. Es kochte darin, wenn nicht
gerade »gärend Drachengift«, so doch die Galle, von der ein Drechsler
eine gewisse Dosis in sich haben muß, damit es an der Drehbank nicht
zimper zugehe. Denn wenn nicht die Späne fliegen, leidenschaftlich wie
sprühende Funken in einer Dorfschmiede, so kommt nichts Ordentliches
dabei heraus, und es ist dann auch kein Drechsler, wie er sein soll,
der an der Drehbank steht.
Daß nun eine solche schon von Haus aus vorhandene und allmählich
schier zur Berufskrankheit gesteigerte Anlage zur Vehemenz durch
die obwaltenden Zeitumstände nicht zur Rückbildung gebracht werden
konnte, leuchtet ein. In Herrn Bocks Stiefeln nistete die Karies.
Durch einige Lückerln, die im Oberleder klafften und darum allgemein
sichtbar waren, drang das Wasser dieses triefenden Regentages ungehemmt
ein, und durch die Sohle aus Gründen, die unsichtbar blieben, nicht
minder. Die quatschende Nässe, die infolgedessen bei jedem Schritt zu
spüren war, und das damit in Verbindung stehende quatschende Geräusch,
das die Schritte rhythmisch begleitete, weichte den ohnedies schon
ziemlich zermürbten Rest von Herrn Bocks Widerstandskraft völlig auf
und bewirkte, daß eine stillwachsende Wut in ihm sich ansammelte, die
schließlich einen Höhenpunkt erreichen und einen Ausbruch erzwingen
mußte.
Und richtig, es dauerte nicht lang, so blieb er plötzlich stehen,
gerade in der Wiedner Hauptstraße, mitten im Gewühl der Menschen.
Äußerlich ließ er sich nicht einmal besonders viel merken; eine um so
gefährlichere Entschlossenheit dagegen kündigte sich in dem Beben an,
mit dem er jetzt die folgenden, vorläufig nur zum Teil verständlichen
Worte hervorstieß: »Ich hab's satt! Was meinst, Ziervogel? Steigen wir
aus!«
Notgedrungen hatte auch der süße Joachim Halt gemacht und beäugte
verdutzt den rabiat gewordenen Gefährten, aus dessen flackerndem
Auge bei aller Beherrschung und scheinbaren Ruhe ein fürchterlicher
Abgrund drohte. Seine ausgemergelte Gestalt, die eingefallenen Wangen,
die pergamentgelbe, sichtlich verärgerte Gesichtsfarbe ließen darauf
schließen, daß die Leber über ihre Verhältnisse lebte, während der
Magen darbte.
»Aussteigen, Anselm?« wiederholte Ziervogel unsicher und nichts Gutes
ahnend. »Wie meinst du das?«
Es befand sich zufällig gerade da, wo sie stehengeblieben waren, eine
Haltestelle der Straßenbahn, und auf die Fahrgäste weisend, die einen
soeben anhaltenden Wagen verließen, um rasch im Gewühl der Leute zu
verschwinden, sagte Bock: »Wie ich es meine? Daß ein jeder das Recht
hat auszusteigen, mein' ich, der nicht mehr mitfahren will. Verstehst
du mich, Joachim? Man ist am Ziel, oder wenigstens nicht mehr weit
davon, das ewige Gedränge, das fortwährende Gepufft- und Gestoßenwerden
hat man ohnedies schon dick satt -- nicht wahr? Nun, und so steigt man
halt aus. Siehst du, so mein' ich's.«
Schweigend und in grüblerischer Laune setzten sie ihren Weg fort.
Die Worte des Freundes gingen Herrn Ziervogel im Kopfe herum. Sie
veranlaßten ihn sogar ein paarmal, Zeige- und Mittelfinger in den
Halsausschnitt zu stecken, um nachzuprüfen, ob er etwa einen zu engen
Hemdkragen umgenommen hätte. Aber jedesmal erinnerte er sich dann:
er trug ja längst keine Stärkwäsche mehr, sonst hätte er sein halbes
Einkommen der Feinputzerei in den Rachen werfen müssen! Er trug doch
immer nur ein und denselben Kautschukkragen, besaß überhaupt nur
diesen einzigen! Und der war, aufrichtig gesagt, recht bequem. Als
Gelegenheitskauf aus zweiter Hand sogar reichlich weit. Oder -- um
lieber gleich die ganze Wahrheit zu gestehen: um zwei Nummern weiter
war er, als es nötig gewesen wäre. Sonach schien's ausgeschlossen, daß
das Würgen, das er im Hals spürte, von einem zu engen Hemdkragen sollte
herrühren können.
Und das Unheimliche an der Sache war für ihn nämlich dieses, daß er
sein und Bocks Geschick für unlösbar miteinander verflochten hielt
und meinte, was jener etwa zu beschließen für angezeigt fände, würde
irgendwie auch für ihn Geltung gewinnen. Denn ihre Freundschaft
wurzelte nicht so sehr in einer inneren Übereinstimmung der
Gemüter, als eben in jener Verknüpfung durch ein Schicksal, das sie
gewissermaßen wie ein Paar Pferde vor den Wagen ähnlicher Erlebnisse
gespannt hatte -- denn aus Höflichkeit soll das im Grunde noch besser
passende Gleichnis von zwei Ochsen, die das nämliche Joch zu tragen
haben, lieber unterdrückt werden.