niedergesetzt, so war auch schon ein Meinungsaustausch im Gang, der
Fragen, welche längst bereinigt schienen, abermals aufrollte. Noch
einmal setzte Joachim sich gegen Anselms leidenschaftlich-verbittertem
Willen zur Wehr, an dem er wie an einem Angelhaken zappelte und
schnebbelte. Und eines der Hauptbedenken, das der am Leben hängende
Zuckerbäcker dem Drängen des entschlossenen Drechslermeisters
entgegensetzte, lautete: »Das können wir doch unseren Kindern nicht
antun!« Worauf Bock die Gegenvorstellung erhob, die Jugend komme
unglaublich rasch über so etwas hinweg.
Nur die menschliche Eitelkeit sei es, behauptete er, die einem das
Gegenteil einreden wolle. In Wahrheit könne man den Kindern gar nichts
Besseres erweisen, als ihr Lebensschifflein flott zu machen, indem man
Ballast auswerfe, worunter er in dieser scheußlichen Zeit, in der es
auf jeden Esser ankomme, vor allem die alten Leute verstehe, die zu
nichts Rechtem mehr zu gebrauchen seien und nur Geld kosteten. Aber
die Menschen, die man zivilisiert nenne, er wisse eigentlich nicht,
weshalb, die seien nicht so mildherzig wie die Indianer, daß sie
ihren unnütz gewordenen Alten den Tomahawk vergönnen würden. Darum
bliebe nichts übrig, als daß diese selbst so einsichtsvoll wären, sich
rechtzeitig zu empfehlen.
»Und haben wir zweibeide es uns nicht redlich verdient,« fragte er,
»daß man uns endlich unsere Ruhe gönne? Sollen wir denn durchaus noch
länger mit all dem Elend gestraft bleiben?«
»Die Jungen müssen's noch viel länger aushalten,« wagte Ziervogel,
schon wieder schüchterner geworden, dagegen einzuwenden.
»Die Jugend ist eine ganz andere Rasse. Hör' ich deine Anna nicht
lachen und singen, so oft ich in ihre Nähe komme? Und meinst du, mein
Ludwig sei anders? Sechs Jahre seines Lebens hat er in Sibirien
versumpert, dreißig ist er jetzt alt, sitzt noch auf der Schulbank und
plagt sich mit der verteufelten Bankprüfung herum -- glaubst du, das
störe seine Laune? Ich -- obgleich ich doch nicht er, sondern eben ich
bin, könnt' mir die Haare einzeln ausrupfen, wenn ich daran denk',
wieviel verlorene Zeit, wieviel verlorene Jugend und vergeudete Kraft
--! Und er --? Voll Ulk steckt er! Wunderschön findet er die Welt, so
wie sie ist, wünscht sie sich nicht einmal anders, und das Leben macht
ihm direkt Spaß, er hat seine Freude dran -- kannst du das für möglich
halten? -- Siehst du,« schloß er, »so ist die Jugend!«
Er hatte sich ereifert und fast wie in Verärgerung gesprochen -- die
Leber, die Leber, die bittere Leber! Der süße Joachim aber wußte nichts
von einer Leber, er mußte lächeln, mitten im Kummer und Leid, er hatte
die Gabe, sich in die Jugend hineinzudenken, und fand, daß es im Grunde
doch sehr nett wäre, noch einmal in ihrer Haut zu stecken.
»Die würden eigentlich gut zueinander passen, der Ludwig und die Anna,«
sagte er mit nachsinnendem Wohlgefallen.
»Um Gottes willen! Mal' den Teufel nicht an die Wand!« rief Anselm
entsetzt. »Nicht einmal denken kann man heutzutag' an so etwas, so
wird einem schwarz vor den Augen! Am Ende gar heiraten -- wie? Ein
Verbrechen wär' es! Billionär allermindestens müßt' einer sein! ...
Aber auch abgesehn vom Geld: Kinder in die Welt setzen? In dieses
miserable Elendsnest hinein? Daß sie einen noch verfluchen für die
Gefälligkeit, die man ihnen damit erwiesen hat? Ein Verbrechen,«
wiederholte er mit Überzeugung, »direkt ein Verbrechen wär' es!«
»No, no, no,« machte Ziervogel, den es ein wenig verschnupfte, daß der
andere seine Anna als Schwiegertochter so unverholen ablehnte.
»Ereifre dich nicht so!« sagte er. »Es besteht ja keine Gefahr! Die
beiden können einander ohnedies nicht ausstehn, schaun sich nicht
einmal an, behandeln sich gegenseitig als Luft. Eine unausrottbare
Feindschaft ist zwischen ihnen, ich glaube, sie rührt noch von damals
her, von der kleinen Marmorkugel ... aus der Zeit, wo sie noch Kinder
waren.«
»Von einer Marmorkugel weiß ich nichts,« stellte Bock fest. »Meines
Wissens stammt die Feindschaft von einem Schneehaufen.«
»Von einem Schneehaufen weiß wieder ich nichts,« versetzte Ziervogel
trocken. »Sondern die Sache war so, daß der Ludwig, als sie einmal
Anmäuerln miteinander spielten, ein herziges kleines Kugerl aus
rotem Untersberger Marmor, das ich der Anna geschenkt hatte, ganz
widerrechtlich ...«
»Es war nicht widerrechtlich!« begehrte Anselm, der nun doch von der
Kugel etwas zu wissen schien, in gereiztem Tone auf. »Sondern von jeher
ist es beim Anmäuerln Gebrauch gewesen, daß man den Abstand vom kleinen
Finger aus zum Daumen mißt und nicht ...«
»Im Gegenteil!« unterbrach ihn Joachim; »seit jeher hat man vom kleinen
Finger zum Zeigefinger gemessen, was man die kleine Spanne nennt!
Das wird dir ein jeder bestätigen, der von der Sache etwas versteht.
Und weil man nun also beim Anmäuerln eine gegnerische Kugel nur dann
konfiszieren darf, wenn sie innerhalb der kleinen Spanne liegt, so war
es nach den Spielregeln auch nicht möglich, der Anna ihr Kugerl ...«
»Verfallen war der Anna ihr Kugerl!« schrie Bock. »Von Rechts wegen
verfallen! Denn auf der ganzen Welt gibt's nur eine einzige Spanne, die
vom kleinen Finger zum Daumen reicht, und wer das Gegenteil behauptet,«
loderte er im Jähzorn auf, »der ist ... der ist ... mit dem will ich
... mit dem ...«
Aber sich noch rechtzeitig erfangend, lenkte er in einen ruhigeren
Ton wieder ein und fuhr fort: »Wozu soll ich mich ärgern? Es bleibt
sich ja gleich. Der Grund, warum der Ludwig und die Anna nichts
voneinander wissen wollen, ist ja gar nicht das Kugerl. Sondern
soweit ich mich erinnern kann, hat die Feindschaft damit angefangen,
daß die Anna einmal, wie er sie im Handschlitten in der Andreasgasse
umherkutschierte, ihm von hinten einen Schupps versetzt hat. Nun, und
da ist er natürlich auf einen Schneehaufen geplumpst und bis über die
Ohren darein versunken. So etwas verzeiht ein Bub' einem Mädel halt
nie ... Das heißt --« verbesserte er sich: »schließlich sind das alles
nur Vermutungen von mir; gesagt hat mir der Ludwig nichts davon, seit
er erwachsen war, und gesprochen hab' ich mit ihm natürlich auch nicht
mehr darüber, seit er aus Sibirien wieder zurück ist.«
»In Sibirien hätt' er allerdings Zeit gehabt, den Schneehaufen zu
vergessen,« sagte Ziervogel mit leisem Spott. »Lang genug wär's her,
sollte man meinen, seit er den Schupps bekommen hat.«
»Auch nicht länger, als seit die Anna ihrem Marmorkugerl nachtrauert,«
bockte Bock dagegen.
Der süße Joachim aber empfand das Bedürfnis, mit seinem Freunde und
Nachbar in Frieden zu leben, und schlug vor, es dabei bewenden zu
lassen. Schließlich laufe es auf dasselbe hinaus, ob Schneehaufen oder
Kugerl. Die Tatsache, daß die jungen Leute, von denen eins offenbar
so nachtragend sei wie's andere, irgend etwas gegeneinander auf dem
Herzen hätten, werde dadurch nicht geändert und bleibe auf alle Fälle
recht bedauerlich.
Damit hatte nun Bock, der immer recht behalten mußte, endlich
das erwünschte Stichwort beim Schopf, das ihm die Rückkehr zum
Ausgangspunkt gestattete; indem er nämlich wiederholte, es sei ihm
durchaus nicht möglich, etwas Bedauerliches darin zu erblicken, wenn in
einer Zeit, wo niemand der Menschheit eine Fortsetzung wünschen könne,
die Geschlechter einander, mit instinktiver Abneigung gegenüberstünden.
Im Gegenteil, daß dies auch bei Ludwig und Anna der Fall sei,
erleichtere ihm erheblich den Abschied vom Leben.
»Denn wären unsere Kinder einander gut,« sagte er, »so hätte ich ja
keine ruhige Minute mehr, noch übers Grab hinaus. Ob lebend oder
sterbend käm' ich aus der Angst nicht mehr heraus, daß sie am Ende
Unsinn treiben und uns zu Schwieger- und schließlich wohl gar noch zu
Großvätern machen könnten!«
Hierauf versank Ziervogel für eine kleine Zeit in Schweigen, denn er
hatte die Bemerkung auf den Lippen, wer nicht mehr am Leben wäre, dem
könne es schließlich gleichgültig sein, ob er zum Großvater gemacht
würde oder nicht, und im Grunde ginge es ihn auch gar nichts mehr an.
Indessen zog er es vor, den Gedanken, der ihn gar zu traurig stimmte,
lieber zu unterdrücken, um den Schlußpunkt, den Bock endlich unter
den Meinungskampf gesetzt hatte, nicht ins Wanken zu bringen. Für
solche Nachgiebigkeit erwies sich der Drechsler denn auch erkenntlich,
indem er schließlich eine neuerliche Fristverlängerung zugestand,
allerdings nur unter dem Druck unableugbarer Tatsachen. Denn die
Sonne hatte sich nach und nach so dichte graue und schwarze Schleier
übers Antlitz gezogen und der Himmel ein paarmal ein so unzeitgemäßes
Grollen vernehmen lassen, daß auch der rosigste Wetterbericht die
Dreiviertelbewölkung hätte streichen und ehrlicherweise ausgesprochenes
Regenwetter mit Neigung zur Gewitterbildung hätte melden müssen.
Sonach wurde die »Tat« abermals vertagt, was den Schnaberl an der Wand
ziemlich gleichgültig ließ, während die Geschichte von der Feindschaft,
die zwischen Ludwig und Anna angeblich herrschen sollte, ihm ein
nachsichtiges Lächeln abgenötigt hätte, wäre Lächeln Vogelart. Denn er
meinte Grund zu der Annahme zu haben, daß die beiden jungen Leute sich
nur deshalb so anstellten, als stünde der Kleinkinderzank von einst
noch heute trennend zwischen ihnen, weil sie ganz gut wußten, daß Vater
Bock Zeter und Mordio geschrien hätte, wäre er dahinter gekommen, daß
sie in Wahrheit längst ein Herz und eine Seele waren. Oft und oft,
wenn die alten Herrn Schulter an Schulter miteinander auszogen, um
in unerschütterlicher Nibelungentreue den Kampf mit den Widrigkeiten
des Alltags aufzunehmen, waren dem Schnaberl aus der Gegend der ans
Wohnzimmer stoßenden Küche verdächtige Geräusche zu Ohren gekommen, aus
denen er schließen zu dürfen glaubte, daß über Kugerl und Schneehaufen
hinweg Ludwigs und Annas Lippen sich gefunden hatten. Einigermaßen
darüber betroffen, daß das Schnäbeln bei den Menschen nicht so lautlos
vor sich gehe, wie beim Volk der Meisen, Drosseln und Spechte, war
er doch ein zu diskreter Hausgenosse, um nicht verständnisvoll zu
schweigen und die Gedanken, die er sich machte, zu tiefst im Busen zu
verschließen.
Indessen sollten seine stummen Vermutungen sich nur zu bald als
zutreffend erweisen. Denn zehn oder zwölf Tage später, an einem Morgen,
wo gleichsam über Nacht die Gewalt des Nachwinters gebrochen, das
Gelichter der Nebel- und Regengeister mit einmal niedergerungen war
und der lachende Frühling auf dem strahlendblauen Himmelszelte seinen
Einzug gehalten hatte, da ereignete es sich, daß Herr Ludwig plötzlich
in jenes Zimmer gestürzt kam, in dem sich außer dem Schnaberl nur noch
die gute Anna befand, welche dessen Wassernäpfchen soeben mit frischem
Hochquell gefüllt hatte. Der Bankprüfling, der in Wickelgamaschen und
schäbigem Feldgrau seine militärische Vergangenheit nicht verleugnete,
schien die Ziervogelsche Wohnstube mit einem feindlichen Schützengraben
zu verwechseln -- mit solchem Ungestüm und so wildem Hurrageschrei
drang er in sie ein, ein weißes Papier in der erhobenen Faust
schwenkend.
Soweit Schnaberl die Laute der Menschensprache zu deuten wußte,
handelte es sich um einen errungenen Erfolg, um irgend ein gewichtiges
Ereignis, das auch für Anna Bedeutung zu haben schien. Wenigstens gab
sie ihrer Freude durch weit geöffnete Arme Ausdruck, in welche Ludwig
alsbald hineinstürzte wie in einen angenehmen Abgrund, in dem man sich
nicht übel bettet. Und nun begann ein so ungestümes Umhalsen, emsiges
Küssen und unternehmungslustiges Kosen, wie es nur zu festlichen
Gelegenheiten denkbar ist. Und das dauerte mit ungebrochener Heftigkeit
so lange an, bis Anna endlich sagte: »Hör' mal, jetzt ist es aber
genug! Bedenke, daß wir nicht allein sind. Der Schnaberl sieht uns zu,
und ich glaube fast, der wäre längst bis über die Ohren rot geworden,
wenn er nicht schon von Haus aus ein Rotkehlchen wäre.«
Darauf nahm Ludwig wieder Gesittung an und schlug vor, Arm in Arm vor
die erstaunten Väter zu treten und ihnen kurzerhand die vollzogene
Verlobung mitzuteilen. Allerdings sei es ratsam, meinte er, raschest
die nötigen Erklärungen hinzuzufügen, ehe sie Zeit fänden, vom Schlag
gerührt zu werden. Denn tödlich erschrecken würden sie sicher im
ersten Augenblick; im zweiten aber dann um so freudiger überrascht
ihren Segen dazu geben, sobald sie die näheren Umstände zur Kenntnis
genommen und insbesondere von der schönen, vielversprechenden Laufbahn
gehört hätten, die der treue Kamerad -- ein Großindustrieller, der die
Leidensjahre in Sibirien mit ihm geteilt -- nach erfolgreich abgelegter
Bankprüfung einzuschlagen ihm ermöglicht hatte. Diese Mitteilung werde
die beiden alten Herrn nicht nur über das Fortkommen ihrer Kinder und
künftigen Enkel, sondern auch über ihre eigene Zukunft beruhigen, ihnen
mit einem Schlage die schwere Sorgenlast von den Schultern nehmen
und vor ihren freudig erstaunten Blicken die unerwartete Aussicht
auf ein geruhsames Alter auftun, am behaglich durchwärmten Ofen des
Familienglückes.
Die beseligte Braut war's natürlich zufrieden, es stellte sich aber
bald heraus, daß beide Väter ausgegangen waren, und merkwürdigerweise
lag -- was noch niemals vorgekommen -- auf eines jeden Tisch ein
Zettel, worauf übereinstimmend geschrieben stand: »Komme heute nicht
zum Essen, habe auswärts zu tun!«
Einen Augenblick stutzte Anna, der Trübsinn fiel ihr ein, dem ihr Vater
während der letzten Wochen verfallen gewesen, und die rührselig-weiche
Zärtlichkeit, mit der er sie diesen Morgen in die Arme schloß. Aber
so ungewöhnlich es ihr schien, daß schriftliche Nachricht an die
Stelle der zwei gesprochenen Worte trat, welche die Notwendigkeit
des Ausbleibens über Mittag ungleich einfacher und zwangloser, wie
sie meinte, mündlich mitgeteilt hätten, so war sie doch zu heiter
und arglos, um die Erklärung Ludwigs nicht völlig ausreichend zu
finden: die alten Herrn fröhnten in ihrer vorrepublikanischen
Gewissenhaftigkeit dem Vergnügen, sich bei den Behörden einmal recht
gründlich lieb Kind zu machen, und weihten ausnahmsweise mal zu diesem
Ende den ganzen Tag von früh bis spät dem amtlichen Angeschnauztwerden.
»Nun wollen wir uns aber für ihr Ausbleiben rächen,« schlug sie
vor, »und sie mit einer Festjause empfangen, die sich sehen lassen
kann: Kaffee mit Kuchen, wirklichen Kaffee aus Bohnen nämlich, mit
wirklicher Sahne (diese notgedrungen freilich bloß Kondens). Dazu
echten Friedensgugelhupf mit Mandeln und Rosinen, als hätten wir das
große Los gezogen (was wir ja eigentlich auch haben, du mit mir und
ich mit dir, aber nicht gerade aus dummem Glück). Eine Flasche Wein
könntest du auch besorgen und etwas Leberpastete, Zervelat-, Hirn-
und Mettwurst, ferner Rollmöpse oder sonst was Pikantes, frischen
Pumpernickel und knuspriges Weißbrot nicht zu vergessen, damit ich
leckere Brötchen streichen kann, in übermütigster Abwechslung. Denn daß
der Friede, der bekanntlich nur aus Humanität geschlossen wurde, uns
den weißen Wecken bis auf dreihundert Kronen verteuert hat, daran soll
mir heute (oder eigentlich dir, denn du mußt alles bezahlen, ich habe
nichts) weiß Gott, wenig gelegen sein! Wie sparsam ich wirtschaften
kann und auch zu wirtschaften gewohnt bin, das wirst du später, bei
gelegenerer Zeit noch zur Genüge erfahren. Für heute wäre sparen
unangebracht, ich sage: alles an seinem Ort, wo Freude einkehrte, soll
man sich's wohl sein lassen! Darum bestell' schließlich auch noch,
lieber Ludwig,« fuhr sie fort, »aber bei einem ersten Konditor, wenn
ich bitten darf, daß man meinen könnte, die Firma Ziervogel ›Zum süßen
Joachim‹ bestünde noch heute, Faschingskrapfen zur Karnevalsnachfeier,
eine gegupfte stattliche Schüssel voll. Diese fromme Fastenspeise auch
noch selbst zu backen, bleibt mir leider keine Zeit mehr, für alles
andere will ich sorgen. Denn heute muß der Tisch sich biegen, als wären
wir nicht das gerade Gegenteil von Kriegsgewinnern, und das Väterpaar
soll sich einmal ausgiebig gütlich tun, schon aus dem hinterlistigen
Grunde, damit sie aus der Fassung kommen und das Brummen vergessen.
Weil man nämlich einen Vater, der zu Vorwürfen ausholt und meint, man
dürfe nicht heiraten, die Zeiten seien zu schlecht dafür, den Mund am
besten damit schließt, indem man eine so hoffnungsfrohe Zuversicht und
einen so himmlisch leichten Sinn (um nicht zu sagen, einen solchen
Leichtsinn) an den Tag legt, daß es ihm die Rede verschlägt und er
vor Staunen sprachlos wird. So, und jetzt geh',« schloß sie, »und tu'
pünktlich, wie ich dich geheißen! Hier noch einen Kuß auf den Weg,
damit bist du entlassen, ich habe alle Hände voll zu schaffen. Erfülle
deine Pflicht wie ich die meine! Was ich zu des Werkes Vollendung
benötige, trägst du mir zu wie Hermann der Rabe und reichst mir's
stumm durch den Türspalt herein, zu sprechen bin ich bis auf weiteres
nicht. Und damit Gott befohlen, gegen vier Uhr sehn wir uns wieder,
bis dahin werden wohl auch die Väter, mit gesundem Appetit, hoff' ich,
heimgekehrt sein.«
Um sich als künftigen Mustergatten zu empfehlen, blieb Herrn Ludwig
nichts übrig, als ihren Anordnungen ohne Widerrede zu gehorchen. Gerne
hätte er, weil heut' schon solch ein Glücks- und Freudentag war, sich
die sonderbare Erlaubnis erwirkt, ihr beim Kuchenbacken behilflich
sein zu dürfen; aber die schüchternen Versuche in dieser Richtung
scheiterten an Annas Entschlossenheit, tatsächlich einen Kuchen zur
Welt zu bringen und keinen verunglückten Mehlbatzen, der den Spott der
Mitwelt herausfordern hätte können. Darum blieb es dabei, er mußte
sich auf den Weg machen, die befohlenen Einkäufe zu besorgen, sie
hatte die Sperrkette vorgelegt und nahm die von ihm herbeigeschleppten
Mundvorräte und Kochzutaten nur durch den Türspalt in Empfang, ohne
seinen jedesmal wieder erneuten Bitten, doch nur wenigstens auf eine
halbe Minute eingelassen zu werden, im geringsten Gehör zu schenken.
Sondern in dem Augenblick, wo er seine Pakete durch den Spalt gesteckt
und abgeliefert hatte, fiel die Tür wieder ins Schloß, und man hörte,
wie innen der Schlüssel umgedreht wurde. Denn ein Gugelhupf, wie er
sein soll, kommt nicht so obenhin in weltlicher Zerstreutheit zustande.
Er ist ein Werk, das seinen Meister nur unter der Bedingung lobt, daß
dieser mit tiefinnerlicher Sammlung und heiliger Versunkenheit sich an
seine hehre Aufgabe hingibt.
* * * * *
Indessen ging der guten Anna die Arbeit so leicht von der Hand, daß sie
rascher damit zustande kam, als sie gedacht hätte. Da sie an diesem
Tage für sich selbst kein Mittagsbrot kochte, sondern mit Umsicht
Appetit ansammelte, um für die Festjause ausgiebig damit versehen
zu sein, so kam alles, was an Zeit, Stoff und Kraft zur Verfügung
stand, ausschließlich dem Kuchen zugute, der denn auch in seiner
goldigbraunen Herrlichkeit bereits in der ersten Nachmittagsstunde
wie ein überzuckertes Wunder fertig dastand, Zeugnis davon ablegend,
daß schöpferische Fähigkeiten sich vererben und der Weltkrieg dem
Eindringen der Mandeln und Rosinen nach Mitteleuropa noch weitaus
länger hätte einen Riegel vorschieben müssen, ehe eine richtige Wiener
Zuckerbäckerstochter aus der Übung gekommen wäre, einen vorbildlichen
Gugelhupf zu backen.
Vater Ziervogel ließ sich noch immer nicht blicken, untätig bleiben
war Annas Sache auch nicht, und da vor den Fenstern nach wie vor der
gleiche gold- und blaustrahlende Frühlingstag stand, fiel ihr plötzlich
der Schnaberl ein, dem sie an dem ersten solchen Tage die Freiheit
zu schenken sich gelobt hatte. Wie gut traf es sich, daß diese Frage
gerade heute brennend wurde, da ein überströmender Drang in ihr war,
Freude zu spenden einer jeglichen Kreatur, ja, womöglich die ganze
Welt zu beglücken. Reichlich blieb noch Zeit, das Rotkehlchen in den
Stadtpark zu tragen, wo die Fesseln fallen sollten, so hatte sie
sich's zurechtgelegt. Und sogleich beschloß sie, an die Ausführung zu
schreiten.
Bevor sie aber das Haus verließ, stieg sie noch, den Käfig in der Hand,
den oft betretenen Weg zum Dachstock hinan, um ihren armen kranken
Freund zu besuchen, den kleinen Felix, der unter seinen Leiden, in
Einsamkeit erduldet, stets so unsäglich dankbar war, wenn sie ihn
besuchen kam und gar den Schnaberl mit heraufbrachte. Abermals, wie
es ihre Gewohnheit war, stellte sie den Vogel in seinem Bauer vor den
Knaben auf die Bettdecke, in demselben Augenblick aber kam es ihr in
den Sinn, und zwar zum erstenmal, woran sie bis dahin noch gar nicht
gedacht hatte: daß es nämlich für den bedauernswerten Jungen aller
Wahrscheinlichkeit nach ein bitteres Weh bedeuten würde, von dem
Vogel Abschied zu nehmen, dessen süßes, trauriges Liedchen ihm Wald
und Freiheit vorzutäuschen pflegte. Und sich beherrschend, sagte sie,
unsicher geworden: »Eigentlich sollte er heute fliegen, aber nun will
ich mir's doch noch einmal überlegen ... Was meinst du?«
Sinnend nickte Felix mit dem Kopfe, er war ja längst darauf gefaßt, daß
eines Tages Ernst gemacht werden würde. Wenn ihn etwas überraschte,
so war es nicht ihre Mitteilung, sondern das Zögern, mit dem sie sie
vorbrachte. Wohin sie wohl annehme, daß Schnaberl flöge, erkundigte er
sich.
»Ach, wohin es ihn eben ziehen wird. Fort, hinaus, ins Freie, ins
Weite! Wie oft wohl sehnte er sich danach! Aber da war immer ein
Gitter, immer ein Käfig ...«
»Wie schön würde er es haben!« sagte der kranke Knabe und lächelte mit
einem Blick in die Ferne.
Anna wußte nichts von den Kämpfen, die sich in seiner Seele abgespielt,
seit jenem Tage, wo sie ihm zum erstenmal ihren Plan eröffnet hatte,
dem Vogel die Freiheit zu schenken. Und sie ahnte auch nichts davon,
daß er gesiegt und sich zu jener Herzensreinheit durchgerungen hatte,
die nichts mehr für sich selbst begehrt. Aber es fiel ihr auf, daß
jetzt jener vergrämte Ausdruck in seinen Zügen fehlte, der an den Ernst
und die Sorgen Erwachsener erinnert hatte; eine himmlische Heiterkeit
sprach aus seinem Kinderblick, in welchem es wie von tiefinnerlicher
Verklärung leuchtete.
»In der Freiheit,« sagte er, »würde er seines Lebens erst recht froh
werden ... Sich durch die Lüfte schwingen! ... Sich in den Wipfeln der
höchsten Bäume wiegen! ... Wäre es nicht ganz etwas anderes, als auf
den Sprösseln des Käfigs hin und her zu hüpfen? ... Laß ihn fliegen!«
bat er. »Die Sehnsucht muß ihm ja das Herz abdrücken. Laß ihn fliegen!«
»Ich könnte ihn dann nicht mehr zu dir heraufbringen,« antwortete Anna
behutsam. »Du würdest ihn nie, niemals wieder singen hören.«
»Ich will gerne darauf verzichten, ihn singen zu hören,« sagte Felix.
»Laß ihn fliegen! Bitte, bitte, gute Anna, laß ihn fliegen!«
Seine Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Anna bereute, ihm damals
von ihrer Absicht gesprochen, eine solche überhaupt je gehegt zu haben.
Ihr deuchte jetzt, der Vogel sei gar nicht einmal so unglücklich in
seinem Käfig. Längst mochte er sich mit der Gefangenschaft abgefunden
haben, war vielleicht überhaupt nicht von den Naturen, die sich nach
Freiheit sehnen ... Aber Felix gab jetzt nicht mehr nach. Er erlebte
in sich die Wonnen, mit denen das Befreitwerden aus der Gefangenschaft
ein sehnsüchtiges Herz erfüllt, er hätte dem Schnaberl schier sein
Glück neiden mögen, hätt' er es ihm nicht aus ganzer Seele vergönnt. Es
blieb mehr als fraglich, ob er an des Rotkehlchens Singen jemals wieder
Freude finden konnte, wenn der Gedanke ihn quälte, daß er die Ursache
sei, weshalb es noch immer im Käfig schmachtete.
So blieb der guten Anna schließlich nichts übrig, als dem Drängen des
armen kranken Knaben nachzugeben und ihm zu versprechen, daß sie ihr
Vorhaben genau so, wie es geplant gewesen, zur Ausführung bringen
würde. Und als sie endlich von ihm schied, um nun wirklich den Käfig
in den Stadtpark zu tragen, hielt er sich aufrecht und freudig und sah
ihr strahlenden Auges nach, solange er meinte, von ihr noch beobachtet
werden zu können. Wie sie aber die Tür hinter sich zuzog, konnte sie
mit dem letzten Blick durch den Spalt eben noch seinen ausbrechenden
Schmerz auffangen, der ihn weinend in die Kissen zurückwarf.
Immer hatte es ihr das bitterste Erdenweh geschienen, wenn sie sich
der Unmöglichkeit gegenübersah, dem einen Liebe zu erweisen, ohne dem
anderen Leid zuzufügen. Der Schnaberl war es, welcher sich diesmal in
der angenehmen Lage befand, der vom Schicksal Begünstigte zu sein ...