24. März.

Habe ich denn um Gottes willen recht gehört? Ist es möglich? ist es

möglich? Bin ich belogen worden, hintergangen worden? Wo ist mein Schlaf

hin, wo ist meine Ruhe? Was kümmert mich der Frühling, was schert mich

die Sonne, die Blumen, die lachenden Kinder –! Dunkelheit liegt in

meinem Herzen schwer und dicht. Melusine! – Sie hat diese an Güte so

unerschöpflichen Augen, und sie hat mich betrogen. Sie hat diese Augen,

strahlend in rührender Kindlichkeit, und sie lügt. Aber nein, ich habe

mich getäuscht, ich habe den Doktor nicht verstanden. Ich will ihn

wieder fragen. Ich will ihn beschwören um die Wahrheit. Wenn er seine

Seele rein von Flecken halten will, möge er mir die Wahrheit sagen.

* * * * *

Thor! – Noch immer zweifelst du. Und zweifelst an der Gewißheit, nach

der du vordem in zitternder Ungeduld haschtest. Warum weine ich nicht?

Warum vergrabe ich den Kopf nicht in die Kissen und suche den Schlaf,

den ewigen? Was will ich noch? Will ich die Bestätigung aus ihrem eignen

Munde hören? Ich müßte mich schämen, so lange vertraut zu haben. Will

ich mich rächen und zur Schußwaffe greifen, wie ich einst so pathetisch

versprochen? Ist es möglich, daß die Sonne scheint, daß der Himmel so

blau ist und daß es noch Dinge in der Welt gibt, worüber fröhliche

Menschen sich freuen? Aber woher kommt es, daß ich schreiben kann, daß

ich wohlgefügte Worte aufs Papier zu bringen noch fähig bin?

Melusine: Ein Liebesroman · 第 50 / 57 题