Der Frühling ist da. Kühl war der Tag und die Sonne sinkt mit einem
Strahlenfeuerwerk in die Tiefen des Westens. Die glänzenden Augen der
Kinder rufen: Frühling! Die festlich glühenden Wangen der Jünglinge und
Mädchen sprechen davon. Dichtes Gedränge erfüllt die Promenaden.
Smaragdgrün leuchtet der Himmel herüber, am Horizont in ein tiefes,
schwüles Rot übergehend. Den Fluß, den ich entlang wandelte, zog eine
endlose Rauchwolke von zartem Braun wie der machtvolle Arm eines Riesen.
Leiser Wind hub zahllose, kleine Wellen aus dem Wasser empor.
Ich bin krank. Fieber auf Fieber läuft in hastigen, kurzen Stößen durch
meinen Körper. Brutal und herausfordernd starrten mir die Leute ins
Gesicht. Und mir war, als seien sie alle frei, als sei die Seele aller
voll Frühlingsglück und Festlichkeit, nur ich allein trug eine schwere
Last auf dem Rücken, nur ich allein mußte leiden.
O, was ist vorgegangen mit mir!
(Nachts.)
Ein Mann wie Doktor Wendland lügt nicht. Das ist unmöglich. Weshalb
sollte er auch. Er konnte ja gar nicht vermuten, daß dies »Fräulein
Mirbeth« die Inkarnation meiner Lebensfreude bildete. Er wußte ja gar
nicht, daß ich sie überhaupt kenne ...
Habe ich recht gehört? Oder habe ich nur vernommen was ich zu hören
wünschte und zu hören fürchtete? Habe ich eine ahnungslos hingeworfene
Bemerkung gewaltsam mißverstanden? ein harmloses Gespräch böswillig nach
einem gewollten Punkt geleitet? Nein und abernein. Das alles kam von
selbst. Es ist das Schicksal, das mich packt und mir einen Stoß
versetzt, daß ich zum Abgrund taumelnd, allen Halt verliere. Und daß
dieses Schicksal die freundlichen und mitleidenden Züge des Doktor
Wendland annahm, – welche Ironie! –
Das war keine von den dunklen Andeutungen. Er ist ihr Arzt und muß es
wissen. Er hat mich auch zweifellos verstanden. Nachdem er es gesagt,
ergriff er meine Hände und schaute mich stumm an. Sein Blick ging mir
durch und durch.