23. März.

Der Frühling ist da. Kühl war der Tag und die Sonne sinkt mit einem

Strahlenfeuerwerk in die Tiefen des Westens. Die glänzenden Augen der

Kinder rufen: Frühling! Die festlich glühenden Wangen der Jünglinge und

Mädchen sprechen davon. Dichtes Gedränge erfüllt die Promenaden.

Smaragdgrün leuchtet der Himmel herüber, am Horizont in ein tiefes,

schwüles Rot übergehend. Den Fluß, den ich entlang wandelte, zog eine

endlose Rauchwolke von zartem Braun wie der machtvolle Arm eines Riesen.

Leiser Wind hub zahllose, kleine Wellen aus dem Wasser empor.

Ich bin krank. Fieber auf Fieber läuft in hastigen, kurzen Stößen durch

meinen Körper. Brutal und herausfordernd starrten mir die Leute ins

Gesicht. Und mir war, als seien sie alle frei, als sei die Seele aller

voll Frühlingsglück und Festlichkeit, nur ich allein trug eine schwere

Last auf dem Rücken, nur ich allein mußte leiden.

O, was ist vorgegangen mit mir!

(Nachts.)

Ein Mann wie Doktor Wendland lügt nicht. Das ist unmöglich. Weshalb

sollte er auch. Er konnte ja gar nicht vermuten, daß dies »Fräulein

Mirbeth« die Inkarnation meiner Lebensfreude bildete. Er wußte ja gar

nicht, daß ich sie überhaupt kenne ...

Habe ich recht gehört? Oder habe ich nur vernommen was ich zu hören

wünschte und zu hören fürchtete? Habe ich eine ahnungslos hingeworfene

Bemerkung gewaltsam mißverstanden? ein harmloses Gespräch böswillig nach

einem gewollten Punkt geleitet? Nein und abernein. Das alles kam von

selbst. Es ist das Schicksal, das mich packt und mir einen Stoß

versetzt, daß ich zum Abgrund taumelnd, allen Halt verliere. Und daß

dieses Schicksal die freundlichen und mitleidenden Züge des Doktor

Wendland annahm, – welche Ironie! –

Das war keine von den dunklen Andeutungen. Er ist ihr Arzt und muß es

wissen. Er hat mich auch zweifellos verstanden. Nachdem er es gesagt,

ergriff er meine Hände und schaute mich stumm an. Sein Blick ging mir

durch und durch.

Melusine: Ein Liebesroman · 第 49 / 57 题