21. März.

In den letzten Nachmittagen treffe ich regelmäßig Doktor Wendland. Ich

unterhalte mich vortrefflich mit ihm. Er ist durchaus kein Arzt

gewöhnlichen Schlages. Er weiß viel und bringt seinem Beruf eine

bedeutende Persönlichkeit als Mitgift. Jene große Güte, die mich schon

beim ersten Eindruck so sehr bestach, vereinigt sich mit einer schönen

Freiheit des Urteils, und er prüft Herz und Nieren seiner Patienten

nicht nur im medizinischen Sinn; er will wissen, was auch in der Seele

_Derer_ vorgeht, die sich ihm und seiner Wissenschaft anvertrauen. Der

Mann wird es noch weit bringen.

(Später.)

Ich habe mich ein wenig mit Melys Schwester unterhalten. Ich war ganz

allein im Hause als sie kam; denn Benders sind spaziren gegangen ... Ich

bin nicht fähig, dieses Gespräch niederzuschreiben. Das Weib hat mein

Herz schwer gemacht. Wie ein Wandrer die Nacht nahen sieht, ohne

Hoffnung, das Ziel zu erreichen, so steh ich hülflos und verlassen auf

ungebahnten Wegen und weiß nicht aus noch ein. Die Zweifel schrecken

mich und quälen. Lange schon haben sie sich eingenistet in mir, und wenn

ich ihnen jetzt nachspüre, muß ich sehen, wie die Schatten fester

werden, lebendiger, überzeugender, bedrückender. O Mely komm! Deine

Gegenwart nur, dein schmerzlich-inniges Lächeln kann die Gespenster

vertreiben.

Melusine: Ein Liebesroman · 第 48 / 57 题