Ich erhielt Nachricht, daß der einzige Oheim, den ich noch
mütterlicherseits besitze, in Biarritz schwer erkrankt sei. Wenn er
stirbt, so erbe ich etwa achtzigtausend Mark, falls nicht auch er mich
mit dem Anathem belegt hat.
* * * * *
Ich kam zu Mely ins Zimmer, als sie gerade mit dem Ausräumen ihres
Schranks beschäftigt war. Heiter sah ich ihr zu, und ich war beglückt,
wenn sie sich mir auf einige Schritte nahte, und ich erschrak und sehnte
mich nach ihr, wenn sie in eine Ecke des Zimmers ging. Wir sprachen
nicht, aber sie empfand meine Gegenwart, und in jeder Bewegung drückte
sich das Bewußtsein aus, mich nahe zu wissen. Plötzlich fiel ein
schwerer Gegenstand zu Boden. Ich blickte hin und gewahrte einen
Revolver. Lächelnd fragte ich, was sie denn mit der Waffe anfangen
wolle. Mely war jedoch totenbleich geworden. Zitternd schaute sie auf
den Revolver hinab und ihre blutleeren Lippen suchten vergebens nach
Worten. Da ward mir heiß. Ich sprang auf und trat zu ihr hin. »Was hat
es für eine Bewandtnis mit dem Ding?« fragte ich erregt. Sie sah mich
wie geistesabwesend an und flüsterte: »Ich weiß nicht.«
Kurze Zeit darnach, als sie sich wieder gefaßt hatte, erzählte sie mir
eine Geschichte; daß ihr der Oberst den Revolver zur Jagdausrüstung
geschenkt habe, daß man einst drüben nach Karten geschossen und daß sie
unvorsichtigerweise den Oberst mit einem Schuß am Arm gestreift habe.
Aber ich fühlte es deutlich in meinem Herzen: es war nur eine
Geschichte, schnell erfunden und nicht einmal gut erfunden. Wie sehr
empfand sie, daß ich die Lüge ahnte! Sie wagte nicht mehr, mir frei ins
Auge zu sehn. Das brennt mich wie Feuer.