Ich erhielt den Besuch des Fräuleins von Erdmann. Sie schilderte mir in
tragischer Deklamation ihre bittere Lage und ich muß gestehn, daß ich
großes Mitleid mit ihr hatte. Zum Schluß fragte sie, ob ich ihr nicht
zweihundert Mark leihen könne. Ich mußte lachen, so sehr ich mir auch
Zwang anthat. Ich armer Teufel habe also doch verstanden, den Schein
einer sicheren Existenz aufrecht zu erhalten. Das erfüllt mich beinahe
mit Stolz und ich bin zufrieden mit mir. Aber ich wurde traurig über
dies zerstörte Leben, welches da vor mir saß; und so bombastisch und so
monumental die beleibte Dame auch ihre Rolle der Erniedrigten und
Elenden spielte, ich begriff doch, daß hier das Schicksal einen
wuchtigen Faustschlag geführt haben müsse, um so viel Herrischkeit,
Eigenliebe und Stolz zur Pose einer Bittstellerin herabzuzwingen. Ich
suchte zu trösten und zu ermutigen.
Alles in diesem Hause geht seinem Ruin entgegen. Die »Pension« ist nur
noch ein frommer Titel. Frau Bender ist beim Fleischer, beim Bäcker,
beim Krämer so tief verschuldet, daß sie nichts mehr kreditirt erhält.
Ich sehe nur gesenkte Köpfe und gerötete Lider. Die Pension war zum
Verkauf ausgeschrieben, aber Niemand hat sich beworben. Jetzt sollen die
Möbel veräußert werden. Die Familie will auswandern.
Die Einzige, die herumgeht, heiter und guter Dinge, ist Helene. Sie
thut, als ginge sie das alles gar nicht an. Sie lächelt, als ob sie
sagen wollte: die Mutter ist ja da, sie muß nun einmal dafür sorgen, daß
wir genug zu essen haben.