14. März.

Ich erhielt den Besuch des Fräuleins von Erdmann. Sie schilderte mir in

tragischer Deklamation ihre bittere Lage und ich muß gestehn, daß ich

großes Mitleid mit ihr hatte. Zum Schluß fragte sie, ob ich ihr nicht

zweihundert Mark leihen könne. Ich mußte lachen, so sehr ich mir auch

Zwang anthat. Ich armer Teufel habe also doch verstanden, den Schein

einer sicheren Existenz aufrecht zu erhalten. Das erfüllt mich beinahe

mit Stolz und ich bin zufrieden mit mir. Aber ich wurde traurig über

dies zerstörte Leben, welches da vor mir saß; und so bombastisch und so

monumental die beleibte Dame auch ihre Rolle der Erniedrigten und

Elenden spielte, ich begriff doch, daß hier das Schicksal einen

wuchtigen Faustschlag geführt haben müsse, um so viel Herrischkeit,

Eigenliebe und Stolz zur Pose einer Bittstellerin herabzuzwingen. Ich

suchte zu trösten und zu ermutigen.

Alles in diesem Hause geht seinem Ruin entgegen. Die »Pension« ist nur

noch ein frommer Titel. Frau Bender ist beim Fleischer, beim Bäcker,

beim Krämer so tief verschuldet, daß sie nichts mehr kreditirt erhält.

Ich sehe nur gesenkte Köpfe und gerötete Lider. Die Pension war zum

Verkauf ausgeschrieben, aber Niemand hat sich beworben. Jetzt sollen die

Möbel veräußert werden. Die Familie will auswandern.

Die Einzige, die herumgeht, heiter und guter Dinge, ist Helene. Sie

thut, als ginge sie das alles gar nicht an. Sie lächelt, als ob sie

sagen wollte: die Mutter ist ja da, sie muß nun einmal dafür sorgen, daß

wir genug zu essen haben.

Melusine: Ein Liebesroman · 第 45 / 57 题