Sie fragte mich, ob sie meine erste Liebe sei. Ich erwiderte ihr, daß
ein Mann heutzutage allzuviel Gelegenheit habe, sein Herz zu
verschenken, wie man poetisch sagt. Sie verstand mich. Aber ich sagte
ihr auch, daß eine Liebe, wie die, welche ich jetzt empfinde, nicht zum
zweiten Mal wiederkommen könne im Leben. Man kann nur ein Mal lieben,
aber verliebt sein kann man in jedem Frühling aufs neue. Sie sah mich
ungläubig und zärtlich an. Sie schmiegte sich an mich und verbarg ihr
Gesicht.
Wie sehr quälen wir uns beide, indem wir uns die letzte, reife Frucht
der Liebe vorenthalten! Bisweilen legt sich eine geheimnisvolle
Verbitterung zwischen uns, dann wieder ein absichtliches
Mißverstehenwollen. Ich lese dann in ihren Augen einen heißen Wunsch,
aber auch die Starrheit eines festen Entschlusses. Und ich kann ihr
nicht grollen. Ich möchte sie oft um Verzeihung bitten, wenn meine
stürmische Leidenschaftlichkeit sie zu überwältigen droht. Wie viel
sagen mir ihre Augen! Du bist mir alles, reden sie; Ziel und Ende des
Lebens, und in dir kann ich vergehen. Ich bete täglich – scheinen sie
oft zu sagen – daß du mich erwerben mögest, aber ich verdiene deine
große Liebe gar nicht. Ich habe Sehnsucht nach dir, wenngleich du bei
mir bist. Ich liebe dich mit aller Kraft meiner Seele ... So wortarm
ihre Zunge ist, so reich an Ausdruck sind diese schwarzen, herrlichen
Augen. Und wenn ich hineinsehe in diesen leuchtenden Abgrund, so muß ich
mir sagen: Unmöglich ist es, daß dieses stolze, zarte Weib sich jemals
einem ungeliebten Mann hingebe. Ich bitte ihr im Herzen all meine
Zweifel ab.