10. März.

Sie fragte mich, ob sie meine erste Liebe sei. Ich erwiderte ihr, daß

ein Mann heutzutage allzuviel Gelegenheit habe, sein Herz zu

verschenken, wie man poetisch sagt. Sie verstand mich. Aber ich sagte

ihr auch, daß eine Liebe, wie die, welche ich jetzt empfinde, nicht zum

zweiten Mal wiederkommen könne im Leben. Man kann nur ein Mal lieben,

aber verliebt sein kann man in jedem Frühling aufs neue. Sie sah mich

ungläubig und zärtlich an. Sie schmiegte sich an mich und verbarg ihr

Gesicht.

Wie sehr quälen wir uns beide, indem wir uns die letzte, reife Frucht

der Liebe vorenthalten! Bisweilen legt sich eine geheimnisvolle

Verbitterung zwischen uns, dann wieder ein absichtliches

Mißverstehenwollen. Ich lese dann in ihren Augen einen heißen Wunsch,

aber auch die Starrheit eines festen Entschlusses. Und ich kann ihr

nicht grollen. Ich möchte sie oft um Verzeihung bitten, wenn meine

stürmische Leidenschaftlichkeit sie zu überwältigen droht. Wie viel

sagen mir ihre Augen! Du bist mir alles, reden sie; Ziel und Ende des

Lebens, und in dir kann ich vergehen. Ich bete täglich – scheinen sie

oft zu sagen – daß du mich erwerben mögest, aber ich verdiene deine

große Liebe gar nicht. Ich habe Sehnsucht nach dir, wenngleich du bei

mir bist. Ich liebe dich mit aller Kraft meiner Seele ... So wortarm

ihre Zunge ist, so reich an Ausdruck sind diese schwarzen, herrlichen

Augen. Und wenn ich hineinsehe in diesen leuchtenden Abgrund, so muß ich

mir sagen: Unmöglich ist es, daß dieses stolze, zarte Weib sich jemals

einem ungeliebten Mann hingebe. Ich bitte ihr im Herzen all meine

Zweifel ab.

Melusine: Ein Liebesroman · 第 43 / 57 题