»Auch nicht zu schimpfen?«
»Auch nicht zu schimpfen.«
»Also: – Ich habe eine Schwester, die ich verleugnen muß, und die ich
dir gegenüber schon verleugnet habe.«
»Ah –« machte Falk erleichtert und ein wenig enttäuscht. »Aber was soll
das für einen Zweck haben. Sie selbst nennt dich ja ihre Schwester.
Neulich fragte sie mich, ob du zu Hause seist.«
Mely schwieg erblassend. »Ja, sie beneidet mich, die Arme, und ich kann
doch nicht mehr für sie thun, als _er_ mir erlaubt.«
»Das ist peinlich,« sagte Falk verstimmt.
»Was?«
»Ach, alles das.«
»Bist du bös?«
»Nein, Schatz.«
»Wirklich nicht?«
»Nein nein, wie sollt ich auch, du armer Schatz.«
»Wie gut bist du, wie gut,« stammelte sie, ihr erglühendes Gesicht an
seiner Brust verbergend.
»Wirst du morgen noch im Bett liegen müssen?« fragte Falk. »Du hast mir
noch immer nicht gestanden, was dir eigentlich fehlt.«
»Ja, – – ich bin eben krank.«
»Krank! _Wie_ krank, wo krank?«
»Verstehst du mich nicht? Ich habe so viel zu leiden durch – – ach
verstehst du nicht? Jetzt wieder. Deshalb muß ich das Bett hüten.«
»Ich – begreife aber nicht,« sagte Falk ratlos. Als er aber sah, wie
sie voll Scham lächelte, verstand er plötzlich und schloß sie erregt in
die Arme. Er war erschüttert, daß sie ihm dies offenbarte. Er schaute
ihr lange in die Augen, die so kohlschwarz waren, und die so
durchdringend leuchteten wie seltnes, kostbares Gestein. Er konnte sich
nicht enthalten, sie zu küssen, sie immer und immer wieder zu küssen,
zwanzig Mal, hundert Mal. Und alles vergaß er dabei, wie auch sie alles
vergaß: den vergangenen Tag und den nächsten Tag, und die kommenden Tage
und alle Zukunft mit ihren Sorgen. Unbewegt und voll Glück waren die
gegenwärtigen Stunden. Sie glichen einem tiefen, stillen See, in dem
sich der lichte Himmel spiegelt und der dadurch hell erscheint, so
dunkel und geheimnisvoll er auch in Wahrheit sein mag.
Und er erzählte ihr die Geschichte von Romeo und Julia, der sie atemlos
lauschte. Und als er fertig war, stieß sie heftig hervor: »Und glaubst
du, daß ich dich nicht so lieben könnte, wie Julia?« Schluchzend drückte
sie den Kopf in die Kissen, und auch Falks Augen standen voll Thränen.
Er suchte sie empor zu ziehen, aber schließlich legte er seine Wange an
die ihre und flüsterte leidenschaftlich: »So hingebend? Alles könntest
du von dir werfen? Ganz mir gehören?«
Noch tiefer drückte sie den Kopf in die Kissen.
Es war spät, und lange küßte er sie zum Abschied.