XII.

Als Mely am andern Morgen erwachte, fiel es ihr schwer, sich auf die

Vorgänge der Nacht zurückzubesinnen. Und als ihr diese klar wurden,

erschrak sie bis ins Herz. Sie klagte sich eines unverzeihlichen

Leichtsinns an und faßte den Entschluß, Vidl Falk gar nicht mehr zu

begegnen. Was muß er von mir denken! dachte sie beständig und faltete

die Hände, so unbegreiflich erschien ihr, was sie gethan.

Eingeschlummert war sie, den süßen Druck seiner Lippen gleichsam

nachkostend, und jetzt zeigte ihr das Tageslicht die ganze Bitterkeit

eines Fehltritts. Trotzdem es schon zwölf Uhr war, konnte sie sich lange

nicht entschließen, das Bett zu verlassen. Überdruß und Furcht

beherrschten sie; hauptsächlich fürchtete sie eine Begegnung mit Falk.

Ich werde in meinem Zimmer essen, beschloß sie. Ich werde auch den

Nachmittag über da bleiben. Aber mein Gott, am Abend ist ja der Ball des

französischen Clubs, zu dem auch er gehen wird. Es ist unmöglich,

auszuweichen....

Aber als sie angekleidet war, als sie die Fenster geöffnet hatte, als

die strahlende Schneelandschaft vor ihr lag, blendend und glitzernd,

leuchtend und förmlich fleckenlos, fühlte sie sich bald froher. Die

Träume waren es, dachte sie, die mich so unzufrieden gemacht haben. Der

Rauch stieg in dünnen Säulen empor. Die Glöckchen der Fuhrwerke tönten

nah und fern, und von dem Blechsims des Vorfensters erhob sich der

farblose Dunst des verdampfenden Schneewassers.

Wie bangte ihr aber trotzdem vor dem gemeinschaftlichen Mittagessen! Ein

haßähnliches Gefühl gegen Falk stieg in ihr auf. Er muß mich ja

verachten, grübelte sie; was sind das für Beteuerungen, die ein Mann

giebt in der Nacht – – und ich habe mich ihm an den Hals geworfen, das

ist klar. Sie erbleichte bei dieser Überlegung. An allem begann sie zu

zweifeln und am meisten an der Aufrichtigkeit ihrer eignen Gefühle.

Im Korridor stelzte Helene gravitätisch einher. »Was ist denn los?«

fragte Mely, belustigt von der komischen Gespreiztheit des Mädchens.

Helene tippte den Finger an den Mund und blieb gedankenvoll stehen.

»Pst! Nicht reden!« lispelte sie. »Die dicke Gnädige hat Migräne. Sie

leidet an Tobsuchtsanfällen. Schon um zehn Uhr hat sie nach Herrn Falk

geschickt. Natürlich, der ist billig.«

Mely runzelte die Stirn. Einem Stich gleich empfand sie Eifersucht,

doch nur eine Sekunde lang. Dann erschien ihr das lächerlich, nur die

Sorge beschlich sie, daß jenes Weib mit Verleumdung umgehen möchte. Doch

geheimnisvoll ergriff Helene sie am Arm und zog sie ins Schlafzimmer der

Familie. Dort lag über einer Stuhllehne ihr kanariengelbes Ballkleid. Es

war im Empirestil gehalten. An manchen Stellen ging die Farbe in

rostiges Orange, an andern in ein sattes Dottergelb über. Mely war

entzückt. Im Innern überlegte sie, wie sie wohl von diesem Ball

loskommen könnte. »Ich gehe so ungern mit, Helene,« sagte sie. »Sie

wissen ja, daß der Oberst nichts davon erfahren darf. Und diese

Heimlichkeit – ach!«

Dann mußte sie ins Wohnzimmer. Ihr bangte davor. Sie wußte, daß Falk

drinnen war, und mit klopfendem Herzen öffnete sie die Thüre.

Er war allein da. Als sie ihn sah, füllte sich ihre Seele mit einer Flut

neuer Liebe. »Wie hast du geschlafen?« flüsterte er hastig. – »O

herrlich,« gab sie zurück, mit funkelnden Augen und jenem erwärmenden

Lächeln, das sie so merkwürdig machte.

Der Abend kam und mit ihm die Vorbereitungen zum Ball. Als Mely fertig

war, trat sie zu Falk und sagte mit unterdrückter Stimme: »Soll ich

dableiben? Ja? –« Er sah sie bestürzt an. Sie zitterte. Hinter dem

dünnen Spitzengewebe des Dominos schimmerte ihre Brust. Er hatte ein

schwindelähnliches Gefühl und ohne den Blick von ihr abzuwenden,

versuchte er, sorglos zu lächeln.

Dann fuhren sie zum Luitpold-Block. Der Ball war sehr besucht. Es gab

viele befrackte und eilfertige Herrn mit einfältigen Gesichtern. Sie

trugen das Bewußtsein ihrer Vornehmheit spaziren. Sie schwitzten und

lächelten sanft, beinahe vorwurfsvoll. Manche standen ernst und

wächtergleich an Säulen und sie gähnten in wohlvorbereiteten Pausen.

Ihre Haltung war kühl und welterfahren. Was die Damen betrifft, so

lächelten sie ohne Ausnahme: ein offizielles, temperamentvolles Lächeln.

Falk tanzte nicht. Er war niedergeschlagen. »Ohne Zweifel sehe ich aus

wie alle andern jungen Herrn,« sagte er sich. »Nur ist meine Rolle noch

komischer. Ach, das Leben muß heiter sein, denn diese Leute sind sehr

fröhlich. Man erwartet von Jedem, daß er lustig sei. Bunt und sorglos

ist das Leben und die schwarzen Philosophen sind im Unrecht. Da ist Frau

Lottelott, sie tanzt mit Feuer und ihr Gesicht ist krebsrot. Und diese

Frau soll unglücklich sein, sagte Helene. Sie sollen oft kaum zu essen

haben. Siehe, auch Frau Bender tanzt. Sie wird sich hübsch zurichten bei

ihrem Leiden ...«

Sein Gesicht verfinsterte sich und er preßte boshaft die Lippen

zusammen. Er wollte nicht nach der Richtung sehen, wo Mely tanzte. Er

fand die Musik unerträglich und machte die Beobachtung, daß alle Leute

beim Tanz ein sehr blödes Gesicht zeigen. Einige sahen traurig aus,

andre witzig, einige senkten die Lider, andre richteten die Augen

verzückt nach oben; manche machten Bewegungen, als wollten sie im

Finstern eine Treppe besteigen und fänden die Stufen nicht. »Alle diese

Gesichter hasse ich bis auf den Tod,« murmelte er und der Walzer, das

Kleiderrauschen, das Schlürfen der Tänzer, das Lachen und Liebeln, all

das schmerzte ihn bitter. Sein Gesicht überzog sich mit Leichenblässe,

als er Mely dicht neben sich mit einem kleinen, weißblonden Herrchen

vorübertanzen sah. Sie konnte über ihren Tänzer hinwegsehen, aber sie

schlug die Augen nicht auf, ihr Gesicht hatte einen angestrengten und

leidenden Ausdruck und sichtlich mühevoll schleppte sie den kleinen Mann

mit sich fort. Ihre Frisur hatte sich ein wenig gelockert und darüber

empfand Falk Schadenfreude.

Er schlich in einen Nebensaal, wo nur einige Flammen brannten. Ein paar

alte Damen saßen in einem beleuchteten Winkel tuschelnd beisammen.

Unterwegs hielt ihn Frau Bender an und machte ihm über sein mürrisches

Wesen Vorwürfe. »Warum sind Sie so uninteressant?« fragte sie. »Sehen

Sie mich an. Ich habe mehr Sorgen als Likör und fühle mich doch wie

neugeboren.« Wenn sie witzig sein wollte, schlug sie stets einen

melancholischen Ton an.

Kurze Zeit hatte er im Halbdunkel gesessen, als Mely auf ihn zuschritt.

»Mich friert,« sagte sie und nahm seufzend Platz. »Weshalb so

verstimmt?« fragte sie plötzlich besorgt und ergriff seine Hand. Und als

wüßte sie, was in ihm wühlte, setzte sie hinzu: »Ich bin ja so ungern

hier! Viel lieber wär ich daheim. Ich bin ganz krank vor Angst.«

»Angst –?« Er zuckte verächtlich die Achseln. »Nun, war der Tanz recht

unterhaltend?« fragte er hart und höhnisch.

Sie bejahte trotzig. Aber als er aufstehn wollte, hielt sie ihn zurück.

»Das dürfen Sie nicht sagen!« flüsterte sie mit unterdrücktem

Händeringen.

»Sie –! Warum Schatz, – warum sagst du nicht du zu mir?«

»Ich kann ja nicht.« Sie war verlegen.

»Dann sag ich auch Sie.«

»Bitte, – nein.« Und sie lachte ihn glückselig an. Mit einer müden

Geste ordnete sie das Haar und Falk ließ sie nicht aus den Augen. Er

vermochte sich ihrem Blick nicht zu entziehen. Ein feiner und

bedrückender Zauber war in ihren Augen verborgen, die einen kindlich

rührenden, klagenden Ausdruck hatten. Aber seine Gedanken nahmen eine

feindselige Färbung an. Hier sollte sie nicht sein, dachte er. Das

entfernt uns. Überaus zart ist diese junge Liebe. Sie erträgt weder

fremde Augen, noch erträgt sie Vergnügungen und Tanz. Wie sie voll ist

von Furcht. O, wenn ich wüßte, was hinter dieser Furcht versteckt ist!

– Und wie Alkohol stiegen ihm Zweifel und Argwohn zu Kopf, so daß er

die Gegenstände um sich her kaum erkennen konnte.

Als sie dann an Frau Benders Tisch Platz genommen hatten, brütete er

finster vor sich hin. Er rauchte unablässig. Helene beobachtete bald

ihn, bald Mely. Ihre Mutter hatte sich einer maßlosen Fröhlichkeit

überlassen. Sie war ein wenig betrunken, redete und lachte unablässig

mit Frau Lottelott und hatte in Wirklichkeit alle Sorgen ihres Lebens

vergessen.

Falk wandte sich endlich an Mely, während Helene ging, um zu erhorchen,

ob Dr. Brosam nicht gekommen sei; er hatte es versprochen; selbst wenn

es Mitternacht werden sollte, würde er kommen.

Mely hörte erst gar nicht auf ihn. Unablässig suchend, wanderte ihr

Blick umher. Die Furcht, einen der Freunde und Bekannten des Obersts zu

sehen, verzehrte sie. O warum bin ich mitgegangen, dachte sie, ich kann

es nicht begreifen.

»Sie haben mir noch nie erzählt, welch ein Mensch dieser Herr Oberst

eigentlich ist,« begann Falk. »Wenn ich Sie so beobachte, muß ich ihn

für einen wahren Räuberhauptmann halten.«

»Nein, nein,« antwortete sie. »Er ist ein seelenguter Mensch. Ich glaube

es wenigstens, ich werde selbst nicht klug aus ihm. Im Zorn ist er von

maßloser Heftigkeit. Wie hat mich der Mann schon gequält! Die reinsten

Schurkenstreiche hat er schon verübt an mir; und doch ist er dann wieder

so liebevoll, so gut, ach es macht mich verrückt, darüber nachzudenken.

Wenn Sie ihn kennen würden, Sie wären sicher begeistert von ihm, Sie

würden mich für die größte Lügnerin halten.« Sie hielt inne, denn sie

sah sich von Frau Lottelott belauscht. Ihr Blick richtete sich traurig

in die Ferne.

Und plötzlich wurde dieser Blick starr. Die Augen öffneten sich

unnatürlich weit und das tiefste Entsetzen lag in ihnen. Eine

Totenblässe überzog ihr Gesicht und die Lippen bewegten sich.

Erschrocken folgte Falk der Richtung ihres Blickes. Er sah nichts, als

daß zwei neue Ballgäste, Doktor Brosam und Doktor Wendland angekommen

waren. »Was ist Ihnen denn?« fragte er mit heiserer Stimme, während er

wie hülfesuchend Frau Bender anschaute. »Der Hausarzt des Obersts,«

stotterte Mely, beide Hände auf die Brust legend; »er darf mich nicht

sehen, um keinen Preis.«

»Wer? wer denn?«

»Doktor Wendland.«

»Ja, aber was sollen wir thun?«

»Heimgehen, Frau Bender, ich bitte Sie darum, fort, nur fort.«

»Ja warum nicht gar!« kreischte Frau Lottelott mit einem drohenden und

haßerfüllten Blick auf Mely.

»Natürlich gehen wir!« entgegnete Falk finster und mit einer ihm sonst

fremden Entschiedenheit.

Die beiden Herren kamen näher. Mely stand mechanisch von ihrem Platz

auf. Ihre Augen erweiterten sich noch mehr. Sie fühlte, wie ihre

Gedanken stillstanden. Die Menschen um sie her wurden zu Schatten und

schienen zu zerfließen. Ein Sausen entstand in ihren Ohren. Wie eine

Ertrinkende umklammerte sie Falks Arm und er sah sie ebenso wahnsinnig

lächeln, wie damals, als sie beide dem Oberst begegnet waren. »Frau

Bender,« stammelte sie, »das dürfen Sie nicht verweigern, das können Sie

nicht.« Und sie eilte fort, blindlings in einen der Nebensäle hinein.

Falk ging ihr nach. Erschöpft lehnte sie an einem der Wandpolster. Auch

Frau Lottelott kam. Geifer floß von ihrem lippenlosen Mund. Frau Bender

schleppte sich am Arm ihrer Tochter nach. Sie war schon zu heiß im

Kopf, um zu begreifen, was vorging. »Gott sei den Gläsern und Tassen

daheim gnädig,« murmelte Helene. Ihre Mutter pflegte, wenn sie betrunken

war, alles Zerbrechliche zum Fenster hinauszuwerfen und danach weinte

sie dann stundenlang.

Falk schaffte Melys Garderobe herbei. Sie ließ sich den Mantel von ihm

überwerfen und den Shawl festbinden. Sie war schwach und sterbensmüde.

Eine neue Sorge nagte bereits an ihr und sie fragte Frau Lottelott, ob

sie noch hier bleibe.

Frau Lottelott bejahte verwundert.

»Und kommen Sie mit den Herren zusammen?«

»Mit wem? Ach so! freilich, ich hoffe.« Sie lachte mit überreizter

Koketterie.

»Wollen Sie das verschweigen? Bitte, liebste Frau Lottelott, sagen Sie

nichts, daß ich da war. Ja?«

»Beruhigen Sie sich nur,« entgegnete die magere Dame kühl.

»Helene, du bist meine bravste Tochter,« sang Frau Bender mit feuchten

Augen und umarmte das Mädchen. Mit verstörtem Lächeln sah Mely zu. Sie

schlug den Shawl um die untere Hälfte ihres Gesichts und erleichtert

aufseufzend durcheilte sie schnell, beinahe laufend, den Tanzsaal.

Helene und Frau Bender folgten, erstere mit verbissenen, unzufriedenen

Mienen. Sie schaute sich vergebens nach Doktor Brosam um, den sie so

gern getroffen hätte.

Falk ließ die drei Damen in eine Droschke steigen, bezahlte den Kutscher

und machte sich dann auf den Heimweg.

Die Nacht war kalt und windstill. Die Straßen waren ausgefüllt mit

Schnee. Er schlug eine falsche Richtung ein, änderte aber den Weg nicht,

trotzdem er es bald bemerkte. Die Stille that ihm wohl, auch die Kälte.

Er dachte nichts Bestimmtes, er hatte nur das Gefühl, einer Bedrängnis

entronnen zu sein. Er suchte sich ein Bild des Obersts zu konstruiren

und glaubte, durch Melys Angst verleitet, auf einen grausamen Despoten

schließen zu müssen. So entstand in seiner Phantasie ein Bösewicht mit

rollenden Augen und einem hämischen Grinsen. Damals an der Maffeistraße

hatte er ihn kaum gestreift mit den Blicken, da er nur für Mely Augen

gehabt.

Klirr, klirr, tönten seine Schritte auf dem Schnee. Ja damals hatte es

begonnen: die Unruhe in ihm, das Suchen nach dem Geheimnis. Er blieb

stehen und gedachte ihrer herzzerreißenden Angst an diesem Abend.

Schleier auf Schleier schien sich zu heben vor seiner Überlegung. Aber

er fürchtete die Klarheit. Scham und Verzweiflung erfüllten ihn.

In immer größerer Erregung und immer schnellerem Tempo ging er der

Heßstraße zu. Als er am Hausthor angelangt war, zitterte er vor

Ungeduld, mit ihr abrechnen zu können. Denn daß sie ihn belogen, galt

ihm für unwiderlegbar. Er sprang die Treppen hinauf, immer vier Stufen

auf einmal nehmend und vergaß völlig, daß es nachts ein Uhr war und Mely

doch wahrscheinlich schon schlief.

Jedoch er traf sie noch wach. Sie hatte auf ihn gewartet. Frau Bender

lag schon im Bett und Helene schlief auf dem Divan. Die Lampe stand auf

dem Tisch, ohne Sturz und der Zylinder hatte eine schwarze Rauchkrone.

Die Gardinen waren zurückgezogen und das Mondlicht lag mattschimmernd

auf den Dielen. Perlend und gleißend breitete sich die schneebedeckte

Straße aus.

Mit offenen Haaren kam Mely ihm entgegen und reichte ihm die Hand. »Wie

unglücklich war ich!« sagte sie.

»Warum?«

»Nun weil ... weil Sie so lange nicht gekommen sind. Nicht böse sein, –

ich kann nicht du sagen.«

»Pst!« machte Falk und deutete mit den Augen auf Helene. Ein freudiger

Rausch war über ihn gekommen. Gleich der leichten Spreu waren die

finstern Gedanken verweht. Ihr liebliches, gütiges Lächeln demütigte

ihn. »Ich liebe dich unaufhaltsam,« flüsterte er inbrünstig und drückte

ihre Hand, daß sie einen Schrei unterdrückte. Dies »Unaufhaltsam« klang

ihr ungewohnt und deshalb erregte es in ihr die Vorstellung einer

großen, übermächtigen Liebe. Ihr Inneres war erfüllt von seinem Bild wie

der Tempel von dem Geist der Gottheit, der er geweiht ist. Bisweilen

betete sie für ihn. Doch niemals und unter keinen Umständen hätte sie

ihm dies gestanden. –

Am nächsten Tag war sie bettlägerig. Nach dem Mittagessen ging Falk in

ihr Zimmer. Sie schien nicht erfreut über seinen Besuch. Er setzte sich

an den Bettrand. »Du fürchtest wohl Frau Bender? Aber ich hatte zu sehr

Sehnsucht, dich zu sehen.«

Sie schaute ihn ungläubig an. »Ich habe einen schrecklichen Traum

gehabt,« sagte sie. »Ich habe geträumt, der Oberst hätte alles entdeckt

und dann –«

»Und dann –?«

»Er stand auf dem Fenstersims und schrie fortwährend nach der Polizei.

Seltsam, wie?« Sie lachte.

Es klopfte und Helene kam. Sie machte große Augen und ein strenges

Gesicht, als sie Falk gewahrte. Sie beachtete Mely nicht, sondern

stellte eine gleichgültige Frage in die Wand hinein und ging wieder.

Dann läutete es im Korridor und Mely fuhr zusammen wie bei einem

Böllerschuß. Falk bemerkte wohl ihre Aufregung; er stand auf und

verabschiedete sich traurig von ihr. Er suchte sein Zimmer auf und

wanderte rastlos auf und ab. Wieder läutete es, und jemand ging in Melys

Zimmer. Er legte das Ohr an die Wand, um zu erhorchen, wer drüben sei,

aber er hörte nichts. Dann fragte er die Magd in der Küche mit

erheuchelter Gleichgültigkeit, wer geläutet habe. Der Doktor Wendland

sei es gewesen. Falk verzog den Mund und versank in finsteres Sinnen.

Später kam Melys Schwester und als Falk sie erblickte, erwachten

plötzlich all seine Zweifel und bedrängten ihn schwer. Sie hat gelogen,

dachte er. Daß sie ihre Schwester verleugnet, ist unbegreiflich, aber es

ist doch klar, daß sie lügt.

Nach dem Abendthee saß er allein bei Frau Bender. Unvermittelt wandte er

sich mit der Frage an sie: »Was halten Sie eigentlich von Fräulein

Mirbeth? Und von diesem Herrn Oberst, d. h. welch ein Verhältnis ist

das? Was halten Sie davon?« Er that als interessire ihn das nur als

Klatsch, als wolle er kein eigenes Urteil fällen und frage darum bei

Andern.

Doch Frau Bender machte ein verlegenes Gesicht und sagte, fein lächelnd:

»Ach Sie wissen doch selbst, was man darüber spricht. So ein Mann –!«

»Nun – und was spricht man denn?« erwiderte Falk ungeduldig und zornig

und wurde weiß wie eine Wand. Das erschien ihm über alles wichtig: was

man sprach. Das erschien ihm in diesem Augenblick entscheidend.

Frau Bender hatte die Lider gesenkt und fältelte an einem

Puppenkleidchen. »Mein Gott, ein alleinstehendes und noch dazu armes

Mädchen, es ist bedauerlich,« sagte sie bekümmert. »Und was für ein

Leben führt sie drüben! Wie drangsalirt er sie oft mit seiner Eifersucht

und seiner grenzenlosen Willkür. Manchmal, wenn ein Brief kam, oder wenn

ihr Name draußen genannt wurde, war sie einer Ohnmacht nahe vor

Herzklopfen. Und doch kann ich den Mann eigentlich nicht verurteilen.

Sie ist ja furchtbar herb und eigenwillig und – ach, Herr Falk – ich

kann Ihnen nur als Freundin raten, lassen Sie es nicht zu tief gehen.«

Ein namenloser Schreck ergriff ihn. Bald bunt, bald dunkel waren die

Gegenstände um ihn. Flehend starrte er Frau Bender an. »Wissen Sie denn

etwas Bestimmtes?« fragte er rauh.

»Wer kann da entscheiden? Schließlich sind ja alle darüber einig, daß –

es ist ja doch nicht anders möglich, die Männer sind eben so. Umsonst

thun sie nichts. Wir haben erst gestern im Club darüber gesprochen ...«

»Ja, aber was? Was denn um Gotteswillen?«

Frau Bender antwortete nicht gleich. Sie riß die Reihfäden aus ihrem

Puppenkleidchen und sagte errötend: »Man hält sie eben für die Geliebte

des Obersts.«

Falk schwieg. Er schluckte ein paar Mal hintereinander und atmete mit

Mühe. »Ach – wirklich!« machte er dann, scheinbar sehr verwundert, und

plötzlich lachte er aus vollem Herzen. Frau Bender sah ihn bestürzt und

langsam begreifend an. In vielen Dingen war sie eine feinfühlige Frau.

Und dies äußerte sich besonders darin, daß sie jetzt nicht zu trösten,

oder zu widerrufen versuchte. Als er sich erhob, und ihr höflicher als

sonst gute Nacht wünschte, sah sie ihm lange voll mütterlicher Güte

nach.

Mely hatte sich mit Helene unterhalten, und als diese gegangen war, lag

sie da, träumend, und ganz ihren Träumen hingegeben. Es wurde still in

der Pension, aber sie hatte kein Bedürfnis zu schlafen.

Gegen elf Uhr öffnete sich die Thür leise und Falk trat ein. Er sah sie

nicht an, sondern ging an ihrem Bett vorbei zum Sopha und lehnte sich in

dessen Ecke zurück, so daß er ganz im Schatten saß.

Mely richtete sich halb auf, stützte den Kopf in die Hand und wandte

schmerzlich befremdet das Gesicht dem Sopha zu. In dumpfer Betrübnis

starrte sie zu Falk hinüber. In Wahrheit, dies ist qual-, qualvoll,

ging es ihr durch den Kopf. Die Furcht, ihn zu verlieren, legte sich jäh

wie schwere Müdigkeit in ihre Glieder.

Nach diesem langen Schweigen stellte er sich vor das Bett und sagte

barsch und gehässig: »Du hast mich belogen.«

»Ich – hätte gelogen?« Eine flüchtige Blässe ging über Melys Gesicht.

»Also –; jetzt bitte ich dich um Wahrheit. Und wäre sie noch so

furchtbar, verschweige sie nicht. Sieh, ich verspreche dir, daß ich kein

Wort des Vorwurfs sagen werde: nichts. Ganz still will ich fortgehen;

ich will mich nicht mucksen. Nur die Wahrheit. Ich kann diese Leiden

nicht länger tragen.«

»Aber mein Gott, was denn?« flüsterte Mely, und ihr Gesicht war ganz

aufgelöst in Bangnis.

»Dies: bist du frei von Schuld? Ist dir der Oberst nicht mehr, als, –

wie soll ich sagen, du verstehst mich doch!«

Melys Gesicht verfinsterte sich. Sie preßte zornig die Lippen zusammen,

und dann sagte sie kalt: »Ich bitte Sie, Herr Falk, verschonen Sie mich

doch damit. Ich will nichts hören.« Sie streckte sich aus im Bett und

blickte zur Decke.

Falk setzte sich auf den Bettrand und sagte traurig: »Ich werde ja

sterben, wenn es wahr ist. Wenn ich dich nicht so liebte, daß du mir

alles bist, die Luft und der Schlaf, und die Erinnerung und die Ruhe,

weiß Gott, ich machte nicht viel Umstände. Aber du bist mir teuer, ich

schwöre dir. Ich kann nimmer arbeiten und nichts. (Er schüttelte langsam

den Kopf.) Das ist keine Eifersucht, denn ich kann mir vorstellen, daß

ich diesen drückenden, heißen Schmerz des Argwohns noch hätte, selbst

wenn ich aufgehört hätte, dich zu lieben ... Wer kann das begreifen!«

Eine lange Pause entstand. Dann richtete sich Mely auf und griff

schüchtern nach seiner Hand. Sie bohrte ihren Blick förmlich in den

seinen, und diesen Blick vergaß er nie: so reich war er an Verzweiflung

und Mutlosigkeit. Sie sagte weich und bedachtsam: »Schau, warum soll ich

dich denn anlügen? (Wie froh und beglückt war er über dies plötzliche

Du!) Das könnte doch keine ewige Lüge bleiben. Du willst nicht sehen,

wie einfach alles ist. Weshalb kannst du nicht mir vertrauen? Weshalb

mußt du auf das Geschwätz der Leute horchen? Es ist mir so gleichgültig

geworden, was die Leute sagen, – ach!«

Unaufhörlich hatte sie ihn bei diesen Worten angeschaut. Und ihre Augen

waren so sehr erfüllt von Treuherzigkeit und Offenheit, daß Falk

erleichtert aufseufzte. Er drückte ihre Hand und schwieg einige Zeit,

wie überlegend. »Nun gut, ich glaube dir,« sagte er endlich. »Und ich

will dir glauben, ohne Zweifel und Argwohn bis in alle Zukunft. Aber

das will ich dir sagen: wenn du mich getäuscht hast – und du weißt ja,

alle Lügen kommen ans Licht, – wenn du mich betrogen hast, werde ich

zuerst dich erschießen und dann mich.« Wie romanhaft klingt das, dachte

er bei sich. Aber Mely lächelte zustimmend, und ihre Lippen öffneten

sich ein wenig, als sehnte sie sich, geküßt zu werden. Ihr Wesen hauchte

eine wilde, beengende Glut aus. »Liebst du mich denn auch wirklich?«

fragte Falk. Und als ob sie einer Eingebung folgte, erwiderte sie rasch:

»Bitter.« Er sah sie erstaunt an und senkte den Kopf.

Sie erzählte ihm von der neunjährigen Gefangenschaft im Kloster. Dann

habe sie der Oberst zu sich genommen. »Seine Frau lebte damals noch, und

er hat sie auf Händen getragen. Als sie starb, war der Mann ganz

wahnsinnig. Er tobte und schrie: ›Nehmt mich auch gleich mit, nehmt mich

mit,‹ als man den Sarg forttrug. Aber acht Tage später gab er mir schon

zu erkennen, daß er in mich verliebt sei. Er war ganz frivol und – kurz

und gut, ich bin davongelaufen. Ich war dann ein halbes Jahr bei armen,

armen Verwandten in Thüringen. Die niedrigsten Dienstleistungen mußte

ich verrichten. Und obendrein zahlte ich noch Logis. Ich hatte gar kein

Geld mehr, und es ging mir sehr schlecht.«

»Nun, und dann?«

»Ja, eines Tages kam er und holte mich. Ganz aus freien Stücken. Ja,

denk dir, das hätt ich bald vergessen. Wie ich so in Not war, bat ich

ihn brieflich um Geld. Da ließ er mir durch seinen Advokaten mitteilen,

wenn ich mich nochmal unterstünde, ihn zu belästigen, würde er mich

wegen Erpressung belangen. Denk dir!«

»Aber du hättest doch zu stolz sein müssen, um zu schreiben –«

»Ach –! Kurz, schließlich kam er und –«

»Du gingst mit ihm? Wirklich?«

»Ich war so froh. Das Elend hatte mich fast aufgerieben. Er reiste dann

mit mir nach Italien und das war doch wieder sehr nett.«

»Und seitdem hat er nichts mehr gesagt?«

»Nein.«

»Nie wieder hat er das von dir verlangt?«

»Nie.«

»Aber warum bist du denn neulich –?«

»Ach, wir haben eben gestritten wie immer.«

»Und warum diese Angst vor ihm, diese mörderische Angst?«

»Er ist entsetzlich eifersüchtig. Wenn ich nicht thu, was er wünscht,

läßt er mich im Stich. Und wenn er mich im Stich läßt, bin ich

verloren.«

Leise, ganz leise regte sich das Mißtrauen aufs Neue in Falk. Aber

dieses frische Mißtrauen war anderer Art. Es stützte sich auf

Thatsachen, darauf, was sie selbst erzählte. Er hörte gar nicht auf, zu

fragen, immer wollte er Einzelheiten wissen, und wo er einen Widerspruch

vermutete, war seine Art zu fragen, ganz die eines Untersuchungsrichters,

und sein Wesen war verstört und nervös. Tag um Tag hätte er ihre

Vergangenheit kennen lernen mögen. Hundertmal fragte er nach denselben

Dingen, und sie ermüdete nicht in der Beantwortung. Offenbar fand sie es

gut und vernünftig, daß er alles zu wissen begehrte. Wenn sie so

erzählte, arglos und heiter, herrschte stets ein bitterer Zwiespalt in

seiner Seele. Er glaubte ihr und glaubte ihr nicht. Er sagte sich, es

sei undenkbar, daß ein Mensch, und sei er der raffinirteste Heuchler,

sich derart verstellen könnte, und andererseits folterte ihn das

Abenteuerliche, Sprunghafte ihres Lebens und jene Verschlossenheit, die

sich bisweilen an ihr kundgab, der rasche Wechsel ihrer Stimmungen, das

oft Herausfordernde ja sogar Bösartige und Versteckte ihres Wesens.

Besonders wurde er die Empfindung nicht los, daß alles, was sie

berichtete, bis zu einem gewissen Punkte wahr sei. Von da an begann

jedoch die Dunkelheit. Je mehr er sie liebte (und von Stunde zu Stunde

nahm seine Liebe zu), je mehr zweifelte er an ihr. »O,« sagte er im

Verlauf der Nacht zu ihr, »ich möchte nur ein einziges Mal zusehen, wenn

du mit Jenem allein bist. Nur fünf Minuten lang.«

Er blickte sie forschend an, aber sie lächelte. Es gibt kein Wort für

die Art dieses Lächelns. Es war ein keusches Lächeln.

»Noch etwas muß ich dir gestehn,« flüsterte sie bang. »Aber ich fürchte

mich.«

Wie ein kalter Hauch überlief es Falk. Er fühlte, wie unwahr seine

Versicherung gewesen sei, daß er ihr vertraue. »Was ist es? Sag es, sag

es!« murmelte er schnell und ungeduldig.

»Aber du wirst böse sein.«

»Gewiß nicht, Schatz,« beteuerte er, und küßte sie so heiß, als wisse er

bestimmt, daß er sie nach ihrer Eröffnung nimmer küssen werde.

»Ich wag es nicht,« flüsterte sie und schmiegte sich eng an ihn an. Ihr

warmer Leib raubte ihm fast die Besinnung.

»Sei doch nicht kindisch,« sagte er, mitergriffen von ihrer Furcht.

»Aber du versprichst mir, nicht bös zu sein?«

Melusine: Ein Liebesroman · 第 32 / 57 题