Eine jener unbehaglichen Stimmungen herrschte in der Pension, die wie
eine ansteckende Krankheit um sich greifen. Fräulein von Mahnke zog aus.
Sie räumte und rumorte schon seit Tagen. Der Korridor glich einem
Feldlager.
Falk saß im Wohnzimmer am Fenster – Melys Lieblingsplatz, und faßte den
Vorsatz, an sie zu denken, oder von ihr zu träumen. Aber kein
glückliches Bild erschien ihm. Alle Gewißheit des Besitzes und der Liebe
verging, und wie eine Wunde empfand er frisch und deutlich den Zweifel
an ihr.
Später setzte sich Frau Bender zu ihm. Sie frug nach Mely. Falk
erwiderte, sie sei zum Oberst, um drüben zu diniren.
Ganz unvermittelt begann Frau Bender von dem Oberst zu sprechen. Sie
pries ihn, hob ihn in den Himmel. Es gibt eine feine Art, einen Menschen
zu verkleinern: man findet die tadellos, die er haßt. So verkleinerte
Frau Bender Mely Mirbeth. Aber sie wollte nicht eigentlich Böses. Sie
sah auch nicht die Übel voraus, die sie verursachte. Es war lediglich
der unwiderstehliche Drang in ihr, derjenigen Person, mit der sie gerade
sprach, Recht zu geben, oder ihr zu schmeicheln, indem sie einem
Verdacht Nahrung gab.
»Ich leide sehr,« sagte Falk. »Ich taumle herum wie in der Finsternis.
Was ist sie und was will er, der Andere –? Es frißt mir das Herz ab.«
Er war erbittert über sich, daß er vor dieser Frau in Klagen ausbrach;
er glaubte, daß er dies in der Hoffnung, beruhigt zu werden, thue. In
Wahrheit jedoch wollte er nur seine Zweifel bestätigt hören. Gierig
horchte er.
»Wenn ich offen sein soll,« meinte Frau Bender, »so muß ich sagen, daß
ich nicht glaube, alles dies sei harmlos. Bedenken Sie doch, wie die
Männer sind. Der Herr Oberst ist ein Lebemann, und halten Sie es für
möglich, daß er alles umsonst thut für ein Mädchen, gegen die er doch
eigentlich keine Verpflichtung hat –? Ich nicht.«
Falk zuckte scheinbar gleichgültig die Achseln, während durch seinen
Hals eine scharfe Glut bis in den Magen ging. Bei den letzten Worten war
Fräulein von Erdmann hereingekommen. »Ah! Sie sprachen von Fräulein
Mirbeth –?« rief sie mit blitzenden Augen. Falk empfand einen
stechenden Schmerz, als rücke nun die Gewißheit näher und näher.
»Noch einmal rate ich Ihnen, Herr Falk,« fuhr Frau Bender unbeirrt fort,
»als Freundin, – als gute Freundin – lassen Sie ab. Es ist ein
Unglück für Sie und für Fräulein Mirbeth.«
Falk schwieg. Die Erdmann betrachtete ihn zärtlich und lispelte
kopfschüttelnd: »Wie kann guter Samen auf so schlechten Acker fallen!«
Der junge Mann blickte sie drohend an, und trommelte aufgeregt auf die
Fensterscheibe.
Unbemerkt von allen war auch Helene ins Zimmer geschlüpft. Die Arme
verschränkt, stand sie am Tisch und musterte Falk mit stolzen Blicken.
Er begegnete ihren Augen und war gedemütigt. Sie ist klug, dachte er.
Sie glaubt hoch über mir zu stehen. Sie verachtet mich, daran zweifle
ich nicht. Auch die eigne Mutter verachtet sie und alle andern, die in
diesem Hause sind.
Zerflattert war Melys Bild vor seinen Augen, und wenn er an sie dachte,
sah er nur das schlaue, verschlagene Weib, die Überlisterin des Mannes,
die Betrügerin.
»Die Hühner haben Ihnen wohl das Brot gestohlen, weil Sie so unglücklich
aussehn?« sagte Helene nach dem Mittagessen zu ihm, als sie allein
waren.
»Ach ja –« seufzte Falk.
Da wurde Helene plötzlich ernst. »Ich meine so, Herr Falk: Entweder man
liebt; und dann vertraut man, oder man liebt nicht – nun dann nicht.
Das thut ein Mann, denk ich mir. Und wenn er nicht vertraut, geht er
seiner Wege.«
Falk lauschte erstaunt und beklommen. Helene fuhr etwas träumerischer
fort: »Die Liebe ist doch wie ein Spiegel. Ein noch so kleiner Splitter,
und die ganze Scheibe hat den Wert verloren. Sehen Sie, – und dann das:
ich gehe nie vor den Spiegel, wenn ich schlecht und nachlässig gekleidet
bin. Wer hineinschaut, schaut wieder heraus. Ich weiß nicht, ob Sie mich
verstehn, – vielleicht ist es auch dumm –« sie hielt errötend inne,
und sagte dann, den Mund verziehend: »Ah bah! lirum, larum Löffelstiel!«
Falk sah sie verwundert an. »Sie sind wie ein Gedicht von Heine,«
brummte er. »Sie berauben sich selbst der schönsten Wirkungen.« Er mußte
sich gestehen, daß ihr jene Worte etwas Adelndes und Liebliches
verliehen hatten. Seltsam erschien ihm, daß sie ihn getröstet hatte und
aufgerichtet mit diesem ziemlich dunklen Gleichnis.
Doch als er ausging, war er wieder mißmutig und in gedrückter Stimmung.
Er trank unter den Arkaden Kaffee und blieb Zeitung lesend sitzen, bis
es dämmerte. Als er nach Hause kam, saß Mely allein im Wohnzimmer. Sie
hatte ein Buch auf den Knieen, blickte aber, den einen Ellbogen auf das
Knie gestützt, träumend zur Seite. »Was liest du denn da?« fragte er
ziemlich hart, nahm das Buch und las den Titel: Mantegazza, Physiologie
des Weibes. »Pfui, ein so schmutziges Buch liest man doch nicht!« rief
er aus, und schleuderte den Band auf den Tisch.
Mely errötete und sah ihn ängstlich an. In diesem Augenblick wäre sie
sicherlich bereit gewesen, mit ihm zu fliehen, wohin er wollte, ihm zu
folgen bis an den fernsten Winkel der Welt, und sei es in Armut und
Elend. Aber plötzlich wurde sie unfreundlich, runzelte die Stirn und gab
ihm auf verschiedene Fragen keine Antwort. Dieser jähe Stimmungswechsel
machte ihn ratlos. Sie selbst erschien dadurch um vieles älter und
häßlicher. Alles Sanfte, Nachgiebige, Gute verschwand aus ihrem Gesicht
und harte Linien entstanden. Umsonst forschte er nach dem Grund dieser
Veränderung; statt Auskunft zu geben, erhob sie sich und ging hinaus.
Am Abend kam die Kartenlegerin. Frau Bender und das Fräulein von Erdmann
hatten ihre Neugierde, Ereignisse der Zukunft zu erfahren, nicht
bezähmen können, und Falks Zimmer wurde zum Quartier der Wahrsagerin
gemacht.
Mely atmete auf, als Falk gegen acht Uhr von einem Besuch zurückkam. Er
sah sie stumm an. Ich liebe dich, hätte er ihr zurufen mögen, alle Tage
denk ich nur an dich, alle Stunden, und es gibt kein Licht als die
Liebe.
Fräulein von Erdmann kam kichernd von der Kartenlegerin zurück. Sie
stellte sich, als ob sie nicht im Entferntesten an die schönen Dinge
glaube, die ihr geweissagt worden, aber schließlich konnte sie ihr
Entzücken nicht mehr verbergen. »Eine geniale Person!« rief sie
enthusiastisch. »Meine ganze Vergangenheit hat sie aufgedeckt, – es war
staunenswert.« Falk beobachtete mit schwerem Herzen, wie jedes Wort, das
sie sprach, eine feindselige Spitze gegen Mely enthielt, selbst wenn das
Gesprochene sich in gar keiner Weise auf das junge Mädchen bezog. Aber
der begleitende Blick und die begleitende Geste waren schon feindselig.
Frauen verstehen es so gut, mit unsichtbaren Schwertern zu kämpfen. Alle
sind ihr gram, dachte er. Und warum? warum? Und Mely sah ihn an mit
einem Blick, der um Verzeihung bat, und der sagen wollte: Ich bin
schuldig. Ich weiß, was du denkst, schien dann ein anderer Blick zu
sagen, aber schon lange hassen sie mich, alle diese. Und wenn sie mich
jetzt noch verachten werden, dann bist du die Ursache.
Bald kam auch Frau Bender zurück und Helene ging, um sich prophezeien zu
lassen. Falk fand es interessant, zu beobachten, in welcher Stimmung ein
jeder zurückkam. Frau Bender war hoffnungsselig und voll gutem Glauben.
Sie erzählte kindlich froh, daß sie noch in diesem Jahr zu ihrem Mann
nach Amerika reisen würde. »Aber noch bevor wir dies Haus verlassen,«
fügte sie hinzu, »wird eine weibliche Person darin sterben.«
»Uchh!« machte Fräulein von Erdmann schaudernd.
Falk wollte lächeln, aber es gelang ihm nicht. Ein kühler Strom,
flüchtig und frostig, ging über seine Augen. Helene trat ein. Sie allein
erzählte nichts, und machte ein skeptisches Gesicht. Jetzt erhob sich
Mely. Sie schleppte sich mehr hinaus, als sie ging, und wenn auch Falk
ihr Gesicht nicht sah, war er überzeugt, daß sie die Augen geschlossen
haben müsse. Unter den Zurückbleibenden herrschte fortwährend jene
Spannung, etwa wie unter Leuten, die sich vor Gespenstern fürchten,
trotzdem Alle, Frau Bender ausgenommen, ungläubig erscheinen wollten und
sich Mühe gaben, ihr inneres Erstarrtsein zu verbergen.
Falk hatte Herzklopfen als er Mely kommen hörte. Sie schüttelte bloß den
Kopf, als sie sich setzte und sagte zusammenfahrend, als ob es kalt sei
im Zimmer: »Gar nichts hat sie mir mitteilen können. Das Eiweiß im
Wasser ist ganz zu Boden gesunken, und hat gar keine Figuren gebildet.
Und die Karten waren ganz wirr.« Wieder fuhr sie zusammen und häkelte
den Kragen ihres Hauskleids zu.
»Soll ich auch mitthun?« fragte Falk, sich belustigt umsehend, als
handle es sich um einen vortrefflichen Scherz. Alle bejahten lebhaft.
»Sie werden sich köstlich amüsiren!« rief Fräulein von Erdmann, indem
sie bemüht war, Mely ihre Geringschätzung zu zeigen. »Gehen Sie nur,
Sie Zigeuner! Marsch!« Und mit frivol gespitzten Lippen blies die dicke
Dame bedächtig den Rauch ihrer Zigarre von sich.
Als Falk sein Zimmer betrat, saß die Kartenlegerin am Tisch und
schlürfte Thee. Er sah ein Gesicht, das einem Stück Felsen glich, wenn
lange Zeit das Wasser darüber hinweggespült wurde, so daß es ganz
gefurcht und grünspänig aussieht. Das Weib mischte die Karten und sagte
mit fremdländischem Accent: »Aach ... Liebe, die vorübergeht.« Sie
sprach ihr fremdes Deutsch im Münchner Dialekt, und wandte oft
übertriebene, phrasenhafte Worte an, so daß ein halb komisches, halb
beängstigendes Gemisch von Gravität und prophetischer Würde entstand.
»Sie haben es verstanden, arm zu bleiben,« sagte sie dann kopfnickend.
»Die Aß und der Bub, – Schellenkönig, – großes Herzeleid ist über
Ihnen, wie eine schwangere Wolke. Grün Zehner und rot Sechser – durch
ein großes Gebirge werden Sie fahren, und zwar im August dieses Jahres.
Ein schwarzhaarigs Mädel steht bei Ihnen. Sie sehnt sich recht sehr nach
Ihnen, von ganzem Herzen liebt sie Ihnen, – aber Lug und Trug ohne Ende
ist dabei und Thränen und Kummer –«
»Hören Sie auf!« unterbrach sie Falk, mühsam lachend. Mit blöden Augen
schaute ihn die Alte an. –
Im Wohnzimmer angelangt, war er sehr heiter. Er berichtete die
komischen Einzelheiten in dem Gebahren der Seherin, und seine Lustigkeit
wurde zum Schluß förmlich betäubend. Er fühlte, wie Mely seinen Blick zu
erhaschen suchte, wie sie ängstlich und vorwurfsvoll, ihn nicht aus den
Augen ließ, aber um keinen Preis hätte er sie jetzt anschauen mögen.
Seine Empfindungen waren verzerrt, sein Herz war wie zersprungen.
Da bemerkte er, daß sie das Zimmer verlassen hatte. Zuerst achtete er
nicht darauf, aber auf einmal verlor er die Ruhe und die Besinnung und
ging hinaus, um sich in seinem Zimmer einzuschließen. Doch wanderte er,
seinen Vorsatz vergessend, im Korridor auf und nieder. Er hatte
Sehnsucht nach ihr und wünschte heiß, sie küssen zu dürfen. Er klopfte
leise an ihrer Thür. Als er keine Antwort erhielt, drückte er auf die
Klinke, aber sie hatte den Riegel vorgeschoben. Er flüsterte ihren
Namen, und immer erregter werdend, klopfte er schließlich heftig an die
Thüre.
Ohne daß er sie nahen gehört, stand plötzlich Helene hinter ihm. »Was
thun Sie!« sagte sie streng.
»Gehen Sie hinein, Helene,« antwortete er finster. »Ihnen wird sie
öffnen. Ich weiß bestimmt, daß sie jetzt drinnen liegt und weint, aber
es ist mir unverständlich, unfaßbar!«
Eindringlich rief Helene Melys Namen. Falk trat ein wenig zurück in die
Dunkelheit. Mely öffnete und ließ Helene ein. Es war finster in ihrem
Zimmer.
Am nächsten Morgen saßen die beiden Mädchen lange Zeit bei einander. Er
hörte, daß sie sich dutzten, und ein beklemmendes Gefühl hinderte ihn
stundenlang am ruhigen Nachdenken. Gegen Mittag kam der Diener des
Obersts, ein läppisch aussehender Soldat mit einem Brief für Mely. Falk
saß am Klavier. Während er weiterspielte, sah er genau, wie das junge
Mädchen erbleichend das Papier durchlas, es dann hastig zerknitterte und
in die Tasche steckte. Er trommelte ein wildes, sinnloses Fortissimo und
schlug krachend den Deckel zu.
»Herr Falk interessirt sich außerordentlich für Sie,« sagte Frau Bender,
die in der Küche am dampfenden Herd stand, zu Mely. »Er ist so
unglücklich und klagt mir fortwährend sein Leid. Sie müssen ihn trösten
und aufrichten, Fräulein Mirbeth.« Die kleine Frau lächelte fröhlich und
rührte emsig ihr Kartoffelgemüse. Finster sah Mely auf den Schnee
hinaus, der schon allenthalben mit Ruß bedeckt war. Begierig hörte sie
zu, als wünsche sie selbst, daß die Liebe in ihrer Brust ertötet würde.
»Ich bin so elend,« sagte sie mit unstätem Blick, als Frau Bender fertig
war, »ich sollte mich eigentlich ins Bett legen.«
»Thun Sies doch.«
»Ich muß hinüber zu Herrn Oberst.«
Als sie fortging, stand Falk im Korridor. Ohne ihn anzusehn, schritt sie
vorbei, matt lächelnd. Sie grüßte ihn, aber ganz leichthin, ganz in die
Luft hinein rief sie das Adieu.
Zuerst stand Falk wie betäubt. Dann eilte er ihr nach und sich über die
Treppenbrüstung beugend, rief er flehend hinunter: »Der Brief –?«
Sie blickte empor: erstaunt, fremd und kühl. Dann lachte sie kurz auf
und ging weiter. Falk sah immer noch auf den Punkt, wo sie gestanden. Er
sah noch ihr bleiches Gesicht hinter dem schwarzen Schleier und die
funkelnden, von schwerem Feuer erfüllten Augen. Nie war sie ihm so
schön, so unnahbar und so hassenswert erschienen.
Im Innern war er wie zerstört. Beständig spielte ein geringschätziges
Lächeln um seine Lippen: eine Maske, die ihn tröstete. Er konnte die
Geringschätzung gegen das, was ihm zugestoßen, durchaus nicht in sich
finden. Nun ist sie dort drüben, dachte er, und sie genießt den Triumph,
so vortrefflich gut mit mir gespielt zu haben. Dann stellte er
Betrachtungen an, wie er sich als charakterfester Mensch zu benehmen
habe. Er wollte ihr seine Verachtung zeigen und die Liebe tief
verschließen. Vor allem machte ihn das Grundlose dieser Veränderung
verwirrt. Hart und böse war sie ihm erschienen, obwohl er das vor sich
selbst zu verbergen und sie zu entschuldigen trachtete.
An diesem Tag kam viel Besuch. Frau Kremer, eine alte Freundin Frau
Benders kam mit ihrer Tochter Clodi von Köln, ferner eine Cousine
Helenes, namens Rosine Malz. Die ersteren wollten vier bis fünf Tage,
die letztere einige Wochen bleiben. Frau Kremer brachte Heiterkeit mit.
Sie war dick und rund, lachte beständig, und nichts war ihr so heilig,
als daß sie es nicht zu einem Witz mißbrauchte. Diese Witze waren meist
so geartet, daß Rosine Malz purpurrot wurde, Frau Bender die Hände
zusammenschlug, Clodi kicherte und »aber Mama« rief und Helene
niedergeschlagen den Kopf schüttelte.
Am Abend gingen alle ins Theater. Falk war in seinem Zimmer und lag mit
dem Oberkörper auf dem Bett. Er hatte die Hände unter dem Kopf
verschränkt und starrte in die Höhe, in den zitternden Lichtkreis, den
die Flamme auf die Decke warf. Zum hundertsten Mal rief er sich all das
zurück, was Mely schuldig der Lüge erscheinen ließ, und je mehr er
nachdachte, um so mehr ward er überzeugt von ihrer Schuld.
Auf jedes Geräusch lauschte er, und er verfolgte es, wenn es sich
langsam verlor. Aber es wurde acht Uhr, und sie kam nicht. Er erhob sich
und ging schnell auf und ab. Da läutete die elektrische Glocke, und er
wußte: sie war es. Er legte sich wieder, scheinbar gleichgültig sinnend,
aufs Bett und mit klopfendem Herzen vernahm er ihre nahenden Schritte.
Als sie anpochte, rief er mit wohlvorbereiteter Nachlässigkeit: herein!
Wiederum fiel ihm zuerst das gänzlich Verstörte ihres Wesens auf. Wohl
empfand er eine flüchtige Freude darüber, daß sie kam, aber zugleich
gewann eine so große Trauer Macht über ihn, daß er völlig abgewandt von
Mely auf das schauerliche Geheul des Windes horchte und sich nicht
einmal erhob, um sie zu begrüßen.
»Guten Abend,« sagte sie leise und furchtsam.
»Wo warst du so lange?« entgegnete Falk, ohne sich zu bewegen. Er
starrte immer noch auf die Decke.
Mely seufzte tief und schlug ihren Schleier zurück. »Du weißt es doch,«
sagte sie mit jenem schwermütigen Tonfall, der ihn unfähig machte, ihr
länger zu zürnen. Er sträubte sich gegen den Einfluß ihres Wesens, ihres
Wortes, aber umsonst. Alles ist berechnet bei ihr, dachte er, alles ist
Verstellung, – aber dennoch, eher hätte er ihre Verzeihung erbetteln,
als ihr Vorwürfe machen mögen. Er gehörte zu jenen Menschen, die wenn
sie lieben, jede Züchtigung, jede Demütigung zu vergessen wünschen.
Plötzlich aber, als er aufgestanden war und ihr entgegentrat, fiel sie
ihm um den Hals und stammelte fassungslos: »O, ich mag dich so gern!«
»Mely!« rief er aus und drückte sie an sich. Quälend und überaus
besorgniserregend war ihm die Verstörtheit ihres Wesens. Beglückt
zugleich und bestürzt durch das Ungewisse, Finstere, vor dem er stand,
küßte er sie brennend heiß. »Bist du denn wirklich mein Schatz?« fragte
er, zitternd am ganzen Körper.
»Ja ja,« antwortete Mely hastig und gleichsam angstvoll und drückte ihn
mit bebenden Armen an sich. »Warum liebst du mich?« fragte sie, indem
sie schmerzlich und kummervoll zu ihm aufsah. »Das möcht ich wissen. Es
ist doch nichts an mir. Es gibt doch so Viele!«
»Was ist vorgegangen mit dir!« rief Falk erschrocken.
»Nichts, nichts,« erwiderte sie kaum hörbar. »Horch nur, wie der Wind
rast.«
»Lieber, süßer Schatz, was ist mit dir? Was hast du für einen Kummer?
Schau, ich weiß, du verbirgst mir etwas, du hast ein Geheimnis. Komm,
vertraue mir, sei gut, sag es mir.«
Sie schüttelte den Kopf. »Es ist nichts, gewiß nicht. Warum bist du so
mißtrauisch?«
»Du hast Wein getrunken?« forschte er nervös.
»Ja, – weshalb?«
Er verfiel in langes Grübeln. Mely beobachtete ihn unruhig. Dann nahm er
ihre Hand. »Mely – hättest du den Mut, mit mir zu sterben?«
Sie entzog ihm ihre Hand. »Ach geh, den Unsinn!« erwiderte sie
stirnrunzelnd.
Förmlich gepeitscht von Argwohn und Zweifel, folgte er ihr ins
Wohnzimmer. »Was war das für ein Brief, den du heute bekommen hast?«
begann er, und setzte sich zu ihr auf den Divan.
Sie lächelte versteckt. Er drängte, aber sie weigerte sich. Sie zog die
Sache zuerst ins Scherzhafte, aber schließlich wurde sie finster und
ungehalten. Falk hätte in den Boden sinken mögen vor Scham und
Bitterkeit. Er versuchte, zärtlich zu sein, sie zu versöhnen. »Was
hattest du heute Mittag?« fragte er sie schüchtern, doch mit verhaltenem
Zorn.
»Da fragst du noch?« gab sie gehässig zurück.
»Nun?«
»Ich liebe nur einen Mann, den ich bewundern kann,« sagte sie
entschieden. »Aber wie kann ich das, wenn du so weibische Sachen machst.
Du spionirst, du horchst, du bringst mich ins Gerede, du beschwörst den
niedrigsten Klatsch herauf, – du hast gar keine Achtung vor mir.«
Falk stand am Fenster und sah hinaus. »Sie macht mich wahnsinnig,«
flüsterte er vor sich hin. »Überhaupt, was ist das für ein Sturm heute?
Was soll das bedeuten? Die Welt ist in Aufruhr, das ist klar, klar.
Finster ist die Nacht. Ich wollte, ich wäre da draußen. Vielleicht
irgendwo auf der Landstraße, wo es stürmt und regnet, oder im tiefen
Wald, nur nicht in diesem Zimmer. Ich hasse sie bitter.« Diese wirren
Worte entfielen ihm ganz unbewußt. Alles Gegenwärtige war ihm traumhaft
und verschleiert, und er suchte seine Gedanken von dem Wirrsal, das in
seiner Seele herrschte, abzulenken. Gift ist die Liebe, dachte er. Und
doch, den Staub hätte er von den Dielen geküßt, wenn sie jetzt ein gutes
Wort gesprochen hätte. All seinen Argwohn vergaß er im Nu, wenn sie
zürnte.
Als um elf Uhr Frau Bender mit ihren Gästen heimkehrte, entstand eine
geräuschvolle Lustigkeit. Frau Kremer hörte nicht auf, Falk und Mely mit
Anzüglichkeiten zu verfolgen. Mely wurde immer verlegener; bang und
traurig flehte sie Frau Bender mit Blicken um Hilfe. Clodi schalt ihre
Mutter und ging zu Mely. Sie ergriff die Hand des jungen Weibes und
legte den rechten Arm ihr um den Hals. Clodi hatte ein gutes Gesicht, in
welchem zwei kindlich schalkhafte, treuherzige Augen saßen. Mit einem
Lächeln, voll von Verwunderung, Freude und Dankbarkeit sah Mely zu ihr
auf.
Frau Bender spielte mit Falk Halma. Sie verlor stets und geriet darüber
in große Aufregung.
Den folgenden Tag über sprachen Mely und Falk fast nichts zu einander.
Mely war von übertriebener Lustigkeit und spielte mit Dele und Clodi.
Pitt mußte über den Stock springen und die Katze suchen, und das jüngste
Kätzchen wurde, angethan mit Puppenkleidern und einer Pierrot-Mütze,
auf dem Tisch spaziren geführt. Das unglückliche Tier machte die
größten Anstrengungen, sich seines Kostüms zu entledigen, und darüber
herrschte nun großer Jubel. Die Katzenmutter sah mit funkelnden Augen,
leise brummend zu und war beständig gegen Pitt in Angriffszustand. Die
Erfinderin aller tollen Streiche war Clodi, in der viel von der Laune
ihrer Mutter steckte. Fräulein von Erdmann kam öfters mit feierlichen
Schritten ins Wohnzimmer, um durch ihr Erscheinen dem Lärm zu steuern.
Aber es war nutzlos. Unbeirrt durch das Geschrei und Gelächter, spielte
Falk ein schwermütiges Adagio, ein Chopinsches Lamento und den
Trauermarsch aus der Asdur-Sonate. Bald wurde er von Clodi vertrieben,
die sich den »Leichenchor« verbat, am Klavier Platz nahm und einen
Walzer spielte. Und sie spielte ihn so, daß man lächeln mußte in innerer
Sorglosigkeit. Groß und durchdringend ist der Zauber der Jugend.
Auf alle war Falk eifersüchtig: auf Clodi, auf Dele, auf den Hund und
auf die Katze. Ihm schien es, als ob sich Mely nur deshalb so sehr dem
Spiel hingebe, um ihm ihre Gleichgültigkeit zu zeigen. Und es war auch
so. Sie that es aus Trotz.
Es dämmerte und der olivenfarbne Abenddunst lag auf der Straße. Da kam
sie zu ihm ins Zimmer. Er konnte nicht sprechen vor Trauer und
Beklommenheit. Aber als er ihr etwas spöttisches Lächeln sah, sagte er:
»Siehst du, du wirst mich krank machen.«
Sie lachte hart. Dann aber veränderte sich der Ausdruck ihres Gesichts,
und sie sah ihn an, als ob er in viel größerer Ferne stünde und sie sich
im Ungewissen befände, ob er es denn wirklich sei. »Ach,« sagte sie,
»sie machen dich schlecht. Sie wenden alles an, mich von dir
abzuziehen.«
Sie schwieg, denn er hatte ihr den Rücken zugedreht und sie mußte sein
Gesicht sehen können, wenn sie ihm so etwas sagte.
»Ich muß jetzt fort,« erwiderte Falk mit gleichgültiger Stimme. »Kannst
du mitgehn? Wir gehen in den Theesalon ...«
Mely brauste unwillig auf. »Was fällt dir ein? Du weißt doch, daß ich
nie mehr mit dir auf der Straße gesehen werden darf. Er ahnt schon
ohnehin etwas –«
»So! – Na, das ist ja gleich. Ich lechze nicht so sehr nach deiner
Gesellschaft. Empfiehl mich deinem Hund und den Katzen. Adieu,
Fräulein.«
Sie machte eine verächtliche Bewegung mit den Lippen und ging. Aber Falk
blieb zu Hause. Zuerst faßte er den Entschluß, den Abend über in seinem
Zimmer zu bleiben, doch das konnte er nicht ertragen. Er mußte sie
sehen, er mußte sie reden hören, wenn gleich sein Herz von Bitterkeit
gegen sie erfüllt war. Er unterhielt sich mit Rosine Malz, die ihm viel
dümmer vorkam als andere Mädchen dieses Schlags, und später mit Fräulein
von Erdmann. Er spielte den Liebenswürdigen und versuchte nicht ohne
Glück, witzig zu sein. Er hoffte dadurch Mely zu reizen.
Und als es Nacht war und alles schon stille, kam sie zu ihm. »Ich habe
Jemand im Korridor gesehn,« flüsterte sie unruhig und gequält.
Er ging hinaus und that, als suche er etwas. Er öffnete die
Wohnzimmerthür, die nur angelehnt war – er erschrak darüber – und
spähte hinein. Im Finstern sah er Helene am Fenster stehen. Sie setzte
die Kerze in Brand und blickte ihn kalt an. Offenbar weiß sie jetzt
alles, dachte er. Sie erschien ihm hinterlistig und katzenhaft.
Er redete Mely die Furcht aus. Sie hörte nur halb auf ihn, denn sie
lauschte beständig auch auf die leisesten Geräusche vom Flur und von der
Straße. Als er wiederum bat, ihm den Brief zu geben, stieß sie ihn
gereizt zurück. Er sprang auf und ballte drohend die Faust. Dann
wanderte er erregt auf und ab und schleuderte eine Untertasse zu Boden,
daß sie klirrend zerbrach. Mely lachte boshaft und geringschätzig. Das
brachte ihn außer sich. Er stellte sich vor sie hin und sagte gehässig,
mit funkelnden Augen: »Ich weiß, daß du etwas verbirgst und ich schwöre
dir, daß ich es erfahren werde. Hüte dich!«
»Die lächerlichen Drohungen!« erwiderte Mely gleichgültig und ruhig.
Sie erhob sich, um zu gehen.
»Du wirst bleiben!« rief er mit unterdrückter Stimme und mühsam an sich
haltend. Er packte sie bei den Schultern und warf sie mit voller Kraft
in den Fauteuil zurück. Wie gelähmt blieb sie sitzen. Ihre Augen
leuchteten in grünlichem Glanz. Und Falk redete zu ihr: erst in
verzweifeltem Trotz, dann mit einer Sanftmut, die mit Selbstverachtung
zu kämpfen schien (weil er sich nachgiebig zeigte, da er doch ein Recht
zu zürnen hatte), und immer leiser sprach er, ungereimte Dinge,
Versicherungen seiner Liebe, seiner Ehrlichkeit, das Eingeständnis
seiner Heftigkeit und seines Mangels an Vorsicht. Die Leidenschaft
verzehrte ihn, und der Wunsch, sie weich zu stimmen, machte ihn selbst
weich. Wäre sie ihm jetzt um den Hals gefallen und hätte Verzeihung
erfleht, so hätte er sie geküßt und hätte großmütig verziehen, aber die
ungestüme Liebe wäre zusammengesunken wie ausgekühlte Asche.
Sie aber erwiderte gar nichts. Sie saß da, schaute stets auf denselben
Punkt, und als er fertig war, sagte sie, als hätte sie von seiner langen
Rede nichts gehört: »Ich will jetzt hinaus.«
»Bitte,« erwiderte er höflich. Er _sagte_ das nur, denn er hatte nicht
den Willen, sie gehen zu lassen. Er glaubte nur, daß sie milder
gestimmt, oder vielleicht stutzig gemacht durch seine Einwilligung,
doch bleiben werde. Aber sie wollte in der That fort und da vertrat er
ihr den Weg. »Wenn du mich nicht gehen läßt, ruf ich um Hülfe,«
flüsterte sie, schwer atmend. Da lachte er höhnisch, und schaute sie mit
einem Blick voll Wut, Hohn und Haß an. Aber sie wagte nicht, ihm ins
Gesicht zu schauen. Das also ist die Liebe, dachte er, innerlich
frierend. »Geh! geh! ich will dich nimmer sehn!« rief er ihr zu und
wandte sich ab.
»Helene weiß alles,« sagte sie, als er am andern Morgen in ihr Zimmer
kam. Er schämte sich, daß er zu ihr gegangen. Er wußte, daß es feig,
schwach und unmännlich war, aber wie eine nimmersatte Feuersbrunst
wütete die Liebe in ihm. Sie hatte ihn beleidigt, er aber wollte nichts,
als ihre Verzeihung.
Er achtete ihrer Worte nicht. »Ich muß mit dir reden,« sagte er streng,
um sie über den Grund seines Kommens zu täuschen.
»Nun?«
»Ich will, daß du dich vom Oberst lossagst.«
»So? Du bist sehr freundlich.«
»Ich kann die Zweifel und diese Angst nicht mehr ertragen. Es ist
schimpflich für uns beide. Mach ein Ende, Mely. Nur dann kann ich bei
dir ausharren.«
»Ach, dieses Geschwätz!« rief Mely heiter. »Ich habe dir schon gesagt:
ich kann nicht, und das muß dir genügen.«
»Du kannst nicht? Wie viel Tausende müssen ihr Brot verdienen und thun
es willig.«
»Ich bin krank, du weißt es.«
»Ach –!«
»Also: ich kann nicht und damit fertig.«
Ihre brüske Art machte ihm heiß. Spöttisch erwiderte er: »Das Fräulein
sind einfach zu bequem. Das ist zu plebejisch: sich sein Brot verdienen.
Wie angenehm ist es, sich an die Tafel des reichen Mannes zu setzen und
sich füttern zu lassen. Wenn man auch hin und wieder ein bißchen
beschimpft wird, was schadet das.« Er wußte, daß sie alles gelassen
hinnahm, nur seinen Spott nicht. Darum suchte er mit Innigkeit nach
spitzen Wendungen und giftigen Anspielungen, bis Mely wie außer sich
aufsprang und ihn mit den Blicken maß. »Genug! genug!« rief sie mit
bebender Stimme.
Falk ging den ganzen Tag wie gebrochen umher. Den Nachmittag hindurch
spielte er Billard im Kaffeehaus, dann Schach, endlich Karten. Erst tief
in der Nacht kam er nach Hause. Sicherlich wacht sie noch, sagte er sich
beim Zubettgehen. Sie hat gewartet, bis ich kam. Und mit Sehnsucht
gedachte er ihrer Küsse. Hundert und hundert Mal hatte er diese Lippen
berührt, mit Andacht oder mit heißem Verlangen, die sich jetzt nimmer
für ihn öffnen sollten. Bei Tag hatte er sich in ein künstliches Gefühl
des Befreitseins hineingeredet, aber jetzt, in der Stille der Nacht
überfiel ihn der unerbittliche Schmerz des Verlustes.
Am Morgen kam der Bursche vom Oberst und brachte ein großes Paket. Falk
war im Wohnzimmer, als sie es öffnete. Clodi, Dele, Rosine Malz und Frau
Bender standen erwartungsvoll dabei. Er sah, wie ihr Gesicht strahlte,
als sie die Geschenke, eins ums andere herausnahm und auf den Tisch
legte. Sie konnte sich nicht finden vor Glück. Rasch kleidete sie sich
um und eilte hinüber, um zu danken.
»Wie unzart von Fräulein Mirbeth, in Ihrer Gegenwart so über die
Geschenke zu jauchzen,« sagte Frau Bender zu Falk, der stumm am Fenster
lehnte.
Wieder verbummelte er den Nachmittag und den Abend. Er verschleuderte
sein Geld, hielt Selbstgespräche auf den Gassen, wobei er weite,
ausdrucksvolle Gesten und ein bekümmertes Gesicht machte.
Es war kalt und der Mond schien so hell wie in den Herbstnächten, als er
heimging. Sein Inneres war wie ausgebrannt. »Ich bin zertrümmert,« sagte
er oftmals für sich und schüttelte verwundert den Kopf.
In seinem Zimmer angelangt, kühlte er die Stirn mit kaltem Wasser. Viel
tausend Stimmen schrieen in seiner Seele nach ihr. Sie betrügt mich,
dachte er. Aber er entbehrte sie, wie ein Hungriger die Speise.
Aus seinem Zimmer schleichend, nahte er ihrer Schlafzimmerthüre. Er
horchte lange, dann drückte er die Klinke. Es war nicht verriegelt und
unhörbar trat er ein. Ohne sich zu rühren, blieb er lange Zeit an ihrem
Bett stehen und lauschte ihren Atemzügen. Schwach fiel der Schimmer des
Mondes auf ihre weiße Gestalt. Ruhig und ausgestreckt lag sie da und
traumlos schien sie zu schlafen. Die Nase ist viel zu breit, dachte
Falk, sogar jetzt läßt sich das erkennen. Dann beugte er sich nieder und
küßte sie. Ohne sie geweckt zu haben, ging er wieder hinaus.
Den folgenden Tag über sahen sie sich kaum. Frau Bender und Helene
benahmen sich etwas seltsam gegen ihn, und Rosine Malz zeigte ihm offen,
daß sie ihn hasse. Überdies war sie fast den ganzen Tag hindurch im
Begriff, über die Scherze der Frau Kremer züchtig zu erröten. Clodi
allein sprach öfter mit ihm, ja, sie machte ihm ein wenig den Hof. Sie
war unschuldig wie ein Vogel, wenn sie auch all die groben
Anzüglichkeiten ihrer Mutter belachte. Sie verstand es, mit ihrem
Lächeln jemand das Herz leicht zu machen. »Ein Gesicht machen Sie, als
ob Sie Einen erschlagen hätten,« sagte sie zu Falk. »Lachen Sie doch!
Marsch!« Und sie versuchte, ihn am Halse zu kitzeln. »Wissen Sie nicht,
was mit Fräulein Mirbeth ist?« fragte sie ihn flüsternd. »Die sitzt
jetzt oft stundenlang da und spricht und lacht nicht ...«
Einige Tage darauf ging Falk in Melys Zimmer. »Ich bitte dich, was hast
du gegen mich?« begann er sogleich. »Sag mir alles, ich bin auf alles
gefaßt.«
Sie lag in ihrem hyacinthenfarbnen Schlafrock auf der Ottomane und
schaute unbeweglich zur Decke. »Ach, das ist doch sehr einfach,« sagte
sie langsam, als er nicht aufhörte, sie zu bedrängen.
»Nun?«
Sie schwieg, sie schien sich zu besinnen. Dann erwiderte sie so weich,
daß er den Inhalt ihrer Worte kaum begriff: »Ach, ich mag dich halt
nimmer.«
Falk trat zurück und schlug erschüttert die Hände zusammen. »Das also!«
– »Warum?« fragte er nach schier endlosem Schweigen.
»Mein Gott, da kommt so vieles zusammen,« sagte sie immer noch weich,
gleichsam flehend. »Deinetwegen und meinetwegen.«
»Du hast also dein Herz von mir abkommandirt? – Ja, du hast mit mir
gespielt,« murmelte Falk, ohne Hoffnung, dies ertragen zu können. »Wie
dumm war ich doch! Wie ein Hündchen hing ich an dir. Ich habe dir meine
Liebe stets auf dem Servirbrett zugetragen.«
»Das war das Unglück, ja. Übrigens, was hat es für einen Zweck? Es ist
doch hoffnungslos. Bis es einmal soweit käme, bin ich eine alte
Schachtel.«
»O ich könnte treu sein. Ich habe das Zeug dazu. Selbst die alte
Schachtel könnte mich nicht hindern, treu zu sein. Aber du hast nur
gespielt, das ist klar ... Alles hab ich auf dich gesetzt, die Zukunft,
das ganze Leben. Und nun hast du mich zerstört. Du betrachtest mich nie
mit deinen eigenen Augen, sondern immer mit denen anderer Leute, mit
Helenes Augen oder so. Du hast mich nie geliebt, nie geliebt.« Der
Schmerz verschloß ihm die Kehle. Immer noch ausgestreckt lag Mely da und
rührte sich nicht.
»Wirklich? Ist es denn wirklich wahr?« begann Falk wieder und näherte
sich ihr. »Sag doch! Ich will ja gehn, wenn du es jetzt wiederholst. Ist
es denn wirklich wahr?« Er redete mit heiserer, trauriger Stimme, aber
keine Silbe war mehr aus ihr herauszubringen. »Sag, soll ich gehn?«
fragte Falk. »Sprich nur ein Wort und ich bleibe. Sag ja, und ich
bleibe. Willst du? Willst du?« Aber sie blieb stumm und nagte bloß an
ihrer Unterlippe. Da ging er.
Als er draußen war, erhob sich Mely und wanderte mehr als zwei Stunden
lang auf und ab. Oft standen ihre Augen voll Thränen. Sie blieb an
diesem Abend in ihrem Zimmer.
Falk besuchte das Fräulein von Erdmann und führte mit ihr tiefsinnige
Gespräche über den Wert des Lebens, wobei er zur absoluten Verneinung
gelangte, wie Viele vor ihm. Aber die Dame, die jetzt in ihrem Äußern
wie in ihrer Umgebung die Spuren eines immer größeren Verfalls zeigte,
wollte davon nichts hören. Sie stritt für die Lebensfreude und für die
Liebe und ließ den jungen Mann merken, daß er alle Gluten jungfräulicher
Leidenschaft bei ihr finden könne, wenn er nur zu begehren verstehe. Sie
versperrte sogar die Thüre, um ihn zum Dableiben zu zwingen. Ihr Feuer
berührte Falk sehr peinlich. Aber er und alle, die in diesem Hause
wohnten, sahen sie versinken in Armut und Erbärmlichkeit und es hatte
Scenen gegeben, wo sie von Fremden gar sehr gedemütigt worden war.
Deshalb bemitleidete er sie und benahm sich rücksichtsvoll. Zum Schluß
allerdings tischte sie ihm ein paar Anekdoten auf, die Zeugnis ablegen
sollten von dem lockern Leben, das im Hause des Obersts Thewalt geführt
wurde.
Frau Bender traf er an diesem Tag in großer Niedergeschlagenheit. Ihr
Sohn hatte aus Chicago geschrieben, daß der Vater mit einer fremden Frau
lebe. Das hätte sie an sich nicht zu Boden gedrückt, aber er schickte
auch kein Geld mehr. Sie war in Not. Fräulein von Erdmann konnte nicht
zahlen, auch Falk war im Rückstand. Das ganze Hauswesen war zerrüttet.
Frau Kremer war abgereist und mit ihr war der letzte Rest von Heiterkeit
fortgezogen.
»Lottelotts kommen auch nicht mehr,« sagte Frau Bender beim Thee. »Sie
haben mich durch Helene wissen lassen, sie könnten nicht mit einer
Person wie Fräulein Mirbeth an einem Tisch sitzen.«
Falk brauste auf.
»Ja sehen Sie, man erzählt sich eben sehr viel,« fuhr die Hausfrau
bedauernd fort. »Auch Fräulein von Erdmann hat verzichtet, beim
Mittagstisch zu erscheinen. Und warum ist Fräulein von Mahnke
ausgezogen? Nur deswegen. Ich muß ihr kündigen, ich bin es meinen
Kindern schuldig.«
Falk erbleichte bis in die Lippen. »Das werden Sie aber unterlassen,
Frau Bender –! So viel Zartheit, – um Gottes willen!«
Frau Bender versuchte einzulenken. »Ich glaube ja alles Gute von ihr,
obwohl – – Persönlich ist sie mir ja lieb und Helene hat sie sehr
gern, – aber urteilen Sie doch selbst. Früher, – was für Zwistigkeiten
waren das stets zwischen ihr und dem Oberst. Er hat ihr Dinge gesagt und
geschrieben, daß sie zu stolz sein müßte, ihn anzureden, – und nun, mit
welcher Andacht spricht sie von ihm. Welche Fülle von Geschenken –«
»Lassen Sie uns eine Partie Halma spielen, Frau Bender,« unterbrach sie
Falk, bis in die tiefste Seele erzitternd. Helene summte jenen bekannten
Gassenhauer aus Rigoletto vor sich hin, der von der Unverläßlichkeit des
Frauenherzens handelt.
Heute gewann Frau Bender.
Ich muß handeln, dachte Falk, ich muß mir Beweise verschaffen und dann,
– Gott sei mir gnädig. Er wollte sich nicht eingestehn, daß er sich
fürchtete vor Beweisen. Alles zitterte an ihm, beständig tastete er mit
der Hand an die Schläfe und schloß die Augen, wie um nicht sehen zu
müssen, was er so sehr zu sehen wünschte. Was hilft es auch, grübelte
er; ich bin ihr gleichgültig, sie hat es selbst gesagt. Und dieser
Gedanke überwog alle andern.
»Sie haben sich wohl verfeindet mit Fräulein Mirbeth?« fragte Frau
Bender und als Falk bejahte, setzte sie hinzu: »Seien Sie doch stark und
lassen Sie sich nicht so sehr niederdrücken.«
»O sie ist falsch,« flüsterte er. Es drängte ihn nach Mitteilung seiner
Leiden. Aber plötzlich stand er auf, wie von Ekel erfaßt und
verabschiedete sich.
Mely schloß sich von allen ab, auch von Helene. Dies Mädchen war ihr in
letzter Zeit verhaßt geworden, obwohl sie sich zwang, freundlich zu
sein, wenn sie mit ihr sprach. Ein ganz harmloser Vorfall war die
Ursache und der Anfang dieses Hasses gewesen. Eines Abends, als Mely
noch im Wohnzimmer war, hörte man draußen an der Treppe ein Geflüster.
Frau Bender vermutete, daß die Magd von ihrem Kammerfenster aus sich mit
einem Mann unterhielte. Helene entledigte sich blitzschnell der Schuhe,
öffnete geräuschlos die Thüre, huschte ebenso lautlos hinaus und horchte
draußen. Alle ihre Bewegungen dabei waren schlangenhaft.
Seitdem haßte sie Mely. Sie war ihr genau wie eine junge Katze
erschienen. Auch fürchtete sie, die kleine, listige Person möchte das
Geheimnis ihrer Liebe ausplaudern, obwohl sie wußte, daß Helene die Gabe
des Verschweigens in hohem Grade besaß. Sie fühlte wohl, daß Alle gegen
sie waren, wie gegen den bösen Feind, aber sie lächelte dazu. Innerlich
verwundet, vereinsamt und die Einsamkeit suchend, schloß sie sich ab von
den Leuten, die so viel redeten, als sie reden hörten, ohne das Gewicht
der Worte zu bemessen. Ein finsterer Menschenhaß beherrschte sie einige
Tage lang durchaus. Nur die kleine Dele kam täglich zu ihr und bei
diesem Kind konnte sie sich selbst vergessen. Sie liebte das Mädchen mit
jener Leidenschaft, die oft an ihr hervorbrach, wie das Wasser einer
unterirdischen Leitung, das einen falschen Ausweg gefunden hat. Und doch
witterte sie schon bei dem Kind Eigennutz: weil sie es beschenkte,
darum war es lieb und heiter, und nur in der Erwartung der Geschenke
schien es zutraulich zu sein. Und als Frau Bender in einer boshaften
Aufwallung über Melys Abschluß von ihrer Familie dem Kinde verbot, das
junge Mädchen ferner zu besuchen, glaubte Mely, daß sie »eigentlich«
froh darüber sei.
– Frau Bender lag krank im Bett. Kummer und Sorgen hatten sie
niedergedrückt. Der Termin nahte heran, ohne daß sie wußte, wie sie die
Miete bezahlen sollte. Die Magd erzählte es Mely und dann kam auch
Helene und weinte. Da ging Mely zum Oberst und schon am Abend brachte
sie Frau Bender vierhundert Mark und entfloh ängstlich den stürmischen
Danksagungen der gedemütigten Frau.
Falk vernahm das mit den Empfindungen, die Einer im fernen Land den
Nachrichten aus der Heimat entgegenbringt. Als er eines Nachts spät
heimkam, schlich er wieder in Melys Zimmer. Er sah sie schlafend, beim
matten Schein des nächtlichen Lichts. Und er küßte sie mit der ganzen
Trauer des Verlustes. Dann ging er wieder. Und so die nächste Nacht und
die folgenden Nächte. Am Tag sehnte er die Nacht herbei, den Genuß jener
schnellen Minuten. Ihm war, als spüre sie seine Nähe im Traum und lächle
ihm zu im Traum und erkläre sich einig mit ihm. Und einmal geschah es,
daß sie erwachte. Sie schlug die Augen auf und lächelte sanft. Sie
schlang ihren Arm um seinen Hals und zog sein Haupt seufzend herab und
drückte es an ihre Brust. Stumm und beglückt ließ er es geschehn. Es war
ein Traum für sie und für mich, dachte er beim Hinausgehen. Aber von da
an erwachte sie in jeder Nacht und liebkoste ihn schüchtern, wie es ihre
Art war. Bei Tag sprachen sie nicht miteinander und gingen gleichgültig
eines am andern vorüber.
Eines Sonntags im Februar beschloß die Familie Bender einen Ausflug zu
machen. Doktor Brosam hatte sich sehr genähert und dieser Ausflug war
sein Plan. Da es aber nur drei Personen waren und Frau Bender den beiden
jungen Leuten Gelegenheit geben wollte, allein zu sein, – der Doktor
war reich – so suchte sie nach einem vierten Teilnehmer. Rosine Malz
hatte ein verschwollenes Gesicht und Falk gab einen Korb. Er stand im
Korridor, als er Frau Bender sagen hörte: »Nun bleibt Fräulein Mirbeth
unsre letzte Hoffnung.« Der Doktor erwiderte: »Ja, wenn wir sie nur als
stumme Person mitnehmen könnten!« Helene lachte hölzern und auch Frau
Bender lachte aus Artigkeit mit.
Eine wilde Angst erwachte in Falk, daß Mely zusagen könnte. Er wußte,
daß sie schwach genug war, die Beleidigung zu vergessen, die ihr Doktor
Brosam zugefügt hatte und von der sie ihm selbst mit Entrüstung erzählt
hatte. Schon aus Gefälligkeit gegen Frau Bender würde sie mitgehen. Es
gab nichts, womit sie sich nicht das Wohlwollen der Leute erkaufte, die
um ihre Liebe zu ihm wußten oder sie nur ahnten. So groß war ihre
Furcht. Aber Falk wollte auch allein sein mit ihr. Er hoffte nichts von
diesem Alleinsein, aber er wünschte es heiß. In brennender Erregung
wanderte er im Korridor umher, durch die Küche auf den Balkon, dann
wieder horchend an der Thür, dann wieder durch das Entree gegen die
Treppe hinaus. Er war völlig besinnungslos und murmelte beständig
abgerissene Sätze vor sich hin. »Ich werde sie verlieren,« sagte er,
»und alles ist aus. O jetzt macht man doch keine Ausflüge, im Februar,
– lächerlich. Wie hab ich mich gefreut – – – das Wetter wird ja doch
schlecht werden – Mely – Mely – bleib!«
»Nun Herr Falk?« hörte er die Stimme Helenes, deren Gesicht in
Heiterkeit glänzte.
Falk streckte ihr bittend die Hände entgegen. »Helene, wenn ich Ihnen
irgend etwas bin, etwas mehr als ein Hund, dann verhindern Sie, daß Mely
mitgeht.«
Helene machte ein mürrisches Gesicht. »Ach gehn Sie doch! Sie sollten
vernünftiger sein. Haben Sie denn gar keine Augen im Kopf?«
Falk stierte wie geistesabwesend in das frische Gesicht Helenes. Eine
schwere Dumpfheit lag in seiner Brust. Er hatte die Empfindung, als
schmiede man im Wohnzimmer ein Komplott gegen seine Liebe und als könne
er dies durch seine Anwesenheit verhindern. Darum ging er hinein ohne zu
grüßen und lachte dem erstaunten Doktor gerade ins Gesicht. Frau Bender
kam freudestrahlend von Mely zurück und verkündete, daß die Vierzahl nun
voll sei.
Falk lachte wieder, und die glückliche Frau Bender stimmte unbefangen
mit ein. Dann stürzte er hinaus und betrat Melys Zimmer. Sie kämmte vor
dem Spiegel das Haar und sah sich scheu nach ihm um. »Mely!« brachte
Falk mühsam heraus, »wenn du gehst, ist alles vorbei zwischen uns.«
Sie blickte erschreckt zu Boden und der Kamm fiel auf die Erde. Falk
wandte sich zum Gehen, überzeugt, daß sie bleiben werde.
Aber eine halbe Stunde später hörte er die Vier in scherzenden
Gesprächen die Treppe hinabsteigen, und als er sich zum Fenster
hinausbeugte, saßen sie schon in der Droschke. Mely unterhielt sich mit
Doktor Brosam und sie war fröhlich. Die Sonne schien hell, und der
Schnee war geschmolzen.
Falk warf sich aufs Bett und schluchzte wie ein Kind.