XI.

Als Mely zurückkam vom Oberst – das war gegen zehn Uhr – fiel Falk

zunächst die große Blässe ihres Gesichts auf. Sodann war ihr Blick so

unstät, so unsicher flackernd, so verdüstert, wie er es noch nicht an

ihr beobachtet hatte. Oder suchte er all das blos und war es in Wahrheit

gar nicht vorhanden? Auch verletzte ihn die übertrieben liebenswürdige

Art, mit der sie Frau Lottelott anredete, und er sagte sich: das thut

sie aus Furcht. Sie fürchtet offenbar die böse Zunge dieser Frau und

will sich nun durch Zuvorkommenheit bei ihr einschmeicheln. Es erregte

ihn, daß er sie mit solchen Augen beobachtete, die auch den kleinsten

Umstand nicht übersahen. Selbst wenn er mit Andern sprach, achtete er

nur auf sie. Immerfort hörte er, was sie sprach, und er fühlte es

schmerzlich, daß sie sich heute gesucht lustig gab. Sie wollte

unbekümmert scheinen und unterhaltend sein. Er hatte das Gefühl, als

hätte sie Wein getrunken, um sich zu betäuben. Er witterte etwas

Dunkles, etwas Lichtscheues hinter dieser Heuchelei. Oft blickte sie

nach ihm, aber er wich ihrem Blick aus und sie, die es bemerkte, schloß

dann jedesmal für zwei, drei Sekunden die Augen.

»Was haben Sie denn heute Schönes erlebt, Mely?« fragte Helene, indem

sie sich vor Frau Lottelott den Anschein zu geben versuchte, als stehe

sie den Interessen dieser jungen Dame völlig fern.

»Ja, Sie sind so übermütig; das ist man an Ihnen gar nicht gewohnt,«

setzte Frau Bender hinzu, und ein Leuchten aufrichtiger Freude ging über

ihre seltsam verschwommenen Züge.

»Bin ich auch!« antwortete Mely burschikos. Sie lachte. Dies Lachen

schien aus ihrem Magen zu kommen. Sie bog sich dabei etwas vor und zog

die Schultern in die Höhe. Warum herrscht nun diese feindselige Stimmung

zwischen uns? dachte sie im gleichen Augenblick mit Beziehung auf Falk.

Wir haben ja noch kein Wort miteinander gesprochen. Das Herz wurde ihr

schwer und zitterte gleichsam in ihrer Brust. Wieder schloß sie die

Augen und als sie sich von Frau Lottelott beobachtet sah, gähnte sie.

»Sie haben Schlaf, gnädiges Fräulein,« sagte der Mann der Frau Lottelott

– er war in der That sonst nichts – »Sie sehen auch schlecht aus. Ich

habe eine vorzügliche Idee für Sie. Wie wäre es, wenn sie Kephirmilch

trinken würden?« Herr Lottelott hatte zwei Schwächen; die eine, daß er

das Familienoberhaupt, die andre, daß er den Arzt spielen wollte.

Seine Frau verhöhnte ihn erbarmungslos. Sie liebte es, ihn vor Andern zu

blamiren, damit alles Licht auf sie, als auf die kluge Frau eines dummen

Mannes falle. Dabei war sie noch wie ein junges Mädchen in ihn verliebt.

Mely lächelte dankbar. »Warum kümmern Sie sich eigentlich um mich?«

fragte sie so traurig, daß Falk erstaunt aufhorchte. Was mochte in ihr

vorgegangen sein? Er erschien sich roh und verständnislos, und er machte

eine Geste der Selbstverachtung, wobei ihn Helene ironisch anschielte.

Ohnmächtig sah er zu, wie sich die Empfindungen in seiner Seele

kreuzten, wie sie stritten, wie es aufkochte in seinem Innern und wie es

stürmte. Bis zu dieser Stunde hatte er sich treiben lassen von einer ihm

verborgenen Macht. Er hatte das süße Bewußtsein, daß er Mely teuer sei,

gleichsam nur geduldet in sich, weil es wohlthuend für ihn gewesen war.

Nun aber wurde er mit Schrecken gewahr, wie der Gedanke an dies Weib

Besitz genommen hatte von seinem ganzen Körper, von seiner ganzen Seele.

Nichts Anderes hatte Raum daneben.

Er bekam Kopfschmerz und verließ das Zimmer. Das fortwährende Gelächter

der Frau Lottelott that ihm weher als Keulenschläge. Es war kein

Lachen, sondern glich einer Folge von schrillen Schreien, einem

epileptischen Krampf.

Er ging durch die Küche auf den Balkon und blickte in die besternte

Winternacht. Auf der Theresienstraße rollten Pferdebahnwagen.

Er hörte ein Rauschen von Kleidern hinter sich und wandte sich um. Mely

war es, die in der finsteren Küche stand und zu ihm hinblickte. Er sah

nur einen dunklen Schatten, und auch sie gewahrte nur Umrisse. – ›Warum

bist du eigentlich herausgegangen? Ich konnte es nicht mehr aushalten

und mußte dir folgen.‹ – ›Nur an dich denk ich hier; drinnen bin ich

gestört. Dich lieb ich, dich lieb ich.‹ – ›Ich weiß, daß du mich

liebst, und noch tausendmal mehr lieb ich dich: aber sagen kann ich es

nicht.‹

So redeten sie zu einander, aber ohne Worte. Es war ein stummes

Zwiegespräch in der Finsternis.

»Ich finde kein Licht,« sagte endlich Mely leise und mühsam, als müsse

dies Hinträumen nun beendet werden. »Ich möchte ein Glas, um Wasser zu

trinken.«

»Kommen Sie, ich will Ihnen meine Kerze geben,« versetzte Falk ebenfalls

leise, wie wenn er ein Geheimnis verriete. Und Mely folgte ihm willig.

Er zündete Licht an in seinem Zimmer und schloß dann die Thüre. Sie ließ

es geschehen.

»Wann kommst du wieder, wann werden wir wieder allein sein?« stammelte

Falk, wie trunken von diesem Du.

»Nie mehr!« erwiderte sie heftig.

Bestürzt und unwillig trat er zurück.

»Ach, es ist ja nicht möglich!« stieß sie jammernd und leidenschaftlich

hervor.

»Wenn du nicht kommst – – dann –!« Er stand an der Thür und breitete

die Arme aus, wie um zu verhüten, daß sie ging. In der Rechten hielt er

das Licht. Wie groß sind seine Augen und wie leuchten sie, dachte Mely.

»Sehen Sie, Frau Bender hat mir heute Abend schon Vorwürfe gemacht, daß

ich so lang allein bei Ihnen war. Ich kann ja nicht und darf es nicht!«

Er blickte sie fassungslos an, und sie flehte: »Bitte, lassen Sie mich

hinaus jetzt.«

Falk ließ die Arme sinken und öffnete die Thüre. Finster blickte er zu

Boden, und Mely eilte hastig zum Wohnzimmer, wo man lustig plauderte.

Ihr Körper war kalt wie Stein, und ihre Wangen glühten wie Kohlen. Sie

saß taub unter den Gesprächen der Leute. Sie sah nur immer Falk an, wenn

sie sich unbeobachtet glaubte, und sie sah sein finsteres Gesicht und

wie er die Augen nicht erhob vom Boden. Da regte sich Angst in ihr. Sie

suchte einen Beschluß zu fassen und einen Ausweg zu finden, und die

Unfähigkeit dazu verursachte ihr große Qual. Ich muß mit ihm reden, das

ist klar, dachte sie. Alles muß ich ihm sagen, wie mir zu Mut ist. An

diesen Gedanken klammerte sie sich mit aller Kraft.

Unter den Lottelotts entstand ein Streit. Sie wollte noch Bier trinken,

und er wollte heim. Er schalt sie eine Säuferin, und sie schalt ihn

Esel. »Ich weiß, wie du heimgehst,« sagte sie wütend. »Unterwegs nimmst

du alle Wirtshäuser mit, die an der Straße liegen. Sumpf und Stumpfsinn

ist dein Vergnügen.« Lottelott lächelte Frau Bender entschuldigend an

und hörte nicht auf, sich mit beschäftigter Miene den Kopf zu kratzen.

Helene beendete den Streit mit der ihr eigenen Entschiedenheit. Sie

erbot sich, Bier zu holen, und stand gleich auf, um das Glas in der

Küche mitzunehmen. Falk fühlte die Verpflichtung, sie zu begleiten, und

folgte stillschweigend. Draußen ließ ihn Helene hochmütig an. »Nun, –

Sie bemühen sich gar zu mir herab – o!« Baß erstaunt thuend, hob sie

die Hände. Sie trug ein knallrotes Kleid, das Falk wie abgestimmt

erschien zu ihrem ganzen Wesen. Er wußte ihr nicht zu antworten. Für ihn

war sie halb Kind, halb Greisin, und nie wußte er sich ihr gegenüber zu

benehmen.

Sie hatten schon die Korridorthüre geöffnet, als Mely nachkam. »Ich will

mitgehen,« sagte sie mit müder Stimme. »Es ist mir zu heiß im Zimmer.«

Sie schritt mit Helene die Stufen hinab, und Falk, der seinen Mantel um

die Schultern geworfen hatte, tappte mit der Kerze hinterdrein. Aber

bald stand Mely still und drückte die Hand aufs Herz. Falk blieb neben

ihr stehen, und Helene ging, ohne auf sie zu achten, weiter.

Nur mechanisch hatte Falk Halt gemacht. Er blickte Mely nicht an,

sondern sah die Stufen hinab ins Dunkle. Da haschte Mely nach seiner

Hand und flüsterte beklommen: »Herr Falk, – sei’n Sie nimmer böse! Ich

will kommen. Ich will heute Nacht kommen, wenn alles schläft. Auf einen

Augenblick.« Dann ging sie weiter.

Falk glaubte sie nicht recht verstanden zu haben. Wie ein Träumender kam

er im Hausflur an. Ihre Worte hatten einen dumpfen Schrecken in ihm

erregt. Das erste, was er dachte, war: sollte ich mich in ihr getäuscht

haben? Doch dieser Gedanke verlor sich gleichsam in die Finsternis. Er

fühlte etwas in sich zerfließen, etwas Kaltes und Drückendes, das ihm

sein Leben schwer gemacht hatte und nüchtern. Wäre er jetzt gezwungen

worden, zu reden, er hätte nur zu lallen vermocht. Verwunderung und

Scheu und ein beglücktes Nachsinnen erfüllten ihn. Und dann die Furcht,

daß sie sich in seiner Achtung geschadet haben könne, oder daß sie

ahnungslos wie ein Kind sich einer großen Gefahr hingab.

Helene hatte schon das Thor aufgesperrt, und hüpfte nun über die

Straße. Mely stand unterm Thor, und jetzt sah sie Falk an mit einem

vollen, funkelnden und fast triumphirenden Blick. Schüchtern begegnete

er ihren Augen. Er gewahrte, daß sie zusammenschauerte im Frost, und

legte seinen Mantel um ihren Körper. Sie ließ es geschehen, doch sagte

sie: »Innerlich ist mir heiß. Eigentlich friert mich gar nicht.« Ihr

Gesicht war sehr bleich. Doch dies Triumphirende und zugleich Verträumte

wich nicht von ihren Zügen. Bisweilen huschte ein fast wahnsinniges

Lächeln um ihre Lippen. »Ich bin nicht so ruhig, als es scheint,« sagte

sie ein wenig bekümmert und seufzte. Falk nickte. »Ich kenne ein Gedicht

von Stauffer-Bern,« erwiderte er. »Der Mann hat es im Irrsinn

geschrieben. Die erste Strophe heißt: Hinter des Kerkers Gitter singt

traurig ein Vögelein: O Lieb, wie bist du bitter, o Schatz, wie bist du

fein.«

Sie sahen sich an, und Beider Lippen bewegten sich, gleichsam Worte des

Glücks suchend. Jetzt kam Helene zurück.

Erst um halb zwölf Uhr gingen die Lottelotts nach Hause. In seinem

Zimmer warf sich Falk in den Fauteuil und regte sich nicht mehr. Bald

war alles still im Hause. Die nachgelegten Kohlen prasselten im Ofen.

Ich könnte jetzt ein bißchen lesen, dachte Falk, doch er war unfähig,

sich zu erheben. Und er sinnirte: Was hat es auch für einen Zweck, wenn

ich jetzt lese? Was kann mich noch interessiren von den Dingen der Welt?

Ihm war wie einem Menschen, der am Vorabend einer großen Reise steht,

ohne daß er weiß, wohin das Schiff steuern wird. Er dürstete danach, den

schwarzen Schleier der Zukunft zu lüften, nur für eine Stunde. Was wird

in einer Stunde sein? fragte er sich, und er vermochte sich durchaus

nicht vorzustellen, welche Ideen, welche Empfindungen ihn nach Ablauf

dieser Zeit beherrschen würden. Wenn nun die Thüre aufging und sie kam

herein, mußte da nicht ein neues Zeitalter beginnen –? So dachte er,

solche Wichtigkeit besaß dieser Vorgang in seinen Augen. Geheimnisvoll

und zugleich schmerzlich war dies. Er glaubte, sein Herz sei versengt.

Wer ist sie? grübelte er. Warum hat sie das gesagt? Und sein Argwohn

erfüllte ihn mit Zagen und Beklommenheit.

Draußen wurde eine Thüre geöffnet und wieder zugeschlagen. Die Katze

miaute. Bald war es wieder still, und es blieb auch still. Aber je

länger er wartete, je mehr nahm seine Erregung zu, und er seufzte,

gequält von diesem inneren Brand.

Da klirrte die Thürklinke. Die Thüre wurde gar vorsichtig geöffnet, und

Mely trat auf den Zehen ein. Vorsichtig schloß sie die Thüre wieder,

wandte sich um und schaute sekundenlang wie geblendet ins Licht. Sie war

die ganze Zeit hindurch im Finstern gesessen, dachte Falk, und diese

Vorstellung erfüllte ihn mit Zärtlichkeit und mit Sorge für sie. All

seine trüben Gedanken waren verschwunden, und Freude und Stolz ergriffen

ihn. Er wußte nichts zu sagen, als: »Du bist gekommen –« Und er wollte

auf sie zugehen.

Aber sie machte eine heftige und kummervolle Geste mit den Armen und

rief flehend aus: »Herr Falk, Sie dürfen nicht du zu mir sagen.« Rasch

eilte sie dem Fauteuil zu und ließ sich darin nieder. Sie drückte die

Hände vor das Gesicht und begann zu weinen, – unaufhaltsam.

Falk setzte sich auf die Lehne des Sessels, dicht neben sie. Er schlang

seinen Arm um ihren Hals, und er preßte ihren Kopf fest und heftig an

seine Brust. Vor tiefer Erschütterung konnte er nicht sprechen, und er

ließ sie weinen und fragte nicht warum. Sie löste die Hände von ihren

Wangen und preßte das Antlitz ganz und gar an seinen Körper, und der

Geruch ihrer Haare berauschte ihn. Und es machte ihn völlig verstört,

ihren Leib so nahe neben sich zu wissen, der so warm war, so jung und so

schön. Er beugte sich nieder, – tief, so daß seine Lippen bald die

ihren berühren konnten, und nun drückte er seinen Mund auf ihren Mund.

Ihr Mund war schwellend und so weich wie Sammet, und so heiß wie der

Mund eines Fieberkranken. Langsam, den Genuß der Näherung bis zur Neige

kostend, geschah dies Aufeinanderdrücken. Und wie angeschmiedet

hafteten die Lippen zusammen, und ihre Herzen preßten sich eines dem

andern entgegen, und sie wollten die dünne Decke des Körpers zerbrechen

in freudiger, glücklicher Qual. Minuten vergingen und reihten sich zu

Viertelstunden, aber ihre Lippen trennten sich nicht. Das große

Vergessen war gekommen für beide, die lange und einzige Stunde, die den

Entgelt bietet für die Leiden des Lebens. Mit geschlossenen Augen küßten

sie diesen langen Kuß, und Falk saugte die bitteren Thränen ein, die von

ihren Lidern niederflossen.

Warum weint sie? dachte er dann. O, wenn ich das nur wüßte. Was kann der

Grund sein? Ist es ein Schuldbewußtsein in ihr? Oder ist es nur, weil

jetzt ein liebloses Dasein aufhört für sie? Nein, nein, sie fühlt sich

schuldig, das allein ist es! Könnt ich doch lesen in ihrer Seele! Aber

sie ist ein Rätsel, ein Geheimnis. Nicht umsonst heißt sie Melusine.

Aber er wollte diese Gedanken ersticken, darum küßte er sie auf die

Augenbrauen, in das Haar, auf den Hals, auf die Stirn, auf die Lider,

auf die Wangen, küßte ihre Thränen fort und dann wieder auf die Lippen,

daß sie sich öffneten wie Kelche und er die Zähne küßte. Als ob sie sich

hätte wehren wollen, hielt sie sein Handgelenk fest und bäumte sich

bisweilen auf, bevor sie sich seinen Küssen ganz hingab. Dann umarmte

sie ihn, und aufschluchzend und immerfort weinend, klammerte sie sich

fest an ihn. »Warum weinst du?« fragte Falk fassungslos. Aber sie

schwieg. »Warum weinst du? Warum weinst du?« drängte er. Sie schüttelte

den Kopf und preßte sich wie schutzsuchend an ihn. »Ist es meinetwegen?«

fuhr er zu fragen fort. Sie verneinte. »Deinetwegen? Ist es wegen des

Obersts? Ach warum? warum? So sprich doch!« – »Ach, ich weiß es ja

nicht,« flüsterte sie schmerzlich. – »Liebst du mich denn? Liebst du

mich? Sag Schatz, küßt dich der Oberst auch?« – Sie nickte, und als er

sich abwandte, legte sie schüchtern den Arm um seinen Hals und sagte

hastig, ihn zu sich herziehend: »Aber nicht so wie wir.« Und sie

lächelte sanft und aufrichtig. Alles hatte sich erfüllt, was sie

zusammengeträumt, all das Glück und die bittere Schönheit dieser

heimlichen Liebe.

»Küsse mich,« bat Falk, aber sie schüttelte den Kopf, halb neckend, halb

betrübt. Er schloß sie so fest in die Arme, daß sie seufzte, und über

eine Stunde lang sprachen sie kein Wort. Sie dachten beide dasselbe:

wunderbar und überaus erstaunlich kam ihnen das Geschehene vor, und wenn

sie in die Vergangenheit blickten, so erschien alles, was sie erlebt,

nur deswegen vorhanden, um sie zusammenzuführen.

Aber immer mehr erwachten Unruhe und Mißtrauen in Falk. Er schaute

finster in die abnehmende Kohlenglut; dann erhob er sich und schraubte

die Lampe etwas niederer. Ist es denn möglich, daß sie ahnungslos in

aller Reinheit zu mir kam? dachte er. Weshalb hat sie dann geweint? Und

er stand in tödlicher Furcht vor einer Thatsache, die viele Andre

ausgenützt hätten auf jeden Fall und um jeden Preis. Er ging wieder zu

ihr und küßte sie bedachtsam und zärtlich. Dann nahm er ihre beiden

Hände und blickte sie unverwandt an. Er studirte die Linien ihres

Gesichts in diesem bläulichen Dämmerlichte, und er fand Manches daran

auszusetzen. Weshalb hat sie diese Falte von den Nasenflügeln aus

abwärts? grübelte er. Auch ihre Stirn hat Falten, kaum sichtbar, aber

sie sind da. Und diese Züge, im Ganzen ihm so teuer, wurden ihm in ihren

Einzelheiten eine Minute lang förmlich verhaßt. So wird es sein, so

lange die Welt steht: Haß und Liebe werden nebeneinander einhergehen,

eng verschwistert.

Er ließ sich auf die Kniee nieder und spielte ein wenig Komödie. »Immer

wirst du bei mir bleiben, ich laß dich gar nimmer fort.« Und er zog

ihren Kopf herab, wo es völlig Nacht war. Er flüsterte ihr etwas ins

Ohr. Sie verstand ihn nicht. Er sah sie an: erklärend und forschend.

Diesen Blick verstand sie. Schreck und Enttäuschung erfüllten sie

plötzlich, und sie vermochte kaum zu reden. »Nein, ach nein,« preßte sie

hervor, außer sich vor Jammer. »Nicht das, – niemals, wenn du mich

nicht töten willst.«

Schuldbewußt legte er den Kopf in ihren Schooß. Und Melys Finger

krampften sich in seine Haare, immer fester und fester. »Sag, hat der

Oberst noch niemals etwas von dir verlangt, was – verstehst du mich

denn nicht?« Mühsam brachte Falk das hervor, und er hob den Kopf nicht

dabei. »Nur das Eine sag: hat er es gewollt?« drängte er und umklammerte

ihre Hand.

»Ja, aber ich bin gegangen. Das ist wahr.«

Warum habe ich ›das ist wahr‹ gesagt? dachte Mely. Atemlos wartete sie

auf seine Antwort. Aber er entgegnete lange nichts. Sie blickte verzagt

und beschwörend zu ihm nieder, aber er sah sie nicht an, sondern drückte

den Kopf tiefer in ihren Schooß. »Schatz, süßer, süßer Schatz,«

stammelte er dumpf und leidenschaftlich. Dann löste er ihre Frisur,

indem er die beiden Nadeln in dem griechischen Knoten entfernte, und

streifte das lange dunkle Haar über seinen Kopf. Drohend und immer

drohender stieg das Bild des Andern vor ihm auf, und alles was sie

sagte, diente nur dazu, seinen Argwohn zu schüren. Rätselhaft war sie

ihm in allem, was sie sagte, und deshalb stieg seine Liebe zu ihr mit

jeder Minute. »Wie still ist die Nacht,« flüsterte er. »Wirst du je

diese Nacht vergessen? Mely sprich, wirst du mich je vergessen? Wirst

du nie aufhören, mich zu lieben? Bin ich es auch wirklich allein, den du

liebst? Ach, wer hätte das gedacht noch vor kaum zwei Tagen. Und jetzt

diese stille Nacht dazu. Sieh, die Lampe flackert nur noch, bald wird

sie aus sein, und es wird finster werden. Schau mich an, Schatz, – o,

warum wendest du dich denn ab? Fürchtest du dich vor mir?«

»Ja –« hauchte Mely, und sie zitterte vor Erregung. Dies Zittern ging

durch ihren ganzen Körper, auch innerlich. Seine Stimme war so weich, so

einschmeichelnd, wenn er leise sprach, und es lag eine kindliche Güte

darin. Alles war ein wenig phantastisch, was er sagte, aber das gerade,

das Märchenhafte beseligte sie, und seine Güte zog sie zu ihm hin. Noch

immer war das Scheue und Bewundernde in ihren Blicken, wenn sie ihn

ansah, und seine wilden Küsse durchdrangen sie bis ins Mark.

»Was hast du für herrliche Augen,« begann er nun wieder, und lehnte

seine Wange an die ihre. »Sie sind wie Meere. Wenn du so rasch die Lider

aufschlägst und verwundert und erschreckt dreinschaust wie ein ganz

kleines Kind, – o, das ist herrlich!«

Wenn Jemand, durchnäßt vom Regen, heimkommt und in wärmende Kleider

geschlüpft, lächelnd am Herdfeuer sitzt und auf den Sturm horcht, so

empfindet er ungefähr das wohlthuende Behagen, das Mely bei diesen fast

wehmütig hingesprochenen Worten Falks empfand. Sie fühlte sich klein und

förmlich bußbereit; sie mußte die Augen schließen, und in den Minuten,

in denen er nicht sprach, suchte sie sich schöner, verheißungsvoller

Träume zu entsinnen, um das Märchengleiche dieser Minuten nicht zu

verletzen.

»Sieh, jetzt wird das Licht aus sein,« fuhr er fort, indem er immer

leiser sprach, wie eingeschüchtert durch die größere Dunkelheit. »Sag,

wirst du nie aufhören, mich zu lieben? Ich will nicht schwören,« –

seine Stimme zitterte – »aber ich lege zwei Finger in deine Herzgrube,

das bedeutet mehr, wie schwören: nie, nie will ich aufhören, dich zu

lieben.« Er hatte ihr das Gewand aufgeknöpft, und hatte seine Hand

wirklich auf ihre bloße Brust gelegt, in der das Herz hämmerte, wie

gejagt.

Trunken starrte Mely in das winzige blaue Flämmchen, das noch übrig war.

Dann füllten ihre Augen sich mit Thränen, und sie konnte sich nicht

enthalten, zu schluchzen. »Was hast du, Schatz?« flüsterte er, sie

stürmisch umfassend. »Bitte, sag doch blos, was hast du? Antworte, du

bringst mich ja zur Verzweiflung.«

Aber sie blieb stumm. Sie vermochte nicht zu reden. Sie empfand selbst,

wie seltsam das alles war, wie die dunkle, späte Stunde und das enge

Beieinandersein die Gefühle krankhaft verfeinerte und übertrieb. Wie

hätte sie ihm sagen können, daß schon der Gedanke an ein Aufhören seiner

Liebe sie mit Gram und Beklommenheit erfüllte ... Vieles hätte sie ihm

noch mitteilen mögen, aber sie fand die Form nicht. Sie konnte es nicht

übers Herz bringen, Du zu sagen, trotzdem sie wußte, wie kindisch und

blöde diese Scheu war. Sie erwiderte schüchtern seine Küsse, als bäte

sie ihn dafür um Verzeihung. Aber in ihm erwachte das dunkle und

drückende Bewußtsein, daß in diesem Weib noch ein ganz andres Wesen

stecke, als jenes, das sich ihm jetzt hingab mit aller Macht. Dies eine,

gegenwärtige, war ein mädchenhaftes, liebevolles Geschöpf, rein und gut

und frevellos. Aber das andere war ein gefährliches, wetterwendisches

und unberechenbares Wesen, sphinxhaft und unfaßbar. Ganz plötzlich, wie

durch Ahnung, wurde er sich dessen bewußt. Aber er küßte sie, und je

mehr er sie küßte, desto unersättlicher wurde er. Traumhaft und voll von

unbegreiflichem Zauber waren diese Stunden für ihn. Sie standen beide

vor der Schwelle jenes schwülen, finsteren Glücks, das zur Auflösung

jedes persönlichen Bewußtseins führt. Und sie haschten nach dem

Flatternden, Ungewissen, aber hinein in die Finsternis schritten sie

nicht. Sie ist zu feig, oder sie verbirgt mir etwas, dachte Falk.

Da schlug es fünf Uhr, und erschrocken fuhren sie zusammen.

Er begleitete Mely bis zur Thür ihres Schlafgemachs. Unter der Thüre

umarmten sie sich noch einmal, ganz trostlos, scheiden zu müssen, und

dann kehrte Falk auf den Fußspitzen in sein Zimmer zurück.

Er schraubte die Lampe wieder hoch, und saß noch lange wachend im

Lehnstuhl. Ein träumendes Staunen lag auf seinen Mienen. Zunächst war er

verwundert, daß alles, was er jetzt erlebt, in wenigen Stunden einer

einzigen Nacht vor sich gegangen war. Monate schienen es ihm zu sein, in

denen er abgeschlossen von aller Welt nur mit ihr allein gelebt hatte,

in denen er sie kennen gelernt bis auf den letzten Grund ihres Herzens,

ohne daß sie deshalb aufgehört hatte, ein Wunder, ein Rätsel für ihn zu

sein. Auch war sie noch gegenwärtig; der Duft ihrer Haare war noch im

Zimmer. Noch empfand er die Wärme ihres Körpers, noch spürte er das

bittre Naß ihrer Thränen auf den Lippen. Noch redete er mit ihr, und er

wußte, daß sie jetzt ebensowenig schlief, wie er, sondern daß sein

Schatten, sein anderes Selbst neben ihr war, wie das ihre neben ihm. Und

doch, wenn er sich genau prüfte, so mußte er sich gestehen, daß etwas

wie Übersättigung in ihm war, und jene Erleichterung, mit der jeder

Mensch von einem Vergnügen scheidet, das ihn vollständig

zufriedengestellt hat. Ja, allgemach nahm ein solches Behagen in ihm

Platz, daß er noch eine Cigarette anzündete, und behaglich schmauchend

in die laue Winternacht hinaussah. In der Art, wie er sorglich und

vergnügt den Rauch hinausblies in die windlose Nacht, lag eine Fülle

geschmeichelter Eitelkeit.

Oft vermag der Mensch das Heiligste seiner Seele dadurch zu

verunreinigen, daß er sich zufrieden fühlt.

Melusine: Ein Liebesroman · 第 31 / 57 题