Eine Stunde darauf hatte Mely den Vorfall vergessen. Der Abend kam, und
Falk mußte fortgehen, da er nachmittags die Leute nicht zu Hause
getroffen hatte. Er hatte sich verspätet. Als das Nachtmahl vorbei war,
stand er auf, verbeugte sich gegen die Damen und wollte hinaus. Da sah
er Melys blasses Gesicht mit einem bekümmerten Ausdruck auf sich
gerichtet. Lange zögerte er; er wußte nicht, was er sagen sollte, um
Frau Bender und Helene dies auffällige Warten zu erklären. »In einer
Stunde bin ich wieder da,« murmelte er endlich, ganz zu sich redend, und
stürmte hastig hinaus. Helene lächelte spöttisch. Mely war gereizt und
fuhr sie schroff an. »Warum lachen Sie denn? Was soll das bedeuten?«
Helene zuckte die Achseln. »Wie mißtrauisch sind Sie,« fuhr Mely leiser
fort. »Sie sind mißtrauisch, ich glaube aus Vorsatz.« Helene schüttelte
den Kopf. Das wollte sagen: Ich habe so viele Erfahrungen, daß ich
dergleichen riskiren darf. Ihre glatte, übergroße Stirn leuchtete wie
eine geschliffene Platte, und die Augen blitzten streitlustig. Aber sie
war viel zu bequem, um zu reden. Sie verschränkte die Arme und sah vor
sich hin mit dem unveränderlich klugen Gesichtsausdruck, der ihr eigen
war. Frau Bender nähte, besserte die Wäsche aus und seufzte oft aus
schwerem Herzen. »Meine Tochter thut gar nichts,« klagte sie etwas
schüchtern, als fürchte sie Helenes Erwiderung. Aber die runzelte bloß
die Stirn.
Mely hatte sich auf den Divan gelegt, mit dem Gesicht gegen die Wand.
»Eine Stunde ist lang,« flüsterte sie in sich hinein und horchte auf das
Ticken der Wanduhr. Der Wind sauste und Schneekörner knatterten gegen
die Fenster. Die Nacht war schwer und kalt. Es war ganz ruhig im Zimmer.
Ein Schloß im Schwarzwald, dachte Mely, wie fein! Aber wie kann das
sein! Wie kann das jemals Wirklichkeit werden? Er ist so arm wie ich,
und wie will er so viel Geld erwerben? Allerdings, wenn er Arzt sein
wird ... Aber was thu’ ich da, was für närrische Gedanken sind das! Ich
muß mich schämen. Er spielt ja nur mit mir. Ein bißchen Zeitvertreib,
die Männer lieben das, und alle sind sie gleich; einer ist wie der
andere. Wie komisch, – und wozu kann das alles führen. Wie
unbegreiflich ist die Liebe, ich verstehe sie nicht. Es ist etwas so
Märchenhaftes dabei, so erstaunlich ist es. Nein, ich könnte lachen,
und wenn ich an ihn denke, muß ich erröten. Ob er wohl noch so nett ist,
wenn wir verheiratet sind? Wie dumm bin ich! Früher einmal, da hatte ich
den Oberst ganz gern, aber wie anders ist die Liebe! Ich fürchte mich
eigentlich. – Ach, ist denn die Stunde noch nicht vorbei?
Die Stunde verflog und Falk kam nicht. Da fühlte sie sich tief
unglücklich. Jede Minute, die verstrich, ohne daß er kam, machte sie
unglücklicher. Ihr Herz preßte sich zusammen wie unter einem
unwiderstehlichen Schmerz, und das Tapetenmuster flimmerte vor ihren
Augen. Endlich krachte das Hausthor, und atemlos, immer noch das Gesicht
der Wand zugekehrt, lauschte sie den allmählich lauter werdenden
Schritten auf der Treppe.
Pustend und die Hände reibend, trat Falk ein. »Ah, Fräulein Mirbeth
schläft!« sagte er leise, wie um sie nicht zu wecken. Sie wünschte, daß
er in diesem Glauben bleibe, und regte sich nicht. Sie glaubte, er müsse
sonst die überstandenen Leiden von ihrer Stirn lesen können.
»Sehn Sie!« sagte Falk frohlockend: »Gerade eine Stunde.«
Schlaftrunkenheit heuchelnd, wandte sich Mely schwerfällig um und
gähnte, wie Erwachende zu thun pflegen. »Gar nicht wahr,« sagte sie
vorwurfsvoll, »das war viel länger als eine Stunde.«
»Neun Minuten mehr,« bestätigte Helene ernsthaft.
Lange konnte Mely in dieser Nacht nicht schlafen. Und sie wünschte es
auch nicht. Die Nacht war so still, und ihre Sinne waren durch die Ruhe,
wie durch das Erlebte so geschärft, daß sie die pfeifenden Atemzüge der
Erdmann vom Nebenzimmer vernahm. Es war nichts Bestimmtes, an das sie
dachte, kein verlockendes Phantasiebild, sondern eine unterdrückte
Erregung hielt sie wach, eine bohrende Unruhe, die sie mit Spannung
gegen die kommenden Ereignisse erfüllte. Alle anderen Lebensinteressen
waren für sie unbedeutend geworden. Es war nicht der Mühe wert, darüber
zu sinniren.
Als sie einschlief, war es drei Uhr und erst gegen elf Uhr vormittags
wachte sie auf. Dann lag sie noch über eine halbe Stunde mit offenen
Augen und mühte sich ab, einem Traum, der ihr entfallen, auf die Spur zu
kommen. Sie lächelte in der Erinnerung an diesen Traum, aber sie wußte
durchaus nicht, welcher Art er gewesen.
Nach dem Mittagessen verwickelte das Fräulein von Erdmann Vidl Falk in
ein sinniges Gespräch über die Rubenssche Amazonenschlacht. Mely saß am
Fenster. Sie war verstimmt, und die dicke Dame bemerkte es. Instinktiv
erriet sie auch den Grund und war um so mehr bemüht, den jungen Mann in
die Fäden ihrer Konversation zu ziehen.
Plötzlich sprang sie von ihrem Thema ab und sagte: »Ach, beantworten Sie
mir einmal eine Frage: haben Sie sich schon einmal verliebt?« Und sie
legte vorsichtig ihre Hand auf die seine. Ihre Ohrlappen waren röter als
sonst. Dann lachte sie, während Falk seine Hand in Sicherheit brachte.
»Wie er schaut! ach! – Sie sind erstaunt über meine Frage?«
»O nein, – oder vielmehr ja.«
»Reizend! O nein, oder vielmehr ja.« Und wiederum trällerte sie ihr
Lachen wie eine Kadenz herunter. Falk runzelte die Stirn.
»Warum diese Falte?« fragte die allzulaute Dame; sie schmolz in
Hingebung. »Fort damit, sie ist häßlich. Wie kann man ein so finsteres
Gesicht machen, wenn man so schöne Augen hat. Nicht wahr, Fräulein
Mirbeth? Finden Sie das nicht auch?«
Mely bejahte, dann verließ sie langsam das Zimmer, – zögernd, damit es
nicht scheine, als ob sie dieser Scene wegen ging.
Die Erdmann bog sich ganz zu Falk hinüber. »Ich will meine Frage
einschränken,« flüsterte sie. »Sagen Sie: sind Sie verliebt, sind Sie
verliebt?« Es war ihre Gewohnheit, jede Frage oder jeden Ausruf zu
wiederholen. Sie war jetzt erregt, und ihre Augen funkelten.
Falk errötete und lächelte kindisch. »Ich bitte Sie, Fräulein,«
stammelte er. Seine Augen blitzten zornig.
»Nein, diese Jugend!« gellte die Dame spöttisch und schleuderte die
geballte Serviette über den Tisch. Es entstand ein langes Schweigen.
»Merkwürdig,« sagte Falk; »wenn solche Verlegenheitspausen eintreten,
bin ich nie derjenige, der sie unterbricht.«
Das Fräulein starrte ihn verblüfft an und bemühte sich, geheimnisvoll zu
lächeln.
Als Falk allein war, befand er sich in einer Stimmung, in der ihn jedes
Geräusch schmerzte. Wenn streitende Stimmen oder Gelächter von der
Straße erschallten, schreckte er zusammen. Wenn ein Hund bellte oder ein
Lastwagen rasselte, so versetzte ihn das in unbegreifliche Erregung.
Besonders das Hundegebell nahm gar kein Ende.
Es dunkelte, als er, von der Stadt zurückkommend, Mely im Korridor traf.
Sie stand vor dem Spiegel und richtete das Haar. Sie trug den
grüngrauen, großgeblümten Schlafrock, der ihr Gesicht noch bleicher
erscheinen ließ. Es war, als wünsche sie mit diesem Kostüm zu sagen, daß
es ihr gleichgültig sei, ob sie den Leuten gefalle oder nicht.
»Ich mache Kaffee, Fräulein Mely,« sagte Falk. »Wollen Sie mittrinken?
In meinem Zimmer natürlich. Wir laden auch Frau Bender und Helene dazu
ein.«
Mely, die zuerst gezögert hatte, war jetzt freudig dabei. Falk ließ das
Zimmer heizen und stellte einen Topf Wasser auf den Spiritusapparat. Als
er nach einiger Zeit ins Wohnzimmer trat, saßen Mely und Frau Bender
dicht bei einander, und Frau Bender weinte. Sie sah dabei scheu nach
ihm, und er hatte das Gefühl, als ob man soeben von ihm gesprochen
hätte. Mely stützte den Kopf in beide Hände und sah unbeweglich auf die
Tischplatte. Falk rührte sich nicht mehr von der Stelle. Indem er das
junge Mädchen ansah, ohne mit den Lidern zu zucken, stieg Zweifel auf
Zweifel in ihm auf. Woran er zweifelte, das wußte er nicht. Es war der
dunkle Ingrimm eines Menschen, der betrogen zu werden fürchtet, während
er bereit ist, sich hinzugeben mit ganzer Seele.
Er sagte nichts, sondern ging, nachdem er sich etwas erstaunt geräuspert
hatte, in sein Zimmer zurück und zündete die Lampe an. Bald darauf kam
Mely. Sie sah bestürzt aus, und als bereue sie ihre Zusage, blieb sie
unentschlossen an der Thüre stehen. Falk, gleichfalls befangen, schob
einen Fauteuil zum Ofen und lud sie mit einer Handbewegung zum Sitzen
ein. »Helene kommt gleich,« sagte Mely, gleichsam sich selbst
entschuldigend. »Frau Bender hat zu viel Arbeit.«
»Warum hat denn Frau Bender geweint?« fragte Falk, mehr um ein Gespräch
anzuknüpfen, als aus Neugierde.
Das junge Mädchen lächelte schwermütig und schüchtern. Ihr Blick, sonst
ein wenig unstät, war plötzlich sanft und ruhig geworden. »Ich weiß das
wirklich nicht,« sagte sie, und Falk bemerkte, wie sie immer noch
erstaunt war über das Benehmen dieser Frau. »Sie sagte, – doch wie kann
ich Ihnen das erzählen!«
»O bitte –!«
»Nun gut. Sie lobte Sie, – Sie seien so gescheit und so ein herzlicher
Mensch – diesen Ausdruck gebrauchte sie – und ich möchte doch ein
wenig lieb zu Ihnen sein. Später bereuen Sie es sonst, sagte sie zu mir.
Gar gern läuft das Glück vorbei, auf Nimmersehen. Ja, und auf einmal
brach sie in Thränen aus.«
Falk erwiderte nichts darauf. Er blickte an Mely vorbei, aber er sah
doch, daß ihr Gesicht rot war; nur konnte er nicht unterscheiden, ob es
der Widerschein des roten Lampenschirms oder natürliche Färbung war.
Eine schwüle Dämmerung herrschte in dem kleinen Gemach und es war sehr
still. Am Kaffeekessel zuckten die blauen Spiritusflämmchen und schlugen
manchmal gleich Wellen empor. Das Wasser begann zu sprudeln, und Falk
ging, um die Flamme zu löschen. Er verrichtete diese Dinge mit
ironischer Wichtigkeit. In seinem Innern hatten sich, während er jetzt
den Kaffee bereitete, alle trüben Stimmungen geklärt; sie waren
zerflattert. Er war Mely dankbar, – doch weshalb? Vielleicht für ihre
Offenheit. Denn ein Geständnis lag in dem, was sie ihm mitgeteilt; daran
zweifelte er nicht.
Als Helene eintrat, knixte sie spöttisch, nahm Platz und sah mit
wohlwollendem Ernst umher. »Hübsch – stimmungsvoll!« sagte sie und
plötzlich lachte sie in ihrer hölzernen Art. »Nein, – wie Sie dastehen
und kochen!« rief sie und schlug die Hände zusammen. Diese Lustigkeit
hatte bei ihr stets etwas Unglaubwürdiges.
Gar bald dampfte der wohlriechende Kaffee aus den Tassen.
»Wie wir jetzt beisammen sitzen, – das ist komisch,« meinte Helene.
»Gerade, als ob wir uns schon ewig kennen würden. Wenn jetzt wer Fremdes
käme und zusähe, – er müßte uns für Geschwister halten, – oder so was
Ähnliches,« fügte sie hinzu, wieder spöttisch werdend. »Derweil ist der
eine aus Norden, der andere aus Süden und der dritte vielleicht aus der
Hölle.«
»Ich bin doch hoffentlich nicht der Dritte?« fragte Falk unwirsch. »Was
Sie da sagen, ist übrigens ganz gut. Aber seltsam, während Sie reden,
habe ich immer das Gefühl, als dächten sie bei sich: ach was, die sind
ja doch nicht wert, daß ich was Ordentliches rede.«
»Ja, – ja!« bestätigte Mely eifrig.
»Das wäre sehr keck von mir,« gab Helene obenhin zurück.
»Wie verschieden sind Sie von Ihrer Mutter,« fuhr Falk fort. »Sie haben
keinen Zug von ihr. Aber man kann Ihnen Glück wünschen zu dieser Mutter,
– eine ideale Frau.« Weshalb diese Hymne? fragte er sich gleich darauf
etwas beklommen. Man muß abwarten. Dieselbe Frage hatte sich Mely
gestellt.
In der Küche rief Frau Bender nach ihrer Tochter, und Helene huschte
davon.
»Ich fühle mich jetzt ganz glücklich,« sagte Mely, tief aufatmend. Und
dann sah sie scheu zu Falk hinüber, ob er sie nicht verspotte. Sie
begegnete seinem nachdenklichen, fast grüblerischen Blick, der sie zu
durchdringen schien. Oder nein, er schien nur zu fragen: bist du
wirklich so, wie du jetzt scheinst? Ist dies dein wahres Wesen? O, ich
möchte in deine Seele sehen – so redete dieser Blick – wie auf den
Grund eines klaren Sees.
Falk rückte ihr näher. Sein Schatten fiel auf sie, so daß sie förmlich
begraben war in Dunkel. Nur ihre Augen glänzten daraus hervor mit einem
feuchten, perlenden Glanz und mit einem kindlich bangen Ausdruck. Nach
einer langen Pause sagte sie mit unsicherer Stimme: »Ihr Amor da droben
hat ja keinen Kopf mehr.«
Er lächelte. »Das ist natürlich. Wissen Sie denn nicht, daß man in der
Liebe den Kopf verliert?«
Sie schaute ihn verwundert und erschreckt an. Diese Verwunderung, dieses
Erschrecken, all das war kindlich. Es erregte ihm ungefähr folgende
Empfindung. Als Kind hatte ihm die Mutter bisweilen von der
märchenhaften Pracht erzählt, die bei dem oder jenem reichen Manne
herrschte. Genau das zweifelnde Entzücktsein und die furchtsame
Sehnsucht, die er damals empfunden, fand er jetzt bei ihr.
»Sie sind immer so still,« sagte Mely. »Sie reden so selten. Und wenn
ich dann was sage und Sie überlegen so lange, da mein’ ich dann immer,
ich hätte eine Dummheit gesagt.« Sie hielt inne, wie um zu prüfen,
welchen Eindruck ihre Worte machten. Dann fuhr sie fort: »Ich denke mir,
Sie müssen immer recht allein gewesen sein. Es hat sich vielleicht
Niemand um Sie gekümmert –? Nicht?«
»Da haben Sie recht,« erwiderte er mit so langsamer Stimme, als könne er
nicht Raum genug finden, um all die Dankbarkeit durchhören zu lassen,
die er für ihre Worte hatte. »Und solche Leute, die immer allein sind,
verlieren dann allen Maßstab für sich. Ich hatte wohl einen Freund, aber
eines Tages mußte ich Geld von ihm leihen und dann ging das so in die
Brüche, sehen Sie.« (Warum sage ich das? dachte er. Ich will mich nur
putzen: will nur zeigen, daß ich für diese Geldborgerei ein feines
Gefühl habe.) »Eine Zeitlang hab ich so gut wie gehungert, das dürfen
Sie glauben. Kaum, daß ich manchmal Brot hatte. Denken Sie, was ich vor
ein paar Monaten für eine sonderbare Leidenschaft gehabt habe. Jeden
Mittag besuchte ich den nördlichen Kirchhof, und sah mir im Leichenhaus
die Toten an. Ich hatte dafür das größte Interesse. Ich studirte den
verschiedenen Gesichtsausdruck bei den verschiedenen Leichen, und wenn
ich mich in Not befand, war es mir eine Wohlthat, stets ein Bild des
Todes vor Augen zu haben. Aber das entsetzt Sie?«
»Wissen Sie, was ich zuerst gedacht habe, wie ich Sie kennen lernte?«
sagte Mely. »Ich hielt Sie für einen großen Weiberfeind. Erinnern Sie
sich, wir sprachen einmal bei Tisch von Schopenhauers Aufsatz über die
Weiber, und Sie waren so begeistert dafür –«
»Ach ja, wie dumm war das!« rief Falk errötend und ärgerlich. »Aber das
ist wahr, ich habe mich einmal gefürchtet vor der Liebe. Das glauben Sie
nicht?«
Mely wandte sich ab, wie um eine Veränderung in ihren Zügen zu
verbergen. »Was haben Sie?« fragte Falk, zitternd vor Besorgnis, ihr
wehe gethan zu haben. »Bitte, sehen Sie mich an!« Und er ergriff ihre
Hand und bedeckte die Finger mit Küssen. Sie seufzte lange, wie Jemand,
von dessen Rücken eine gar schwere Last gehoben wird.
»Sagen Sie mir, wie ist das mit dem Oberst?« fragte Falk. »Das müssen
Sie mir genau erzählen. Wollen Sie?«
»Nicht jetzt,« entgegnete Mely betrübt und enttäuscht. »Was ist da auch
zu sagen. Ich hänge von ihm ab, denn ich bin arm. Deshalb muß ich nett
und freundlich gegen ihn sein. Ich muß repräsentiren und das Haus in
Ordnung halten, – aber jetzt ist ja das alles vorbei. Wir haben uns
schon vor der Begegnung neulich ganz zerkriegt. Mehr war es nicht, das
dürfen Sie mir glauben.«
»Mehr war es nicht,« wiederholte Falk sehr langsam. Die Art, wie sie die
Aufklärung gab, der Ton, in dem gleichsam die Bitte lag, ihr nicht zu
mißtrauen, entfachte seinen Argwohn plötzlich und lebhaft. »Und was
wollen Sie jetzt beginnen?« fragte er.
Mely schwieg. Sie lächelte sonderbar kühl. Weshalb dann diese Furcht vor
Jenem? grübelte Falk, gleichsam seinen Argwohn hätschelnd.
Es läutete draußen, und das junge Mädchen fuhr erschrocken zusammen und
lauschte regungslos. Bald darauf wurden Stimmen laut: Begrüßungen,
staunende Ausrufe des Wiedersehens. »Das sind Lottelotts,« sagte Mely.
»Die Frau ist schrecklich. Sie hat den Wahn, eine geistreiche Frau zu
sein und ist, o! so ungebildet. Sie ist klein, dürr und frech: sie
schreit beständig, und wenn sie lacht, hört man es bis auf die Straße.
O, sie haßt mich. Mich hassen überhaupt alle Menschen. Auch Helene haßt
mich.«
Falk beugte sich so weit zu ihr hinüber, daß ihre Wimpern sich fast
berührten. Sie blickten sich Auge in Auge, und er stammelte mit dem Mut
der Schüchternen: »Du – hast – mich.« Verwirrt ließ Mely den Kopf
sinken. Vor lauter Scham lachte sie, – lautlos. Sie öffnete den Mund,
die Zähne schimmerten hindurch, und sie stieß den Atem aus, aber dies
Lachen war nicht hörbar. Falk ließ sie nicht aus den Augen. Das that er
aus Feigheit vor der Wirkung seiner Worte. Nur einer Bewegung des Halses
hätte es bedurft, und er hätte sie küssen können, aber wie
ungeheuerlich, wie vermessen erschien ihm jetzt ein solches Beginnen!
»Wann werden Sie reden? wann endlich reden?« flüsterte er völlig
unmotivirt. »Wirst du denn immer schweigen?«
Mely war wie gelähmt. Ihr war, als müßte das Gewand über der Brust
zerspringen. Wenn es eine Freude gibt, die zugleich die beklemmendste
Angst ist, so war es diese. In einem Augenblick übersah sie ihr
vergangenes Leben, und sie hatte dabei ein Gefühl wie Jemand, der
ermüdet von einer großen Reise nach Hause kommt und rasten kann.
Wiederum läutete es. Beide achteten nicht darauf. Nach kurzer Zeit
wurde an der Thür gepocht, und das Dienstmädchen kam herein. »Es ist
Jemand da vom Herrn Oberst,« sagte sie. »Das Fräulein Mirbeth möchte
sofort hinüberkommen.«
Nachdem die Magd wieder hinausgegangen war, stand Mely auf und blickte
verstört umher. Ist es denn möglich? dachte sie. Freilich, jetzt hat er
Angst, mich ganz zu verlieren, da er mich mit einem Andern gesehen. Aber
darf ich denn das thun, – hinübergehen? Was nützt es, ich muß. Ich kann
ja nicht verhungern. Er kann machen mit mir, was er will. Ich bin arm.
So überlegte sie in stummer Qual.
»Sie gehen ja doch nicht hinüber,« sagte Falk, indem er sie gespannt
anblickte.
»Ich muß,« wiederholte sie laut. »Was nützt es, wenn ich dableibe? Frau
Bender kann mich nicht ernähren. Niemand fragt nach mir. Bald komm’ ich
wieder, sobald es geht.« Und sie wollte fort. Aber Falk vertrat ihr
behend den Weg. Er schaute sie an, – lange Zeit. Seine Lippen
zitterten, als ob er reden wollte. Mely hielt seinem Blick Stand. Sie
ließ die Arme schlaff herunterhängen, und eine herzliche, tiefe
Betrübnis lag in ihrem Gesicht. Dann nickte sie flüchtig und ging.
Falk warf sich aufs Bett, bedeckte die Augen mit den Händen, und
verblieb so fast eine halbe Stunde lang. –
Als er ins Wohnzimmer kam, stellte man ihm Herrn und Frau Lottelott
vor. Frau Bender war etwas kühl, doch er bemerkte es nicht. Sehend und
doch nicht sehend, ging er umher. Er hörte wohl, daß die Leute um ihn
herum sprachen, aber was sie sprachen, verstand er nicht. Eine weiche
Rührung hatte ihn überfallen, eine milde, gleichsam opferfreudige
Stimmung. Wenn er an die Zukunft dachte, geschah es so: es wird nicht
lange währen, dies alles. Flüchtig wird es sein, wie der Winterschnee,
gewiß. Aber es ist schön. Es ist ein schöner, schöner Traum.
»Wo ist denn Fräulein Mirbeth heute?« fragte Frau Lottelott ein wenig
schnippisch und rümpfte die Nase. Falk wurde aufmerksam.
»Der Herr Oberst hat sie rufen lassen,« erwiderte Frau Bender mit einem
vielsagenden Blick.
»So, – der Herr Oberst!« –
Dies kurze Zwiegespräch versetzte Falk in wilde Aufregung. Er sah, wie
Herr Lottelott geheimnisvoll grinste und wie sein rotes Biergesicht
einen Ausdruck gutmütigen Bedauerns annahm. Die Worte, die gefallen,
waren harmlos, aber es lag alles darin, was ihn bedrückte mit schwerer
Wucht.
Er setzte sich ans Klavier und spielte: einen Marsch, einen Walzer, eine
Schubertsche Sonate ... er spielte polternd, ungraziös und viel zu
schnell.