Es war wenige Tage nach Weihnachten. Das Geläute der Sonntagsglocken
erweckte Fräulein von Erdmann aus ihrem Morgenschlummer. »O Gott,«
murmelte sie zerstört, »diese katholischen Städte sind fürchterlich!«
Und sie stieß die Arme in die Höhe und schüttelte die Fäuste.
Das Mädchen brachte den Kaffee. Auf dem Servirbrett lag ein Couvert. Das
Fräulein öffnete es: Frau Bender bat dringend um die Bezahlung der
rückständigen zweihundertfünfzig Mark, oder wenigstens eines Teils.
»Wisch!« machte die übelgelaunte Dame, zerknitterte das Papier und warf
es von sich.
Bald erschien Fräulein von Mahnke, um ihre Morgenvisite abzustatten.
Vorsichtig zwischen den herumliegenden, schmutzigen Wäschestücken,
Zigarrenschachteln, Unterröcken und Briefschaften hindurchschreitend,
gelangte die greise Dame zum Bett des Fräuleins.
»Nun, Sie haben sich recht hübsch da eingenistet,« bemerkte sie
anerkennend. Bei sich jedoch dachte sie: Welch ein Stall! Und die
Bewohnerin ist die reinste Vogelscheuche. Die starrenden Haare, dies
dicke Gesicht – puh. Ein Schwamm, eine Fettblase.
»Wie mich das freut, daß Sie gekommen sind,« versicherte Fräulein von
Erdmann. »Und wie reizend Ihnen das Kleidchen steht – berauschend –
#parole d’honneur#.« Sie dachte jedoch: was thut denn die alte Schachtel
jetzt schon da? Dies Kleid ist für einen Backfisch. Kurze Ärmel, –
lächerlich! Dabei braucht sie einen Stock, um gerade gehn zu können.
Puh, ihr ganzes Gesicht ist _eine_ Malerei. Diese alten Jungfern sind
schrecklich.
»Sie bewundern meine schönen Arme?« fragte sie, als sie den Blick des
Fräuleins von Mahnke auf ihren entblößten Armen ruhen sah. »Ja, das kann
ich Ihnen nicht verdenken,« fügte sie seufzend hinzu, ohne eine Antwort
abzuwarten und sah mit heimlicher Ironie auf die dünnen Ärmchen des
alten Fräuleins.
Das sollen Arme sein? dachte die Mahnke. Würste sind es, dicke, plumpe
Würste. »O der Begriff: schön ist doch sehr individuell, man kann schon
sagen willkürlich,« sagte sie mit einer seltsamen Mischung von Demut und
Haß.
Fräulein von Erdmann streichelte liebevoll ihren Arm. »Vergessen Sie
nicht, meine Teure,« erwiderte sie, überlegen lächelnd, »daß der
berühmte Bildhauer – na! sein Name ist mir jetzt entfallen – vor
meinen Füßen gelegen hat und mich bat, ihm meinen Arm für eine
Venusbüste modelliren zu lassen. Ich schlug es aber aus. Warum den
profanen Augen der Menge preisgeben, was solange unentweiht in stolzer
Heimlichkeit keinem menschlichen Auge zu sehen vergönnt war? Das war zu
jener Zeit, wo Fürst Lubanoff, – ein Kavalier ersten Ranges – mir
seine Hand anbot und Graf Lajos Waldenburg mit dem Marquis Etienne de
Grève jenes berühmte Duell hatte. Und wissen Sie warum? Es ist
lächerlich, es zu erzählen. Ich hatte im Theater meinen Handschuh aus
der Loge ins Parterre fallen lassen und dem Marquis, der ihn mir
brachte, eine Blume ins Knopfloch gesteckt. Komisch wie?« Mit
teuflischem Lächeln musterte sie die gebrechliche Gestalt des Fräuleins
von Mahnke. Dann aber begann sie plötzlich zu wimmern. »Ach, das ist
vorbei! Was ist aus mir geworden! Ich kann keine Nacht mehr schlafen.
Heute Nacht, – sehen Sie die verbrannten Papiere in der Waschschüssel?
– heute Nacht wollte ich meinem Leben ein Ende machen. Sie
erschrecken?« Mit einem Satz sprang Fräulein von Erdmann aus dem Bett
und wanderte unbeschuhten Fußes aufgeregt umher. »Erschrecken Sie nur.
Aber ich habe dies Leben gründlich satt! Dreimal verflucht sei dies
unerbittliche Schicksal, das mich verfolgt, dieser Vampyr, – o Gott!«
Und sie stampfte auf den Boden, daß die Fenster klirrten und die Tassen
auf dem Servirbrett tanzten. Fräulein von Mahnke machte sich immer
kleiner, sie schrumpfte förmlich zusammen. »Liebstes, bestes Fräulein!«
fuhr die dicke Dame fort, »ich habe Romane hinter mir, – die Phantasie
eines Dante ist kindisch dagegen. Immer bin ich nur einem nichtigen
Phantom nachgerannt und das Glück habe ich von mir gestoßen, bis es –
futsch! – nie mehr kam. Amphimelas! Amphimelas! Das ist der Hohn des
Lebens!«
»Um Gotteswillen, mäßigen Sie sich doch, Teure!« beschwichtigte die
Mahnke beinahe heulend. »Bedenken Sie doch Ihre Nerven!«
»Und nicht schlafen können, nicht essen können, – wenn man so jung ist,
so lebenskräftig, so liebeskräftig, – o es ist grausam! Und dann noch
die Sorge ums Allernötigste, der Kampf mit dem Drachen Not, – es ist
himmelschreiend. Ich habe ja nichts mehr« – plötzlich wurde ihre Stimme
ganz sanft und schmelzend – »nichts woran ich mich aufrichten kann,
außer einem. Wissen Sie, daß ich ihn liebe, daß ich ihn anbete,
vergöttere, – den jungen melancholischen Zigeuner, Vidl Falk –? Ich
liebe ihn wahnsinnig!« Und sie schleuderte einen Strumpf, der auf dem
Tisch lag, durchs Zimmer, daß er am Spiegelrahmen hängen blieb. »Aber
wissen Sie auch, daß dieses Haus eine Schlange beherbergt, ein niedriges
und verworfenes Geschöpf, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen
jungen, herrlichen Menschen in ihre Netze zu locken? Wir, bestes
Fräulein, wir, die wir Vertreterinnen der Intelligenz, der Bildung und
Moral hier sind, wir müssen dafür sorgen, daß dem Treiben dieser Dame
Einhalt gethan werde. Meinen Sie nicht? Sie stimmen mir doch bei?«
Die gepuderten Wangen des älteren Fräuleins färbten sich mit dem Rot
sittlicher Entrüstung.
»Denken Sie,« fuhr Emilie von Erdmann fort, »neulich kam diese nette
Dame zu mir herein. Weinend fällt sie auf die Ottomane und als ich sie
frage, was denn los sei, antwortet sie schluchzend, der Herr Oberst, –
ich bitte Sie, der »Herr« Oberst – sei ihrer überdrüssig geworden und
darüber sei sie ganz verzweifelt. Stellen Sie sich meine Indignation
vor. Natürlich, jetzt geht sie einer höchst unsicheren Zukunft entgegen
und da heißt es: einen Mann angeln. Was sagen Sie dazu? Frau Bender kann
Ihnen übrigens die ganze Komödie ausführlich berichten.«
Erregt und empört verließ Fräulein von Mahnke das Zimmer der noch immer
im Hemd promenirenden, verliebten Dame. Das erste, was sie unternahm,
war: bei Frau Bender die Wohnung zu kündigen. »Es ist mir unmöglich,
mit Personen obskuren Charakters in einem Hause zu logiren, liebe Frau
Bender,« sagte sie bekümmert. Dann flüchtete sie in ihr Gemach und griff
mit tendenziöser Hast nach dem Riechfläschchen.
Eintönig verlief das Mittagsmahl. Selbst Fräulein von Erdmann sprach
wenig. Der Pole war der Einzige, der redete, obwohl ihm niemand zuhörte.
Um zwei Uhr waren Mely und Falk allein. Helene war ausgegangen. Frau
Bender schlief; sie schlief wohl vierzehn Stunden im Tag.
Sie sprachen nichts, beide. Wieder entstand jene wortlose Konversation,
die nur in Blicken besteht. Es ist ein stilles Hinüber- und
Herüberträumen, so wie die Welle von Ufer zu Ufer schaukelt.
»Was für eine schöne Hand haben Sie,« sagte endlich Falk. Er stand auf
wie unter einem glücklichen Gedanken und nahm eine Feder vom
Schreibtisch. Dann ergriff er lächelnd ihre Hand und sie ließ es
willenlos geschehn. Er schrieb auf die zarte Haut des Handrückens in
kleinen, feinen Buchstaben: »Hier ruhten zwei Wandrer aus nach hartem
Kampfe.«
Verständnislos und ängstlich sah ihn Mely an. »Wissen Sie nicht, was ich
meine?« neckte Falk. Da begriff sie. Aber sie zeigte nicht, daß sie es
verstehe, sondern that, als könne sie es immer noch nicht fassen. Da
nahm er noch einmal ihre Hand und drückte die Lippen auf die Stelle, die
er beschrieben hatte. Mely sträubte sich nimmer. Sie seufzte tief auf
und grub die Zähne in die Unterlippe, starr auf das weiße Tischtuch
blickend. Ihr Gesicht erschien noch blasser durch den Reflex des Schnees
auf den Dächern.
»Ich muß fort,« sagte Falk nach langem Schweigen. »Ich darf es nicht
aufschieben; es handelt sich um einen wichtigen Gang.«
»Aber wann kommen Sie wieder?« fragte Mely beunruhigt.
»Vor neun, halb zehn kaum.«
Sie entgegnete nichts. Sie senkte den Kopf so tief, daß Falk von ihrem
Gesicht nichts mehr sehen konnte. In ihrer Hand ließ sie eine der
kleinen Thonkugeln, mit welchen die Kinder spielen, unausgesetzt
hin- und herlaufen. Bisweilen bebte sie wie vor Frost.
»Was haben Sie denn, Mely?« fragte Falk und nahm ihre Hände zwischen die
seinen. Die kleine Kugel rollte zu Boden.
Mit einer schmerzlichen und gänzlich verzweifelten Geste erwiderte Mely:
»Ach! – weil Sie jetzt schon wieder fortgehn!« Ungestüm erhob sie sich,
ging zum Fenster und legte dort die Hand vor die Augen. Sie nahm ihr
Taschentuch und zerknüllte es. Ihr Herz war voll zum Zerbrechen. Wie
einen Strom bittern Leids fühlte sie es in der Brust und dies gab sich
als körperlicher Schmerz kund. Sie bereute, was sie gesagt und sie
fürchtete Falks Erwiderung. Zugleich aber wartete sie angstvoll darauf.
Er trat zu ihr und legte schüchtern seinen Arm um ihre Taille. »Sei
vernünftig,« sagte er sanft und rasch. »Nicht zürnen, bitte! – nicht
böse sein,« (offenbar wollte er das du nicht wiederholen). »Ich muß ja
wirklich fort.«
»Nein – nein!« erwiderte Mely mit dem Ausdruck eines Kindes, das
gezüchtigt zu werden fürchtet. Der Kummer, den sie empfand, machte Falk
ratlos. »Dann will ich bis sechs wieder da sein,« sagte er nachgiebig.
Mely entzog sich ihm hastig und setzte sich auf den Divan, wo sie das
Gesicht mit beiden Händen bedeckte. Ihr war, als hinge all das junge
Glück davon ab, daß er bliebe. Und doch fühlte sie auch, wie kindisch
das sei, und daß er nicht nachgeben dürfe, um von dem Unnahbaren,
Bewunderungswürdigen, das er – Gott weiß wodurch – in ihren Augen
besaß, nichts zu verlieren.
Aber Falk war schwach; er gab nach. Er bat sie, mitzugehen; im
Vorbeigehen wollte er sich bei den Leuten entschuldigen. »Und dann
streunen wir ein wenig,« meinte er lächelnd. Mely sah ihn von unten
herauf mit einem schnellen, leuchtenden, verheißungsvollen Blick an.
Falk trat dicht vor sie hin und berührte mit den Lippen ihr Haar.
»Nicht doch! Um Gotteswillen nicht hier!« rief Mely erschrocken. Aber er
machte nur eine gleichgiltige Handbewegung.
»Wie seltsam duftet das Haar,« sagte er. »Ich glaube, das kann man nie
vergessen. Und wie es aussieht, – dies dunkle Wirrsal, ein wahrer
Strudel, – und doch geordnet. Es ist eine sehr ordentliche Unordnung.
Und diese eine, dicke Locke auf der Stirn sieht aus wie ein
Fragezeichen. Sie kommen mir vor wie ein Buch und diese Locke ist der
Titel: ein Fragezeichen.«
Wie ein glückliches Leuchten huschte es über ihr Gesicht und aller
Kummer verschwand auf einmal.
»Kennen Sie das Märchen von der Prinzessin?« begann er wieder. »Die
kommt an die Stadt und das Thor ist geschlossen. Und der König selbst
geht und öffnet das Thor, damit die Prinzessin herein kann ..... das
kennen Sie nicht? Sehen Sie, das sind wir. Nur bin ich in diesem Fall
die Prinzessin und Sie der König. Wie hätte ich auch sonst zu Ihnen
kommen können, wenn Sie nicht eigenhändig das Stadtthor aufgemacht
hätten! Ach, es ist närrisch, nicht? Es ist phantastisch,« murmelte er,
sich selbst bespöttelnd und wie zerknirscht von dieser Kritik.
Die Thür öffnete sich und die Leisetreterin Helene in Hut und Mantel kam
herein. Und obwohl sie ganz harmlos bei einander saßen wie Leute, die
sich vom Wetter unterhalten, erröteten Falk und Mely zu gleicher Zeit.
Diese Verlegenheit steigerte sich so sehr, daß Falk, der aufgestanden
war, mit den Fingern das Rad der Nähmaschine so lange drehte, bis die
Nadel knackend brach. –
Später saßen sie allein in einem Seitenzimmerchen des »Marco Polo«. Sie
sprachen über die Zukunft, – immer in einer lächelnden und fast
romantischen Weise, als ob keines von beiden so recht von Herzen daran
glaube und es nur ein Wettstreit sei: wer den schönsten Traum erzählen
könne. Mely war innerlich ruhig. Keine Sorge bedrückte sie, obwohl ihr
stets gegenwärtig war, daß sie gestern das letzte Geld, das sie besessen
hatte, Frau Bender gegeben und daß sie nun aller Mittel entblößt war.
Sie war nicht leichtsinnig, aber wie die Wärme des Frühlings das Eis
auftauen läßt, so schmolz all das Harte, Winterliche, Frostige ihres
Lebens dahin vor dieser Wärme, die jetzt ihre Seele erfüllte. Bisweilen
nur fühlte sie ein schweres Entsetzen, – ein kurzes Erwachen aus tiefem
Schlaf. Oftmals brachte sie den größten Teil der Nacht wachend zu und
da war sie voll von einer Schwermut, die sie weit emporhob über die
Nahrungssorgen.
Als sie den Theesalon verließen, dämmerte es schon und schon brannten
die elektrischen Bogenlampen. Rötliche Leuchtkugeln, hingen sie mitten
im Winternebel, und oft flackerten sie und wurden rot oder violett. Dies
Aufflackern und Zusammensinken hatte etwas von dem Flügelschlag eines
sterbenden Vogels.
»Was haben Sie denn?« fragte Falk das junge Mädchen, das sichtlich
zitterte und wie eine Schlafwandelnde dahin ging.
»Mir ahnt ein Unheil,« sagte sie leise und trostsuchend.
Als sie um die Ecke der Maffeistraße bogen, wurden sie durch das heftige
Gebell eines Hundes erschreckt. Es war Pitt, der auf ungestüme Art seine
Freude zu erkennen gab und an Mely emporzuspringen versuchte. Sie
lächelte zuerst dem Tiere ein wenig zerstreut zu. Falk wollte sich
niederbeugen, um den Hund zu streicheln, als er voll Entsetzen die
Veränderung in Melys Gesicht wahrnahm. Sie war so weiß geworden wie der
Schnee und ihre Augen starrten wie trunken, ja wie blöde auf einen
einzigen Punkt. Und plötzlich wurde sie so rot, wie Falk sie noch nie
gesehen hatte. Ihr Gesicht wurde purpurn, Ohren, Stirn und Hals waren
von glühender Röte bedeckt. »Der Oberst,« sagte sie, mühselig lächelnd.
Dieses mühevolle, bedrückende Lächeln empfand Falk wie einen Schnitt ins
Fleisch. Die Angst, die Scham und die Verzweiflung und der Trotz waren
so deutlich darin ausgeprägt, daß sie wie ein Bild der Zerrissenheit
aussah. Der Oberst war jetzt auf vier Schritte nahe gekommen und blickte
Mely an. Nie in ihrem Leben vergaß sie diesen Blick. Weder Hohn, noch
Zorn, noch Bitterkeit lagen darin; aber durch die namenlose Verachtung,
die er enthielt, erschien er ihr wie ein Hieb mit der Peitsche. Einer
seiner Freunde ging mit ihm, den Mely kannte. Und dieser Mensch stierte
sie frech an mit einem breiten, lustigen Lachen, und sein rotes Gesicht
glänzte wie bei einem guten Spaß. Wie der Oberst ging auch er vorbei,
ohne zu grüßen. Dieser eine Umstand machte Mely ganz schwindlig vor
Schmerz. Sie schämte sich so sehr, daß sie nichts thun konnte, als das
mühselige Lächeln auf den Lippen behalten. Vor der ganzen Straße voll
Menschen, von denen doch keiner auf sie achtete, schämte sie sich, und
das Lächeln, das etwas Irrsinniges hatte, schien auf ihrem Gesicht
erstarrt zu sein.
Falk ging mit ihr in einen Hausflur, wo sie sich an die Mauer lehnte und
in die Höhe starrte. Wieder bedeckte eine große Blässe ihr Gesicht, das
einen grauen, mehligen Ton hatte. Kraftlos stand sie da. Pitt war ihr
gefolgt; das kluge Tier wandte keinen Blick von ihr. »Alles ist aus!«
sagte sie leise.