IX.

Es war wenige Tage nach Weihnachten. Das Geläute der Sonntagsglocken

erweckte Fräulein von Erdmann aus ihrem Morgenschlummer. »O Gott,«

murmelte sie zerstört, »diese katholischen Städte sind fürchterlich!«

Und sie stieß die Arme in die Höhe und schüttelte die Fäuste.

Das Mädchen brachte den Kaffee. Auf dem Servirbrett lag ein Couvert. Das

Fräulein öffnete es: Frau Bender bat dringend um die Bezahlung der

rückständigen zweihundertfünfzig Mark, oder wenigstens eines Teils.

»Wisch!« machte die übelgelaunte Dame, zerknitterte das Papier und warf

es von sich.

Bald erschien Fräulein von Mahnke, um ihre Morgenvisite abzustatten.

Vorsichtig zwischen den herumliegenden, schmutzigen Wäschestücken,

Zigarrenschachteln, Unterröcken und Briefschaften hindurchschreitend,

gelangte die greise Dame zum Bett des Fräuleins.

»Nun, Sie haben sich recht hübsch da eingenistet,« bemerkte sie

anerkennend. Bei sich jedoch dachte sie: Welch ein Stall! Und die

Bewohnerin ist die reinste Vogelscheuche. Die starrenden Haare, dies

dicke Gesicht – puh. Ein Schwamm, eine Fettblase.

»Wie mich das freut, daß Sie gekommen sind,« versicherte Fräulein von

Erdmann. »Und wie reizend Ihnen das Kleidchen steht – berauschend –

#parole d’honneur#.« Sie dachte jedoch: was thut denn die alte Schachtel

jetzt schon da? Dies Kleid ist für einen Backfisch. Kurze Ärmel, –

lächerlich! Dabei braucht sie einen Stock, um gerade gehn zu können.

Puh, ihr ganzes Gesicht ist _eine_ Malerei. Diese alten Jungfern sind

schrecklich.

»Sie bewundern meine schönen Arme?« fragte sie, als sie den Blick des

Fräuleins von Mahnke auf ihren entblößten Armen ruhen sah. »Ja, das kann

ich Ihnen nicht verdenken,« fügte sie seufzend hinzu, ohne eine Antwort

abzuwarten und sah mit heimlicher Ironie auf die dünnen Ärmchen des

alten Fräuleins.

Das sollen Arme sein? dachte die Mahnke. Würste sind es, dicke, plumpe

Würste. »O der Begriff: schön ist doch sehr individuell, man kann schon

sagen willkürlich,« sagte sie mit einer seltsamen Mischung von Demut und

Haß.

Fräulein von Erdmann streichelte liebevoll ihren Arm. »Vergessen Sie

nicht, meine Teure,« erwiderte sie, überlegen lächelnd, »daß der

berühmte Bildhauer – na! sein Name ist mir jetzt entfallen – vor

meinen Füßen gelegen hat und mich bat, ihm meinen Arm für eine

Venusbüste modelliren zu lassen. Ich schlug es aber aus. Warum den

profanen Augen der Menge preisgeben, was solange unentweiht in stolzer

Heimlichkeit keinem menschlichen Auge zu sehen vergönnt war? Das war zu

jener Zeit, wo Fürst Lubanoff, – ein Kavalier ersten Ranges – mir

seine Hand anbot und Graf Lajos Waldenburg mit dem Marquis Etienne de

Grève jenes berühmte Duell hatte. Und wissen Sie warum? Es ist

lächerlich, es zu erzählen. Ich hatte im Theater meinen Handschuh aus

der Loge ins Parterre fallen lassen und dem Marquis, der ihn mir

brachte, eine Blume ins Knopfloch gesteckt. Komisch wie?« Mit

teuflischem Lächeln musterte sie die gebrechliche Gestalt des Fräuleins

von Mahnke. Dann aber begann sie plötzlich zu wimmern. »Ach, das ist

vorbei! Was ist aus mir geworden! Ich kann keine Nacht mehr schlafen.

Heute Nacht, – sehen Sie die verbrannten Papiere in der Waschschüssel?

– heute Nacht wollte ich meinem Leben ein Ende machen. Sie

erschrecken?« Mit einem Satz sprang Fräulein von Erdmann aus dem Bett

und wanderte unbeschuhten Fußes aufgeregt umher. »Erschrecken Sie nur.

Aber ich habe dies Leben gründlich satt! Dreimal verflucht sei dies

unerbittliche Schicksal, das mich verfolgt, dieser Vampyr, – o Gott!«

Und sie stampfte auf den Boden, daß die Fenster klirrten und die Tassen

auf dem Servirbrett tanzten. Fräulein von Mahnke machte sich immer

kleiner, sie schrumpfte förmlich zusammen. »Liebstes, bestes Fräulein!«

fuhr die dicke Dame fort, »ich habe Romane hinter mir, – die Phantasie

eines Dante ist kindisch dagegen. Immer bin ich nur einem nichtigen

Phantom nachgerannt und das Glück habe ich von mir gestoßen, bis es –

futsch! – nie mehr kam. Amphimelas! Amphimelas! Das ist der Hohn des

Lebens!«

»Um Gotteswillen, mäßigen Sie sich doch, Teure!« beschwichtigte die

Mahnke beinahe heulend. »Bedenken Sie doch Ihre Nerven!«

»Und nicht schlafen können, nicht essen können, – wenn man so jung ist,

so lebenskräftig, so liebeskräftig, – o es ist grausam! Und dann noch

die Sorge ums Allernötigste, der Kampf mit dem Drachen Not, – es ist

himmelschreiend. Ich habe ja nichts mehr« – plötzlich wurde ihre Stimme

ganz sanft und schmelzend – »nichts woran ich mich aufrichten kann,

außer einem. Wissen Sie, daß ich ihn liebe, daß ich ihn anbete,

vergöttere, – den jungen melancholischen Zigeuner, Vidl Falk –? Ich

liebe ihn wahnsinnig!« Und sie schleuderte einen Strumpf, der auf dem

Tisch lag, durchs Zimmer, daß er am Spiegelrahmen hängen blieb. »Aber

wissen Sie auch, daß dieses Haus eine Schlange beherbergt, ein niedriges

und verworfenes Geschöpf, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen

jungen, herrlichen Menschen in ihre Netze zu locken? Wir, bestes

Fräulein, wir, die wir Vertreterinnen der Intelligenz, der Bildung und

Moral hier sind, wir müssen dafür sorgen, daß dem Treiben dieser Dame

Einhalt gethan werde. Meinen Sie nicht? Sie stimmen mir doch bei?«

Die gepuderten Wangen des älteren Fräuleins färbten sich mit dem Rot

sittlicher Entrüstung.

»Denken Sie,« fuhr Emilie von Erdmann fort, »neulich kam diese nette

Dame zu mir herein. Weinend fällt sie auf die Ottomane und als ich sie

frage, was denn los sei, antwortet sie schluchzend, der Herr Oberst, –

ich bitte Sie, der »Herr« Oberst – sei ihrer überdrüssig geworden und

darüber sei sie ganz verzweifelt. Stellen Sie sich meine Indignation

vor. Natürlich, jetzt geht sie einer höchst unsicheren Zukunft entgegen

und da heißt es: einen Mann angeln. Was sagen Sie dazu? Frau Bender kann

Ihnen übrigens die ganze Komödie ausführlich berichten.«

Erregt und empört verließ Fräulein von Mahnke das Zimmer der noch immer

im Hemd promenirenden, verliebten Dame. Das erste, was sie unternahm,

war: bei Frau Bender die Wohnung zu kündigen. »Es ist mir unmöglich,

mit Personen obskuren Charakters in einem Hause zu logiren, liebe Frau

Bender,« sagte sie bekümmert. Dann flüchtete sie in ihr Gemach und griff

mit tendenziöser Hast nach dem Riechfläschchen.

Eintönig verlief das Mittagsmahl. Selbst Fräulein von Erdmann sprach

wenig. Der Pole war der Einzige, der redete, obwohl ihm niemand zuhörte.

Um zwei Uhr waren Mely und Falk allein. Helene war ausgegangen. Frau

Bender schlief; sie schlief wohl vierzehn Stunden im Tag.

Sie sprachen nichts, beide. Wieder entstand jene wortlose Konversation,

die nur in Blicken besteht. Es ist ein stilles Hinüber- und

Herüberträumen, so wie die Welle von Ufer zu Ufer schaukelt.

»Was für eine schöne Hand haben Sie,« sagte endlich Falk. Er stand auf

wie unter einem glücklichen Gedanken und nahm eine Feder vom

Schreibtisch. Dann ergriff er lächelnd ihre Hand und sie ließ es

willenlos geschehn. Er schrieb auf die zarte Haut des Handrückens in

kleinen, feinen Buchstaben: »Hier ruhten zwei Wandrer aus nach hartem

Kampfe.«

Verständnislos und ängstlich sah ihn Mely an. »Wissen Sie nicht, was ich

meine?« neckte Falk. Da begriff sie. Aber sie zeigte nicht, daß sie es

verstehe, sondern that, als könne sie es immer noch nicht fassen. Da

nahm er noch einmal ihre Hand und drückte die Lippen auf die Stelle, die

er beschrieben hatte. Mely sträubte sich nimmer. Sie seufzte tief auf

und grub die Zähne in die Unterlippe, starr auf das weiße Tischtuch

blickend. Ihr Gesicht erschien noch blasser durch den Reflex des Schnees

auf den Dächern.

»Ich muß fort,« sagte Falk nach langem Schweigen. »Ich darf es nicht

aufschieben; es handelt sich um einen wichtigen Gang.«

»Aber wann kommen Sie wieder?« fragte Mely beunruhigt.

»Vor neun, halb zehn kaum.«

Sie entgegnete nichts. Sie senkte den Kopf so tief, daß Falk von ihrem

Gesicht nichts mehr sehen konnte. In ihrer Hand ließ sie eine der

kleinen Thonkugeln, mit welchen die Kinder spielen, unausgesetzt

hin- und herlaufen. Bisweilen bebte sie wie vor Frost.

»Was haben Sie denn, Mely?« fragte Falk und nahm ihre Hände zwischen die

seinen. Die kleine Kugel rollte zu Boden.

Mit einer schmerzlichen und gänzlich verzweifelten Geste erwiderte Mely:

»Ach! – weil Sie jetzt schon wieder fortgehn!« Ungestüm erhob sie sich,

ging zum Fenster und legte dort die Hand vor die Augen. Sie nahm ihr

Taschentuch und zerknüllte es. Ihr Herz war voll zum Zerbrechen. Wie

einen Strom bittern Leids fühlte sie es in der Brust und dies gab sich

als körperlicher Schmerz kund. Sie bereute, was sie gesagt und sie

fürchtete Falks Erwiderung. Zugleich aber wartete sie angstvoll darauf.

Er trat zu ihr und legte schüchtern seinen Arm um ihre Taille. »Sei

vernünftig,« sagte er sanft und rasch. »Nicht zürnen, bitte! – nicht

böse sein,« (offenbar wollte er das du nicht wiederholen). »Ich muß ja

wirklich fort.«

»Nein – nein!« erwiderte Mely mit dem Ausdruck eines Kindes, das

gezüchtigt zu werden fürchtet. Der Kummer, den sie empfand, machte Falk

ratlos. »Dann will ich bis sechs wieder da sein,« sagte er nachgiebig.

Mely entzog sich ihm hastig und setzte sich auf den Divan, wo sie das

Gesicht mit beiden Händen bedeckte. Ihr war, als hinge all das junge

Glück davon ab, daß er bliebe. Und doch fühlte sie auch, wie kindisch

das sei, und daß er nicht nachgeben dürfe, um von dem Unnahbaren,

Bewunderungswürdigen, das er – Gott weiß wodurch – in ihren Augen

besaß, nichts zu verlieren.

Aber Falk war schwach; er gab nach. Er bat sie, mitzugehen; im

Vorbeigehen wollte er sich bei den Leuten entschuldigen. »Und dann

streunen wir ein wenig,« meinte er lächelnd. Mely sah ihn von unten

herauf mit einem schnellen, leuchtenden, verheißungsvollen Blick an.

Falk trat dicht vor sie hin und berührte mit den Lippen ihr Haar.

»Nicht doch! Um Gotteswillen nicht hier!« rief Mely erschrocken. Aber er

machte nur eine gleichgiltige Handbewegung.

»Wie seltsam duftet das Haar,« sagte er. »Ich glaube, das kann man nie

vergessen. Und wie es aussieht, – dies dunkle Wirrsal, ein wahrer

Strudel, – und doch geordnet. Es ist eine sehr ordentliche Unordnung.

Und diese eine, dicke Locke auf der Stirn sieht aus wie ein

Fragezeichen. Sie kommen mir vor wie ein Buch und diese Locke ist der

Titel: ein Fragezeichen.«

Wie ein glückliches Leuchten huschte es über ihr Gesicht und aller

Kummer verschwand auf einmal.

»Kennen Sie das Märchen von der Prinzessin?« begann er wieder. »Die

kommt an die Stadt und das Thor ist geschlossen. Und der König selbst

geht und öffnet das Thor, damit die Prinzessin herein kann ..... das

kennen Sie nicht? Sehen Sie, das sind wir. Nur bin ich in diesem Fall

die Prinzessin und Sie der König. Wie hätte ich auch sonst zu Ihnen

kommen können, wenn Sie nicht eigenhändig das Stadtthor aufgemacht

hätten! Ach, es ist närrisch, nicht? Es ist phantastisch,« murmelte er,

sich selbst bespöttelnd und wie zerknirscht von dieser Kritik.

Die Thür öffnete sich und die Leisetreterin Helene in Hut und Mantel kam

herein. Und obwohl sie ganz harmlos bei einander saßen wie Leute, die

sich vom Wetter unterhalten, erröteten Falk und Mely zu gleicher Zeit.

Diese Verlegenheit steigerte sich so sehr, daß Falk, der aufgestanden

war, mit den Fingern das Rad der Nähmaschine so lange drehte, bis die

Nadel knackend brach. –

Später saßen sie allein in einem Seitenzimmerchen des »Marco Polo«. Sie

sprachen über die Zukunft, – immer in einer lächelnden und fast

romantischen Weise, als ob keines von beiden so recht von Herzen daran

glaube und es nur ein Wettstreit sei: wer den schönsten Traum erzählen

könne. Mely war innerlich ruhig. Keine Sorge bedrückte sie, obwohl ihr

stets gegenwärtig war, daß sie gestern das letzte Geld, das sie besessen

hatte, Frau Bender gegeben und daß sie nun aller Mittel entblößt war.

Sie war nicht leichtsinnig, aber wie die Wärme des Frühlings das Eis

auftauen läßt, so schmolz all das Harte, Winterliche, Frostige ihres

Lebens dahin vor dieser Wärme, die jetzt ihre Seele erfüllte. Bisweilen

nur fühlte sie ein schweres Entsetzen, – ein kurzes Erwachen aus tiefem

Schlaf. Oftmals brachte sie den größten Teil der Nacht wachend zu und

da war sie voll von einer Schwermut, die sie weit emporhob über die

Nahrungssorgen.

Als sie den Theesalon verließen, dämmerte es schon und schon brannten

die elektrischen Bogenlampen. Rötliche Leuchtkugeln, hingen sie mitten

im Winternebel, und oft flackerten sie und wurden rot oder violett. Dies

Aufflackern und Zusammensinken hatte etwas von dem Flügelschlag eines

sterbenden Vogels.

»Was haben Sie denn?« fragte Falk das junge Mädchen, das sichtlich

zitterte und wie eine Schlafwandelnde dahin ging.

»Mir ahnt ein Unheil,« sagte sie leise und trostsuchend.

Als sie um die Ecke der Maffeistraße bogen, wurden sie durch das heftige

Gebell eines Hundes erschreckt. Es war Pitt, der auf ungestüme Art seine

Freude zu erkennen gab und an Mely emporzuspringen versuchte. Sie

lächelte zuerst dem Tiere ein wenig zerstreut zu. Falk wollte sich

niederbeugen, um den Hund zu streicheln, als er voll Entsetzen die

Veränderung in Melys Gesicht wahrnahm. Sie war so weiß geworden wie der

Schnee und ihre Augen starrten wie trunken, ja wie blöde auf einen

einzigen Punkt. Und plötzlich wurde sie so rot, wie Falk sie noch nie

gesehen hatte. Ihr Gesicht wurde purpurn, Ohren, Stirn und Hals waren

von glühender Röte bedeckt. »Der Oberst,« sagte sie, mühselig lächelnd.

Dieses mühevolle, bedrückende Lächeln empfand Falk wie einen Schnitt ins

Fleisch. Die Angst, die Scham und die Verzweiflung und der Trotz waren

so deutlich darin ausgeprägt, daß sie wie ein Bild der Zerrissenheit

aussah. Der Oberst war jetzt auf vier Schritte nahe gekommen und blickte

Mely an. Nie in ihrem Leben vergaß sie diesen Blick. Weder Hohn, noch

Zorn, noch Bitterkeit lagen darin; aber durch die namenlose Verachtung,

die er enthielt, erschien er ihr wie ein Hieb mit der Peitsche. Einer

seiner Freunde ging mit ihm, den Mely kannte. Und dieser Mensch stierte

sie frech an mit einem breiten, lustigen Lachen, und sein rotes Gesicht

glänzte wie bei einem guten Spaß. Wie der Oberst ging auch er vorbei,

ohne zu grüßen. Dieser eine Umstand machte Mely ganz schwindlig vor

Schmerz. Sie schämte sich so sehr, daß sie nichts thun konnte, als das

mühselige Lächeln auf den Lippen behalten. Vor der ganzen Straße voll

Menschen, von denen doch keiner auf sie achtete, schämte sie sich, und

das Lächeln, das etwas Irrsinniges hatte, schien auf ihrem Gesicht

erstarrt zu sein.

Falk ging mit ihr in einen Hausflur, wo sie sich an die Mauer lehnte und

in die Höhe starrte. Wieder bedeckte eine große Blässe ihr Gesicht, das

einen grauen, mehligen Ton hatte. Kraftlos stand sie da. Pitt war ihr

gefolgt; das kluge Tier wandte keinen Blick von ihr. »Alles ist aus!«

sagte sie leise.

Melusine: Ein Liebesroman · 第 28 / 57 题