»Ich komme bald,« erwiderte er, beglückt vor sich hinsehend.
Sie schien jetzt heiter zu sein. Träumerisch blickte sie die Straße
hinab. Schnee, nichts als Schnee. Auch der Himmel war schneefarben und
hing niedrig. Von den Dächern der Häuser schien man ihn mit der Hand
berühren zu können. Es begann zu dämmern. Falk setzte sich ans Klavier
und spielte. Er war kein Meister auf dem Instrument, aber heute lag eine
ganz fremde Glut in seinem Spiel. Wie klagend, wie prachtvoll waren die
Moll-Akkorde, mit denen er eine alte Melodie einleitete.
Die Sonne ging unter. Der Spiegel, der dem Fenster gegenüber lag, war
rot, eine Mischung von Tinte und Purpur; er glich einem großen Blutfleck
bei der zunehmenden Dämmerung.
Falk brach plötzlich sein Spiel ab, stand auf, lachte nervös und ging
trällernd um den Tisch herum. Besorgt und befremdet sah ihm Mely zu.
»Das mit der Million ist eigentlich hübsch,« sagte er. »Ein hübscher
Traum. Und wissen Sie, was ich mir ausgedacht habe? Aber Sie dürfen
nicht lachen. Wir würden uns ein Schloß im Schwarzwald bauen, ganz für
uns allein und einen Park dazu und Tannen. Und Pferde und Hunde und
Himmel was weiß ich. O, es würde wundervoll. Und an das Parkthor würden
wir ein Schild nageln: Besuche verbeten. Wollen Sie?«
Mely lächelte etwas unsicher. Ihr war, als mache er sich lustig über
sie. Aber ihre Augen glänzten. Nichts ist herrlicher als das, wollte
dieser Glanz sagen. Der Blick, mit dem sie den jungen Schwärmer ansah,
war voll von einer treuherzigen Bewunderung.
Aber bald schüttelte sie betrübt den Kopf. »Ach, wozu kann es führen,«
sagte sie traurig. »Es ist keine Hoffnung, gar keine.«
Frau Bender kam und hinter ihr Helene, die noch spöttischer als sonst
dreinsah. Die Hausfrau machte Licht. »Sehn Sie mal her,« sagte sie, eine
Faunbüste, die sie mit hereingeschleppt hatte, der Lampe zuwendend, »ist
das nicht schön?«
»Das hat mein Vater gemacht,« erklärte Helene, vor Stolz errötend. Sie
betete ihren Vater an.
Und nun bewunderte man den Faun, der wohl viel urwüchsiges Können, aber
wenig Künstlerschaft verriet. Es war zu viel Detail in dieser läppisch
grinsenden Fratze. –
Als Falk am Abend ausging und die Korridorthüre schließen wollte, kam
ein junges Mädchen die Treppe herauf. »Bitte, ist meine Schwester zu
Hause?« fragte sie kokett.
»Wer ist das, Ihre Schwester –?«
»Mein Name ist Mirbeth,« erwiderte die Dame spitz, als ob sie beleidigt
sei, daß man sie nicht kenne.
Falk machte ein verblüfftes Gesicht. Er öffnete, ließ jene eintreten,
und das ironische Schmunzeln des Fräuleins nicht beachtend, ging er die
Treppe hinab. Der Gedanke, daß Mely gelogen haben könne, erschien ihm
unwahrscheinlich. Warum sollte sie leugnen, eine Schwester zu haben?
Allerdings, diese Schwester schien ein lockerer Zeisig zu sein.... Er
dachte nicht viel darüber nach; aber seine feierliche Stimmung war
zerstört. –
So gänzlich allen Sorgen entfremdet war Mely, daß den ganzen Abend
hindurch ein Lächeln, das gleichsam erwartungsvoll war, nicht von ihren
Lippen wich. Sie redete nicht viel, – es war nicht ihre Art, viel zu
reden – aber sie befand sich wie in einer Welt der Märchen. Fern, fern
von aller Kleinkrämerei, von allen Brotsorgen. Ohnehin war es ihr sehr
schwer geworden, zu glauben, daß einmal der Tag kommen könnte, wo sie
nicht genug zu essen haben würde. Abenteuerlich und romanhaft erschien
ihr ein solcher Gedanke. Sie wußte, daß es Arme in dieser großen Stadt
gab, daß es Leute gab, an deren Thür der Hunger stand. Aber was waren
das für Leute! Was ging das sie an? Ameisen waren das für sie, vor denen
sie wohl eine gewisse Angst hatte, wie sie auch Angst vor Not und Mangel
empfand. Aber im Grund fühlte sie sich erhaben über die quälenden Kämpfe
ums Brot. Heute erschien ihr auch das alles unwichtig und kleinlich.
Eine ganz neue Kraft war in ihrem Blick, wie wenn in ihrer Seele eine
Leier berührt worden wäre, deren Saiten bis jetzt noch nicht erklungen
waren. Ihr Gang war lässig, wie willenlos, und sie schien gleichsam
gedrückt von einer Fülle innerer Heiterkeit. Sie spähte nicht hinaus in
die Zukunft. Dicht vor ihr und dicht hinter ihr war alles dunkel; sie
fand sich abgeschnitten von dem breiten Strom des Lebens. Nur in ihrem
Innern war strahlendes Licht. Als Falk gegangen war, und dann auch ihre
Schwester sich verabschiedet hatte, stand sie lange unter der
Küchenthüre und unterhielt sich mit Frau Bender über verschiedene
Kochrezepte. Aber was sie dabei sagte, geschah nur mechanisch, ihr nach
innen gewendeter Blick war wie geblendet von der Leuchtkraft eines
beglückenden Bildes.
Zum Abendtisch erschienen das Fräulein von Erdmann und die neue
Pensionärin: Fräulein von Mahnke. Als Jene das Zimmer betrat, hielt sie
sich erschreckt die Nase zu und lief stöhnend zum Fenster, um es
aufzureißen. Fräulein von Mahnke rückte ihre Perrücke zurecht, machte
eine jugendliche Geberde des Schmollens und lispelte: »Ach Gott,
schließen Sie doch das Fenster, liebstes Fräulein. Wir leben ja nicht am
Äquator.«
Emilie von Erdmann nahm eine dramatische Pose an und sagte nicht ohne
Strenge: »Die Jugend lebt eben stets am Äquator. Man muß es nur
verstehen, jung zu sein.« Plötzlich aber breitete sie die Arme gegen die
Winternacht aus und seufzte tief. »Die Sterne, die Sterne, o Gott! Man
begehrt sie doch! Das homerische Amphimelas erfüllt sich ganz an mir!«
»Sie sind sehr gelehrt,« bemerkte die Mahnke tiefsinnig.
Fräulein von Erdmann knixte. »#Les beaux esprits se recontrent#,
Verehrteste.« Sie schloß das Fenster wieder, setzte sich an den Tisch
und ganz nach Katzenart faßte sie Melys Hand und blickte sie innig an.
»Wo ist der schwarze Zigeuner?« fragte sie süß. »Der dunkeläugige Don
Juan –?« Mely stand schnell auf und verließ unter irgend einem Vorwand
das Zimmer für kurze Zeit. Ach, sie wissen es alle, dachte sie beim
Hinausgehen. Aber es ist mir gleichgültig. Mögen sie es wissen. Jetzt
dürfen sie mich doch nimmer beleidigen.
Das Gefühl ihrer Wehrlosigkeit war verschwunden.
Schon um neun Uhr kam Falk. Fräulein von Erdmann nahm ihn ganz in
Beschlag. Sie überfiel ihn mit Komplimenten, die ihn anregen sollten,
ihr mit gleicher Münze zu bezahlen. Aber er war verstockt, ihre koketten
Künste sah sie wirkungslos an ihm abprallen. Sie erzählte ihm die
»Tragödie ihres Lebens,« und die Tragik dabei glich freilich sehr den
Kriminalromanen mit komplizirter Handlung, die bei uns im Schwange sind.
Ihr Leben sei ein ewiger Herbst gewesen, ein ewiger November. Ein
unerbittliches Fatum habe sie verfolgt seit den Tagen der Jugend. Nur
ihr unbeugsamer Stolz habe sie über die Wogen getragen. »Hunderte von
Männern haben sich liebestammelnd auf dem Erdboden vor mir gewunden,
aber ich habe verzichtet – hahaha! – und habe doch noch die Fähigkeit
zu lieben bewahrt und kann es darin mit Jeder aufnehmen!« Hier bekam
Mely einen finsteren Blick. Die Damen erröteten wie auf Kommando, und
Falk machte ein betrübtes Gesicht. Als sich um zehn Uhr die beiden alten
Fräulein empfahlen, fühlte er sich wie zerschlagen.
Frau Bender legte sich ihrer Gewohnheit gemäß auf den Divan, um zu
schlafen. Es wurde plötzlich sehr still. Helene nahm ein Skizzenbuch zur
Hand und entwarf eine Phantasielandschaft, und Mely und Falk spielten
Halma. Sie saßen sich an der Tischecke einander gegenüber. Das Spiel
machte geringe Fortschritte, denn sie führten eine seltsame Unterredung,
eine wortlose. Oft begegneten sich ihre Hände beim Führen der Steine und
dann lächelten sie wie Kinder, beide auf einmal. Die Ruhe, die nun
plötzlich eingetreten war, hatte etwas Erlösendes. Die Winternächte sind
ja viel stiller, als die des Sommers. Sie haben in viel höherem Grad den
Reiz träumerischen Behagens.
»Wissen Sie nicht mehr, was Sie mir versprochen haben?« fragte Falk.
Mely nickte errötend. »Später – später,« stammelte sie, glücklich, daß
er sich noch daran erinnerte. Gar nicht mehr an das Spiel denkend,
lehnte sie sich zurück und blickte gespannt ins Lampenlicht.
»Ich habe Ihnen etwas mitgebracht,« sagte Falk geheimnisvoll, mit
leuchtenden Augen. Er zog ein Blatt Papier aus der Tasche. »Ich habe
Verse gemacht. Halten Sie das für möglich? Vorhin, wie ich so durch den
Schnee gewatet bin da draußen an der Theresienwiese, da ist mir das
eingefallen, blitzschnell. Und um es nicht zu vergessen, hab’ ich mich
unter einen Laternenpfahl gestellt und habs mit dem Bleistift
hingekritzelt.«
Noch lange bewahrte Falk dieses Bild in seinem Gedächtnis: das junge
Mädchen in dem hyazinthenfarbenen Schlafrock, mit dem bleichen Gesicht,
wie sie, dicht neben ihm, sich mit einem Blick des Entzückens über das
Blatt beugt. Falk rückte noch näher heran und sie lasen zusammen.
Dir will ich geben mein erstes Lied,
Dir will ich mein Sterbelied weihn.
Und es soll ein Werbelied sein
Für Alle, die es zur Sonne zieht.
Ach wie ein ewig schmerzender Zahn
Mich bitter des Lebens Not verdrießt.
Doch bis meine Lippen der Tod verschließt, –
So lange bin ich dir unterthan.
Sie lasen es wieder, immer wieder. Mely konnte sich gar nicht satt daran
lesen. All das Glück ihrer Träume war im Nu auf sie gestürzt und drohte
sie zu ersticken. Ihre Hand packte krampfhaft das Polster des Sessels
und da fühlte sie auf einmal die Hand Falks auf der ihren: Langsam
streckte sie die Finger und schloß die Augen. Sie blieb äußerlich ruhig
und regungslos; doch ihr war, als drücke sie seine Hand weit hinab, wo
ein wunderliches, unirdisches Rauschen um sie her entstand, – in einen
Strom hinab. Noch klang ihr die Melodie im Ohr, die er am Klavier
gespielt, als es gedämmert hatte und eine schmerzliche Begehrlichkeit
erwachte in ihr, diese Melodie noch einmal zu hören. Das Herz war ihr so
schwer wie ein Stück Blei. Wie ist es möglich? dachte sie sich. Wie kam
das so schnell, so unerwartet? O, es wird mich unglücklich machen, es
ist ein Unglück, ein großes. Länger als eine Viertelstunde saßen sie
mit aufeinandergepreßten Händen. Oft zuckten sie zusammen, wie unter
schwachen, elektrischen Schlägen. –
»Wollen wir noch Thee kochen?« fragte Helene, von ihrer Arbeit
aufsehend. Ihr Gesicht glühte in Begeisterung für diese
Phantasielandschaft, – eine echte Dilettantin.
»Ja, Helene!« rief Mely freudig. »Lassen Sie mich nur alles holen!«
»Und ich will Ihnen leuchten,« sagte Falk. Helene lachte ihn verstohlen
an.
Im Korridor schrie Mely laut auf. Falk eilte mit dem Licht nach und
Helene steckte den Kopf in die Thürspalte. Zitternd stand das junge
Mädchen da und sah der Katze nach, die sie erschreckt hatte. Falk
lächelte heldenmütig. »Ach, Sie fürchten sich vor Katzen?« fragte er,
während die kleine Bender ihr Köpfchen kichernd zurückzog.
»Nein; fürchten nicht. Aber sie ist vom Schrank gesprungen und hat meine
Hand gestreift. Und wenn ich eine Katze berühre, das macht mich ganz
krank.«
»Da werden Sie nie einen Mann bekommen.«
»Das mag wohl sein,« gab Mely nachdenklich zurück. Und sie sah ihn
wieder mit diesem fremden und zugleich vertrauensvollen, hingebenden
Blick an. Es lag dabei wie ein Geheimnis in ihren Augen, den
verschleierten.
Sie kniete am Küchenschrank nieder, um die Tassen herauszunehmen. Sie
that es langsam, in großen Pausen. Von der Kammer nebenan hörten sie das
schlafende Dienstmädchen schnarchen.
»Aber jetzt müssen Sie es sagen. Worüber haben Sie sich geärgert?« Falk
beugte sich ganz zu ihr nieder.
»Es ist dumm, es ist wirklich dumm,« erwiderte Mely. »Nein, nein,«
beharrte sie bei seinem Drängen, »es ist zu dumm.« Er hörte auf, sie zu
bestürmen und darüber war sie unzufrieden, so daß sie es jetzt aus
freien Stücken bekannte. Sie senkte den Kopf noch tiefer und flüsterte:
»Ich habe mich geärgert, weil Sie mich weinen gesehen haben.«
Er sagte nichts darauf, aber für einige Sekunden schloß er die Augen.
Seltsam, selbst mit geschlossenen Augen sah er sie vor sich knieen. Es
drängte ihn, ihren Hals zu umfassen, um sie zu küssen, aber nur auf das
Haar. Warum kniet sie so lange? grübelte er. O, sie ist ein Rätsel für
mich.
Noch über eine Stunde blieben sie im Zimmer bei einander sitzen und Falk
erzählte den beiden Mädchen lächelnd die Geschichte vom großen Klaus und
vom kleinen Klaus. Es war schon Mitternacht, als sie zu Bett gingen.
Helene war so schläfrig geworden, daß sie die beiden nicht einmal
hinausbegleitete.
Vor Melys Schlafzimmerthüre blieben sie stehen. Ohne zu sprechen
blickten sie sich fassungslos an. Dann ergriff Falk Melys Hand und zog
sie an seine Lippen. Sie wehrte sich ungestüm. »Nicht – bitte, bitte,
– nicht das!« –
Es war ein aufrichtiger Laut des Jammers. Er aber küßte die Hand.