Auf dem Balkon, der gegen die Gärten hinauslag, saß Mely und ließ
Seifenblasen steigen. Dele saß zu ihren Füßen und blies aus einem
Strohhalm emsig mit. Die Sonne schien, und es war gar nicht kalt. Wie
ein flaumiges Polster lag der frischgefallene Schnee auf der Einfassung
des Balkons.
Mely brachte wunderschöne Seifenblasen fertig, während die Kleine nur
farblose, winzige Kugeln aus ihrem Röhrchen in die Luft hauchte. »Du
kannst ja nix,« spottete Mely und sah entzückt einer majestätisch
emporschwebenden Blase nach, die erst am Dachfirst zerstäubte.
In diesem Augenblick kam Vidl Falk. Mely sprang auf, wie über einer
bösen That ertappt. Falk bemerkte ihre Verlegenheit und war so grausam,
sie zu vermehren. »Sie sind ein Kind,« sagte er mit etwas gekünstelter
Wehmut, als sehne er sich, selbst noch so ein Kind sein zu können.
Mely schaute ihn nicht an. Ihre rechte Hand lag auf Deles Kopf und mit
den Fingern spielte sie unaufhörlich im Haar des Kindes. »Wann sind Sie
zurückgekommen?« fragte sie schüchtern.
Falk blickte sie an, als hätte er die Frage nicht verstanden.
Enttäuschung war in seinen Mienen, wie wenn ihn während seiner
Abwesenheit ein überaus schönes Bild aufgeregt und die Wirklichkeit nun
alles zerstört hätte. Heuchelt sie denn? fragte er sich. Ist diese
Befangenheit erheuchelt? Die Weiber sollen im Allgemeinen sehr schlau
sein. Er sah sie zerstreut an und sagte schroff: »Wie kann man nur in
der Kälte da sitzen! Das begreif ich nicht.«
Sie war verletzt, ohne sich über den Grund klar zu sein. Jetzt spielen
wir Versteckenspiel, dachte sie sich und nahm das Kind bei der Hand.
»Komm Dele, komm!« rief sie laut und verließ rasch den Balkon.
Falk setzte sich auf den Stuhl, den sie verlassen hatte. Er stützte den
Ellbogen auf die verschneite Brüstung und sah mißmutig in die blendende
Schneelandschaft hinein. Bald schallte lauter Lärm vom Garten herauf.
Verwundert und beunruhigt sah Falk, wie Mely mit heißem Bemühn die
Schneeballwürfe einiger wilder Buben erwiderte, die sich ein Vergnügen
daraus machten, das große Fräulein ihre Überlegenheit fühlen zu lassen.
Gott mag wissen, was ihn dazu trieb, gleichfalls in den Garten zu gehen.
Aber als er unten war, sah er Mely nicht mehr. Die Kinder, erhitzt und
erregt von der Balgerei, vermochten ihm keine Auskunft zu geben, und er
ging weiter auf dem nachgiebigen Schnee, ohne Ziel und Vorsatz.
Als er am kleinen Holzpavillon vorbeiging, sah er durch die Thürspalte
Mely. Er ging hinein und setzte sich neben sie. »Nun Fräulein –« begann
er spöttisch. Ihm war, als müsse er den Spott als Waffe gegen sie
benutzen. Immer noch herrschte das Gefühl der Enttäuschung in ihm.
Sie war erhitzt vom Spiel, doch seit sie saß, fror sie zugleich.
Verstört sah sie aus, von einem stummen Gram war sie erfüllt. Es war,
als ob mit der Winterkälte die ganze Kälte ihres Daseins auf sie
eindränge. Beide waren ganz allein hier. Der Pavillon, der die Gestalt
einer Vase hatte – wie eine Vase war er in der Mitte ausgebaucht und
verjüngte sich nach oben – war ein geschlossener Raum. Durch die Lücken
der Fensterläden fielen die schrägen Strahlen der Dezembersonne. Wie aus
weiter Ferne klang das Geschrei der spielenden Kinder.
»Sagen Sie mir, was soll das?« flüsterte Falk. »Sie wollen sich
betäuben, das ist mir klar. Dies Herumtollen mit den Kindern, das ist
nicht Ihr Ernst, das ist nur Trotz, das ist Verbitterung. Hab’ ich
recht?«
Sie beugte den Kopf tiefer herab. »Denken Sie sich, was dieser Pole
gewagt hat,« brach sie aus. »Gestern traf er mich auf der Straße und
ging mit mir. Und er klagt mir, daß ihn seine Geliebte verlassen habe.
Als ob mich das was anginge. Sogar geheult hat er dabei. Und so dumm bin
ich, – ich tröstete ihn sogar. Da wurde er plötzlich ganz zudringlich,
und schließlich bat er mich, ich möchte ihn in seinem Atelier besuchen.
Ich war ganz starr ... Ja und weiter, heute Mittag war er zum Essen da
und bevor er ging, schob er mir mit frechem Grinsen seine Visitenkarte
hin. Was soll ich thun! Ich bin ganz außer mir. Mich darf jeder
beleidigen. Wer nur will, darf mich verleumden, – ich weiß gar nicht,
was ich anfangen soll.«
Selten sprach sie so schnell, wie jetzt. Ohne Falks Antwort abzuwarten,
stand sie auf und sagte: »Mich friert. Ich will hinauf. Ich bin ja dumm.
Ich darf das nicht thun – da sitzen bleiben.«
Falk packte sie am Handgelenk und zog sie auf die Bank zurück. »Eine
Minute noch. Mit diesem Kerl will ich schon fertig werden –«
Sie fiel ihm ins Wort. »Um Gottes willen nein! Fangen Sie nichts an. Um
meinetwillen dürfen Sie das nicht thun. O wenn Sie wüßten!« Ihre
drückende Lage machte sie elend; so fühlte sie sich mehr als je abhängig
vom Oberst, trotzdem sie wünschte, daß mit ihm alles zu Ende sei.
Ein leiser, haltloser Argwohn erwachte durch ihre Angst in Falk. Dieser
Argwohn war es, der von nun ab neben ihm einherging wie sein Schatten.
»Ist es denn wahr,« begann er nach langem Schweigen, »was die dicke
Erdmann, – ach die dunklen Andeutungen, die immer soviel sagen sollen
und nichts sagen. Doktor Brosam sagte – –« Er brach ab, denn er
bedachte, daß auch dieser nichts bestimmtes ausgesprochen hatte. Mely
wandte sich ihm mit einem Ruck zu. »Was hat er gesagt? Ich bitte Sie, –
was?«
»Ach –!«
»Nicht ausweichen! Seien Sie aufrichtig, sagen Sie mir alles!«
»Das kann ich nicht,« entgegnete Falk kopfschüttelnd. Wieder war es der
Argwohn, der ihm dies entlockte. Und er bereute, als er die Wirkung
seiner Worte sah.
»Ich weiß schon,« erwiderte Mely tonlos, erhob sich und ging. Ihr
Gesicht war totenbleich geworden. Falk folgte ihr nicht. Erst nach
geraumer Zeit stand er auf. Im Wohnzimmer oben saß Mely am Fenster. Sie
war allein. Den Ellbogen hatte sie auf das Brett der Nähmaschine
gestützt, und Falk konnte ihr Gesicht nicht sehen. Es war durch die Hand
verdeckt. Wiederum durchzuckte es ihn: Heuchelt sie denn bloß?
Lange Minuten stand er dicht vor ihr, ohne Worte zu finden. Wie ein
kleines Mädchen war er errötet, und sein Herz schlug vor Angst und
Erwartung. Mely empfand nichts von dem Schmerz, den ihr Gebahren
vermuten ließ. Es war alles dunkel vor ihr, und nur die eine Frage
überlegte sie fortwährend: was wird er jetzt thun? Aber dennoch, dieser
Ausdruck des Kummers war nicht Verstellung. Es war die tiefe Trauer über
ihre Hülflosigkeit und vor allem die Angst, daß das Große, Herrliche,
von dem sie in all den letzten Tagen geträumt, nicht in Erfüllung gehen
möchte.
Da fühlte sie die warme feuchte Hand Falks an ihrem Handgelenk. Er
versuchte den Arm herunterzubiegen, die Hand vom Gesicht zu ziehen,
damit er ihr Gesicht sehen könne, aber sie widerstand. Heiße Worte
wollte er ihr sagen, doch er vermochte sie nicht über die Lippen zu
bringen. »Lassen Sie mich,« flüsterte das junge Mädchen
leidenschaftlich, »ich will nicht.«
»Welch ein Narr bin ich,« stammelte Falk. »Warum mußte ich Ihnen das
sagen. Wie dumm, wie gemein war das! O wie gemein von mir. Wie können
Sie mir verzeihen. Sie glauben vielleicht, daß ich Ihnen wehthun wollte,
und das ist doch gar nicht wahr. Antworten Sie mir: sind Sie mir gram?
Sind Sie bös?«
Zehnmal wiederholte er die Frage und versuchte, ihr von unten ins
Gesicht zu blicken, aber sie erwiderte kein Wort. Weint sie denn? dachte
Falk, und sein Schrecken, seine Erregung nahmen zu. Wie ein Feuer
brannte es in seinem Herzen. Ihr Schweigen machte ihn ungeduldig und
verzagt. Schließlich ließ er ihren Arm los, weil er fürchtete, dies
könne sie verletzen. Er schalt sich roh, obwohl er doch nichts gesagt
hatte, als dieses: Ich kann nicht. Klein und knabenhaft erschien er sich
neben ihr.
Endlich erhob sie den Kopf. »Glauben Sie denn das?« fragte sie mit
feuchtschimmernden Augen. Das Flehende ihrer Stimme machte ihn weich. Er
verstand, was sie meinte. Und die Vorstellung, daß dies Unausgesprochene
möglich sein könnte, erschien ihm als ein so grenzenloses Unglück, daß
ihm der bloße Gedanke phantastisch und verbrecherisch vorkam. Noch vor
einer Woche, noch vor drei Tagen hätte ihn das ganz kühl gelassen und
jetzt erschien er sich wie ein Lump, daß er nur daran zu rühren gewagt
hatte. Aber trotzdem, in der Tiefe seiner Seele rief immer noch der
Zweifel. Er empfand ihn stets, etwa wie man ein vergessenes Vorhaben
empfindet, mit einem beständig nagenden Gefühl.
»Ach, ich ärgere mich,« sagte Mely plötzlich und lächelte scheu.
»Worüber? Worüber ärgern Sie sich?« Sie schwieg. Er fragte wieder und
wurde dringender. Verlegen wehrte sie ab und flüsterte: »Nicht jetzt;
heute Abend sollen Sie es wissen. Aber werden Sie auch bald kommen?«
»Woher wissen Sie, daß ich ausgehe?«