VIII.

Auf dem Balkon, der gegen die Gärten hinauslag, saß Mely und ließ

Seifenblasen steigen. Dele saß zu ihren Füßen und blies aus einem

Strohhalm emsig mit. Die Sonne schien, und es war gar nicht kalt. Wie

ein flaumiges Polster lag der frischgefallene Schnee auf der Einfassung

des Balkons.

Mely brachte wunderschöne Seifenblasen fertig, während die Kleine nur

farblose, winzige Kugeln aus ihrem Röhrchen in die Luft hauchte. »Du

kannst ja nix,« spottete Mely und sah entzückt einer majestätisch

emporschwebenden Blase nach, die erst am Dachfirst zerstäubte.

In diesem Augenblick kam Vidl Falk. Mely sprang auf, wie über einer

bösen That ertappt. Falk bemerkte ihre Verlegenheit und war so grausam,

sie zu vermehren. »Sie sind ein Kind,« sagte er mit etwas gekünstelter

Wehmut, als sehne er sich, selbst noch so ein Kind sein zu können.

Mely schaute ihn nicht an. Ihre rechte Hand lag auf Deles Kopf und mit

den Fingern spielte sie unaufhörlich im Haar des Kindes. »Wann sind Sie

zurückgekommen?« fragte sie schüchtern.

Falk blickte sie an, als hätte er die Frage nicht verstanden.

Enttäuschung war in seinen Mienen, wie wenn ihn während seiner

Abwesenheit ein überaus schönes Bild aufgeregt und die Wirklichkeit nun

alles zerstört hätte. Heuchelt sie denn? fragte er sich. Ist diese

Befangenheit erheuchelt? Die Weiber sollen im Allgemeinen sehr schlau

sein. Er sah sie zerstreut an und sagte schroff: »Wie kann man nur in

der Kälte da sitzen! Das begreif ich nicht.«

Sie war verletzt, ohne sich über den Grund klar zu sein. Jetzt spielen

wir Versteckenspiel, dachte sie sich und nahm das Kind bei der Hand.

»Komm Dele, komm!« rief sie laut und verließ rasch den Balkon.

Falk setzte sich auf den Stuhl, den sie verlassen hatte. Er stützte den

Ellbogen auf die verschneite Brüstung und sah mißmutig in die blendende

Schneelandschaft hinein. Bald schallte lauter Lärm vom Garten herauf.

Verwundert und beunruhigt sah Falk, wie Mely mit heißem Bemühn die

Schneeballwürfe einiger wilder Buben erwiderte, die sich ein Vergnügen

daraus machten, das große Fräulein ihre Überlegenheit fühlen zu lassen.

Gott mag wissen, was ihn dazu trieb, gleichfalls in den Garten zu gehen.

Aber als er unten war, sah er Mely nicht mehr. Die Kinder, erhitzt und

erregt von der Balgerei, vermochten ihm keine Auskunft zu geben, und er

ging weiter auf dem nachgiebigen Schnee, ohne Ziel und Vorsatz.

Als er am kleinen Holzpavillon vorbeiging, sah er durch die Thürspalte

Mely. Er ging hinein und setzte sich neben sie. »Nun Fräulein –« begann

er spöttisch. Ihm war, als müsse er den Spott als Waffe gegen sie

benutzen. Immer noch herrschte das Gefühl der Enttäuschung in ihm.

Sie war erhitzt vom Spiel, doch seit sie saß, fror sie zugleich.

Verstört sah sie aus, von einem stummen Gram war sie erfüllt. Es war,

als ob mit der Winterkälte die ganze Kälte ihres Daseins auf sie

eindränge. Beide waren ganz allein hier. Der Pavillon, der die Gestalt

einer Vase hatte – wie eine Vase war er in der Mitte ausgebaucht und

verjüngte sich nach oben – war ein geschlossener Raum. Durch die Lücken

der Fensterläden fielen die schrägen Strahlen der Dezembersonne. Wie aus

weiter Ferne klang das Geschrei der spielenden Kinder.

»Sagen Sie mir, was soll das?« flüsterte Falk. »Sie wollen sich

betäuben, das ist mir klar. Dies Herumtollen mit den Kindern, das ist

nicht Ihr Ernst, das ist nur Trotz, das ist Verbitterung. Hab’ ich

recht?«

Sie beugte den Kopf tiefer herab. »Denken Sie sich, was dieser Pole

gewagt hat,« brach sie aus. »Gestern traf er mich auf der Straße und

ging mit mir. Und er klagt mir, daß ihn seine Geliebte verlassen habe.

Als ob mich das was anginge. Sogar geheult hat er dabei. Und so dumm bin

ich, – ich tröstete ihn sogar. Da wurde er plötzlich ganz zudringlich,

und schließlich bat er mich, ich möchte ihn in seinem Atelier besuchen.

Ich war ganz starr ... Ja und weiter, heute Mittag war er zum Essen da

und bevor er ging, schob er mir mit frechem Grinsen seine Visitenkarte

hin. Was soll ich thun! Ich bin ganz außer mir. Mich darf jeder

beleidigen. Wer nur will, darf mich verleumden, – ich weiß gar nicht,

was ich anfangen soll.«

Selten sprach sie so schnell, wie jetzt. Ohne Falks Antwort abzuwarten,

stand sie auf und sagte: »Mich friert. Ich will hinauf. Ich bin ja dumm.

Ich darf das nicht thun – da sitzen bleiben.«

Falk packte sie am Handgelenk und zog sie auf die Bank zurück. »Eine

Minute noch. Mit diesem Kerl will ich schon fertig werden –«

Sie fiel ihm ins Wort. »Um Gottes willen nein! Fangen Sie nichts an. Um

meinetwillen dürfen Sie das nicht thun. O wenn Sie wüßten!« Ihre

drückende Lage machte sie elend; so fühlte sie sich mehr als je abhängig

vom Oberst, trotzdem sie wünschte, daß mit ihm alles zu Ende sei.

Ein leiser, haltloser Argwohn erwachte durch ihre Angst in Falk. Dieser

Argwohn war es, der von nun ab neben ihm einherging wie sein Schatten.

»Ist es denn wahr,« begann er nach langem Schweigen, »was die dicke

Erdmann, – ach die dunklen Andeutungen, die immer soviel sagen sollen

und nichts sagen. Doktor Brosam sagte – –« Er brach ab, denn er

bedachte, daß auch dieser nichts bestimmtes ausgesprochen hatte. Mely

wandte sich ihm mit einem Ruck zu. »Was hat er gesagt? Ich bitte Sie, –

was?«

»Ach –!«

»Nicht ausweichen! Seien Sie aufrichtig, sagen Sie mir alles!«

»Das kann ich nicht,« entgegnete Falk kopfschüttelnd. Wieder war es der

Argwohn, der ihm dies entlockte. Und er bereute, als er die Wirkung

seiner Worte sah.

»Ich weiß schon,« erwiderte Mely tonlos, erhob sich und ging. Ihr

Gesicht war totenbleich geworden. Falk folgte ihr nicht. Erst nach

geraumer Zeit stand er auf. Im Wohnzimmer oben saß Mely am Fenster. Sie

war allein. Den Ellbogen hatte sie auf das Brett der Nähmaschine

gestützt, und Falk konnte ihr Gesicht nicht sehen. Es war durch die Hand

verdeckt. Wiederum durchzuckte es ihn: Heuchelt sie denn bloß?

Lange Minuten stand er dicht vor ihr, ohne Worte zu finden. Wie ein

kleines Mädchen war er errötet, und sein Herz schlug vor Angst und

Erwartung. Mely empfand nichts von dem Schmerz, den ihr Gebahren

vermuten ließ. Es war alles dunkel vor ihr, und nur die eine Frage

überlegte sie fortwährend: was wird er jetzt thun? Aber dennoch, dieser

Ausdruck des Kummers war nicht Verstellung. Es war die tiefe Trauer über

ihre Hülflosigkeit und vor allem die Angst, daß das Große, Herrliche,

von dem sie in all den letzten Tagen geträumt, nicht in Erfüllung gehen

möchte.

Da fühlte sie die warme feuchte Hand Falks an ihrem Handgelenk. Er

versuchte den Arm herunterzubiegen, die Hand vom Gesicht zu ziehen,

damit er ihr Gesicht sehen könne, aber sie widerstand. Heiße Worte

wollte er ihr sagen, doch er vermochte sie nicht über die Lippen zu

bringen. »Lassen Sie mich,« flüsterte das junge Mädchen

leidenschaftlich, »ich will nicht.«

»Welch ein Narr bin ich,« stammelte Falk. »Warum mußte ich Ihnen das

sagen. Wie dumm, wie gemein war das! O wie gemein von mir. Wie können

Sie mir verzeihen. Sie glauben vielleicht, daß ich Ihnen wehthun wollte,

und das ist doch gar nicht wahr. Antworten Sie mir: sind Sie mir gram?

Sind Sie bös?«

Zehnmal wiederholte er die Frage und versuchte, ihr von unten ins

Gesicht zu blicken, aber sie erwiderte kein Wort. Weint sie denn? dachte

Falk, und sein Schrecken, seine Erregung nahmen zu. Wie ein Feuer

brannte es in seinem Herzen. Ihr Schweigen machte ihn ungeduldig und

verzagt. Schließlich ließ er ihren Arm los, weil er fürchtete, dies

könne sie verletzen. Er schalt sich roh, obwohl er doch nichts gesagt

hatte, als dieses: Ich kann nicht. Klein und knabenhaft erschien er sich

neben ihr.

Endlich erhob sie den Kopf. »Glauben Sie denn das?« fragte sie mit

feuchtschimmernden Augen. Das Flehende ihrer Stimme machte ihn weich. Er

verstand, was sie meinte. Und die Vorstellung, daß dies Unausgesprochene

möglich sein könnte, erschien ihm als ein so grenzenloses Unglück, daß

ihm der bloße Gedanke phantastisch und verbrecherisch vorkam. Noch vor

einer Woche, noch vor drei Tagen hätte ihn das ganz kühl gelassen und

jetzt erschien er sich wie ein Lump, daß er nur daran zu rühren gewagt

hatte. Aber trotzdem, in der Tiefe seiner Seele rief immer noch der

Zweifel. Er empfand ihn stets, etwa wie man ein vergessenes Vorhaben

empfindet, mit einem beständig nagenden Gefühl.

»Ach, ich ärgere mich,« sagte Mely plötzlich und lächelte scheu.

»Worüber? Worüber ärgern Sie sich?« Sie schwieg. Er fragte wieder und

wurde dringender. Verlegen wehrte sie ab und flüsterte: »Nicht jetzt;

heute Abend sollen Sie es wissen. Aber werden Sie auch bald kommen?«

»Woher wissen Sie, daß ich ausgehe?«

Melusine: Ein Liebesroman · 第 26 / 57 题