Ich will noch lange an die Nacht denken, die ich in jenem Kufsteiner
Hotel zubrachte. Müde zu sein und doch nicht schlafen können, weil _ein_
bestimmtes Bild, dem man nicht entrinnen kann, die Seele in Aufruhr
setzt, eine wilde Jagd von Träumen heraufbeschwört ...
Wie die Berge aussahen, weiß ich nicht. Wie die Landschaft aussah, wohin
wir gingen, wovon die beiden Andern sprachen und was sie über mich
dachten, ich weiß es nicht. Ich meinerseits muß viel einfältiges Zeug
geredet haben, denn mir klingen noch grausame Spötteleien im Ohr. Am
Morgen des zweiten Tages behauptete ich, mir sei nicht wohl, setzte mich
in den nächsten Postzug und fuhr wieder heim.
Das Coupé war voll von Touristen und Jägern, die unausgesetzt lachten,
sangen, tranken und Zoten erzählten. Bisweilen kam ich mir sehr
lächerlich vor in der erhabenen Ruhe und Toleranz, die mich erfüllten.
Aber mit meinen frivolen Gedanken wurde ich leicht fertig. Die weite,
schneebedeckte Ebene, die sich allmählich auszubreiten begann, erfüllte
mich mit jener Schwermut, der man sich fast mit einer Regung von Stolz
hingiebt. ›Träume nicht! träume nicht!‹ rief es fortwährend in mir, und
es war, als sei mein bisheriges Ich im Begriff einzuschlummern und suche
sich gegen die Erstarrung zu wehren durch ironische oder warnende
Ausrufe. Aber das neue Ich ließ sich nicht stören. Es war ein Ich voll
Freiheit und Frohheit und Leidenschaft des Hoffens; ganz unbekannt mit
der zögernden Schüchternheit und trockenen Nüchternheit des alten Ich.
Das läßt sich so gut überdenken bei dem schnellen, regelmäßigen und
anheimelnden Dreivierteltakt-Rhythmus der Wagenräder. Allmählich rückte
der Horizont immer näher, und Himmel und Ebene wurden immer kleiner, wie
ein Gummiballon, der sich zusammenzieht und erschlafft. Es dämmerte.
Eine trübselige, öde Landschaft! dachte das alte Ich. Es liegt eine
geheimnisvolle Düsterkeit über diesem großen Schneeland, dachte der neue
Vidl Falk.
Ich lachte leise vor mich hin, ob dieser komischen Zwiespältigkeit
meines Wesens.