15. Dezember.

Ich will noch lange an die Nacht denken, die ich in jenem Kufsteiner

Hotel zubrachte. Müde zu sein und doch nicht schlafen können, weil _ein_

bestimmtes Bild, dem man nicht entrinnen kann, die Seele in Aufruhr

setzt, eine wilde Jagd von Träumen heraufbeschwört ...

Wie die Berge aussahen, weiß ich nicht. Wie die Landschaft aussah, wohin

wir gingen, wovon die beiden Andern sprachen und was sie über mich

dachten, ich weiß es nicht. Ich meinerseits muß viel einfältiges Zeug

geredet haben, denn mir klingen noch grausame Spötteleien im Ohr. Am

Morgen des zweiten Tages behauptete ich, mir sei nicht wohl, setzte mich

in den nächsten Postzug und fuhr wieder heim.

Das Coupé war voll von Touristen und Jägern, die unausgesetzt lachten,

sangen, tranken und Zoten erzählten. Bisweilen kam ich mir sehr

lächerlich vor in der erhabenen Ruhe und Toleranz, die mich erfüllten.

Aber mit meinen frivolen Gedanken wurde ich leicht fertig. Die weite,

schneebedeckte Ebene, die sich allmählich auszubreiten begann, erfüllte

mich mit jener Schwermut, der man sich fast mit einer Regung von Stolz

hingiebt. ›Träume nicht! träume nicht!‹ rief es fortwährend in mir, und

es war, als sei mein bisheriges Ich im Begriff einzuschlummern und suche

sich gegen die Erstarrung zu wehren durch ironische oder warnende

Ausrufe. Aber das neue Ich ließ sich nicht stören. Es war ein Ich voll

Freiheit und Frohheit und Leidenschaft des Hoffens; ganz unbekannt mit

der zögernden Schüchternheit und trockenen Nüchternheit des alten Ich.

Das läßt sich so gut überdenken bei dem schnellen, regelmäßigen und

anheimelnden Dreivierteltakt-Rhythmus der Wagenräder. Allmählich rückte

der Horizont immer näher, und Himmel und Ebene wurden immer kleiner, wie

ein Gummiballon, der sich zusammenzieht und erschlafft. Es dämmerte.

Eine trübselige, öde Landschaft! dachte das alte Ich. Es liegt eine

geheimnisvolle Düsterkeit über diesem großen Schneeland, dachte der neue

Vidl Falk.

Ich lachte leise vor mich hin, ob dieser komischen Zwiespältigkeit

meines Wesens.

Melusine: Ein Liebesroman · 第 25 / 57 题