Etwas Seltsames ist in mir vorgegangen. Ich kann es nicht verstehen und
bin bestürzt, daß es mich weich macht, hoffnungsselig und traumsüchtig.
Ja, das Gefühl der Bestürzung ist das Herrschende in mir. Wie kam es
nur, wie war es möglich, frage ich mich beständig und es passirt mir,
daß ich an allen Pflichten des Werktags wie geistesabwesend
vorübergehe.
Ich hatte mit zwei befreundeten Medizinern einen Ausflug nach Tirol
verabredet. Wir wollten fünf bis sechs Tage fortbleiben. Am Freitag
nachmittag faßten wir den Plan, und abends schon, um neun, wollten wir
mit dem Schnellzug nach Kufstein fahren, um dort zu übernachten. Die
zwei Kameraden wollten mich um halb neun abholen.
Um sieben kam ich zum Abendessen in die Pension. Mit überlautem Triumph
verkündete ich mein Vorhaben, und während die Benders neugierig nach
Einzelheiten fragten, schwieg Fräulein Mirbeth, die am untern Ende des
Tisches saß, still. Und als ich meiner Freude, die Berge nun im
Winterschnee sehen zu können, Ausdruck gab, verfinsterte sich ihr
Gesicht immer mehr. Sie sah mich gar nicht an. »Was haben Sie denn,
Fräulein?« fragte ich endlich, und eine dumpfe Besorgnis erwachte in
mir.
Zuerst erwiderte sie nichts. Dann stand sie auf und setzte sich auf den
Divan. Sie legte die Hände in den Schoß und starrte vor sich nieder.
Niemals hatte ich einen so verzweifelten und fassungslosen Ausdruck in
ihrem Gesicht beobachtet. Ich setzte mich neben sie. Frau Bender war in
der Küche; nur Helene war noch im Zimmer. »Aber was haben Sie denn?«
fragte ich nochmals. – Sie sah mich schnell und mit einem vollen Blick
an. »Nein, nein! Sie _dürfen_ nicht fort, Herr Falk,« sagte sie so
flehend, daß meine Augen feucht wurden. Sie betonte das ›dürfen‹, und
ihre Stimme zitterte sonderbar. Sie war heiser.
Ich war weit davon entfernt, hinter dieser Bitte etwas zu suchen. Nur
meine Eitelkeit war geschmeichelt. Ich bewies ihr, daß es unmöglich sei,
jetzt zurückzutreten. »Ich werde Ihnen schreiben,« sagte ich lächelnd
und auf die Gefahr hin, abgewiesen zu werden. Aber sie sagte nichts.
Draußen läutete es, und ich rief: »Man kommt, mich abzuholen.« Da stand
Mely Mirbeth auf und verließ schnellen Schrittes das Zimmer. Noch immer
vermutete ich nichts Ungewöhnliches. Ich sagte mir: nun, sie wird gleich
wiederkommen.
Die beiden jungen Leute und ich standen mit Frau Bender im Vorplatz. Es
wurde viel gesprochen, und ich machte einige Bemerkungen von
zweifelhaftem Witz. »Wo ist denn Fräulein Mirbeth?« fragte ich mehr als
viermal. Aber sie kam nicht.
Jetzt ging dies Seltsame in mir vor.
Plötzlich stand vor meinen innern Augen ein Bild. Ich hatte niemals das
Zimmer der jungen Dame betreten. Nun aber sah ich dieses Zimmer, und ich
konnte mich später davon überzeugen, daß ich es wirklich gesehen hatte.
Es war fast ganz finster drinnen. Das Licht der Straßenlaterne fiel auf
die Decke, und dieser Reflex verbreitete einen schwachen Lichtschein.
Ich sah ein Sofa und einen großen runden Tisch. Ein roter Lampenschirm
schimmerte schwach durch den Raum.
Auf dem Bett lag das junge Mädchen und hatte den Kopf in die Kissen
vergraben.
Mehr war es nicht. Ich sagte mir: das thut sie deinetwegen. Diese
Erkenntnis traf mich wie ein Schreck. »Kann es denn sein? kann es denn
sein?« flüsterte ich mehrmals vor mich hin, während wir in der
Pferdebahn saßen. Ich erinnerte mich weder an unsern Abschied von
Benders, noch an den Weg zur Tramway. Auch an die Eisenbahnfahrt
erinnere ich mich nicht mehr. Meine einzige, furchtsame Überlegung war:
Kann es denn sein?