»Fräulein von Erdmann ist glühend verliebt in Sie,« sagte das Fräulein
Mirbeth diesen Nachmittag und blickte mich mit etwas unsicherer
Fröhlichkeit an. Ich lachte. »Halten Sie mich nicht für stark genug,
dieses Gefühl zu erwidern?« fragte ich ernst. Sie nahm es für bare
Münze. Helene kicherte. »Die läßt keinen ungeliebt von dannen ziehen,«
sagte sie pathetisch und fügte zöfchenhaft hinzu: »Passen Sie auf, nun
werden Sie ins Theater geschleppt. Ins ›Käthchen von Heilbronn‹ oder in
die ›alten Junggesellen‹.«
Der helle Winterschnee lag draußen, blendend rein und voll Leuchtkraft.
Frau Bender ging nach dem Kaffee mit Helene in die Stadt, und ich war
mit dem jungen Mädchen allein. Sie trug ihr schwarzes Kleid, das ganz
eng am Leibe liegt und das ich meistens an ihr sehe. Zum ersten Mal
waren wir allein. Auch auf dem Korridor war es ganz ruhig. Peinliche
Minuten des Schweigens entstanden zu Anfang. Sie sah mich oft scheu von
der Seite an, doch wenn meine Augen den ihren begegneten, wandte sie
hastig den Blick ab.
»Wie kommt es, Fräulein,« fragte ich, »daß Sie so leidend aussehn?
Stets, solang ich Sie jetzt kenne, haben Sie so einen vergrämten Zug im
Gesicht. Sie sind doch nicht unglücklich?« (Dies »unglücklich« war
albern, dachte ich bei mir) – »Ich, ach nein. Jetzt zum Beispiel ist
mir so wohl. Ich habe solche Stunden, wo ich die Zeit stillstehn lassen
möchte, – wie jetzt.«
Sie lächelte. Ich weiß es mir nicht zu erklären, aber ihr Lächeln
berührt mich namenlos wohlthätig. Wie ein lichter Schein verbreitet es
sich von den vollen, weichen, schwellenden Lippen aus erhellend über
das ganze Gesicht. Ich möchte ihr stets ein dankbares Wort, eine
Schmeichelei sagen, wenn sie so lächelt. – »Aber ich täusche mich
nicht,« fuhr ich hartnäckig fort, »Sie leiden. Ich will Sie ja nicht
danach fragen, – glauben Sie nicht, daß ich zudringlich sei – –« Ich
schwieg, denn ich sah sie zusammenschrecken. Sie erschien mir in diesem
Augenblick ganz hülflos, ganz ein gebrechliches Wesen, und etwas
Mitleidsuchendes lag in ihrem Gesicht. Ich dachte an die Äußerung des
Doktor Brosam. »Verstellung! Verstellung!« rief ich mir zu und sah
trotzig zu Boden.
Sie stand vom Stuhl auf, setzte sich auf den Divan und bog den
Oberkörper zurück. Sie thut das oft. Es ist, als wünsche sie, freier
aufatmen zu können. Dann sagte sie mit einem selbstvergessnen Ausdruck
in den Mienen: »Ach, wenn ich reich wäre, – wenn ich reich wäre!« Ich
nickte ihr eifrig zu wie einer, der einen Fremden den eignen Traum
erzählen hört. »Ich habe ja keinen Mangel,« fügte sie ein wenig hastig
hinzu, »aber ich mag den Luxus riesig gern. Und die Bequemlichkeit, –
kurz, ich möchte nichts missen von dem, was das Leben angenehm macht.«
– »Wenn ich eine Million hätte, ich würde mit Ihnen teilen,« sagte ich
leise. – »Wirklich? Das thäten Sie?« – Sie schien beglückt zu sein,
und ihr Gesicht strahlte vor Freude. Nein, hier ist keine Verstellung,
dachte ich voll Zorn über meinen Argwohn. – »O, was würden wir dafür
alles anfangen!« sagte sie verträumt. »Das erste, was ich haben müßte,
sind ein paar Jucker und die würde ich selbst kutschiren. Und dann – o
so vieles, so vieles!«
Ich hörte staunend zu. Ihre Augen wurden immer glänzender, und während
sie den Kopf auf die hintere Lehne des Divans legte, wandte sie den
Blick nicht von mir ab. Es war schon dunkel geworden, und Dele kam von
der Schule. Sie stürzte jubelnd auf Fräulein Mirbeth zu, die sie in die
Arme schloß, heftig emporhob und ihr ein paar wilde Küsse auf die Lippen
drückte. So heftig, so feurig war sie dabei, daß mir in einer gänzlich
unbestimmten Bangnis der Hals wie zugeschnürt war.
Gleich darauf rauschte Fräulein von Erdmann herein. »Nun, die
Herrschaften sind ja in einem höchst interessanten Tete-a-tete,« flötete
sie, und ihre Augen funkelten boshaft in der Dämmerung. Niemand von uns
beiden antwortete.