5. Dezember.

»Fräulein von Erdmann ist glühend verliebt in Sie,« sagte das Fräulein

Mirbeth diesen Nachmittag und blickte mich mit etwas unsicherer

Fröhlichkeit an. Ich lachte. »Halten Sie mich nicht für stark genug,

dieses Gefühl zu erwidern?« fragte ich ernst. Sie nahm es für bare

Münze. Helene kicherte. »Die läßt keinen ungeliebt von dannen ziehen,«

sagte sie pathetisch und fügte zöfchenhaft hinzu: »Passen Sie auf, nun

werden Sie ins Theater geschleppt. Ins ›Käthchen von Heilbronn‹ oder in

die ›alten Junggesellen‹.«

Der helle Winterschnee lag draußen, blendend rein und voll Leuchtkraft.

Frau Bender ging nach dem Kaffee mit Helene in die Stadt, und ich war

mit dem jungen Mädchen allein. Sie trug ihr schwarzes Kleid, das ganz

eng am Leibe liegt und das ich meistens an ihr sehe. Zum ersten Mal

waren wir allein. Auch auf dem Korridor war es ganz ruhig. Peinliche

Minuten des Schweigens entstanden zu Anfang. Sie sah mich oft scheu von

der Seite an, doch wenn meine Augen den ihren begegneten, wandte sie

hastig den Blick ab.

»Wie kommt es, Fräulein,« fragte ich, »daß Sie so leidend aussehn?

Stets, solang ich Sie jetzt kenne, haben Sie so einen vergrämten Zug im

Gesicht. Sie sind doch nicht unglücklich?« (Dies »unglücklich« war

albern, dachte ich bei mir) – »Ich, ach nein. Jetzt zum Beispiel ist

mir so wohl. Ich habe solche Stunden, wo ich die Zeit stillstehn lassen

möchte, – wie jetzt.«

Sie lächelte. Ich weiß es mir nicht zu erklären, aber ihr Lächeln

berührt mich namenlos wohlthätig. Wie ein lichter Schein verbreitet es

sich von den vollen, weichen, schwellenden Lippen aus erhellend über

das ganze Gesicht. Ich möchte ihr stets ein dankbares Wort, eine

Schmeichelei sagen, wenn sie so lächelt. – »Aber ich täusche mich

nicht,« fuhr ich hartnäckig fort, »Sie leiden. Ich will Sie ja nicht

danach fragen, – glauben Sie nicht, daß ich zudringlich sei – –« Ich

schwieg, denn ich sah sie zusammenschrecken. Sie erschien mir in diesem

Augenblick ganz hülflos, ganz ein gebrechliches Wesen, und etwas

Mitleidsuchendes lag in ihrem Gesicht. Ich dachte an die Äußerung des

Doktor Brosam. »Verstellung! Verstellung!« rief ich mir zu und sah

trotzig zu Boden.

Sie stand vom Stuhl auf, setzte sich auf den Divan und bog den

Oberkörper zurück. Sie thut das oft. Es ist, als wünsche sie, freier

aufatmen zu können. Dann sagte sie mit einem selbstvergessnen Ausdruck

in den Mienen: »Ach, wenn ich reich wäre, – wenn ich reich wäre!« Ich

nickte ihr eifrig zu wie einer, der einen Fremden den eignen Traum

erzählen hört. »Ich habe ja keinen Mangel,« fügte sie ein wenig hastig

hinzu, »aber ich mag den Luxus riesig gern. Und die Bequemlichkeit, –

kurz, ich möchte nichts missen von dem, was das Leben angenehm macht.«

– »Wenn ich eine Million hätte, ich würde mit Ihnen teilen,« sagte ich

leise. – »Wirklich? Das thäten Sie?« – Sie schien beglückt zu sein,

und ihr Gesicht strahlte vor Freude. Nein, hier ist keine Verstellung,

dachte ich voll Zorn über meinen Argwohn. – »O, was würden wir dafür

alles anfangen!« sagte sie verträumt. »Das erste, was ich haben müßte,

sind ein paar Jucker und die würde ich selbst kutschiren. Und dann – o

so vieles, so vieles!«

Ich hörte staunend zu. Ihre Augen wurden immer glänzender, und während

sie den Kopf auf die hintere Lehne des Divans legte, wandte sie den

Blick nicht von mir ab. Es war schon dunkel geworden, und Dele kam von

der Schule. Sie stürzte jubelnd auf Fräulein Mirbeth zu, die sie in die

Arme schloß, heftig emporhob und ihr ein paar wilde Küsse auf die Lippen

drückte. So heftig, so feurig war sie dabei, daß mir in einer gänzlich

unbestimmten Bangnis der Hals wie zugeschnürt war.

Gleich darauf rauschte Fräulein von Erdmann herein. »Nun, die

Herrschaften sind ja in einem höchst interessanten Tete-a-tete,« flötete

sie, und ihre Augen funkelten boshaft in der Dämmerung. Niemand von uns

beiden antwortete.

Melusine: Ein Liebesroman · 第 23 / 57 题