2. Dezember.

Die Erdmann ließ mich in ihr Zimmer rufen. Sie habe entsetzliche

Kopfschmerzen, ich möchte ihr ein Mittel geben. Etwas exaltirt benimmt

sie sich schon, das muß ich sagen. Ihr Haupt war von starrenden

Haarbüscheln umrahmt. Weinend zeigte sie mir ihre Gichtfinger und sagte,

das werde sie noch zum Selbstmord treiben. Für eine Frau, die noch so

frisch in den Dreißigen stehe, sei dies der Wegweiser zum Grab. Ich war

überrascht: denn ich hatte sie für viel älter gehalten. Gut, daß sie

nicht davon weiß.

»Nun,« sagte sie gleich nach dieser Scene, »wie ich höre, sind Sie stark

um Fräulein Mirbeth bemüht?« – »Ich?« fragte ich erschrocken zurück.

Sie drohte schalkhaft mit dem Finger, wurde aber plötzlich sehr ernst

und ergriff mich beim Handgelenk. (Ihre Hand ist unangenehm weich und

klebrig.) »Ich muß Sie warnen,« sagte sie, und ihre kleinen Augen

funkelten lebhaft. »Ich muß Sie warnen vor dieser Schlange. Wenn Sie

nicht in ein Gewebe von Lüge, Falschheit und Hinterlist fallen

wollen –« Sie schwieg bedeutsam. Ich schwieg auch, aber das war

idiotisch von mir. Wie gewöhnlich fiel mir erst eine Stunde später ein,

was ich hätte antworten sollen. Ich dankte kalt und ging.

Mein Gott, warum reden sie mir alle von Fräulein Mirbeth? Ich will

nichts mit ihr zu thun haben. So wenig, als ich ihr bin, kann sie mir

sein.

Melusine: Ein Liebesroman · 第 22 / 57 题