Die Erdmann ließ mich in ihr Zimmer rufen. Sie habe entsetzliche
Kopfschmerzen, ich möchte ihr ein Mittel geben. Etwas exaltirt benimmt
sie sich schon, das muß ich sagen. Ihr Haupt war von starrenden
Haarbüscheln umrahmt. Weinend zeigte sie mir ihre Gichtfinger und sagte,
das werde sie noch zum Selbstmord treiben. Für eine Frau, die noch so
frisch in den Dreißigen stehe, sei dies der Wegweiser zum Grab. Ich war
überrascht: denn ich hatte sie für viel älter gehalten. Gut, daß sie
nicht davon weiß.
»Nun,« sagte sie gleich nach dieser Scene, »wie ich höre, sind Sie stark
um Fräulein Mirbeth bemüht?« – »Ich?« fragte ich erschrocken zurück.
Sie drohte schalkhaft mit dem Finger, wurde aber plötzlich sehr ernst
und ergriff mich beim Handgelenk. (Ihre Hand ist unangenehm weich und
klebrig.) »Ich muß Sie warnen,« sagte sie, und ihre kleinen Augen
funkelten lebhaft. »Ich muß Sie warnen vor dieser Schlange. Wenn Sie
nicht in ein Gewebe von Lüge, Falschheit und Hinterlist fallen
wollen –« Sie schwieg bedeutsam. Ich schwieg auch, aber das war
idiotisch von mir. Wie gewöhnlich fiel mir erst eine Stunde später ein,
was ich hätte antworten sollen. Ich dankte kalt und ging.
Mein Gott, warum reden sie mir alle von Fräulein Mirbeth? Ich will
nichts mit ihr zu thun haben. So wenig, als ich ihr bin, kann sie mir
sein.