26. November.

Zwei Uhr hat es geschlagen, und die Nacht ist sehr still. Der Schnee

liegt überall. Ich öffne das Fenster und die frische, klare Luft

durchdringt mich völlig. Ich sehe das große, runde Kuppeldach des

römischen Panoramas und die neue Pinakothek, die so sehr einer großen

Zigarrenschachtel gleicht. Einen schlanken Kirchturm seh ich in der

Ferne, der wie ein zugeklappter Regenschirm aussieht.

Ich versuche jetzt, mir das Bild des Fräulein Mirbeth vorzustellen. Aber

ich kann es nicht. Ich kann sie nur wie durch dicke Nebelwände

wahrnehmen. Ich weiß wohl, daß ihre Haare ganz dunkel sind, daß sie wirr

sind und hinten in einen griechischen Knoten geknüpft. Ich weiß, daß

sie zu beiden Seiten die Ohren fast ganz verdecken und daß eine einsame

Locke mitten auf der Stirn liegt. Ich weiß, daß sie eine

unvergleichliche Gestalt besitzt, aber das kann ich alles nicht

innerlich _sehen_. Doch ich bin verwundert, daß ich mich bemühe, es zu

sehen. Warum? Sie ist mir fremd. Ich könnte mir nicht vorstellen, daß

sie mehr für mich wäre, als das Fräulein Mirbeth. Doch wer ist

eigentlich dieser Oberst? Was will er von ihr?

Die kleine Helene gefällt mir. Übrigens bemerke ich, daß mir Alles und

Alle gefallen. Das beschämt mich ein wenig. Ich bin so gar nicht

blasirt. Da habe ich wahrlich wenig Aussicht, dämonisch zu werden.

Melusine: Ein Liebesroman · 第 19 / 57 题