24. November.

Ich bin sehr fortgeschritten auf dem Pfad der Kultur: seit einigen Tagen

besuche ich kein Wirtshaus mehr. Allabendlich sitze ich bis elf Uhr bei

Benders, und ich gewöhne mich völlig hinein in diesen Kreis. Auch

Fräulein Mirbeth ist da, und ich spiele Karten oder Halma mit ihr. Ich

weiß nicht, woher es rührt, aber eine neue Lebensfreude ist über mich

gekommen.

Wir führen oft träumerische Gespräche da vorn, zu dreien, während Frau

Bender auf dem Divan schläft. Und dabei sieht mich Fräulein Mirbeth oft

so starr, fast erschrocken an, und ihre Augen glänzen dabei so sehr, daß

ich die meinen zu Boden schlagen muß. Aber dieser Blick hat etwas, das

einen verfolgt. Er sitzt mir bisweilen gleichsam im Nacken.

Heute Nachmittag war ich beim Kaffee. Frau Bender erzählte aus ihrer

Jugendzeit. Sie hat eine bezaubernde Art zu erzählen; kaum sah ich je

ähnliches. Selbst ganz hingerissen von ihrem Gegenstand, lächelt sie

beständig und zeigt ihre großen, dichten, blitzenden Zähne. Ihre Augen

werden größer und leuchtender und ihr Gesicht wird förmlich jung. Sie

hat viel erlebt und ist viel in der Welt herumgezogen.

Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich im Verlauf des Nachmittags auf

Fräulein Mirbeth zu sprechen kam. Aber es berührte mich peinlich, wenn

sie von ihr redeten. Sie gebrauchten geheimnisvolle Wendungen, sie

redeten Gedankenstriche. »Der Herr Oberst meint es eben doch sehr gut

mit ihr –« oder: »Der Herr Oberst ist ein sehr edler Mensch, ein

idealer Charakter« – – Doch was geht das mich an. Ich machte ein

ziemlich verblüfftes Gesicht, und Frau Bender stand mit einem

konventionellen Seufzer auf. Ich beobachtete ihren Gang, der unsicher,

voll Hast und Nervosität ist. Es ist der Gang unterleibskranker Frauen.

Melusine: Ein Liebesroman · 第 18 / 57 题