15. November.

Ich lese die letzte Eintragung und sage mir, daß dies für einen

dreiundzwanzigjährigen Menschen sehr naiv ist. Zum wenigsten ist es ein

Zeichen großer Schwachheit.

Wenn nur dieses Wirtshausleben nicht wäre! Das zerstört alles Gesunde

und alle Befriedigung über die Arbeit. Aber den ganzen langen Tag und

den langen Abend dazu allein im stillen Zimmer und die Gedanken und der

Kopfschmerz und das ewige Regengeplätscher, und die Aussicht, daß es

jahre-, jahre-, jahrelang so bleiben soll, das ist auch zerstörend.

Freilich, ich bin jung und wir Jungen sollten darauf bedacht sein,

weniger zu lamentiren und mehr zu arbeiten. Statt Freude darüber zu

empfinden, daß wir allein sind, vergießen wir Thränen. Wie absurd und

sündhaft, daß ich bisweilen wünsche, krank zu sein, nur damit Jemand um

mich sei, der sich bemüht um mich, dem man mehr ist, als eine Figur, um:

›Ergebener Diener!‹ oder: ›Wünschen zu speisen?‹ zu sagen. Wenn ich

einmal reich sein werde – Traum der Träume – will ich mir ein Schloß

im Schwarzwald bauen und mit einem Freund oder einer Freundin dort

leben. Aber kann es Jemand geben, der sich mit mir befreundet? Ich muß

zu dumm sein, zu unbedeutend, zu häßlich – oder bin ich am Ende das

verborgene Veilchen? Der Gedanke ist so poetisch!

Melusine: Ein Liebesroman · 第 14 / 57 题