10. November.

Weshalb ich eigentlich ein Tagebuch führe, darüber habe ich mir schon

oft den Kopf zerbrochen. Liest man später die Konterfeis von Stimmungen

und Hoffnungen, diese scheinbar so zwanglosen, mit müder Eleganz

hingeworfenen Aperçus, so liegt darin etwas so Lächerliches, wenigstens

für mich. Eitelkeit, Eitelkeit spöttelt jede Zeile, eitle

Selbstbespiegelung. Aber ich bin ja ein nutzloser Mensch. Alle sagen es,

die mich kennen. So muß es doch wahr sein. Ich möchte doch wissen,

welchen Eindruck ich auf andere mache, ob ich ihnen komisch erscheine,

oder unbedeutend, oder dämonisch. Wer weiß, vielleicht gerade dämonisch.

Das ist ein hübsches Wort. Man empfindet ordentlich Sehnsucht, es zu

sein. Aber wie, wie wird man dämonisch, wie macht man das? – Ich muß

doch eigentlich ein ganz hübscher Mensch sein. Der Spiegel beweist ja

nichts, aber mein Schnurrbart gleicht vielen Schnurrbärten, welche für

hübsch gelten. Meine Augen sind sehr geschmackvoll; ich bin zufrieden

mit ihnen.

Ein Schwärmer bin ich schon. Ich habe zu nichts Lust, als zum

Nichtsthun. Und wie anstrengend ist das bisweilen. Oft kommt mir der

Gedanke, warum bin ich so allein? Es ist ja kindlich, darüber zu klagen,

aber andere haben ein Vaterhaus, elterliche Sorge umgibt sie, sie

wissen, daß jemand da ist, der sich um sie kümmert. Nichts dergleichen

ward mir. Ich würde ja ganz gern allein bleiben, aber alles fängt an,

mir so nüchtern zu werden. Ich habe häufig das Bedürfnis zu schlafen,

tagelang, wochenlang, und ich begreife kaum, warum ich so eifrig mit

aller Kraft dem Studium zugedrängt habe. Das Studium ist leer, und es

ist die Wissenschaft von der Unwissenheit, besonders was die Medizin

anbelangt. Auch beirrt mich das Fachmäßige, Doktrinäre, das

Buchstabenrecht in der Wissenschaft. Ich möchte etwas, das mich aufregt,

das mich zittern macht, das mich in Bangnis versetzt, kurz etwas, das

ich nicht weiß und das ich nicht definiren kann.

Melusine: Ein Liebesroman · 第 13 / 57 题