Weshalb ich eigentlich ein Tagebuch führe, darüber habe ich mir schon
oft den Kopf zerbrochen. Liest man später die Konterfeis von Stimmungen
und Hoffnungen, diese scheinbar so zwanglosen, mit müder Eleganz
hingeworfenen Aperçus, so liegt darin etwas so Lächerliches, wenigstens
für mich. Eitelkeit, Eitelkeit spöttelt jede Zeile, eitle
Selbstbespiegelung. Aber ich bin ja ein nutzloser Mensch. Alle sagen es,
die mich kennen. So muß es doch wahr sein. Ich möchte doch wissen,
welchen Eindruck ich auf andere mache, ob ich ihnen komisch erscheine,
oder unbedeutend, oder dämonisch. Wer weiß, vielleicht gerade dämonisch.
Das ist ein hübsches Wort. Man empfindet ordentlich Sehnsucht, es zu
sein. Aber wie, wie wird man dämonisch, wie macht man das? – Ich muß
doch eigentlich ein ganz hübscher Mensch sein. Der Spiegel beweist ja
nichts, aber mein Schnurrbart gleicht vielen Schnurrbärten, welche für
hübsch gelten. Meine Augen sind sehr geschmackvoll; ich bin zufrieden
mit ihnen.
Ein Schwärmer bin ich schon. Ich habe zu nichts Lust, als zum
Nichtsthun. Und wie anstrengend ist das bisweilen. Oft kommt mir der
Gedanke, warum bin ich so allein? Es ist ja kindlich, darüber zu klagen,
aber andere haben ein Vaterhaus, elterliche Sorge umgibt sie, sie
wissen, daß jemand da ist, der sich um sie kümmert. Nichts dergleichen
ward mir. Ich würde ja ganz gern allein bleiben, aber alles fängt an,
mir so nüchtern zu werden. Ich habe häufig das Bedürfnis zu schlafen,
tagelang, wochenlang, und ich begreife kaum, warum ich so eifrig mit
aller Kraft dem Studium zugedrängt habe. Das Studium ist leer, und es
ist die Wissenschaft von der Unwissenheit, besonders was die Medizin
anbelangt. Auch beirrt mich das Fachmäßige, Doktrinäre, das
Buchstabenrecht in der Wissenschaft. Ich möchte etwas, das mich aufregt,
das mich zittern macht, das mich in Bangnis versetzt, kurz etwas, das
ich nicht weiß und das ich nicht definiren kann.