Fräulein Mirbeth kehrte in ihr Zimmer zurück. Lange Zeit ging sie auf
und nieder, mit großen Schritten und scheinbar völlig losgelöst von
allem, was sie umgab. Sie war phlegmatisch in ihren Bewegungen und ihr
Gesicht verriet keine innere Regung mehr. Aber etwas Freudloses und
Hoffnungsloses lag auf ihr wie Novemberreif. Beim ersten Anblick
erschien sie schlaff, müde und gleichgültig.
Sie setzte sich an den Schreibtisch, nahm Feder und Papier zur Hand und
schickte sich an, zu schreiben. Doch blieb es nur beim Ansetzen der
Feder, deren Spitze sie stets ängstlich betrachtete. Offenbar wußte sie
genau, was sie schreiben wollte: Satz für Satz; aber diese Sätze aufs
Papier zu bringen, war ihr unmöglich. Unmutig warf sie die Feder fort
und stützte den Kopf in die Hand. Jetzt mußte sie aufquellende Thränen
verschlucken und plötzlich errötete sie vor Scham oder vor Haß. Sie zog
ein kleines, mit flotter Hand beschriebenes Stück Papier aus der Tasche,
entknitterte es und sah länger als eine Viertelstunde darauf nieder.
Da klopfte es und das kleine Fräulein Bender trat herein. Mit ihren
schwebenden, etwas gesucht graziösen Schritten ging sie auf die
regungslos Dasitzende zu, faßte sie bei der Hand und sagte: »Was ist
Ihnen denn, Mely? Sie sind so verstört, schon seit gestern. Sogar Mama
hat es bemerkt und hat gesagt, ich möchte doch mal herein.«
Mely Mirbeth schüttelte langsam den Kopf, wie jemand, der fest
entschlossen ist, seinen Kummer allein zu tragen. Aber im Nu war dieser
Entschluß bei ihr vergessen und die vorige Schwäche ergriff sie wieder.
Hastig und suchend erfaßte sie die Hand des jüngeren Mädchens. In dieser
unwillkürlichen Bewegung lag ein Schwächegeständnis und ein
Anschmiegungsbedürfnis und dies wurde von dem jungen Mädchen wohl
verstanden. Es näherte seine Lippen den Wangen Melys und fragte leis:
»Sie waren bei Fräulein von Erdmann?«
Mely lächelte schuldbewußt.
»Das sollten Sie wirklich nicht thun,« fuhr die Kleine fort. »Warum das?
Die haßt uns ja doch, weil wir jünger sind als sie. Sie stirbt vor Neid
um unsere Jugend.«
Melys Lächeln wurde heller und fröhlicher. Mit naiver Verwunderung sah
sie das zierliche Mädchen an, das ein so scharfes und selbständiges
Urteil zu geben wagte. Man sah auch an der schnellen Bewegung ihrer
Lider, daß sie darüber nachdachte. »Sie sind bös Helene,« sagte sie
endlich, erhob sich und begann wieder ihr Umherwandern. »Ach Helene,«
rief sie nach einer langen Pause, »wenn Sie wüßten, was ich alles
durchzumachen habe!«
Helene Bender saß mit verschränkten Armen auf der Lehne des Fauteuils
und blickte mit ihren klugen, grauen Augen Mely an. Etwas Ungläubiges
und Ironisches lag in ihrem aufmerksamen Blick. So klein sie war und so
unbedeutend sie aussah, so skeptisch blieb sie gegenüber jedem
Gefühlsausbruch und um den schmalen Mund mit der vorgeschobenen
Unterlippe lag stets ein gleichgültiger Spott. Sie glaubte nicht an
Melys Leiden, sie hielt jene für zimperlich und anspruchsvoll und vor
allem für oberflächlich. Nur aus Neugierde war sie hereingekommen.
Mely ahnte nichts davon. Sie vertraute allen Menschen, außer denen, die
sie haßte. Was man ihr sagte, das glaubte sie, selbst die plumpen Lügen.
In ihrem Schmerz befangen, hielt sie es für unmöglich, daß jemand an der
Tiefe dieses Gefühls zweifeln könne. Sie setzte sich und sagte mit ihrer
jetzt weichen und einschmeichelnden Stimme, die etwas Bekümmertes stets
in sich hatte: »Ich wollte ja auf alles gern verzichten, wenn ich nur
meine Ruhe hätte. Mit nacktem Brot nähm ich vorlieb, – nur endlich
einmal ein anderes Leben. Die Aufregungen, die Quälereien, die
Beleidigungen, – ich bin ganz krank.«
Und sie seufzte tief auf, wie Kinder thun, wenn sie sich ausgeweint
haben. »Sie wissen nicht, was das ist, Helene,« fuhr sie traurig fort.
»Sie haben Ihre Mutter da und leben so bequem und Sorgen haben Sie
keine. Aber ich bin ganz allein auf der Welt und dieser Mann darf mich
mißhandeln wie er will, darf mich beschimpfen – o, ich bin ganz krank!
Da hab ich wieder einen Brief, sehn Sie Helene, – da, was das ist! –
Ich muß mich zu Tod schämen.«
»Was ist es denn?«
»Ach – das kann ich Ihnen ja gar nicht sagen. Es ist – er will – –
nein, es ist unmöglich.« Verwirrt und voll Scham wandte sich Mely ab.
»Schon einmal hat er es verlangt,« flüsterte sie. »Und weil ich nicht
will, muß ich mich quälen lassen, um nichts, um jede Kleinigkeit.« Sie
nahm den Brief und zerfetzte ihn nervös zwischen den Fingern. Dann ging
sie zum Kleiderschrank, nahm ihre Straßenrobe heraus und öffnete mit
einem einzigen Riß die Knöpfe ihres Morgenrocks.
»Ja, – mögen Sie ihn denn nicht?« fragte Helene schüchtern. »Oder wie
ist das?«
»Mögen! Erschießen könnt ich ihn.«
Das kleine Mädchen lächelte verständig. Sie trat zu Mely und ergriff
deren beide Hände. »Seien Sie doch ruhiger,« sagte sie. »Ist es denn
gar so schlimm? Wer weiß, vielleicht stellen Sie sichs nur so
entsetzlich vor. Er ist doch oft recht nett mit Ihnen. Wie viel Schönes
hat er Ihnen schon geschenkt.«
Die Trostgründe waren banal; doch auf Mely übte die stille, sichere und
selbstbewußte Art dieser Frühreifen einen beruhigenden Einfluß. Sie
strich mit der Hand über die Stirn und blickte unschlüssig vor sich hin.
»Was wollen Sie denn thun?« fragte Helene ängstlich.
»Hinüber will ich. Alles will ich ihm sagen. Seinen Brief will ich ihm
vor die Füße werfen!« stieß das junge Weib hervor. Sie hatte vergessen,
daß sie den Brief soeben zerrissen hatte.
»Nicht – nicht das,« beschwichtigte Helene. »Warten Sie noch bis heute
Abend wenigstens. Sie machen es ja nur schlimmer, – warten Sie.« Das
Mädchen sprach sanft und zugleich überlegen. Doch Mely schüttelte den
Kopf. »Ich muß,« sagte sie. »Ich bin sonst ganz unglücklich den ganzen
Tag.« Und während sie sich ankleidete, erzählte sie. »Sehn Sie Helene,
ich habe neulich zu meinem schwarzen Kleid einen bunten Hut gekauft. Da
gabs Skandal. Das sei gemein, sagte er. Die Dienstboten thäten das. Ich
möchte mich auffallend kleiden, nur aus Koketterie. Ich soll kokett sein
Helene, das ist doch lächerlich, wie? Aber er will nicht, daß mich ein
anderer Mann nur anschaut, deswegen soll ich keine Farben tragen. Und
dann das: ich habe dreitausend Mark Vermögen gehabt, von der Mutter
noch. Und als ich volljährig war, – nein etwas später, vor drei Jahren
wars, bekam ich das Geld. Da hat er nicht aufgehört, zu drängen, ich
solle doch das Geld verbrauchen, und ich – so dumm! – mache die
unsinnigsten Ausgaben. Kurz, in sechs Monaten war alles verputzt. Und
wie ich dann das erste Mal von ihm Geld verlangen mußte, da hätten Sie
ihn sehen sollen. Ganz glücklich war er darüber, ganz weg vor Freude.«