»Aber verstehen Sie denn nicht? Jetzt war ich doch von ihm abhängig und
er konnte machen mit mir, was er wollte. Jetzt hieß es gehorchen, –
oder ... Verstehn Sie nicht? Aber es ist beim Oder geblieben. O, es war
gemein.«
Sie war fertig mit der Toilette, nahm Handschuhe und Schirm und zur Thür
gehend, sagte sie leichthin: »Gelt, ich bin dumm, Helene. Andere würden
lachen. Ach Gott und grade zu dieser alten Erdmann muß ich hinein. Wie
dumm, wie dumm! Was denkt sich jetzt die.« Als ob sie aus sich selbst
nicht klug zu werden vermöchte, schüttelte sie ganz langsam den Kopf.
Sie war unzufrieden mit sich, auch deswegen, weil sie so offen gegen
Helene gewesen war.
Als sie schon im Hausflur angelangt war, kehrte sie wieder um und ging
in ihr Zimmer zurück. Furcht und Mutlosigkeit hatten sie erfaßt. Sie
lehnte sich in den Fauteuil und schloß die Augen. Trotz des Mantels, den
sie nicht abgelegt hatte, fror sie aus dem Innern heraus. Wie Spreu im
Winde wirbelt, so stürmten die Gedanken in ihr durcheinander. Heiraten
kann ich dich nicht, das wirst du doch einsehen, citirte sie nervös
lächelnd. Seine Frau hat er zu Grund gerichtet, dachte sie und runzelte
feindselig die Stirn. Es war seltsam, daß diese Frau jetzt vor ihr
stand, wie sie an einem Maskenball des letzten Karnevals kostümirt
gewesen: im roten Pierrotgewand mit weißer Zipfelmütze. Noch deutlich
entsann sie sich dabei des glühenden Gesichts, das oft mit einem
spähenden und unterwürfigen Ausdruck dem Oberst sich zuwandte. Zwei
Jahre erst war sie tot. Sie war ein feines Geschöpf gewesen, klug und
wenig kokett, groß und in ihren Zügen der Saskia von Uhlenburg ähnlich.
Sie war stets die Sklavin ihres Gatten gewesen. Bis ins Unbedeutendste
ging dieser sklavische Zug an ihr, dies gänzliche und für Andere oft so
unbegreifliche Aufgelöstsein im Wesen des Mannes.
Mely rührte sich nicht. Ihre Lippen waren nicht geschlossen, und sie
hielt den Atem an. Und dann lächelte sie so, als sei sie mit allem
einverstanden, was man mit ihr treibe. Eine große Müdigkeit kam über
sie, und sie hegte den Wunsch zu schlafen. Aber Bild auf Bild stieg
herauf: sie lebte wieder in ihrer Vergangenheit. Sie sah sich als Kind
zur Volksschule gehen; sie sah beide Eltern auf dem Totenbette liegen,
und sie sah den alten, gütigen Herrn, den Vater des Obersts, der ihr
gerichtlicher Vormund geworden war. Dann blickte sie in die hellen,
kahlen Klostergänge hinein, in denen sie zum erstenmal mit entsetzten
Augen gestanden. Wie fremd und feierlich war dort die Welt! Sie hatte
geglaubt, die Mauern seien endlos und hinter ihnen begänne das Meer. Sie
hatte sich gefangen, bestraft gefühlt inmitten der gleichgekleideten
Mädchen, unter der strengen Obhut der Schwestern. Ihre Sehnsucht nach
der Stadt war groß; die Sandhaufen am Bahndamm erschienen in ihren
Träumen, und die elterlichen Püffe und Prügel kamen ihr vor wie süße
Späße. Sie mußte merkwürdig schwierige Dinge auswendig lernen und vor
jedem, der sie ansprach, ängstigte sie sich. Sie fürchtete alle Menschen
mit Ausnahme des Katecheten Kilian, den sie mit der Fülle ihres
zwölfjährigen Herzens liebte. Er war ein schöner, blühender Jüngling,
der niemals seitwärts blickte, auch nicht zu Boden, sondern stets gegen
Himmel. In dieser Zeit wurde sie sehr fromm und sehr folgsam und wurde
den Andern als gutes Beispiel gepriesen. Doch unverständlich war ihr nur
das eine, daß sie für alle Menschen, die sie kannte, mitbeten sollte.
Das konnte sie nie fassen. Wie sorgsam und gewissenhaft hatte sie stets
ihre Sünden notirt, um bei der Beichte ja nichts zu vergessen: ich habe
der Schwester Cäcilia in Gedanken unrecht gethan; ich war zu träg, um
die salischen Kaiser zu lernen; ich habe mich beim Aufwecken schlafend
gestellt, um noch länger im Bett bleiben zu können – –
Wie lange war das schon her! Wie schnell waren die Jahre hingegangen!
Allmählich hatte sie die Welt draußen vergessen, und sie begriff nicht
mehr, daß es außerhalb des Klosters noch etwas von Wichtigkeit und
Bestand geben könne. Weltlich und sündhaft waren ihr jene Mädchen
erschienen, die, lustig und guter Dinge, das Leben sonnig fanden und von
ihren Eltern in der Stadt erzählten, von Kaffeekränzchen, Musik und
Tanz.
Eines Umstands erinnerte sie sich mit Entsetzen und stets suchte sie
ihre Gedanken daran zu verscheuchen, nur um sich das Nachfühlen jenes
Schreckens zu ersparen. An einem Osterfest, kurz nach ihrem fünfzehnten
Geburtstag, ging mit ihrem Körper etwas Neues, Unbegreifliches vor. Sie
stand vor einem Rätsel, das sie tief erschütterte. Noch sah sie sich mit
zitterndem Leib an den Fensterpfosten gelehnt und in den verregneten
Frühlingsmorgen hinausschauen. Sie wünschte aufs Innigste, zu sterben,
sie glaubte gesündigt zu haben und wußte nicht, worin diese Sünde
bestand. Sie sah das Leben als etwas Finsteres und Gewaltthätiges vor
sich stehen und fürchtete sich. Stundenlang in der Nacht lag sie weinend
auf ihren Kissen, und die Qual der Verheimlichung erdrückte sie. Sie
schämte sich vor allen, sie versteckte sorgfältig die benutzte Wäsche,
und kein Mensch fand sich, der das Dunkel ihrer kindlichen Phantasieen
gelichtet hätte. Einst, als ihre Seele durch das erneute Auftreten des
Ungewohnten in Schrecken versetzt war, ging sie, unwissend wie sie war,
ins Bad. Darauf kam die furchtbare Krankheit, deren Folgen sie niemals
verwunden hatte. Eine unsichere Empfindung des Grolls und des Hasses
beherrschte sie jetzt, wenn sie daran dachte, wieviel Schmerz ihr hätte
erspart werden können durch die verständige Offenheit einer Lehrerin
oder einer Freundin.
Aber nie hatte sie eine Freundin besessen. Von Allen war sie abseits
stehen gelassen worden. Etwas, das sie unaufhörlich bedrückte, etwas
Hoffnungsloses stand über ihrem Leben.
Sie überlegte, was sie thun könnte, um sich frei und unabhängig zu
machen. Und doch, welche Angst empfand sie vor dieser Freiheit. Sie sah
dabei immer das Bild eines einzelnen Baumes auf einer endlosen Haide,
und dieses Bild der Hülflosigkeit machte sie schwach. Wenn ich doch nur
einen Bruder hätte, dachte sie, der mich vor Beleidigungen wie der
heutigen schützen könnte. Dann dachte sie an ihre Schwester, die sich
hatte verführen lassen und die sich nun mit einem Kind elend durch die
Welt schleppte. Niemand durfte wissen, daß sie eine Schwester hatte und
wer das sei. Das hatte sie dem Oberst geschworen, und er hatte ihr unter
dieser Bedingung erlaubt, das Mädchen zu unterstützen. »Aber sei
vorsichtig dabei; denn die Gesellschaft, in der du verkehrst, und zu der
ich dich emporgehoben habe, ist schlau und argwöhnisch.«
Sie zerknüllte ihren Handschuh in der Faust. Entschlossen stand sie auf,
und bald darauf ging sie mit hastigen Schritten dem Hause des Oberst
Thewalt zu. Ihre Augen blitzten vor Kampflust.