II.

Fräulein Emilie von Erdmann erwachte seufzend aus dem Morgenschlummer.

Das Auf- und Zuklappen der Thüren hatte ihren Schlaf verscheucht. Die

dicke, ältliche Dame stöhnte sehr laut und hielt sich mit beiden Händen

den Kopf. Als der Lärm kein Ende nahm, murmelte sie Flüche und

Schimpfworte, ballte beide Fäuste gegen die unsichtbaren Feinde draußen

und rief endlich verzweifelt aus: »Mein Leben ist verpfuscht!« Dann sank

sie theatralisch in die Kissen zurück und holte ein Brustbonbon aus dem

Schubfach eines kleinen Tisches neben dem Bett.

Sie empfand jenes heftige Unbehagen, das Jeden heimsucht, der aus dem

Schlaf zu den Sorgen des Lebens zurückkehrt. Auch die Überlegung, wieder

um einen Tag älter geworden zu sein, verstimmte sie. Der Verfall ihres

Körpers war das Schauspiel, worüber sie täglich von neuem grollen mußte.

Und sie wollte noch jung sein und zur Jugend gezählt werden. Aber mit

fünfzig Jahren ist man alt, der kunstreichsten Modistin zum Trotz.

Das Dienstmädchen brachte den Morgenkaffee und Fräulein von Erdmann

beschwerte sich lebhaft über die Unruhe. »Liebste Anna,« sagte sie mit

vibrirender Stimme, »ich bin so elend, so krank. Sehen Sie her« (sie

streckte ihre Gichtfinger aus den Kissen) »wissen Sie was das ist? Das

ist der Hohn des Lebens! Geben Sie mir die Hand, Anna! Ich weiß, daß Sie

es gut mit mir meinen. Ich war nicht immer so. Ich habe Tage des Glanzes

gesehn.«

Das Mädchen lächelte kalt. Mit kecker Vertraulichkeit betrachtete es

nach Dienstbotenart die gelbe, schwammige Hand. Wieder allein, nahm die

Kranke eilig den kleinen Spiegel von der Wand und blickte starr hinein.

Sie zuckte mit keiner Wimper, ihr Gesicht nahm einen königlich strengen

und dann einen finstern, zürnenden Ausdruck an, und ihre abnorm langen,

fleischigen Ohrlappen röteten sich.

Von neuem wurden draußen die Thüren zugeschlagen, polternde Schritte

ertönten auf dem Korridor, und der neue Herr rief nach Wasser. Mit einem

Wutschrei sprang das Fräulein aus dem Bette. Sie suchte nach ihren

Strümpfen, und kramte zu diesem Zweck unter den am Boden liegenden

Wäschestücken, Zigarrenschachteln, Büchern, Zeitungen, Briefen und

Unterröcken; sogar auf dem Tisch suchte sie zwischen den Kaffeetassen,

Flaschen und Speiseresten. Aber das Erfolglose ihrer Bemühungen

erkennend, begnügte sie sich damit, einen langen, faltenlosen Mantel um

die Schultern zu hängen, der das schmutzige Nachthemd nur schlecht

verhüllte, und barfuß in ein paar zerrissene Pantoffeln von ehrwürdigem

Alter zu schlüpfen. Sie wollte schon hinausgehen, aber zwei Gründe

hielten sie von ihrem Beschwerdegang ab. Erstens, dachte sie, wird mein

Kaffee kalt und zweitens wäre diese kleine Frau Bender fähig, mich wegen

der lumpigen paar hundert Mark, die ich schuldig bin, zu enuyiren. Dies

»enuyiren« gefiel ihr; es verhüllte das am Besten, was zu denken sie

sich schämte.

Nach dem reichlichen Frühstück hatte sie ihre Morgenzigarre angezündet

und sich in schöner Pose auf die Ottomane gelegt. Da knarrte die Thür in

den Angeln und unwillig wandte die Liegende das Haupt. Sie sah Fräulein

Mirbeth im Zimmer stehen, dicht neben der Thür, die das junge Mädchen

langsam geschlossen hatte. Emilie von Erdmann sprang auf, »Was – Sie,

Fräulein!« rief sie erstaunt.

Fräulein Mirbeth antwortete nicht. Sie schaute gerade vor sich hin, aber

nicht auf einen bestimmten Punkt, sondern sie blickte weit in die Ferne

und sie schien etwas wahrzunehmen, das mehr und mehr ihre Angst erregte.

Ihre Arme hingen schlaff an dem grauen, wollenen, schwarzgemusterten

Morgenrock herab und ihre kleinen, feinen, schmalen und mageren Hände

leuchteten förmlich durch das Zimmer.

»Aber liebes Kind, was haben Sie denn?« rief Fräulein von Erdmann

erschrocken und haschte zärtlich nach der Hand dieses »Kindes,« das

einen Kopf größer war als sie.

Das junge Mädchen machte noch immer keine Bewegung. Wohl aber begannen

die Nasenflügel zu beben und die schwarzen Augen, die aus dem blassen

Gesicht hervorleuchteten wie zwei überaus glänzende Perlen, füllten sich

mit Thränen. Beständig, ohne aufzuhören, nagte sie an der Unterlippe und

dann ging ein Zucken durch ihren Körper. Sie zitterte. Plötzlich machte

sie zwei oder drei Schritte vorwärts, – schnell als fürchte sie zu

fallen, warf sich auf die Ottomane, legte den Kopf auf die verschränkten

Arme und begann zu weinen, – leise und unaufhaltsam.

Fräulein von Erdmann war ratlos. Mechanisch strich sie über das wirre,

dunkle, glanzlose Haar der Weinenden, das bei jeder Berührung knisterte

wie Seide.

Die dicke Dame suchte zu trösten. »Wer hat Ihnen denn ein Leids gethan,

Sie Arme? Ist es Ihr, – Ihr Vormund, ist es dieser schreckliche Oberst?

Sagen Sie mir alles. Unbesorgt dürfen Sie sich mir anvertrauen. Ich bin

verschwiegen wie das Grab. Vertrauen Sie mir, liebes Kind. Ist er denn

in Sie verliebt, dieser Oberst? Und hat er Sie beleidigt? Vertrauen Sie

mir!«

Und sie drängte in das junge Mädchen mit dem ganzen Ungestüm einer Frau,

die um jeden Preis ein Geheimnis zu erpressen sucht.

Fräulein Mirbeth richtete sich auf. Sie drückte einen Augenblick die

Lider zu, wie um dadurch widerwärtige Bilder hinwegzuscheuchen und sagte

schroff. »Lassen Sie mich!« Ihr Gesicht war voll Scham, und sie wußte

nicht, wohin sie den Blick wenden sollte. Mit aufgehobenen Händen stand

Fräulein von Erdmann vor ihr und sagte mehr als zehnmal: »Vertrauen Sie

mir!«

Das junge Mädchen schüttelte den Kopf und entgegnete langsam: »Verzeihen

Sie, gnädiges Fräulein. Ich war wohl recht dumm. Aber ich kann jetzt

nicht reden. Verzeihen Sie mir.« Sie nickte zerstreut und ging hastig

hinaus.

Wütend, mit verächtlich zusammengepreßten Lippen sah ihr die dicke

Gnädige nach.

Melusine: Ein Liebesroman · 第 6 / 57 题