Fräulein Emilie von Erdmann erwachte seufzend aus dem Morgenschlummer.
Das Auf- und Zuklappen der Thüren hatte ihren Schlaf verscheucht. Die
dicke, ältliche Dame stöhnte sehr laut und hielt sich mit beiden Händen
den Kopf. Als der Lärm kein Ende nahm, murmelte sie Flüche und
Schimpfworte, ballte beide Fäuste gegen die unsichtbaren Feinde draußen
und rief endlich verzweifelt aus: »Mein Leben ist verpfuscht!« Dann sank
sie theatralisch in die Kissen zurück und holte ein Brustbonbon aus dem
Schubfach eines kleinen Tisches neben dem Bett.
Sie empfand jenes heftige Unbehagen, das Jeden heimsucht, der aus dem
Schlaf zu den Sorgen des Lebens zurückkehrt. Auch die Überlegung, wieder
um einen Tag älter geworden zu sein, verstimmte sie. Der Verfall ihres
Körpers war das Schauspiel, worüber sie täglich von neuem grollen mußte.
Und sie wollte noch jung sein und zur Jugend gezählt werden. Aber mit
fünfzig Jahren ist man alt, der kunstreichsten Modistin zum Trotz.
Das Dienstmädchen brachte den Morgenkaffee und Fräulein von Erdmann
beschwerte sich lebhaft über die Unruhe. »Liebste Anna,« sagte sie mit
vibrirender Stimme, »ich bin so elend, so krank. Sehen Sie her« (sie
streckte ihre Gichtfinger aus den Kissen) »wissen Sie was das ist? Das
ist der Hohn des Lebens! Geben Sie mir die Hand, Anna! Ich weiß, daß Sie
es gut mit mir meinen. Ich war nicht immer so. Ich habe Tage des Glanzes
gesehn.«
Das Mädchen lächelte kalt. Mit kecker Vertraulichkeit betrachtete es
nach Dienstbotenart die gelbe, schwammige Hand. Wieder allein, nahm die
Kranke eilig den kleinen Spiegel von der Wand und blickte starr hinein.
Sie zuckte mit keiner Wimper, ihr Gesicht nahm einen königlich strengen
und dann einen finstern, zürnenden Ausdruck an, und ihre abnorm langen,
fleischigen Ohrlappen röteten sich.
Von neuem wurden draußen die Thüren zugeschlagen, polternde Schritte
ertönten auf dem Korridor, und der neue Herr rief nach Wasser. Mit einem
Wutschrei sprang das Fräulein aus dem Bette. Sie suchte nach ihren
Strümpfen, und kramte zu diesem Zweck unter den am Boden liegenden
Wäschestücken, Zigarrenschachteln, Büchern, Zeitungen, Briefen und
Unterröcken; sogar auf dem Tisch suchte sie zwischen den Kaffeetassen,
Flaschen und Speiseresten. Aber das Erfolglose ihrer Bemühungen
erkennend, begnügte sie sich damit, einen langen, faltenlosen Mantel um
die Schultern zu hängen, der das schmutzige Nachthemd nur schlecht
verhüllte, und barfuß in ein paar zerrissene Pantoffeln von ehrwürdigem
Alter zu schlüpfen. Sie wollte schon hinausgehen, aber zwei Gründe
hielten sie von ihrem Beschwerdegang ab. Erstens, dachte sie, wird mein
Kaffee kalt und zweitens wäre diese kleine Frau Bender fähig, mich wegen
der lumpigen paar hundert Mark, die ich schuldig bin, zu enuyiren. Dies
»enuyiren« gefiel ihr; es verhüllte das am Besten, was zu denken sie
sich schämte.
Nach dem reichlichen Frühstück hatte sie ihre Morgenzigarre angezündet
und sich in schöner Pose auf die Ottomane gelegt. Da knarrte die Thür in
den Angeln und unwillig wandte die Liegende das Haupt. Sie sah Fräulein
Mirbeth im Zimmer stehen, dicht neben der Thür, die das junge Mädchen
langsam geschlossen hatte. Emilie von Erdmann sprang auf, »Was – Sie,
Fräulein!« rief sie erstaunt.
Fräulein Mirbeth antwortete nicht. Sie schaute gerade vor sich hin, aber
nicht auf einen bestimmten Punkt, sondern sie blickte weit in die Ferne
und sie schien etwas wahrzunehmen, das mehr und mehr ihre Angst erregte.
Ihre Arme hingen schlaff an dem grauen, wollenen, schwarzgemusterten
Morgenrock herab und ihre kleinen, feinen, schmalen und mageren Hände
leuchteten förmlich durch das Zimmer.
»Aber liebes Kind, was haben Sie denn?« rief Fräulein von Erdmann
erschrocken und haschte zärtlich nach der Hand dieses »Kindes,« das
einen Kopf größer war als sie.
Das junge Mädchen machte noch immer keine Bewegung. Wohl aber begannen
die Nasenflügel zu beben und die schwarzen Augen, die aus dem blassen
Gesicht hervorleuchteten wie zwei überaus glänzende Perlen, füllten sich
mit Thränen. Beständig, ohne aufzuhören, nagte sie an der Unterlippe und
dann ging ein Zucken durch ihren Körper. Sie zitterte. Plötzlich machte
sie zwei oder drei Schritte vorwärts, – schnell als fürchte sie zu
fallen, warf sich auf die Ottomane, legte den Kopf auf die verschränkten
Arme und begann zu weinen, – leise und unaufhaltsam.
Fräulein von Erdmann war ratlos. Mechanisch strich sie über das wirre,
dunkle, glanzlose Haar der Weinenden, das bei jeder Berührung knisterte
wie Seide.
Die dicke Dame suchte zu trösten. »Wer hat Ihnen denn ein Leids gethan,
Sie Arme? Ist es Ihr, – Ihr Vormund, ist es dieser schreckliche Oberst?
Sagen Sie mir alles. Unbesorgt dürfen Sie sich mir anvertrauen. Ich bin
verschwiegen wie das Grab. Vertrauen Sie mir, liebes Kind. Ist er denn
in Sie verliebt, dieser Oberst? Und hat er Sie beleidigt? Vertrauen Sie
mir!«
Und sie drängte in das junge Mädchen mit dem ganzen Ungestüm einer Frau,
die um jeden Preis ein Geheimnis zu erpressen sucht.
Fräulein Mirbeth richtete sich auf. Sie drückte einen Augenblick die
Lider zu, wie um dadurch widerwärtige Bilder hinwegzuscheuchen und sagte
schroff. »Lassen Sie mich!« Ihr Gesicht war voll Scham, und sie wußte
nicht, wohin sie den Blick wenden sollte. Mit aufgehobenen Händen stand
Fräulein von Erdmann vor ihr und sagte mehr als zehnmal: »Vertrauen Sie
mir!«
Das junge Mädchen schüttelte den Kopf und entgegnete langsam: »Verzeihen
Sie, gnädiges Fräulein. Ich war wohl recht dumm. Aber ich kann jetzt
nicht reden. Verzeihen Sie mir.« Sie nickte zerstreut und ging hastig
hinaus.
Wütend, mit verächtlich zusammengepreßten Lippen sah ihr die dicke
Gnädige nach.