Gegen Abend des nächsten Tages – es war der 1. November – bezog Falk
seine neue Wohnung. Als er mit Auspacken und Ordnen seiner
Habseligkeiten fertig war, ging er in die Küche, um die Magd nach etwas
zu fragen. Die Küchenthüre stand halboffen und er wollte sie schon
aufstoßen, als ihn der Anblick einer weiblichen Gestalt, welche drinnen
ganz nahe an der Thür stand, daran hinderte. Diese Gestalt war groß und
schlank, fast hager. Das ihm zugewandte Profil zeigte herbe und unschöne
Linien, ja, es erschien ihm fast abstoßend. Soviel er im Dunkeln
urteilen konnte, war sie noch sehr jung; er hörte eine schleppende und
etwas gewöhnliche Stimme, die mit dem Tonfall einer Ermüdeten der Magd
Erklärungen irgend welcher Art gab.
Vidl Falk wandte sich rasch ab, um nicht gesehen zu werden; aber in
diesem Augenblick kam das Fräulein Bender aus dem Wohnzimmer und fragte
nach seinem Begehr. Während er noch mit ihr sprach, verließ das
schlanke, junge Mädchen die Küche und ging an ihnen vorbei. Falk sah
ihr nicht ins Gesicht, obwohl er ihre Züge jetzt genau hätte sehen
können, da die Magd mit der Korridorlampe folgte. Nur flüchtig musterte
er ihren Schlafrock von düsterroter Färbung mit den Aufschlägen an der
Brust und dem Brokatverputz. Doch obwohl er der Vorbeigehenden durchaus
keine Beachtung schenkte, hörte er doch auch nicht darauf, was das
kleine, spöttische Fräulein Bender sagte. Eine Unruhe, die freilich nur
einige Sekunden dauerte, hatte ihn daran verhindert.
»Wer war denn das?« fragte er nachher ganz gleichgültig die Kleine.
Das Mädchen streifte ihn mit einem kurzen Seitenblick und sagte mit
komischer, fast komödiantischer Wichtigkeit: »Das war Fräulein Mirbeth.«
Falk glaubte etwas Gehässiges aus dem Ton dieser Antwort zu hören, nicht
gegen ihn, sondern gegen jene Dame. Nach Monaten noch erinnerte er sich
der ironischen Betonung des Namens und des überlegen gespitzten Mundes
mit der hervortretenden Unterlippe.
Noch in derselben Nacht schrieb Vidl Falk die folgenden, etwas
jugendlich klingenden Sätze in sein Tagebuch: »Ich bin ruhig und
glücklich jetzt, – beglückt von der Einsamkeit und allerlei unnützen
Gedanken. Und doch fühle ich etwas Leeres in mir, eine Lücke, ein Loch.
Sollte dies das Weib sein? Ich glaube kaum. Man kann sich doch nicht
nach dem Giftbecher sehnen.«
Auf der ersten Seite dieses Tagebuchs befanden sich in lapidaren Lettern
die prunkvollen Worte: Die reine Wahrheit.