I.

Wenige Menschen verstehen es, ihre Wünsche im Bereich des Möglichen zu

lassen. –

Nach monatelangem Hungern war es Vidl Falk endlich gelungen, ein

Stipendium von der Hochschule zu erhalten. Mehr hatte er nicht

gewünscht. Er betrachtete sich als gemachten Mann und strebte, sich das

Leben etwas gemächlicher einzurichten. Mit der ganzen Besitzesfreude

eines Kapitalisten trug er sein Vermögen spazieren. Jedoch vermied er

das Gedränge der Verkehrsstraßen, denn er fürchtete sich vor

Taschendieben. Wenn er beim Mittagessen die Zeitung zur Hand nahm, so

studierte er zuerst unter der Rubrik »Lokalnachrichten« die Aufzählung

der Diebstähle und der verlorenen Geldbörsen.

Der plötzlich eingetretene Reichtum berauschte ihn. Die schmale,

armselige Zelle, in der er bis jetzt gehaust, ekelte ihn auf einmal an.

Er kündigte und ging aus, ein Zimmer zu suchen, das mit seinen Träumen

möglichst übereinstimmen sollte. Der erfinderische Sinn münchner

Vermieterinnen, der schon den Aushängezettel mit jenen feinen Nüancen

versieht, welche auf den Preis schließen lassen, erleichterte ihm das

Suchen.

Eines Nachmittags erkletterte er die zwei steilen Treppen eines ziemlich

vornehmen Hauses in der Heßstraße. »Pension Bender« stand an der

Korridorthüre.

Ein kleines, zierliches Fräulein führte ihn in das ausgeschriebene

Zimmer. Leutselig und mit weltmännischem Behagen betrachtete Falk die

vier Wände des Zimmerchens und beklagte, daß keine Ottomane oder »so was

Ähnliches« vorhanden sei. Derselbe herablassende junge Mann hatte sich

vor noch nicht vier Tagen mit einem Mittagessen begnügt, das aus einem

für zehn Pfennige Äpfel bereiteten Mus und mit einem Abendessen, welches

aus purem Schwarzbrot bestand.

Mit ironischem Lächeln beobachtete ihn das junge Mädchen. Es schien

seine Spottlust mit Mühe zu zügeln.

»Warum lachen Sie denn?« fragte Falk indem er ein möglichst gutmütiges

Gesicht machte, fügte aber sogleich hastig hinzu, daß er das Zimmer

mieten würde. »Wer wohnt denn sonst noch bei Ihnen?« fragte er, mit der

Nase in der Luft schnuppernd, denn es roch nach Weihrauch.

Das Mädchen ließ ein helles, hölzernes Lachen hören und erwiderte:

»Nebenan wohnt Doktor Brosam – er ist Arzt und er mag den Weihrauch

sehr gern –«

»Pfui!«

»Dann ein Fräulein von Erdmann, eine Gelehrte, und Fräulein Mirbeth. Das

ist alles.«

»Eine Gelehrte –? Jung?«

Melusine: Ein Liebesroman · 第 4 / 57 题