Welches Schwanken in den Worten und Briefen, die sie um diese Zeit mit

der Bende tauschte. Sie, die aktive männliche, phantasierte sich fast in

die Rolle einer Hörigen der Bende hinein. Mitten in den schrecklichen

Meldungen von Links Zustand schrieb sie: „Wenn ich es mit Link geschafft

habe, dann werde ich dir wohl genug bewiesen haben, daß ich nur um

deinetwillen, mein Lieb, es durchgesetzt habe.“ Einmal unter dem Geraune

und Gerede und falschen Befürchtungen nahm die Link den Rest des Giftes

und warf es in das Klosett und dann stand sie ratlos da. Der Entschluß,

Link zu beseitigen, drängte, vergewaltigte sie. Sie zergrübelte sich den

Kopf, was sie anfangen sollte. „Grete versuch doch mal, ob du etwas

bekommst. Ich könnte mir alle Haare ausreißen. Warum mußte ich doch so

töricht sein? Nun ist alles Essig. Gretchen, verschaff mir bitte, bitte,

etwas. Ich glaube kaum, daß ich mal richtig von ihm frei komme und ich

muß, ich will ihn los sein. Denn ich hasse ihn zu sehr.“ Und die Frauen

saßen zusammen, weinten; sie hatten sich zu Schweres übernommen. Die

mißtrauische Bende fühlte heimliche Vorwürfe aus der Art ihrer Freundin:

ihr war weh ums Herz, wie sie einmal schrieb, sie fühlte ihre Schuld und

fürchtete für ihre Liebe.

Elli ging noch einmal zu dem Drogisten. Bekam das Gift wieder. Das Opfer

lag inzwischen zu Hause herum oder lief zu Ärzten. Sie stellten Grippe

fest. Seine Wutausbrüche ließen nach. Aber der finstere, mürrische

Mensch blieb er. Die Verstimmung über seinen kläglichen Zustand entlud

er von Zeit zu Zeit an der Frau. Er war ein Arbeitstier. Wenn er nur

heraus könnte, arbeiten könnte. Manchmal, wenn er Elli ansah, empfand er

Reue. Sie saß neben ihm und weinte; er wußte nicht warum. Keine

Aufhellung seiner Seele, keine Erwärmung bis zuletzt. Die Vergiftung

ergriff den Magen und Darm, machte schwere katarrhalische Entzündungen.

Erbrechen, choleraartige Durchfälle traten besonders nach den großen

Dosen auf. Sehr blaß und grau wurde er, der Kopfschmerz, die

Neuralgieen, Schwäche im ganzen Körper. Bisweilen Herzanfälle,

ohnmachtsartige Zustände, Delirien.

Die schrecklichen Tage Ende März vor seinem Ende verbrachten die beiden

Freundinnen in größter Anspannung. Die Bende war die ruhigere trotz

ihrer Furchtsamkeit: sie war fern vom Schuß und vor allem, sie fühlte

immer selig, daß hier etwas für sie geschah. Sie schwatzten beide noch

phrasenhaft, es solle bald niemand mehr ihr Glück zerstören. Dabei waren

sie oft in fieberhafter Angst. Immer wieder sprach die Bende der

Freundin Ruhe zu, warnte sie, nur bei einer eventuellen Vernehmung

später keine Reue zu verspüren und es einzugestehen. Sie erschrak einmal

freudig, als die Link morgens früh zu ihr kam; dachte schon, sie brächte

eine bestimmte Nachricht.

In der Seele Ellis war für Link selten eine Empfindung. Sie war nun

beherrscht von dem Gedanken: es muß ein Ende damit sein. Sie hatte noch

manchmal Haß auf den Mann, weil dieser Zustand zu lange dauerte. Oft

auflebend, oft von ihr gerufen die betäubende süße Faszination, das sehr

hilfreiche Gefühl: ich tue es für meine Freundin, ich beweise ihr meine

Liebe, nachdem ich ihr solchen Schmerz mit meiner Rückkehr bereitet

habe. Sie hatte sich damals fast mit Gewalt, wie nie vorher, in diese

Liebe gestürzt. Aber leise und manchmal trat jetzt die Liebe zurück vor

der Neigung mit allem ein Ende zu machen. Mit dem Nachlaß des Hasses auf

Link sank auch die Liebesempfindung. Ein Zurück aber gab es nicht. Sie

hegte Todesgedanken gegen sich selbst. In die Form gehüllt, sie würde

sich einer Bestrafung entziehen, sprach sie verschleiert davon: „Kommt

es an den Tag und ich müßte büßen, so machte ich sofort Schluß mit mir.“

Und ein andermal: „Wenn es an den Tag kommt, was mir gleich ist, dann

sind meine Tage gezählt wie seine.“

* * * * *

Gegen Ende März 22 ging wieder das Gift aus und da konnten beide, die

Link und die Bende, das Leiden, die Angst, das Hangen und Bangen nicht

mehr ertragen. Die Bende willigte ein, daß die Frau den Mann ins

Krankenhaus schaffte. Die Energie Ellis war gebrochen. Sie schrieb der

Freundin, schwach und dankbar: ja, sie werde es tun; und wenn sie zum

zweiten Mal heirate, so werde sie ihre Freundin heiraten.

An dem Tage, an dem Link in das Lichtenberger Krankenhaus gebracht

wurde, am 1. April 22, starb er, 30 Jahre alt.

Der Frau war ein Stein vom Herzen gefallen. Sie dachte nicht eigentlich

an Link. Sie tat nach außen vergrämt, aber war ganz glücklich, erlöst.

Worüber? Daß sie nicht mehr töten brauchte, daß sie sich selbst wieder

hatte, daß ihr eigenes Kranksein jetzt zu Ende ging. Das Pendel ihrer

Seele mußte sich jetzt, hoffte sie, wieder einstellen. Ja, was war alles

geschehen? Sie empfand nur unklar, daß eine Fülle von Schrecklichem

jetzt gewichen war. Keine Rohheit gegen den toten Mann war in ihrem

Gefühl, weil kaum ein Gedanke an ihn. Ja, sie konnte jetzt in manchen

Augenblicken, wo sie an ihn dachte, wehmütig sein. Einen Brief schrieb

sie in diesen Tagen an ihre Eltern: Link sei besser geworden; er habe

zuletzt sein Versprechen gehalten. Sie konnte vor sich und vor anderen

nur gut von ihm sprechen. Ihr war ein Glück geschehen; sie kam in ihr

altes, reinliches, glattes Milieu. Nach der ängstlichen Gespanntheit der

letzten Wochen kam ein freudiger Überschwang. Es war ein Durcheinander;

sie sah nichts ab.

Gegen die Bende hielt sie wie immer einige Gefühle zurück und war nur

Freude. Sie dachte schon an eine weitere Zukunft: wollte vorläufig nicht

heiraten, aber vielleicht später, wenn sich etwas bietet, wo sie in die

Wirtschaft kommt und wo einer einen Geldbeutel mitbringt. „Nun bin ich

die junge lustige Witwe,“ jubelte sie, ohne auf das Gefühl der Bende

Rücksicht zu nehmen, „mein Wunsch war ja, Ostern frei zu sein. Da ich

nichts anzuziehen habe, nun kann ich mir etwas kaufen. Und wenn sollte

mal das Glück auch an dich herantreten und Mutter dann nach hier kommt,

dann kennt sie uns nicht wieder. Dann sind wir die lustigen Witwen aus

Berlin.“

Die Bende hatte sich in den letzten Wochen schrecklich geängstigt und

konnte den Termin der Beerdigung nicht erwarten. Bei der Tötung Links

fand sie sich als der Hehler, der so gut ist wie der Stehler. Sie ging

nicht mit zu der Beerdigung, aber ihre Mutter. Sie glaubte, die Freundin

beruhigen zu müssen: „Der größte Schuft ist, der heute unter der Erde

liegt. Der Kerl müßte im Grab keine Ruhe finden.“ Aber am gleichen Tag

schrieb sie: „Mein Lieb, ob du in dem Moment an mich denkst, wo er in

die Gruft gesenkt wird, da ich doch eigentlich am allermeisten die

Hauptschuldige bin. Mir brennt das Gesicht wie Feuer. Es ist jetzt zehn

nach ein halb vier. Gleich, wenn alles pünktlich ist, beginnt die

großartige Feier und der Herr Kommunist marschiert von dieser Welt.“

Elli hatte keine Ermunterung nötig. Zynisch und übermütig, aber nicht

ganz ehrlich, renommierte sie vor der Freundin: „Habe alles

durchgeführt, was ich im Schilde hatte. Habe dadurch meine Liebe

bewiesen, daß mein Herz nur für dich schlug und Link Liebe vorgeheuchelt

bis auf den letzten Tag. Wo du manchmal sagtest: ich hätte Mitleid mit

ihm. Nein, mein Lieb. Nun bin ich erst glücklich, daß ich es für vier

Mark geschafft habe und seine gottlose Schnauze gestopft habe.“

Aber dann kamen schon mehr und mehr Ernüchterungen, Entspannungen bei

Elli. Der Frau Schnürer erzählte sie, der Mutter Gretens, vom

Krankenlager Links, wie er immer arbeiten wollte und wie sie oft weinte,

weil er es jetzt so gut mit ihr meinte. Sie saß oft wehmütigen Gesichts

da. Die Faszination ließ nach. Es war nicht die Furcht vor Strafe bei

ihr wie bei der Bende, sondern die beginnende schreckliche Klarheit, das

Zurückschwingen in den alten Zustand. Betrübt sah die Bende sie an,

fühlte, daß sich Elli auch gegen sie richtete: „Du gibst mir ein großes

Rätsel zu raten auf. Was mach ich mir für Gedanken und Vorwürfe. Auch

wenn ich bei dir bin, so ist das von dir zu mir alles so gezwungen, als

wenn du mir bloß immer sagen willst, ich habe Schuld, daß du das gemacht

hast.“ Die Betrübnis der Bende war groß. Sie sagte einmal verzweifelt,

sie gebe sich an allem schuld; Elli liebte sie nicht wirklich; sie hätte

damals, als sie zurückkehrte zu Link, ein glückliches Leben anfangen

können.

Elli, die Witwe, hob sich aus ihrer unklaren Trauer, verteidigte sich

vor der Freundin: „Liebes Gretchen, wie kannst du sagen, daß ich mich um

Link habe. Bin ich denn nicht rüdig genug? Wenn das alles Zwang wäre,

wäre ich nicht so ausgelassen. Glaube mir, daß sich mir nicht eine Faser

gerührt hat. Ich war kalt und habe alles mit kaltem Herzen gemacht und

ich bereue es auch nicht im Geringsten. Ich bin nur froh und glücklich,

daß ich erlöst bin.“

* * * * *

Um diese Zeit tat die Bende, wetteifernd und werbend um die Freundin,

tat so, als wäre sie aktiv und wollte auch ihren Mann beseitigen. Es

waren vielleicht solche hingerissene, rauschartige Gedanken in ihr. Sie

wurde um diese Zeit sehr durch den Schmerz und die Angst um die Freundin

bedrängt. Aber wenn sie einen Schritt vorwärts machte, ging sie zwei

zurück. Sie besuchte die verhutzelte Wahrsagerin Feist, holte Tropfen,

erzählte ihrer Freundin, sie gebe sie dem Mann. Sie war sehr aufgewühlt

und durch die Liebe zu ihrer Freundin zu Dingen gedrängt, die außerhalb

ihrer Natur lagen. Sie haßte ihren Mann gar nicht, und wenn sie Elli

umarmte, bei aller Lust trauerte und weinte sie, drängte zu ihrem Mann.

Immer vertröstete sie die Freundin: „Warte auf mich und bleibe mir treu.

Es wird ja doch hier ein Weilchen vergehen.“ Zugleich dabei der

verzückte Gedanke, Elli zu sich zu holen, mit ihr und der Mutter zu

leben. Schrecklich klang es der Bende, der warmblütigen, gefühlsvollen,

als die Freundin ihr keck zurief, bis Pfingsten spätestens sollte die

Freundin frei sein für sie. Die Bende las bedrückt, was Elli lockend

schrieb: wie schön es jetzt sei, allein, nicht zu rennen, den Pudel zu

spielen, auf nichts mehr Rücksicht zu nehmen. Das Kindliche und Harte in

Elli, das Lustige, Unbekümmerte und zugleich Eisige wurde auch ihr

sichtbar. Jetzt war die Bende in einem Konflikt, fast in einer Krise. Es

war ihr beinah lieb, daß die Katastrophe, die Entdeckung hereinbrach.

* * * * *

Man hatte bei Link geschwankt zwischen Grippe, Malariafieber und

Vergiftung durch Methylalkohol. Auf dem Totenschein schrieb man

Vergiftung durch Methylalkohol. Die Mutter Links, gehässig auf Elli,

brachte den Stein ins Rollen. Elli hatte ihr erst nach seinem Tode

Mitteilung von seiner Erkrankung gemacht und dann gesagt, er sei an

Alkoholvergiftung gestorben. Sie ging zur Polizei, beschuldigte die

Schwiegertochter. Es erfolgten Vernehmungen. Die Leiche wurde durch

Gerichtsärzte obduziert, Leichenteile dem Chemiker Dr. Br. zur

chemischen Untersuchung überwiesen. Die chemische Untersuchung verlief

ergebnislos auf Methylalkohol oder Arzneimittel. Sie erwies das

Vorhandensein ganz erheblicher Mengen von Arsen. Die vorgefundenen

Mengen genügten für den Tod mehrerer Menschen. Die Gerichtsmedizinalräte

stellten chronische Arsenvergiftung fest mittels unerhört großer

Arsenmengen.

Die Haussuchung in der Wohnung der Frau Link förderte einen Stoß Briefe

zu Tage, eben die Briefe der Bende, dazu eine Anzahl ihrer eigenen, die

die Bende ihr zurückgegeben hatte. Die Briefe hatte sie zum Teil in

ihrer Matratze verwahrt. Frau Bende war in diesen Tagen des

niedergehenden Gewitters bettlägerig. Am 19. Mai, anderthalb Monate nach

dem Tode Links, erfolgte die Verhaftung seiner Witwe. Am 26. Mai wurde

Frau Bende festgesetzt. Die Ermittelungen gingen auch gegen die Frau

Schnürer.

Die kurzen Mitteilungen über die Vorfälle in der Presse erregten enormes

Aufsehen. Das Ermittelungsverfahren zog sich fast ein Jahr hin. Die

Hauptverhandlung wurde vom 12.-16. März 23 in Berlin am Landgericht

geführt.

Elli Link war von Anfang an geständig. Sie war ein verschüchtertes

Schulmädel. Dann regte sich ihr Trotz. Der Haß auf den Mann lebte auf;

sie fühlte sich schuldlos; hatte sich nur verteidigt, den Bösewicht

beseitigt.

Ihre Freundin war erschüttert, aufs Fürchterlichste verängstigt. Und –

befreit. Ihr altes, sehr schlechtes Gewissen saß ihr im Nacken. Sie

hatte auch ein schlechtes Gewissen gegen ihre Freundin. Es war ihre

unfreie Art, sich schuldig zu fühlen, aber auszuweichen, sich hinter

tönender Entrüstung zu verstecken. Sie leugnete bis in die

Hauptverhandlung; ein dünnes, sehr durchsichtiges Lügen.

* * * * *

In der Haft kam Elli zu sich. Die Faszination war völlig gewichen.

Ihr war unklar, wie alles gekommen war; sie schrieb in der

Untersuchungshaft: „Wie soll ich dieses noch schildern. Es ist und

bleibt mir verschleiert, es bleibt mir alles nur ein Traum.“ Kein Gefühl

der Gefahr in ihr. Es war nicht mehr der heiße Grimm auf Link, der in

ihr lebte, aber allgemeine Dumpfheit und Bitterkeit, die sich auch gegen

den toten Link richtete, eine dumpfe, bittere Ablehnung, ein

entschiedener Widerwille, an dem sie sich erholte. Ein sicheres

Festhalten seiner Rohheiten und Bosheiten. Damit wurde sie aktiver und

bewegte sich. Die Eltern in Braunschweig setzten sich in Bewegung ihr zu

helfen. Wie unbesorgt Elli war, zeigte ihre Erbitterung auf die Mutter

des Link, die die Anzeige erstattet hatte und sogar jetzt sich an die

Sachen Ellis, oder den Nachlaß Links heranmachte. Elli alarmierte den

Rechtsanwalt, der früher ihre Scheidungsklage geführt hatte; ob sie sich

das gefallen lassen müsse. Sie machte ihre Eltern und Geschwistern in

einem Brief Ende 22 Vorwürfe: man hätte ihre Sachen aufbewahren sollen.

Alles, was in ihrem Besitz war, sei fort, sie könnte sich die Haare

einzeln ausreißen. „Die Alte sucht Grund, um mich zu belasten, aber

fällt ein Wort, dann melde ich mich zum Wort, denn das Maß läuft doch

mal über. Link hatte doch nichts weiter als die zerrissene Wäsche. Wenn

die Rechtsanwälte sich nicht große Mühe geben, kann ich mich auf Jahre

gefaßt machen. O, die Frau. Warum erzieht sie so herzlose Kinder?

Vielleicht laufe ich barfuß; das könnte der Alten gefallen.“ Sie

berichtet dann, daß das Wetter hier noch immer schön sei, die Luft sei

herrlich: „Werdet nur nicht krank, ich möchte doch alle gesund und

munter wiedersehen. Haltet mir bitte meine Sachen in Ordnung; ich muß

sehen, was ich mache; denn ich habe viele Verpflichtungen. Es grüßt Euch

von Herzen Eure Tochter und Schwester Elli.“

Es hatte ihr geschienen, als ob sie ganz frei von Link geworden wäre,

als ob sie sich von ihm befreit hätte. Aber sie war nicht in ihr altes

Gleichgewicht zurückgeschwungen. Jetzt, wo die Faszination des Hasses

und die Liebesleidenschaft gewichen war, wo man sie seinetwegen strafen

wollte, fing sie wieder an, mit ihm zu kämpfen. Sie trug ihn noch mit

sich herum. Tieferes in ihr war mit ihm verbacken. Sie träumte viel und

schwer in der Untersuchungshaft. Einiges schrieb sie auf. Hier sind ihre

Träume.

„Mein Mann und ich gingen durch einen Wald, kamen an einen eingezäunten

Abgrund vorbei. Wir kamen ins Gruseln, in diesem Abgrund hielten sich

Löwen auf. Link schimpfte und sagte: ich werfe dich gleich hier

hinunter! Schon lag ich tief unten. Die Löwen stürzten sich auf mich

los, aber ich streichelte und liebkoste die Tiere, gab auch meine

Stullen zu fressen. Diese Tiere taten mir nichts. Kletterte den Abhang

beim Füttern herauf und sprang dann über den Zaun. Link aber sagte

wütend: Du Aas krepierst nicht. Hier war eine Tür, die nur angelehnt

war. Ich gab Link einen Stoß, der stürzte hinunter. Die Löwen haben ihn

zerrissen und lag mit dort in einer großen Blutlache.“

„Ich saß mit einem kleinen Mädel im Zimmer und spielten, scherzten,

liebkosten. Lehrte ihr einige Sätze, die die Kleine sagen sollte, wenn

Link nach Hause kam. Als wir ihn sahen, gingen wir Link entgegen und

sagten: Guten Tag, Papa, wie ist der Tag verlaufen. Als die Kleine auch

einige Wörter hervorbrachte, sagte er: das Jör ist auch ganz ein Schlag

nach dir. Riß mir das Kind weg, faßte es an den Beinen und schlug es mit

dem Kopf auf die Tischecke.“

„Link kaufte einen kleinen Hund. Er wollte den Hund zum Wachen erziehen.

Nahm den Stock und haute das Tier ganz fürchterlich. Der Hund schrie

schon, wenn er Link seine Stimme hörte. Ich konnte dieses nicht mit

ansehen und schalt darüber, daß er das Tier so schlug: ‚Du erreichst im

Guten und Lieben viel mehr.‘ Da Link nicht hörte, nahm ich ihm den Stock

fort und schlug ihn damit über den Kopf, daß er tot umfiel.“

„Es lagen im Saal lauter Tote. Dieselben sollte ich waschen und

anziehen, ich aber durch Unvorsichtigkeit eine Bank umstoßte. Fielen die

Toten alle zu Boden, beim Aufnehmen bekam ich das Gruseln, wollte so

schnell eilen und rufen. Aber ich kam beim Laufen nicht von der Stelle

und der Ruf blieb mir im Halse stecken.“

„Hatte Termin. Meine Strafe wurde sehr hart. Als ich mir den Kopf

zerbrach: wie endest du nun am leichtesten, kam eine Aufseherin und

meinte: ich helfe ihnen. Nahm ein Messer und schnitt mir den Körper

durch.“

„Ich hörte mein Muttchen rufen und ging ans Fenster. Da hörte ich jemand

in meine Zelle kommen. Der riß mich vom Fenster.“

„In meinem Zimmer hatte ich eine ganz kalte Person, ob eine Sie oder

einen Er weiß ich nicht; ob die Gestalt tot war, weiß ich auch nicht. Es

tat mir so sehr leid, daß die Person so kalt war. Nahm ich einige

glühende Kohlen aus dem Ofen und legte dieselben ans Bett, um damit die

Person erwärmt werden sollte. Aber im Nu stand alles in Flammen und ich

war ganz von Sinnen, glich einer Wahnsinnigen. Wer mir dieses Gefühl

nachfühlen kann, wenn man erwacht und ist nichts von wahr.“

„Eine Person stand mit einem Eimer, worin eine Schlange lag, im Zimmer.

Die Person zeigte der Schlange den Weg, wo dieselbe schleichen sollte,

und diese umzingelte mich und biß mich in den Hals.“

„Ich betrachtete eine weiße Fahne mit einem schwarzen Adler, rauchte

eine Zigarette dabei. Aus Versehen brannte ich ein Loch herein. Wurde

darum vors Kriegsgericht geführt, und bekam lebenslänglich Zuchthaus.

Aus Verzweiflung erhängte ich mich.“

„Wir übten uns im Ballfangen, mit vier Bällen. Die Bälle färbten sich in

der Luft. Mit einem Mal hatten sich die Bälle verwandelt in Köpfe, die

mich so anguckten, daß ich angst und bange wurde. Da bekam ich das

Gruseln und lief fort. Aber ich strengte mich so sehr an und kam nicht

von der Stelle. Da rief ich Muttchen, steh mir doch bei. Aber auch

dieses blieb im Halse stecken. Als ich erwachte, war ich wie in Schweiß

gebadet.“

„Ging über Land. Als wir eine Mühle erlangten, betraten wir dieselbe und

baten um etwas Mehl. Der Müller so hartherzig war und uns die Tür wies,

ärgerte ich mich wahnsinnig, gab ihm einen Stoß und flog ins Mühlrad.

Dort wurde er ganz zerstückelt.“

„Mein Mann hatte immer die Absicht, ins Ausland zu wandern. Der Wunsch

ging in Erfüllung, wo er mich mitnahm. Auf dem Schiff wunderte ich mich

über alles, was ich sah, wollte auch viel wissen. Durch dieses viele

Fragen wurde Link ungemütlich und warf mich über Bord. Dieses hatte

jemand gesehen und wurde gerettet. Als ich wieder bei Link war, paßte

ihm das nicht; ich wurde ihm lästig. Da packte es mich wieder, daß er

mich erst mitlockte, nun wollte er mich lossein. Da gab ich ihm einen

Stoß. Link fiel so unglücklich ins Wasser und kam nicht wieder zum

Vorschein. Aber ich sehe ihn immer hinter mir kommen.“

„Hast mir doch immer versprochen, wolltest mir ein Paar Schuhe kaufen,

kannst mir den Wunsch doch erfüllen. ‚Ja, ich werde dir ein Paar

Holzschuhe kaufen. Sind gut genug für dich.‘ Ich sagte nein, danke, dann

will ich keine. Für dieses ‚Danke‘ schlug er mich an den Kopf, so daß

ich nicht wußte, was um mich her war. Als ich langsam wieder zur

Besinnung kam, saßen wir in der Straßenbahn. Link sagte: hast du nun

ausgemault? Da überlegte ich erst, was überhaupt los war. Da konnte ich

mich nicht beherrschen. Beim Aussteigen stieß ich ihn vor die

Straßenbahn, wurde auch gleich überfahren, so daß er ganz zerstückelt im

Blute lag.“

Öfter erschienen im Gefängnis vor Ellis Augen im Traum und Halbschlaf

Gegenstände und Gesichter, die sich gewaltig vergrößerten. Sie sagte,

die Augen schmerzten ihr davon; sie bekam Angstgefühle und Herzklopfen,

daß sie oft nicht wußte, was sie machen sollte. Sie ertappte sich beim

traumhaften Herumwandeln. Sie bangte sich vor der Nacht, machte kalte

Abreibungen. Das tat ihr wohl; aber die schlimmen Träume verschwanden

nicht.

Die andere, die Bende, hatte auch oft nachts ihren Mann vor Augen. Er

drohte ihr mit Dolch und Beil. Eine furchtbar drückende Angst

überwältigte sie dann. Sie träumte aber auch Leichteres, Angenehmeres.

Sie lief über grüne Wiesen mit vielen Blumen, sah manchmal klaren

Schnee, spazierte mit ihrem Hund. Sehr oft träumte sie von ihrer Mutter

und weinte im Schlaf, so daß eine Frau, mit der sie zusammen war, sie

weckte. Sie sah, wie ihr Mann mit ihrer Mutter tobte. Dann träumte sie

von Frau Link, von ihrer Elli, die vor ihr stand, weinte und sagte:

„Link hat mich wieder so geschlagen.“

Elli war heftig von den Ereignissen, der Inhaftierung, den Vernehmungen,

angegriffen worden. Sie kam nicht nur zu sich; es trat, die Träume

zeigten es, eine Veränderung in ihr ein. Jetzt erst sah sie völlig und

deutlich ihre Tat, jetzt erst war Link wirklich durch Gift von ihr

getötet worden. Das Aufhören der Leidenschaftsfaszination bewirkte das

im Zusammenhang mit den Familiengefühlen, Elterninstinkten, die die Haft

und das Gericht sehr lebendig gemacht hatten. Von hier strömten jetzt

übergroße Massen gesellschaftlicher Impulse. Während sie bei Tag

scheinbar lustig und ruhig sich bewegte, war sie in der Nacht und im

Traum Objekt der heftig aufflackernden, fest in ihr sitzenden,

bürgerlichen Impulse. Sie drängte zu den Eltern, zur Mutter: sie wollte

zu ihrem Muttchen, das sie rufen hörte, aber man riß sie aus der Zelle

vom Fenster zurück. Das war die Straftat, die sie von der Mutter

entfernte.

Sie arbeitete vergeblich und immer wieder an dem Faktum: „Link ist tot,

ich habe ihn ermordet,“ und wurde damit nicht fertig. Wiederholte sich

in ihren Träumen dauernd den Mordvorfall, mußte immerzu morden, –

dazu trieben die Elterninstinkte – und brachte immer neue

Rechtfertigungsversuche vor. Ihre Träume waren ein ständiger Kampf; der

Versuch der anklagenden Elterninstinkte, sich schrankenlos zur

Herrschaft zu bringen und die Widerwehr der übrigen Kräfte Ellis

dagegen, auch in der heilsamen Absicht, einer Überschwemmung durch die

fürchterlichen lähmenden Gewalten zu entgehen. Als Rechtfertigung führte

sie sich den bildlichen Sturz in den Abgrund zu den Löwen vor. Elli

sagte in dem Bilde, warum sie den Mann von Löwen zerreißen ließ. Sie war

mit ihm durch den Wald, der schlimmen Ehe, gemeinsam gewandert. Dann

waren sie an eine eingezäunte Stelle gekommen, einen verbotenen Ort,

einen Abgrund, der offenen Wut, des Hasses, der Perversion. Der Mann

suchte sie herunter zu stürzen; es gelang ihm nicht; sie rettete sich.

Er selbst kam hier um. Es war nur recht. – Sie sprach im Traum schützend

nur von seiner Perversion, nicht von ihrer.

Sie demonstrierte sich seine Brutalität; am eindringlichsten, wo er das

Kind, das ihn begrüßen sollte, bei den Beinen anfaßte und mit dem Kopf

gegen die Tischkante schlug. Da sprach sie noch Heimlicheres aus. Sie

selbst war solch kleines Mädel gewesen, hatte in Link eine

Vaterähnlichkeit gesehen, hatte sie in ihm gesucht. Sie wollte ihn Vater

ansprechen, ihm entgegen gehen wie das kleine Mädel des Traums. Aber er

enttäuschte sie in der furchtbarsten Weise. Sie klagte ihn an, er suche

sie zu töten, er hätte versucht, das Kind in ihr zu töten. Sie wandte

sich so verborgen schutzsuchend an die Eltern selbst und suchte sie als

ihre Zeugen: sie sollten gut sein. Sie phantasierte: er warf sie vom

Schiff, schlug ihr vor den Kopf. Die Enttäuschung ihrer Verbindung mit

Link: er hatte ihr Schuhe versprochen und bot ihr Holzschuhe, die gut

genug für sie waren. Die sexuellen Überfälle kehrten wieder in der

Verschleierung des Bildes von der Schlange, die aus dem Eimer auf sie

zukroch und ihr in den Hals biß.

Und ihr eigenes Vergehen suchte sie sehr klein zu machen; sie hätte

nichts getan als eine Zigarette geraucht und aus Versehen ein Loch in

die weiße Fahne mit dem schwarzen Adler gebrannt. Das war die Verletzung

des Gesetzes.

Sie wollte sich nicht mit dem Mord und mit Link auseinandersetzen. Sie

jammerte, daß sie immer morden, sich immer mit ihm beschäftigen mußte,

mit dem doch Toten. Lauter Tote lagen in ihrem Saal, sie sollte sie

waschen und anziehen. Sie wollte sie wegstoßen, wollte weglaufen, aber

war an die Stelle gebannt.

Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord · 第 3 / 6 段