oder er war gesättigt. Er konnte beruhigt sein. Konnte schlafen,
arbeiten, lachen, sich mit ihr freuen. Was hatte er für eine gute Frau!
Und sie sah ihn an. Sie war übermütig. Arm in Arm gingen sie. An die
Bende dachte Elli wenig. Sie dachte, die laufen zu lassen. Es waren Tage
fast noch schöner als bei der Verlobung. Zehn Tage. Es war eine
willentliche Verdunklung, fast ein Traumzustand, in den beide versunken
waren, den sie sich zum Teil vorspielten und der nicht lange zu halten
war.
An Kleinigkeiten wurden sie wach und erkannten sich. Mit der Wiederkehr
eines Tonfalls fing es an, mit Verstimmungen, kleinen Streitigkeiten.
Dann rutschten beide ab. Es lief den schon gebahnten Weg.
Sie waren beide wieder auf die Erde gestürzt. So kam es ihnen vor; sie
hatten sich garnicht erhoben, nur vergessen. Und wie gestürzt. Was war
alles zerschmettert. Mit der Wut der Enttäuschung, im schrecklichsten
Zorn stand sie da, dachte mit Grimm an den Vater, – aber es war nicht
der Vater, an den sie jetzt dachte. Und jetzt eben erst war sie
geflohen, dieser Link holte sie zurück, die Ehescheidung war schon
eingeleitet: und dazu brachte er sie zurück. Auch er war ergrimmt, sah
nicht, daß er nicht den Willen zur Versöhnung gehabt hatte und sie
nicht. Er war entschlossen, ihr jetzt nichts auszulassen. Nachdem er ihr
nachgelaufen war, nachdem er sie mit Gewalt hatte zurückholen müssen,
sollte sie es bezahlen.
Link kam es vor, als ob er seine Freiheit wieder hatte. So zerrüttet war
er. Es kam aber auch ihr vor, als wenn sie sich ganz wieder hatte. Er
ließ sich vollkommen los. Und auf die Frau los. Das Trinken gab ihm Mut,
starke Impulse. Der furchtbare demolierende Geist, der in ihm hauste,
der enttäuschte zurückgestoßene, trieb ihn immer von neuem zu Bier und
Schnaps. Damit lockerte er alle Bremsen in sich. Die Frau mußte er
unterkriegen, sie fühlen lassen, wer er war. Immer mehr, immer tiefer
mußte er sie unterkriegen. Er hänselte sie wie ein Insekt. Das Essen
schüttete er in ihr Bett. Nach Gummiknüppeln, Boxschlägen,
Spazierstöcken griff er. Er tat es nicht aus Freude. Es war ein
unglücklicher Mann. Er tat es schon zwangsartig, in blindem
Zerstörungsdrang, mit einer bitteren Verzweiflung und unter
Selbstquälereien. Oft hob er sich nach diesen Zuständen, in denen er
sich ausraste, aus seiner wilden barbarischen Verfinsterung und wurde
müder und gelassen, wenn er sie geschlagen und beschimpft hatte, die
Garderobe, Wäschekissen zerrissen. Meist aber war es ein fruchtloses
Ringen in ihm selbst. Ein dumpfes Drängen nach Entladung. Mit dem Dolch
ging er oft auf sie los. Und dann, wenn sie sich von ihm losgemacht
hatte, – sie bettelte, schlug mit Händen und Füßen, er wollte sie einmal
Nachts nackend aus dem Fenster werfen, – dann lief er noch eine Zeit
tobend herum, ging hinaus und nicht lange darauf hörte sie es röcheln:
da hing er an der Stubentür an einem Strick, oder an der Klosettür, war
schon blau. Sie schnitt ihn ab, mußte ihn entsetzt, mit Widerwillen und
Ekel hinlegen.
Immer deutlicher drängte sich um diese Zeit in das Leben und durch das
Leben dieses Mannes das Schicksal seines Vaters, der mit Erhängen
geendet hatte. Je mehr er verfiel, um so mehr wurde er Beute,
Darstellungsmittel dieses alten Schicksals. Er war um diese Zeit auch
ohne Zutun der Frau auf dem Weg des Todes. Seine Zerrüttung war enorm.
Die Zeichen epileptischer Entartung traten hervor.
Sein geschlechtlicher Drang war gesteigert. Er suchte häufiger und
intensiver sich und die Frau zu erniedrigen. Er lockte sie wieder und
trieb sie in die finstere Haßsphäre. Erregte in ihr diese Triebe, die
sich dann furchtbar gegen ihn selbst richten sollten. Es war im Grunde
sein eigener Haßtrieb, der ihn später umbrachte. Er mußte in ihrem Leib
wühlen, Sinnlichkeit aus jeder Hautfalte herausfühlen. Er hatte den
Drang, sie unbildlich, fast körperlich zu verschlingen. Es war kein
bloßes Wort, wenn er ihr in der wilden Verschlingung sagte: er müsse
ihren Kot haben, er müsse ihn essen, verschlucken. Das kam in der
Trunkenheit vor, aber auch ohne den Alkohol. Es war einmal
Selbstpeitschung, Unterwerfung, Kasteiung, Buße für die eigene
Minderwertigkeit und Schlechtigkeit. Es war auch ein Heilungsversuch
dieses Minderwertigkeitsgefühls: durch Beseitigung des Mehrwertigen.
Unabhängig davon die wilde Lust, Mordwut, in bestialische Zärtlichkeit
gehüllt.
Sie wuchs rasch in der brutalen Haßsphäre, die er erzeugte, mit ihm
zusammen. Sie wehrte sich äußerlich noch immer, suchte es von sich
abzuschieben: ob er sich nicht seiner Zumutungen schäme. Darauf er
zynisch: „Wozu bist du meine Frau? Dann hättest du keinen Kuli heiraten
sollen.“ Sie zog sich dann in sich zurück, versteckte sich. Ihn aber
hatte sie mit in sich eingezogen.
Was sollte geschehen? Was sollte nun geschehen? Sie hatte öfter den Mann
gebeten, sie wollte ein Kind haben. Er hatte geantwortet, wenn eins
käme, das würde er gleich auf Eis legen, oder ihm eine Nadel in den
Schädel stecken. Sie war allein. Überwand ihre Scham gegen die Bende
wegen der Rückkehr, warf sich wieder an die Frau. Es war ihr am Anfang
nicht wohl dabei. Aber sie brauchte die Freundin, um zu sprechen, sich
Luft zu machen, und sie wußte nicht, wozu noch. Es arbeitete gewaltig in
ihr. So gewaltig, daß sie oft wirr war, nicht wußte, wo sie saß, was sie
machte. Das war die verwirrende Wut, daß sie Link wieder gefolgt war,
daß er sein Wort, das er ihr und dem Vater gegeben hatte, Frieden zu
halten, gebrochen hatte. Der bodenlose, sie ganz umwühlende Haß auf den
Mann, der die Autorität des Vaters benutzt hatte, gemißbraucht hatte und
ihr in Streitigkeiten höhnend entgegenhielt: jetzt entkommst du mir
nicht wieder. Es wurmte, sagte sie später, unaufhörlich in ihrem Gehirn;
sie kam nicht dagegen an. Die Haßsphäre überwältigte sie, sog alle
Energie in ihr auf. Um sie zu strafen für Vergeßlichkeit, Zänkerei,
geschlechtliche Zurückweisung, entzog er ihr das Kostgeld, duldete
nicht, daß sie selbst arbeiten ging, meinte, sie könne seinetwegen bei
Männern sich Geld verdienen.
* * * * *
Grete Bende hatte sich, als zuletzt Link zu Elli ging bei der Frau D.,
wegen Elli geängstigt. Es war ihr am Tag darauf bitter, zu erfahren, daß
Elli schon wieder zu Hause war und daß vielleicht um dieselbe Stunde, wo
sie sich ängstigte, Elli in den Armen Links lag. In der Woche darauf
sahen sie sich nicht viel; Elli wich der Freundin aus. Und als sie sich
auf der Straße trafen, ließ Elli nach kurzem verlegenen Gespräch die
Freundin stehen, die sich gleich vor ihr geliebtes Papier setzte,
klagend, wie wehe sie ihr doch eben getan hätte, „wo du nur allein
weißt, daß ich an dir hänge, wie eine Klette am Kleide. Warum läßt du es
mir so sehr fühlen, wenn du dir mit Link gut stehst. Könnte immer
losweinen, als ich dich, mein Lieb, wieder habe gesehen, wie du mit dem
zusammen dort munter gingst.“ Der Gram der Bende dauerte nicht lange.
Sie nahm Elli als reuige Sünderin wieder an. Sie war pikiert: wie Elli
ihr dies hätte antun können. Aber ihre Leidenschaft war zu heftig.
Elli war verzweifelt, durcheinander, niedergebrochen. Und wie sie nach
der Freundin griff, wußte sie nur eins: sie brauchte sie, sie wollte sie
haben, sie mußte sie jetzt haben. Sie dachte verzweifelt nur: sie mußte
den Mann bestrafen, die Kränkung, die Schande, die er ihr und dem Vater
angetan hatte, abtun. Es mußte ein Ende mit Link sein. Er hatte ihr
wilde Gefühle eingeimpft. Sie liebte plötzlich ihre Freundin aufs
Leidenschaftlichste. So daß die sich selbst wunderte. Sie liebte die
Bende wie ein Flüchtiger sein Versteck oder seine Waffe. Sie stürzte
sich zornwütig, drohend in jene Liebe. Zugleich hängte sie sich an ihre
Freundin, um sich vor dem äußersten zu bewahren, denn sie ahnte schon,
was ihr die Rachsucht eingab, und sie wollte sich jetzt mit der
heftigsten Liebe einhüllen, blind und taub machen. Schon brachte Elli
das geheimnisvolle verdunkelnde Wort heraus, das sie später unaufhörlich
wiederholte: sie wollte der Freundin ihre Liebe beweisen.
Was jetzt in Elli an Liebesleidenschaft zur Bende erwachte, war kein
starker, schlummernder Trieb, sondern diese besonderen Umstände
erzeugten und schufen die Leidenschaft. Sie trieben etwas verkümmert in
ihr Liegendes auf, einen alten Mechanismus, der erledigt war. Wie
Ertrinkende bei einer Schiffskatastrophe zu ungeheuerlichen Handlungen
kommen, die man nur sehr schwer ihre, für sie charakteristische nennen
kann. – Was jetzt in Elli aufkam, beherrschte sie schrecklich eine ganze
Zeit lang und sie konnte ihm nicht ausweichen. Es war der furchtbare
Mann, den sie in sich aufgenommen hatte und den sie so wieder ausstoßen
mußte.
Die beiden Frauen heizten ihre Liebesgefühle durch immer neuen Haß auf
die Männer, – genauer nur auf Link, denn die Bende lief mit ihrem Haß
auf ihren Mann nur nach, paradierte mit ihm. Mit diesen Haßgedanken
suchten sie zu rechtfertigen und zu verschleiern die verpönte
Besonderheit ihrer Liebe, die sie selbst sogar für verbrecherisch und
strafbar hielten. Und Elli fand in diesen Gesprächen, Umarmungen,
Berührungen eine besondere Sicherheit und Festigung. Es war ganz ihre
Meinung, was die Bende einmal schrieb: „Es ist wahrlich ein Trauerspiel,
daß wir solche Kerls auf dem Halse haben und wir uns solchen Zwang antun
müssen.“ Es war Ruhe und Sicherheit in einer besonderen Seelenzone, in
einer Zone, in die sie sich verbannte, um sich mit dem Mann
auseinanderzusetzen. Es war eine ihr angemessene Zone: gefährliche
Rachegedanken arbeiteten in ihr, Heimliches, Strafbares wollte sie tun.
Sich der Bende in die Arme werfen, war schon der erste entscheidende
Schritt auf ein verbotenes Gebiet.
Es tauchte zuerst in Elli die Idee auf: er muß aufs Krankenbett, damit
er sieht, was eine Frau wert ist. Das war schon ein glatter Todeswunsch,
aber sie verhüllte ihn sich: bewußt wollte sie den Link noch nicht
beseitigen. Bewußt dachte sie: wie ändere ich ihn, wie bessere ich ihn.
Die beiden Frauen waren jetzt sehr getrieben. Die Männer hielten sie
auseinander, Link zeigte sich in voller Rohheit. Man wußte nicht, was
man tun sollte. Man lief zu Wahrsagerinnen, die die üblichen dunklen
Andeutungen über die Zukunft machten. Der Scheidungsplan wurde von Elli
erwogen, dann wieder fallen gelassen. Warum wurde er fallen gelassen?
Eine andere Lösung war schon in Ellis Seele vorbereitet; sie sagte: sie
zweifle, ob man sie scheiden würde. In ihren Briefen schämte sie sich
jetzt oft, daß sie zu Link zurückgekehrt ist und ihrer Freundin solchen
Schmerz bereitet hat: „Aber nur du, nur du sollst es erleben, das will
ich dir zeigen, daß ich alles opfern werde, und wenn es mein Leben
kostet.“
* * * * *
Die klare, ja nüchterne Elli geriet in diesen Wochen mit der Freundin in
eine sonderbare phantastische romantische Erhobenheit. Es war etwas
Ähnliches, aber außerordentlich gesteigert wie das, was sie zwei Wochen
mit Link verbunden hatte: ein traumartiger, jetzt rauschartiger Zustand.
Es trat eine Verschiebung ihrer ganzen seelischen Perspektiven ein; ihr
inneres Timbre veränderte sich. Das war die Wirkung der beiden
faszinierenden Kräfte in ihr: des unbezwinglichen Haßgedankens auf Link,
dieses Gedankens, den sie ausstoßen wollte, und der Liebesleidenschaft
zu der Freundin. Besonders diese Leidenschaft trieb Elli heroisch auf,
drängte sie zu Männlichkeit und Heroismus; immer wieder das Wort „ich
beweise dir meine Liebe“. Diese beiden überstarken, verkoppelten Gefühle
strömten eine Faszination über ihre Seele aus. Unter diese Faszination
geriet sie, sie kam lange nicht mehr heraus. Sie war oft in Entzücken,
und in diesem Entzücken fand sie, daß sie nur für die Bende lebe: „Laß
es kosten, was es wolle, nur glücklich sein und in Liebe aufgehen.“ Sie
wies die Bende zurück, als die sagte, sie sei schuldig: „Nein ich gebe
dir keine Schuld.“ Und daneben kam immer das andere heraus: „Rache will
ich üben und weiter nichts.“ An wem wollte sie Rache üben, wen wollte
sie bestrafen, warum nahm dieser Trieb so phantastische Formen an? Es
war schon nicht mehr dieser besondere Mann, diese reale Person Link, den
sie angriff.
Zuerst war die Haßsphäre in ihr, die er erzeugt hatte, etwas in ihr, daß
die stärkste Kräfte ihrer Seele an sich zog: das dehnte sich selbständig
aus, wuchs, suchte Objekte. Gegen die Haßsphäre, diese in sie gehämmerte
fremde Gewalt, stellte sich ihr eigenes, altes, seelisches Grundgefühl
auf. Sie war in einer inneren Gleichgewichtslage gewesen, die sich nicht
leicht hergestellt hatte. Aus dieser Gleichgewichtslage war sie geraten
durch den Haß. Das feine Spiel der statischen Kräfte war gestört; der
Mechanismus mühte sich wieder, sich einzustellen, verlangte Rückkehr zum
alten sicheren Zustand. Sie mußte die übergewichtige neue Last von sich
abstoßen, einer gleichmäßigen Verteilung der inneren Kräfte zustreben.
Und um so mehr drängte sie dazu, als diese Haßsphäre ihr inhaltlich
fremd, böse, gefährlich, angsterregend war, als sie ihre innere
Reinheit, ihre Freiheit, Jungfräulichkeit zerstören wollte. Denn Elli
war und blieb immer in einem gewissen Sinne jungfräulich. Sie war in
einem Reinigungsprozeß begriffen; um einen eingedrungenen
Infektionsstoff sammelten sich die Eitermassen an. Es war schon der
unterirdische Wille zu einer Tat in ihr gediehen. Die Faszination, den
Traumzustand konnte er brauchen, den benötigte er. Dieses Klima mußte er
sich schaffen. Und Elli, schon lange führungslos, ließ es geschehen, ja
drängte hinein. Es war für sie eine Entrückung, ein Schlaf, in den sie
flüchtete.
Das Schwerste aber waren ihr nicht diese Dinge um Link. Es war ihr
innerer Zwiespalt, Frau Bende. Auch die Bende war nicht gut. Ja, Link
und die Bende, fühlte Elli dunkel, gehörten zusammen. Die Bende drängte
und warb auch um sie, wie Link geworben hatte; beides enttäuschte
Schwankende, Liebesdurstige. Sie beseitigte gewaltsam, fast todesmutig
den Zwiespalt, der in ihr entstanden war. Sie wollte beide nicht, wie
sie waren. Verzweifelt schlug sie sich auf die lockende Seite, der sie
schon selbst widerstrebte. Elli war in eine furchtbare Krise geraten.
Sie war von ihrem Schicksal angegriffen wie ihr Mann. Sie war selbst in
Lebensgefahr. Nach einer rasenden Szene mit Link dachte sie daran,
durchzubrennen, oder sich selbst zu vergiften, ihm vorher Lysol zu
geben.
* * * * *
Was war der Grund für die Wahl des Giftmordes statt eines raschen
Totschlags? Der Haß in Elli war enorm; sie mußte sich zurückziehen, um
sich zu behaupten. Es war nicht nur Schwäche und Feigheit, die sie die
weibliche Methode des Mordes wählen ließ. Link machte öfter
Selbstmordversuche durch Erhängen. Wie war es schon merkwürdig, daß sie
ihn immer wieder abschnitt. Sie stand entsetzt davor; mußte ihn
abschneiden und hinlegen; er konnte sein elendes Leben weiterführen. Es
waren die Instinkte, die auch noch in dem Rauschzustand wirkten, die sie
an den Eltern hielten, die bei der Wahl der Mordart mitwirkten. Sie
wollte töten, um Link von sich abzulösen und dann zu den Eltern
zurückzukehren. Die Beseitigung des Mannes mußte unbemerkt bleiben. Der
Giftmord lag im Zuge ihrer Rückwärtsbewegung auf die kindlichen und
Familiengefühle. Da war noch die Haßverhakung mit dem Mann. Er hatte sie
gereizt, sich mit ihm im Haß zu verbinden; und dieser Haß war auf Töten
aus, aber nicht auf den Tod. Sie töteten sich schon immer; sie wollte
ihn behalten, um ihn länger töten zu können. Sie hing weiter an ihm,
wenn sie ihn langsam vergiftete. Leise wirkte mit der Gedanke, der
ehrlich gefühlte Gedanke, er wird sich bessern. Das war der häufige
unterirdische, unentschlossene Gedanke, den sie vor der Bende
verheimlichte: ich will ihn überhaupt nicht töten, ich will ihn nur
bestrafen; er wird sich bessern. Über die sadistische Liebe hinaus war
Neigung zu Link in ihr, die aus ihrem Familiensinn floß: es war ja ihr
Mann. Und sie durchschaute, als sie zu Grete schwieg, bei aller
Leidenschaft bitter und verächtlich auch drüben Gretes Verhakung mit dem
Bende.
Sie erschien oft ganz abwesend und verändert vor der Freundin, mußte
sich entschuldigen, daß sie immer gegrübelt habe, wie sie etwas bekomme.
Die Angst, daß sie „nichts bekomme“ und wie sie etwas bekomme, machte
sie krank. – Und dann das Verwirrte, Verzückte: „Du mein Lieb, sollst es
erleben, daß ich um dich kämpfe und ich werde es schaffen. So habe ich
doch niemals Ruhe auf der Welt. Aber ich werde ihm Ruhe verschaffen.“
Es sollte Rattengift sein. Sie schrieb später: für zweibeinige Ratten.
Das war das Unauffälligste, das konnte man vielleicht besorgen.
Die Freundin hatte diese Entwicklung mit erlebt, hingerissen. Manchmal
mit Angst, aber immer unter Liebesschauern und selig sah sie die
Freundin so gehen. Ihre Ehe war um diese Zeit nicht schlecht; sie
beachtete ihren Mann nicht sehr, war viel zu sehr absorbiert durch die
Dinge Ellis. Sie hörte glückselig die Beteuerungen der Link an. Daß
dieser Mensch wegkommen sollte, der Schuft, der ihr die Freundin beinahe
wieder entrissen hatte, war ihr Recht. Aber sie beschwor sie, recht
vorsichtig zu sein, damit sie nicht unschuldig jahrelang leiden müsse.
„Mama und ich verlassen dich nie und nimmer.“ Von jetzt ab nahm auch
Elli wenig Kenntnis mehr von der Rohheit ihres Mannes; die Faszination
bewirkte eine Unempfindlichkeit für äußere Reize; es drang nichts mehr
durch. Dies war für sie erledigt. Sie blickte immer auf ihren Stern, das
war der Mord, jetzt schon sicher der Mord.
Die Link ging zu dem Drogisten W. Bat ihn um Gift gegen die Ratten in
ihrer Wohnung. Er verkaufte ihr Rattenkuchen. Nach einiger Zeit kam sie
wieder, drängte, ihr doch ein stärkeres Gift zu geben. Der Kuchen habe
nicht gewirkt. Er verkaufte ihr sehr leichtsinnig für zwei Mark Gift,
10-15 Gramm Arsen. Der Entschluß, Link zu beseitigen, war fest in Elli;
es war ein Kind ihrer Seele und ganz geboren. Jetzt hatte sie den
Entschluß durch die Furchtbarkeit der Ausführung zu tragen. Sie machte
sich im Beginn davon keine Vorstellung.
Es waren die Monate Februar-März 22. Der Anfang ging leicht. Sie hatte
es vielleicht provoziert, vielleicht auch einfach kommen lassen: er
torkelte abends betrunken nach Hause, warf ihr das Essen an den Kopf,
stieß sie über das Bett, verlangte Quetschkartoffeln. Darin bekam er die
erste Giftdose. Nach drei Tagen eine zweite. Der Mann wurde krank;
Magen- und Darmerscheinungen traten auf. Er lag acht Tage, ging dann
wieder zur Arbeit. Dann wurde es schwerer und schwerer. Die Vergiftung
befiel den ganzen Organismus. Sie sah, wie er vergeblich zu schwitzen
versuchte, aber „das Zeug saß fest“. Es schien alles gut zu verlaufen,
er kam nicht richtig auf die Beine, sie wollte nicht locker lassen. Aber
es kamen andere Dinge. Langsam mußte sie durch den Schleier ihrer
Faszination die Tat sehen. Einmal, wie er sich besser fühlte, war er
nicht nach Hause gekommen; sie fürchtete, er sei zusammengebrochen, ein
Arzt habe ihm den Magen ausgepumpt und das Gift festgestellt. Trübe,
erregende Worte hörte sie von Seiten der Freundin: ein Mensch solle
aufplatzen von Gift. Sie glaubte es und fürchtete sich. Und öfter wußte
sie selbst nicht, wie ihr war: sie hatte eine schreckliche Unruhe in
sich, konnte laufen, soweit sie die Beine trugen. Sie fragte die Bende,
ob das das böse Gewissen war.
Die Freundin sah, wie es um Elli stand. Wenn sie doch dem Mann gleich
das ganze Gift gegeben hätte, daß alles zu Ende wäre. Und dann die
ungeheure Furcht vor der Entdeckung. „Bloß mein einziges Lieb, sei du
auch sehr vorsichtig, daß es nachher nicht ans Tageslicht kommt. Denn
das sind die Schufte nicht wert.“
Und als der Ehemann Bende hörte, daß Link krank war, meinte er
leichthin: „Na, wenn ihm die Link nur nichts gegeben hat. Gerühmt hat
sie sich ja, sie würde sich an ihm rächen.“ Die Frau: „Dann würde der
Arzt doch nicht Grippe festgestellt haben, die auf die Lunge geschlagen
ist.“ Und eine Nachbarin, eine Frau N. äußerte zur Mutter der Bende: sie
denke, es sei mit der Krankheit Links nicht richtig; Frau Link habe da
bestimmt was gemacht.
In größter Unruhe, völliger Zerfahrenheit Frau Link. Sie war matt,
pflegte den Mann. Sie baute auf, sie baute ab. Wie er saß, lag und nicht
verging. Er war ihr in einer ganz neuen Weise zuwider, ja schrecklich.
Der vergiftete Mensch. Sie sah, was sie tat; er war ihr ein Grauen, eine
körperliche Anklage. Sie pflegte ihn, war oft furchtbar gezwungen, ihm
besonders gut zu sein. Die Aufgabe, die sie sich gestellt hatte, war
entsetzlich. Sie erlahmte, als er sich wieder einmal erholte. Sie wollte
bis zum Frühjahr warten.
Das scharfe, überscharfe Auge der Freundin sah manches davon. Ob nicht
Elli vielleicht verliebt in ihren Mann sei. Nein, nein, gab die wieder,
sehr gequält. Was wolle sie nur, sie täte es ja nur der Freundin wegen.
Sie mußte sich verteidigen wegen ihrer Besorgnisse um Link; wenn die so
groß wären, dann „brauchte sie ihm doch das Zeug nicht zu geben“. Die
Bende riß in den Gesprächen mit der Link sehr den Mund auf. In ihrer
Gefühlsschwelgerei war es ihr herausgefahren: sie werde auch ihren Mann
vergiften. Sie, die mit ihrem Mann oft erträglich lebte und immer an ihm
hing und um seine Liebe rang. Sie meinte es nicht ernst und ehrlich mit
dem Vergiften. Die Link gab ihr etwas Arsen ab. Sie warf es draußen
entsetzt weg, gab der Freundin eine klägliche Erklärung: der Mann würde
zu Hause nichts mehr essen, wenn er es merkte, und dann würde sie auch
nichts von der „Viktoria“ bekommen, wenn es herauskäme. Wetteifernd mit
Elli und um sie zu belohnen, log sie auch einmal, es wäre ihr heute aber
beinahe ganz schlecht gegangen. Sie hätte versucht, ihrem Mann Salzsäure
zu geben, er hätte es bemerkt, hätte sie gezwungen, selbst davon zu
essen und nun sei ihr so schlecht. Elli glaubte es. Noch anderes, was
die Bende in dieser Zeit sagte und tat, war nichts als schwärmerische
Nachäfferei der Freundin. Sie redete von dem Zwang, den sie sich zu
Hause anlege, sie empfinde gar nichts für ihren Mann. Aber es sei doch
besser, wenn man gegen Bende noch nichts täte; sonst wäre es sonderbar
für die anderen, wenn die beiden Kerls zusammen weg seien.
* * * * *
Elli sah das schreckliche Bild des kranken Mannes, wie er im Fieber die
Stube auf und ab ging, die Wände vor Schmerzen hoch kroch. Grausam litt
sie darunter. Sie mußte in die Briefe flüchten, sich bestärken: ich
lasse nicht locker, er soll büßen und wenn ich schließlich selbst noch
daran glauben soll. Von Zeit zu Zeit brach in ihr eine ganz viehische
Unbekümmertheit aus; nach dem Übermaß ließ plötzlich alle Spannung nach.
Sie brachte ihm dann gleichgültig die Suppe mit Krankenmehl „und
besorgte es ihm“ dabei. Und es machte ihr geradezu Spaß, wie sie es
trieb: vor den Augen so und hinter dem Rücken schüttete sie das Gift in
das Essen: „Wenn das Schwein doch nur bald krepierte. Das Schwein ist ja
so zähe. Heute habe ich ihm Tropfen gegeben, aber ordentlich. Da hatte
er auf einmal solch Herzklopfen und sollte ihm Umschläge machen. Hab ihn
aber gar nicht aufs Herz gelegt, sondern unter den Arm, was er nicht
merkte.“
Das waren nicht häufige Momente zynischer Entspannung. An manchen Tagen
wußte sie sich nicht zu halten vor Schuldgefühl und innerer Qual. Da lag
sie vor ihm und bat ihn, doch bei ihr zu bleiben, sie wollte ihn
pflegen. Da war sie wieder die Ehefrau, das Kind aus der Braunschweiger
Familie, und der Mann, den der Vater ihr gegeben hatte. Die Furcht vor
Strafe: „Wenn Link erfährt, daß er vergiftet ist, bin ich ohne Gnade und
Barmherzigkeit verloren.“